Ketamin bei Angststörungen und Zwangsstörung: Was die Evidenz wirklich sagt
Vom Amygdala-Alarmsystem bis zur OCD-Spirale. Aktuelle Studien, klinische Realität und ehrliche Indikationsgrenzen.
1. Wenn das Alarmsystem nicht mehr aufhört
Angststörungen sind keine Schwäche und kein Charakterproblem. Vieles spricht dafür, dass das Bedrohungssystem im Gehirn anders arbeitet. Ein häufig diskutiertes Modell geht bei generalisierter Angststörung von einer erhöhten Reaktionsbereitschaft der Amygdala aus. Bei sozialer Angst scheint sie auf soziale Reize zu antworten wie auf Gefahr. Bei Zwangsstörung verselbstständigen sich Schleifen, die der präfrontale Kortex offenbar nur schwer unterbrechen kann. Allen drei Bildern gemeinsam wäre eine geschwächte Top-down-Regulation, genau dort, wo Ketamin ansetzen könnte. Die bildgebenden Befunde dazu sind allerdings nicht einheitlich. Das ist ein Erklärungsansatz, keine bewiesene Tatsache.
Was ich in der Sprechstunde immer wieder beobachte: Wenn eine Ketamin-Therapie wegen einer therapieresistenten Depression läuft und zusätzlich eine ausgeprägte Angststörung besteht, berichten manche Menschen, dass sich nicht nur die Stimmung, sondern auch die Daueranspannung verändert. Das ist meine klinische Beobachtung an einer kleinen Zahl von Menschen, keine Studie und kein Wirksamkeitsbeleg. Wie oft dieser Doppeleffekt tatsächlich auftritt, kann ich ohne systematische Erhebung nicht sagen. Kontrollierte Daten dazu fehlen bislang, und ob er bei dir eintritt, kann ich nicht vorhersagen.
Bei reinen Angststörungen ist die Evidenz für Ketamin dünn, kleiner und uneinheitlicher als bei Depression. Bei kombinierter Angst und therapieresistenter Depression könnten beide Symptomcluster gleichzeitig profitieren. Belegt ist auch das nicht. Es ist die Konstellation, in der ich die Frage nach Ketamin in meiner Sprechstunde am ehesten überhaupt stelle.
2. Wie Ketamin auf Angst wirken könnte
Das gängige Modell nimmt an, dass bei Angststörungen die Amygdala leichter anspringt, während die regulierende Funktion des präfrontalen Kortex geschwächt ist. Ketamin könnte die präfrontale Neuroplastizität anstoßen und damit indirekt die Top-down-Kontrolle über das Alarmsystem stärken. Diese mögliche Überlappung mit dem Wirkmodell bei Depression ist ein Erklärungsansatz dafür, warum in Studien manchmal beide Symptomcluster zugleich zurückgehen. Beim Menschen ist dieser Wirkweg nicht bewiesen. Ich beschreibe hier einen Denkweg, keinen gesicherten Mechanismus.
Georgiou und Kollegen untersuchten 2024 im Journal of Affective Disorders bei 42 Menschen mit therapieresistenter Depression, ob die Hormone der HPA-Achse vorhersagen, wer auf Ketamin anspricht. Das Ergebnis war negativ: Die gemessenen Blutspiegel von CRF, ACTH und Cortisol moderierten die antidepressive Wirkung nicht. Die Autoren halten fest, dass ein Einfluss der HPA-Achse im Gehirn damit nicht ausgeschlossen ist, im Blut aber nicht messbar war. Ich führe die Studie hier bewusst auf, weil sie eine naheliegende Hypothese gerade nicht bestätigt hat.
Georgiou P et al. Associations between hypothalamic-pituitary-adrenal (HPA) axis hormone levels, major depression features and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036, PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, TRD, Nullbefund]3. Generalisierte und soziale Angststörung
Glue und Kollegen berichteten 2017 im Journal of Psychopharmacology über 12 Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter generalisierter oder sozialer Angststörung, die zum Zeitpunkt der Studie nicht depressiv waren. Es war eine offene, aufsteigende Dosisreihe ohne Kontrollgruppe, kein RCT. Innerhalb einer Stunde nach subkutaner Gabe berichteten die Teilnehmenden über weniger Angst, bei einigen bis zu sieben Tage lang. Zehn von zwölf galten als Responder. Ohne Kontrollgruppe lässt sich der Placeboanteil an diesem Ergebnis allerdings nicht abschätzen, das ist die entscheidende Einschränkung. Die Autoren beschreiben zugleich eine Dosisabhängigkeit der dissoziativen Nebenwirkungen sowie der Blutdruck- und Herzfrequenzanstiege.
Glue P et al. Ketamine's dose-related effects on anxiety symptoms in patients with treatment refractory anxiety disorders. J Psychopharmacol. 2017;31(10):1302-1305. DOI: 10.1177/0269881117705089 [Offene Dosiseskalation ohne Kontrollgruppe, n=12, GAD/SAD]In einer Folgeuntersuchung gaben Glue und Kollegen 2018 zwanzig Patientinnen und Patienten drei Monate lang wöchentlich Ketamin. Wichtig zur Einordnung: Das war eine offene Studie ohne Kontrollgruppe, aufgenommen wurden ausschließlich Menschen, die in der Vorstudie bereits angesprochen hatten. Die Angstwerte blieben über die Behandlungszeit reduziert. Dieselbe Arbeit dokumentiert allerdings auch die Kehrseite: einen Anstieg von systolischem und diastolischem Blutdruck um jeweils etwa 10 mmHg nach 30 Minuten sowie Übelkeit, Schwindel und verschwommenes Sehen als häufigste unerwünschte Wirkungen. Wiederholte Gaben über Monate sind deshalb nichts, was nebenbei läuft, sondern etwas, das engmaschig ärztlich überwacht gehört.
Glue P et al. Safety and efficacy of maintenance ketamine treatment in patients with treatment-refractory generalised anxiety and social anxiety disorders. J Psychopharmacol. 2018;32(6):663-667. DOI: 10.1177/0269881118762073 [Offene unkontrollierte Studie, n=20, nur Vor-Responder]4. Panikstörung, weniger erforscht
Bei reiner Panikstörung ist die Datenlage begrenzt. Einzelne Fallberichte deuten auf mögliche Effekte hin, kontrollierte Studien fehlen weitgehend. In der Praxis profitieren Panikpatientinnen und -patienten oft eher von Verhaltenstherapie kombiniert mit SSRI als Erstlinienbehandlung. Ketamin könnte bei therapieresistenten Verläufen in spezialisierter ärztlicher Begleitung eine Option sein. Weil es sich um eine Anwendung außerhalb der Zulassung handelt, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten in aller Regel nicht. Was auf dich zukommt, gehört vorher offen und schriftlich auf den Tisch.
5. Ketamin bei Zwangsstörung
Rodriguez und Kollegen untersuchten 2013 in Neuropsychopharmacology 15 medikamentenfreie Erwachsene mit Zwangsstörung und nahezu ununterbrochenen Zwangsgedanken. Weil die Ketamin-Wirkung länger als eine Woche anhielt, war die geplante Crossover-Auswertung nicht möglich. Ausgewertet wurde deshalb nur die erste Phase mit 8 gegen 7 Personen. In dieser kleinen Gruppe besserten sich die Zwangsgedanken unter Ketamin deutlicher als unter Kochsalz, nach einer Woche erfüllte die Hälfte die Kriterien für ein Ansprechen. Die Autoren selbst nennen ihre Arbeit im Titel eine Machbarkeitsstudie.
Rodriguez CI et al. Randomized controlled crossover trial of ketamine in obsessive-compulsive disorder: proof-of-concept. Neuropsychopharmacology. 2013;38(12):2475-2483. DOI: 10.1038/npp.2013.150 [RCT, Crossover, n=15, nur erste Phase auswertbar (8 vs 7), OCD]Bei OCD ist die Datenlage widersprüchlich, und ich sage das deutlich. Bloch und Kollegen gaben 2012 zehn Menschen mit therapieresistenter Zwangsstörung eine Ketamin-Infusion. Keiner von ihnen erreichte in den ersten drei Tagen ein Ansprechen auf die Zwangssymptome, die Verbesserung lag unter 12 Prozent. Die Stimmung besserte sich bei vier von sieben Patienten mit begleitender Depression, die Zwänge nicht. Wer über Ketamin bei OCD spricht, muss diese Studie mitzitieren, sonst entsteht ein schiefes Bild. Aktuelle Forschung untersucht Kombinationen mit kognitiver Verhaltenstherapie und Exposition, weil die kurze Wirkdauer der akuten Ketamin-Effekte allein wahrscheinlich nicht ausreicht. Ob Ketamin bei therapieresistenter OCD in spezialisierter Begleitung eine Option sein kann, ist damit offen und im Einzelfall abzuwägen.
Bloch MH et al. Effects of ketamine in treatment-refractory obsessive-compulsive disorder. Biol Psychiatry. 2012;72(11):964-970. DOI: 10.1016/j.biopsych.2012.05.028 [Offene Studie, n=10, OCD, Negativbefund]
6. Vier KPNI-Linsen auf Angststörungen
Nervensystem: Amygdala-Hyperaktivität
Ein verbreitetes Modell nimmt bei Angststörungen eine erhöhte Reaktionsbereitschaft der Amygdala bei gleichzeitig geschwächter präfrontaler Kontrolle an. Die bildgebenden Befunde dazu sind nicht einheitlich. Ketamin könnte den präfrontalen Anteil stärken und damit indirekt das Alarmsystem regulieren. Belegt ist das beim Menschen nicht.
Immunsystem: Inflammation und Angstgenerierung
Chronische niedriggradige Entzündung könnte die Reaktionsbereitschaft der Amygdala erhöhen. Ob eine mögliche antientzündliche Komponente von Ketamin dabei eine Rolle spielt, ist bisher Hypothese und beim Menschen nicht belegt. Ich beschreibe hier einen Denkweg, keinen gesicherten Wirkmechanismus.
Stoffwechsel: Mitochondrien und Stresstoleranz
Eine reduzierte mitochondriale Funktion könnte die Stress-Resilienz schwächen. Ob sich durch eine Verbesserung dieser biologischen Grundlagen die Wirkung einer Therapie beeinflussen lässt, ist in Studien nicht geprüft. Auch das ist eine physiologische Überlegung, kein belegter Effekt.
Hormonsystem: HPA-Achse als Angst-Generator
Bei chronischer Angst ist die Stressachse aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere häufig aus dem Takt. Ob Ketamin hier eingreift, ist offen. Die bisher beste Untersuchung dazu fand keinen messbaren Zusammenhang zwischen den Stresshormonen im Blut und dem Ansprechen auf Ketamin. Ich halte den Gedanken für interessant, belegt ist er nicht.
7. Wann Ketamin bei Angst sinnvoll ist
In welchen Konstellationen die Frage überhaupt aufkommt
Therapieresistente generalisierte oder soziale Angststörung. Komorbide Angst und therapieresistente Depression. Chronische Angst bei Menschen, die Verhaltenstherapie bereits ausgeschöpft haben. Bei diesen Konstellationen kann Ketamin in Kombination mit Psychotherapie eine Option sein, die man ernsthaft prüfen darf. Ob sie im Einzelfall sinnvoll ist, ergibt sich erst aus der individuellen Abwägung von Nutzen und Risiko.
Ob Ketamin überhaupt in Frage kommt, entscheidet sich nicht an einer Zahl von Medikamentenversuchen, sondern in einer vollständigen ärztlichen Untersuchung: Diagnose, Vorbehandlungen, körperlicher Status, Begleiterkrankungen, Medikamente. Setze bitte nichts ab und ändere nichts an deiner laufenden Therapie, ohne das mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen, die sie verordnet haben.
Wann eher nicht
Bei reiner unkomplizierter Angststörung ist Verhaltenstherapie plus SSRI die etablierte Erstlinienbehandlung. Bei akuter Panikkrise ohne stabilisierten Rahmen ist Ketamin nicht der richtige Weg. Bei psychotischer Komorbidität oder ausgeprägter Dissoziationsneigung Vorsicht.
8. Wahre Freiheit, vom Alarmzustand zur Selbstregulation
Angst raubt die Freiheit, im eigenen Körper zu Hause zu sein. Wenn Ketamin und Psychotherapie zusammen wirken, geht es nicht um Auslöschung der Angst. Es geht um die Wiedererlangung der Fähigkeit, das Alarmsystem zu regulieren, anstatt von ihm regiert zu werden. Diese Selbstregulation ist die eigentliche Freiheit.
9. Drei konkrete Hebel
Hebel 1: Adressiere Verhaltenstherapie und Ketamin parallel
Erste Untersuchungen und Übersichtsarbeiten legen nahe, dass die Verbindung von Ketamin und Psychotherapie mehr bringen könnte als Ketamin allein. Belastbare Vergleichsstudien, die das sauber gegeneinander prüfen, fehlen bisher. Wenn du diesen Weg in Betracht ziehst, ist es sinnvoll, mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Psychotherapeuten zu besprechen, ob eine solche Kombination für dich überhaupt in Frage kommt.
Hebel 2: Bereite die Sitzung sorgfältig vor
Bei ausgeprägter Angst ist die mentale Vorbereitung besonders wichtig. Anker-Techniken, Atem-Übungen, klares Setting-Gespräch. Eine sorgfältige Vorbereitung kann die Angst während der Sitzung verringern. Das ist meine klinische Erfahrung, Zahlen dazu habe ich nicht.
Hebel 3: Optimiere die biologischen Grundlagen
Schilddrüse, Cortisol-Achse, Entzündungslage, Schlaf und die Versorgung mit Mikronährstoffen können die Stressverarbeitung beeinflussen. Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion bei. Ob sich durch eine gezielte Abklärung dieser Bereiche die Wirkung einer Therapie verbessern lässt, ist bisher nicht in Studien geprüft. Sinnvoll ist es aus meiner Sicht trotzdem, weil zum Beispiel eine unentdeckte Schilddrüsenstörung Angstsymptome nachahmen kann.
Häufige Fragen zu Ketamin bei Angst und OCD
Die Fragen, die mir am häufigsten zu Ketamin bei Angststörungen gestellt werden.
Wirkt Ketamin bei Angststörungen?
Mehrere kleine Studien beschreiben angstlösende Effekte von Ketamin, vor allem bei therapieresistenter generalisierter und sozialer Angststörung. Die viel zitierte Untersuchung von Glue 2017 war allerdings eine offene Dosiseskalation an 12 Menschen ohne Kontrollgruppe, kein RCT. Kontrollierte Daten sind bisher sehr begrenzt, die Evidenz ist deutlich schwächer als bei Depression. Wichtig: Ketamin ist in Deutschland für Angststörungen nicht zugelassen. Jede Anwendung in diesem Bereich wäre ein Off-Label-Use mit besonderer Aufklärungspflicht und in aller Regel ohne Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
Wirkt Ketamin bei sozialer Phobie?
In einer kleinen randomisierten Studie an 18 Erwachsenen mit sozialer Angststörung (Taylor 2018) besserten sich die von Behandlern erhobenen Angstwerte nach einer Ketamin-Infusion stärker als nach Kochsalz. Auf der Selbsteinschätzungsskala zeigte sich dagegen kein Unterschied. Etwa ein Drittel der Teilnehmenden erfüllte die Kriterien für ein Ansprechen. Das ist eine Proof-of-Concept-Studie, mehr nicht. Ob wiederholte Sitzungen in Kombination mit Verhaltenstherapie nachhaltiger wirken, ist bisher nicht geprüft.
Wirkt Ketamin bei Panikstörung?
Bei reiner Panikstörung ist die Datenlage sehr begrenzt, kontrollierte Studien fehlen weitgehend. Erstlinienbehandlung bleibt die Kombination aus Verhaltenstherapie und gegebenenfalls SSRI. Ketamin könnte bei therapieresistenten Verläufen in spezialisierter ärztlicher Begleitung eine Option sein. Weil es sich um eine Anwendung außerhalb der Zulassung handelt, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten in aller Regel nicht.
Was sagt Forschung zu Ketamin bei OCD?
Bei OCD ist die Datenlage widersprüchlich. Rodriguez und Kollegen beschrieben 2013 in einer Machbarkeitsstudie eine akute Besserung von Zwangsgedanken nach einer einzelnen Infusion, ausgewertet werden konnten dabei allerdings nur 8 gegen 7 Personen. Bloch und Kollegen fanden 2012 bei zehn Menschen mit therapieresistenter Zwangsstörung dagegen kein Ansprechen der Zwangssymptome, die Besserung lag unter 12 Prozent. Wer über Ketamin bei OCD spricht, muss beide Arbeiten nennen, sonst entsteht ein schiefes Bild.
Warum könnte Ketamin bei Angst wirken?
Ein häufig diskutiertes Modell geht davon aus, dass bei Angststörungen die Amygdala leichter anspringt und die regulierende Funktion des präfrontalen Kortex geschwächt ist. Ketamin könnte die präfrontale Neuroplastizität anstoßen und damit indirekt die Top-down-Kontrolle über das Alarmsystem stärken. Die bildgebenden Befunde dazu sind nicht einheitlich, und beim Menschen ist dieser Mechanismus nicht bewiesen. Es ist ein Denkmodell, kein gesicherter Wirkweg.
Ist Ketamin Erstlinie bei Angst?
Nein. Erstlinienbehandlung bei Angststörungen bleibt die Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und gegebenenfalls SSRI. Ketamin könnte eine Option bei therapieresistenten Verläufen sein oder bei Komorbidität mit therapieresistenter Depression. Weil für diesen Bereich keine arzneimittelrechtliche Zulassung besteht, sind eine besonders sorgfältige ärztliche Indikationsprüfung und eine schriftliche Aufklärung über den Off-Label-Charakter Pflicht.
Welche Risiken bei Angstpatienten?
Ketamin ist kein sanftes Mittel, sondern ein hochwirksames verschreibungspflichtiges Medikament mit realen Nebenwirkungen. Häufig sind Blutdruck- und Pulsanstieg während der Sitzung, Übelkeit, Schwindel, verschwommenes Sehen und dissoziative Zustände. Menschen mit ausgeprägter Angst können die dissoziative Erfahrung zusätzlich als beunruhigend erleben. Bei wiederholter Anwendung sind Blasenschädigungen (Ketamin-induzierte Zystitis), Leberwertveränderungen sowie ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial beschrieben. Nicht geeignet ist Ketamin unter anderem bei unbehandeltem Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit, erhöhtem Hirndruck, Glaukom, schwerer Leber- oder Nierenerkrankung, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Psychose und bei bestehender Suchterkrankung. Deshalb gehört Ketamin ausschließlich in ärztliche Hände, mit Aufklärung, Monitoring und Nachbeobachtung. Am Tag der Sitzung darfst du nicht Auto fahren.
Wie kombiniert man Ketamin und Verhaltenstherapie?
Die Überlegung ist, die Verhaltenstherapie in das neuroplastische Fenster nach einer Ketamin-Sitzung zu legen. Konfrontationsübungen, kognitive Umstrukturierung und Exposition könnten sich in diesem Fenster besser verankern. Erste Übersichtsarbeiten legen mögliche Synergien nahe. Belastbare Vergleichsstudien, die Kombination gegen Ketamin allein prüfen, fehlen bisher. Es ist eine Hypothese, die noch untersucht wird.
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Quellen
- Glue P et al. Ketamine's dose-related effects on anxiety symptoms in patients with treatment refractory anxiety disorders. J Psychopharmacol. 2017;31(10):1302-1305. DOI: 10.1177/0269881117705089, PMID: 28441895 [Offene aufsteigende Dosisstudie ohne Kontrollgruppe, n=12, GAD/SAD]
- Glue P et al. Safety and efficacy of maintenance ketamine treatment in patients with treatment-refractory generalised anxiety and social anxiety disorders. J Psychopharmacol. 2018;32(6):663-667. DOI: 10.1177/0269881118762073, PMID: 29561204 [Offene unkontrollierte Erhaltungsstudie, n=20, nur Vor-Responder]
- Glue P et al. Effects of ketamine in patients with treatment-refractory generalized anxiety and social anxiety disorders: exploratory double-blind psychoactive-controlled replication study. J Psychopharmacol. 2020;34(3):267-272. DOI: 10.1177/0269881119874457, PMID: 31526207 [Doppelblinde Replikationsstudie mit Midazolam-Kontrolle, n=12]
- Taylor JH et al. Ketamine for social anxiety disorder: a randomized, placebo-controlled crossover trial. Neuropsychopharmacology. 2018;43(2):325-333. DOI: 10.1038/npp.2017.194, PMID: 28849779 [RCT, Crossover, n=18, Kochsalz-Kontrolle, Proof-of-Concept]
- Rodriguez CI et al. Randomized controlled crossover trial of ketamine in obsessive-compulsive disorder: proof-of-concept. Neuropsychopharmacology. 2013;38(12):2475-2483. DOI: 10.1038/npp.2013.150, PMID: 23783065 [RCT, Crossover, n=15, nur erste Phase auswertbar (8 vs 7), OCD]
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- Georgiou P et al. Associations between hypothalamic-pituitary-adrenal (HPA) axis hormone levels, major depression features and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036, PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, TRD, Nullbefund für die HPA-Hormone]
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Transparenz-Hinweis: Die Evidenz für Ketamin bei Angststörungen und Zwangsstörung ist deutlich kleiner und uneinheitlicher als bei Depression. Die vorliegenden Arbeiten sind überwiegend kleine, teils unkontrollierte Studien mit wenigen Teilnehmenden, dazu kommt mit Bloch 2012 ein klarer Negativbefund bei der Zwangsstörung. Aussagen zur Wirkung sind als Möglichkeiten zu verstehen, nicht als Garantien. Ketamin ist in Deutschland für diesen Anwendungsbereich nicht zugelassen. Eine individuelle ärztliche Indikationsprüfung in spezialisierter Begleitung ist unverzichtbar.