Ratgeber Schilddrüse · Substitution

Natürliche Schilddrüsenhormone: was hinter NDT steckt

Getrocknetes Schilddrüsengewebe vom Schwein. Über hundert Jahre alt, in Deutschland nicht zugelassen, seit Jahrzehnten umstritten. Hier steht, was belegt ist, was offen ist und wo die Risiken liegen.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Substitution Leitlinien im Wortlaut Sicherheit und Dosis 25 Quellen mit DOI
Warum ich das schreibe

Über natürliche Schilddrüsenhormone wird auf Deutsch fast nur in zwei Tonlagen geschrieben. Als stilles Versprechen, das endlich Besserung bringen soll. Oder als Randnotiz, die man in zwei Sätzen abräumt. Beides verkürzt die Datenlage. Ich versuche hier den dritten Weg: alles hinschreiben, auch das Unbequeme, und zwar für beide Seiten.

Es gibt einen Satz, den ich in der Sprechstunde oft höre. Er kommt leise, und er kommt am Ende des Gesprächs.

Ich habe da im Internet etwas gelesen. Über natürliche Schilddrüsenhormone.

Dann folgt eine kleine Pause. In dieser Pause steckt eine Frage, die selten jemand laut stellt: Halten Sie mich jetzt für schwierig?

Nein. Wer nach zwei Jahren stabiler Laborwerte morgens noch immer nicht aus dem Bett kommt, hat gute Gründe, weiterzufragen. Und dieses Thema ist keine Erfindung des Internets. Es ist die älteste Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion, die es gibt.

Nur ist die Sache komplizierter, als beide Lager es gern hätten. Viele Menschen kennen das Gefühl, zwischen zwei sehr sicheren Meinungen zu stehen und selbst keine zu haben.

Was dich hier erwartet

  • Was in einer NDT-Tablette tatsächlich steckt, mit Zahlen
  • Die Geschichte und der Grund für den Wechsel zu Levothyroxin
  • Die zwei randomisierten Studien, vollständig referiert
  • Das Präferenz-Paradox und mögliche Erklärungen
  • Warum diese Debatte so emotional geführt wird
  • Die vier Leitlinienargumente von ATA und ETA, jedes mit Zahl
  • TSH-Suppression: Frakturen, Vorhofflimmern, Warnzeichen
  • Paragraph 73 Arzneimittelgesetz und die Versorgungslage
  • Für wen das Thema aufkommt, und für wen ausdrücklich nicht
Klinisch Randomisierte Studien und Leitlinien Beobachtung Kohorten, Meta-Analysen, Übersichten Tiermodell Studien an Mäusen Zellkultur In-vitro-Daten
Wichtig vorab, bevor es losgeht

Natürliche Schilddrüsenhormone sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Dieser Text ordnet die Studienlage ein. Er ist keine Empfehlung für oder gegen ein Präparat und kein Anlass, an einer laufenden Behandlung etwas zu verändern.

Eine bestehende Schilddrüsentherapie wird niemals eigenmächtig geändert, reduziert, umgestellt oder abgesetzt. Jede Änderung gehört in ärztliche Hände, mit Verordnung, Laborkontrolle und festen Kontrollterminen. Das gilt für L-Thyroxin genauso wie für jedes T3-haltige Präparat.

Was in einer NDT-Tablette tatsächlich steckt

Natürlich. Das Wort trägt viel. Es klingt nach Herkunft, nach etwas, das schon lange da war, bevor jemand es im Labor nachgebaut hat. An dem Wort ist auch etwas dran. Nur nicht das, was die meisten darunter verstehen.

Natürliche Schilddrüsenhormone sind getrocknetes, gemahlenes Schilddrüsengewebe vom Schwein, standardisiert auf einen Hormongehalt und zu Tabletten verpresst. International heißt die Gruppe NDT oder DTE, also desiccated thyroid extract. Bekannte Präparate sind Armour Thyroid, NP Thyroid, Erfa Thyroid und Thyroid-S. Ich nenne diese Namen als Sachinformation, weil du sie in Foren lesen wirst, nicht als Empfehlung.

Die zwei Zahlen, um die es eigentlich geht

In dem Gewebe stecken beide Schilddrüsenhormone. T4, das Vorratshormon, und T3, die aktive Form. Sie stecken darin in einem Verhältnis, das der Körper des Schweins vorgegeben hat, nicht deiner.

Übersicht Die härtesten Zahlen zum Inhalt

Tania Idrees und Antonio Bianco haben 2020 in der Zeitschrift Thyroid zusammengetragen, was über Liothyronin und getrockneten Schilddrüsenextrakt bekannt ist. Bianco gilt als einer der aufgeschlossensten Forscher gegenüber T3-haltigen Therapien, was seine kritischen Sätze zu NDT besonders belastbar macht.

Zwei Angaben stechen heraus. NDT hat ein Verhältnis von T4 zu T3 von etwa 4 zu 1. Und die mittlere Tagesdosis, die das TSH in den Referenzbereich bringt, enthält ungefähr 11 Mikrogramm T3. Dazu der Satz, dass die Konsistenz des Hormongehalts ausschließlich von den Herstellern überwacht wird.

Für dich heißt das: Die T3-Menge ist nicht frei wählbar. Sie ist im Präparat verbaut. Wer die Gesamtdosis anhebt, hebt beides an, immer im selben Verhältnis.

Idrees T, Palmer S, Maciel RMB, Bianco AC. Thyroid. 2020;30(10):1399-1413. PMID: 32279609 · DOI: 10.1089/thy.2020.0153 [Übersicht]

Dieses feste Verhältnis ist der stille Hauptdarsteller des Artikels. Merk es dir: etwa 4 zu 1.

Und was ist mit T2, T1 und Thyreoglobulin?

Ein Argument hörst du fast immer. In NDT stecke mehr als T4 und T3, nämlich auch T2, T1 und Thyreoglobulin, und darin liege der Unterschied. Der erste Teil stimmt. Der zweite ist offen.

Zellkultur In vivo, Maus Was wir über die kleinen Metabolite wissen

Eine Gruppe um Josef Köhrle vom Institut für Experimentelle Endokrinologie der Charité Berlin und aus Greifswald hat 2020 zusammengefasst, was zu 3,5-T2, zu Thyronaminen und zu Thyroessigsäuren bekannt ist.

Die Daten stammen aus Zellkultur, Zelllinien und Mausmodellen nach pharmakologischen Dosen, nicht aus kontrollierten Humanstudien. Und die analytische Messbarkeit dieser Stoffe im menschlichen Blut ist bis heute strittig, weil klassischer Immunoassay und Massenspektrometrie auseinandergehen.

Für dich bedeutet das: Wer mit T2 und T1 für NDT argumentiert, argumentiert mit Zellkultur und Maus. Mechanistisch interessant, als Nutzenbeleg beim Menschen nach heutiger Datenlage nicht tragfähig.

Homuth G, Lietzow J, Schanze N, Golchert J, Köhrle J. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2020;128(6-07):401-413. PMID: 32450582 · DOI: 10.1055/a-1139-9200 [Mechanismus-Review]

Mechanistisch plausibel, Humandaten dünn: genau so gehört dieser Punkt beschrieben, nicht als Argument, das die Frage entscheidet.

Der Reframe

Natürlich beschreibt die Herkunft, nicht die Passgenauigkeit. Ein Stoff aus einem Schwein ist nicht deshalb passender für einen Menschen, weil er aus einem Lebewesen kommt.

Die nützliche Frage lautet nicht: ist es natürlich. Sie lautet: in welchem Verhältnis kommt es an, wie gleichmäßig, und lässt es sich an deinen Bedarf anpassen.

Warum das Immunsystem bei der häufigsten Ursache einer Unterfunktion die eigene Schilddrüse angreift, steht im Ratgeber Hashimoto und das Immunsystem.

Und jetzt weißt du, warum die Zahl 4 zu 1 in diesem Text noch mehrfach auftauchen wird.

Über hundert Jahre alt: die Geschichte und der Wechsel

Wenn dir jemand sagt, natürliche Schilddrüsenhormone seien eine Modeerscheinung aus dem Internet, dann stimmt das Gegenteil. Tierische Schilddrüsenpräparate waren die erste pharmakologische Behandlung der Unterfunktion überhaupt und beherrschten den Markt über den größten Teil des 20. Jahrhunderts. Levothyroxin ist in dieser Geschichte der Neuling.

Zur Jahreszahl gleich eine Ehrlichkeitsnotiz. In Foren liest du fast immer 1892. Die wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten sind vorsichtiger und sprechen von mehr als einem Jahrhundert beziehungsweise von den letzten rund 130 Jahren. Ich schreibe deshalb Ende des 19. Jahrhunderts, weil ich für die genaue Zahl keinen sauberen Beleg in der Hand habe.

Der Bogen in vier Stationen
  1. Ende des 19. JahrhundertsTierisches Schilddrüsengewebe wird zur ersten pharmakologischen Behandlung der Unterfunktion. Es ist die einzige Option, die es gibt.
  2. Erste Hälfte des 20. JahrhundertsNatürliche Präparate beherrschen den Markt. Dosiert wird nach Symptomen, Grundumsatz und proteingebundenem Jod. Ein TSH-Wert existiert noch nicht.
  3. 1970er Jahre, erste EntwicklungDer Serum-TSH-Radioimmunoassay kommt. Er macht sichtbar, dass viele Behandelte überdosiert sind. Die üblichen Ersatzdosen werden drastisch reduziert.
  4. 1970er Jahre, zweite EntwicklungDie deiodinasevermittelte Umwandlung von T4 zu T3 wird beschrieben. Damit gibt es eine physiologische Begründung für die Monotherapie.
Übersicht Der Satz, der beim Romantisieren stört

Elizabeth McAninch und Antonio Bianco haben 2016 in den Annals of Internal Medicine die Geschichte der Hypothyreose-Behandlung nachgezeichnet, von den ersten tierischen Präparaten bis zur heutigen Standardtherapie.

Sie beschreiben, wie in der Ära vor dem TSH-Test nach Symptomen, Grundumsatz und proteingebundenem Jod dosiert wurde. Und dann steht dort, ohne jede Zuspitzung: thyreotoxische Nebenwirkungen waren dabei nicht selten.

Für dich bedeutet das: Die gute alte Zeit war für die Schilddrüse keine gute alte Zeit. Sie war eine Zeit ohne Messgerät. Wer NDT damit verteidigt, es sei ja jahrzehntelang Standard gewesen, verteidigt eine Praxis, in der Überdosierung normal war, weil sie niemand sehen konnte.

McAninch EA, Bianco AC. Ann Intern Med. 2016;164(1):50-56. PMID: 26747302 · DOI: 10.7326/M15-1799 [Übersicht]

Eine zweite, unabhängige Arbeitsgruppe kommt zum gleichen Bild. James Hennessey hat nachgezeichnet, wie sich Levothyroxin durchsetzte, und beschreibt, dass die Einnahme tierischer Präparate erst seit etwa 130 Jahren wissenschaftlich dokumentiert ist und dass die Verfeinerungen in Herstellung und Regulierung bis heute andauern.

Hennessey JV. Endocrine. 2017;55(1):6-18. PMID: 27981511 · DOI: 10.1007/s12020-016-1199-8 [Übersicht]

Warum der Wechsel eine gute Entscheidung war

Hier ist mir etwas wichtig: Der Umstieg auf Levothyroxin war keine Verschwörung gegen die Natur, sondern mit den damals vorliegenden Daten eine gute medizinische Entscheidung. Ein synthetischer Einzelwirkstoff lässt sich auf eine definierte Menge einstellen, ein biologisches Material schwankt. T4 bleibt etwa eine Woche im Blut und kann Schwankungen dadurch glätten, T3 ist kurzlebiger. Und wenn der Körper T4 ohnehin in T3 umwandelt, genügt theoretisch das Vorratshormon.

Der letzte Punkt ist der einzige, an dem sich seither etwas bewegt hat. Die Umwandlung ist kein Automat, der bei allen Menschen gleich läuft. Sie hängt an Enzymen, die selbst reguliert werden. Wie das funktioniert, steht im Ratgeber Von T4 zu T3: die Umwandlung. Das ist der Mechanismus, um den sich die gesamte Debatte dreht.

Der Reframe

Es gab keinen Bösewicht in dieser Geschichte. Es gab ein neues Messgerät, das ein altes Problem sichtbar machte, und eine neue Erkenntnis, die eine einfachere Lösung erlaubte.

Die interessante Frage ist nicht, ob der Wechsel richtig war. Sie lautet: Für wen war die einfachere Lösung nie ganz ausreichend, und woran erkennt man diese Menschen?

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema keine Frontstellung aufmache. Die Endokrinologie hat hier sauber gearbeitet. Sie hat nur eine Restgruppe übrig gelassen.

Die entscheidende Frage: ist NDT besser als Levothyroxin?

Das ist die Frage, wegen der du hier bist. Du bekommst sie vollständig beantwortet, auch mit den Zahlen, die nicht ins Bild passen.

Was viele überrascht: Es existieren genau zwei randomisierte Doppelblind-Studien zu NDT gegen Levothyroxin, beide aus derselben Arbeitsgruppe.

2randomisierte Doppelblind-Studien zu NDT weltweit
6.394Treffer durchsuchte eine Meta-Analyse 2024, um diese zwei zu finden
22Wochen dauerte die längste randomisierte Beobachtung pro Arm

Diese drei Zahlen sagen dir, wie viel Gewicht jede Aussage hier tragen kann.

RCT, n=70 Die meistzitierte und meistverkürzte Studie

Thanh Hoang und Kolleginnen am Walter Reed National Military Medical Center randomisierten 70 Menschen mit Unterfunktion, die seit mindestens sechs Monaten stabil auf Levothyroxin eingestellt waren. 16 Wochen ein Präparat, dann Wechsel, dann 16 Wochen das andere. Doppelblind, Crossover.

Das Ergebnis hat zwei Hälften. Erstens: keine Unterschiede bei Symptomen und neurokognitiven Messungen, das Gewicht lag unter NDT um rund 1,4 Kilogramm niedriger, p kleiner 0,001. Zweitens die Präferenz: 48,6 Prozent für NDT, 18,6 Prozent für Levothyroxin, 32,9 Prozent ohne Präferenz.

Für dich bedeutet das: Wer nur die Präferenz zitiert, verkürzt. Wer nur das Nullergebnis zitiert, verkürzt genauso. Die Autoren selbst schreiben, dass NDT zu keiner signifikanten Verbesserung der Lebensqualität führte, dass es aber für manche Betroffene relevant sein könnte.

Hoang TD, Olsen CH, Mai VQ, Clyde PW, Shakir MKM. J Clin Endocrinol Metab. 2013;98(5):1982-1990. PMID: 23539727 · DOI: 10.1210/jc.2012-4107 [RCT, n=70]
RCT, n=75 Drei Arme, 22 Wochen, ein wichtiger Nebenbefund

Mohamed Shakir und Kollegen randomisierten 75 Menschen auf drei Behandlungen: Levothyroxin allein, Levothyroxin plus Liothyronin, und NDT. Jeweils 22 Wochen, doppelblind, Crossover, gemessen mit vier Instrumenten.

Das TSH blieb in allen drei Armen im Referenzbereich. Keine Unterschiede bei den primären und sekundären Endpunkten, mit einer Ausnahme: eine leicht höhere Herzfrequenz unter NDT. Auch die Präferenz unterschied sich in der Gesamtgruppe nicht. Dann die Untergruppenanalyse: in dem Drittel, das unter Levothyroxin am stärksten belastet war, zeigte sich eine klare Präferenz für T3-haltige Therapie, mit besseren Werten in allen vier Instrumenten.

Für dich bedeutet das: In der Breite kein Unterschied. In der Gruppe der stark Belasteten ein deutlicher. Das ist die sauberste vorhandene Antwort auf die Frage, für wen dieses Thema relevant sein könnte.

Shakir MKM, Brooks DI, McAninch EA et al. J Clin Endocrinol Metab. 2021;106(11):e4400-e4413. PMID: 34185829 · DOI: 10.1210/clinem/dgab478 [RCT, n=75]
RCT, n=143 Der Befund, der in beide Richtungen zeigt

Dieselben Autoren werteten 2025 beide randomisierten Studien gemeinsam aus, insgesamt 143 Teilnehmende, aufgeteilt nach der Symptomlast unter Levothyroxin in wenige, mittlere und viele Symptome. Alle Messungen bei normalem TSH.

Wer viele Symptome hatte, schnitt unter NDT signifikant besser ab, in Kohorte zwei mit p kleiner 0,01. Die mittlere Gruppe ebenfalls, mit p gleich 0,02. Und dann die Richtung, die selten zitiert wird: Wer unter Levothyroxin nur wenige Symptome hatte, schnitt unter Levothyroxin signifikant besser ab als unter NDT, p gleich 0,03, und besser als unter der Kombination, p gleich 0,02.

Für dich bedeutet das: Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um deine Ausgangslage. Wem es unter Levothyroxin gut geht, dem ging es in diesen Studien unter NDT im Mittel schlechter. Das ist ein starkes Argument gegen die Idee, NDT sei grundsätzlich das passendere Präparat.

Hoang TD, Patel AA, Spiro AJ, Watson NL, Shakir MKM. Endocr Pract. 2026;32(1):53-59. PMID: 40947017 · DOI: 10.1016/j.eprac.2025.09.007 [RCT, n=143]
Meta-Analyse, k=16 Die Laborwerte verschieben sich, die Fragebögen nicht

Mahmoud Nassar und Kollegen durchsuchten Embase, Medline und Web of Science bis Ende November 2023. Aus 6.394 Treffern qualifizierten sich 16 randomisierte Studien, davon genau zwei zu NDT.

Für NDT gegen Levothyroxin allein lag das Gesamt-T3 deutlich höher, mittlere Differenz 50,90. Gesamt-T4 und freies T4 lagen niedriger, das TSH moderat höher mit 0,49. Kein signifikanter Unterschied dagegen bei Herzfrequenz, SHBG, Lipidprofil und den drei Fragebögen zu Symptomen, Allgemeinbefinden und Depressivität. Die Heterogenität war niedrig.

Für dich bedeutet das: NDT verschiebt die Blutwerte nachweisbar und in erwartbarer Richtung. Die gemessene Lebensqualität verschiebt es in dieser Zusammenschau nicht.

Nassar M, Hassan A, Ramadan S et al. BMC Endocr Disord. 2024;24(1):90. PMID: 38877429 · DOI: 10.1186/s12902-024-01612-6 [Meta-Analyse, k=16]
Kohorte, n=1.260.000 Erstmals harte Endpunkte, aber retrospektiv

Eine Gruppe um Bianco verglich 2026 mit Registerdaten 1,26 Millionen Menschen mit Unterfunktion gegen 3,32 Millionen Kontrollen, über bis zu 20 Jahre, mit Propensity-Score-Matching und Cox-Modellen.

Menschen mit Unterfunktion hatten ein etwa 1,4-fach höheres Demenzrisiko und ein mehr als doppelt so hohes Sterblichkeitsrisiko, am ausgeprägtesten wenn das TSH nicht im Zielbereich lag. Im Vergleich Monotherapie gegen T3-haltige Therapie fand sich ein 27 Prozent niedrigeres Demenzrisiko und ein 31 Prozent niedrigeres Sterblichkeitsrisiko unter der Kombination. Im adjustierten Modell schrumpften diese Werte auf 16 und 25 Prozent.

Für dich bedeutet das: interessant, aber noch kein Beweis. Es sind Abrechnungsdaten, und der Abstand zwischen 27 und 16 Prozent zeigt genau das. Die Autoren fordern selbst weitere Studien.

Beltrão FEL, Carvalhal G, Meneghini V et al. J Clin Endocrinol Metab. 2026;111(2):561-571. PMID: 40579157 · DOI: 10.1210/clinem/dgaf367 [Kohorte, n=1.260.000]

Warum unter Levothyroxin überhaupt Beschwerden bleiben können, hat viel mehr Facetten als die Präparatefrage. Das steht im Ratgeber L-Thyroxin und bleibende Symptome.

Der Reframe

Kein Unterschied im Mittelwert heißt nicht: kein Unterschied bei dir. Ein Mittelwert kann zwei gegenläufige Bewegungen enthalten und trotzdem still aussehen.

Genau das zeigt die Auswertung von 2025. Einer Gruppe geht es besser, einer anderen schlechter, und in der Summe steht eine Null. Diese Null ist kein Ergebnis. Sie ist eine Frage.

Ein Hinweis, der an diese Stelle gehört: Solche Untergruppen-Befunde sind ein Grund für ein ärztliches Gespräch, nicht für einen Wechsel in Eigenregie. Ob jemand zu einer dieser Untergruppen zählt, lässt sich an keinem Text ablesen, sondern nur an Anamnese, Befund und Verlauf unter ärztlicher Begleitung. Und wer bereits ein Schilddrüsenpräparat einnimmt, ändert daran nichts ohne ärztliche Verordnung.

Und jetzt weißt du, warum beide Lager dieselben Studien zitieren können und trotzdem zu entgegengesetzten Schlüssen kommen.

Das Präferenz-Paradox

Stell dir zwei Räume vor. Im ersten sitzen Statistiker und schauen auf Fragebogenwerte. Sie sagen: kein Unterschied. Im zweiten sitzen die Teilnehmenden derselben Studie und werden gefragt, welches Präparat sie behalten möchten. Etwa die Hälfte sagt: das andere.

Beide Räume haben recht. Genau das macht dieses Thema so schwer zu greifen.

Meta-Analyse, k=11, n=1.135 Die Präferenz ist robust, nicht anekdotisch

Eine brasilianisch-amerikanische Gruppe um Fabyan Esberard de Lima Beltrão führte einen systematischen Review mit Meta-Analyse, Meta-Regression und Netzwerk-Meta-Analyse durch. Eingeschlossen wurden 11 randomisierte Studien mit 1.135 Teilnehmenden, davon 8 im Crossover-Design.

Die Präferenzverteilung: 52 Prozent für eine Kombination oder NDT, 24 Prozent für Levothyroxin allein, 24 Prozent ohne Präferenz, relatives Risiko 2,20. Nach Ausschluss von vier Studien sank die Heterogenität von 81 auf 24 Prozent, ohne das Ergebnis zu verändern: 1,97, p kleiner 0,00001.

Für dich bedeutet das: Diese Präferenz ist keine Sammlung von Forenmeinungen. Sie taucht in kontrollierten Studien auf und ist stabil gegenüber statistischen Korrekturen. Die Autoren leiten daraus ab, dass Patientenpräferenzen in die gemeinsame Entscheidungsfindung gehören.

de Lima Beltrão FE, Carvalhal G, de Almeida Beltrão DC et al. J Clin Endocrinol Metab. 2025;110(3):887-900. PMID: 39290156 · DOI: 10.1210/clinem/dgae651 [Meta-Analyse, k=11, n=1.135]
Umfrage, n=12.146 Große Zahl, schwaches Design, wichtige Botschaft

Eine Gruppe um Bianco und Jonklaas veröffentlichte 2018 eine Online-Umfrage, ausgespielt auf der Website der American Thyroid Association. 12.146 Menschen antworteten vollständig.

Die Zufriedenheit lag insgesamt bei einem Median von 5 auf einer Skala bis 10. In der Untergruppe ohne Begleiterkrankungen, 3.670 Personen, lag der Median unter NDT bei 7, unter Levothyroxin plus Liothyronin bei 6 und unter Levothyroxin allein bei 5.

Für dich bedeutet das: Diese Zahlen sind selbstselektiert. Wer bereits gewechselt hat und dabei geblieben ist, ist per Konstruktion zufriedener, und die Größe der Stichprobe ändert daran nichts. Die eigentliche Botschaft ist nicht der Vergleich der Präparate, sondern der Median von 5 über alle Befragten hinweg.

Peterson SJ, Cappola AR, Castro MR et al. Thyroid. 2018;28(6):707-721. PMID: 29620972 · DOI: 10.1089/thy.2017.0681 [Umfrage, n=12.146]
Case Series, n=673 Wie Menschen tatsächlich zu NDT kommen

Eine Gruppe der Mayo Clinic um Freddy Toloza wertete Beiträge aus drei großen Hypothyreose-Foren aus, von 673 Menschen, die aktuell NDT einnahmen.

Bei 46 Prozent hatte eine ärztliche Person das Interesse an NDT geweckt, nicht das Internet. Gründe für den Wechsel: ausbleibende Besserung bei 58 Prozent, aufgetretene Nebenwirkungen bei 22 Prozent. Und: ein Fünftel beschrieb Nebenwirkungen auch unter NDT. Die wiederkehrenden Themen der Auswertung waren fehlende individualisierte Behandlung und das Gefühl, nicht gehört zu werden.

Für dich bedeutet das zweierlei. Das Bild vom eigenmächtig experimentierenden Menschen stimmt so nicht. Und die Zahl zu den Nebenwirkungen steht auf keiner der deutschen Seiten, die ich für diesen Artikel gelesen habe.

Toloza FJK, Espinoza Suarez NR, El Kawkgi O et al. Medicina (Kaunas). 2020;56(4):161. PMID: 32260044 · DOI: 10.3390/medicina56040161 [Case Series, n=673]

Der genetische Erklärungsversuch, und warum er nicht trägt

Es gibt eine Hypothese, die dieses Paradox erklären könnte, und sie ist mechanistisch schön. Vielleicht wandeln manche Menschen T4 aus genetischen Gründen schlechter in T3 um.

RCT-Sekundäranalyse, n=552 Ein Signal, das seine Bestätigung nicht fand

Vijay Panicker und Kollegen untersuchten 2009 an 552 Menschen aus einer britischen Studie, ob Varianten in den Deiodinase-Genen mit dem psychischen Befinden und mit dem Ansprechen auf T4 plus T3 zusammenhängen.

Der seltenere CC-Genotyp im Deiodinase-2-Gen lag bei 16 Prozent vor. Diese Gruppe hatte unter T4 schlechtere Ausgangswerte, 14,1 gegenüber 12,8 Punkten, und besserte sich unter der Kombination um 2,3 Punkte stärker. Der entscheidende Nebensatz: der Polymorphismus hatte keinerlei Auswirkung auf die zirkulierenden Hormonspiegel. Die Autoren forderten selbst eine Replikation.

Für dich bedeutet das: Die Replikation kam und fiel negativ aus. Die randomisierte Studie von 2021 hat genau diesen Polymorphismus prospektiv mitgemessen und fand keinen Einfluss. Ein DIO2-Test taugt damit nicht als Entscheidungsgrundlage, weder dafür noch dagegen.

Panicker V, Saravanan P, Vaidya B et al. J Clin Endocrinol Metab. 2009;94(5):1623-1629. PMID: 19190113 · DOI: 10.1210/jc.2008-1301 [RCT-Sekundäranalyse, n=552]

Ich schreibe das mit Bedauern. Dieser Befund wäre eine elegante Erklärung gewesen.

Drei mögliche Erklärungen, ohne Festlegung

Erstens das Studiendesign. In einem Crossover-Versuch erlebt jede Person beide Präparate nacheinander. Eine Präferenz zu äußern, ist dann leicht, und Reihenfolgeeffekte lassen sich nicht ganz herausrechnen.

Zweitens das Messinstrument. Die Fragebögen erfassen Symptomlisten, Allgemeinbefinden und Depressivität. Vielleicht erfassen sie nicht das, was Menschen meinen, wenn sie sagen, unter dem einen Präparat fühlten sie sich mehr wie sie selbst. Aus der Perspektive der klinischen Psychoneuroimmunologie ist das keine abwegige Idee: Antrieb, Wärmeempfinden und Belastbarkeit entstehen im Zusammenspiel von Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel und lassen sich schwer in 36 Punkte pressen.

Drittens eine echte Untergruppe. Vielleicht profitiert ein Teil wirklich, und dieser Effekt geht im Mittelwert unter, weil ein anderer Teil sich verschlechtert. Genau dafür sprechen die Untergruppenanalysen von 2021 und 2025.

Der Reframe

Präferenz und Lebensqualitätsscore sind nicht dasselbe Maß. Der eine fragt: welches willst du behalten. Der andere fragt: wie viele Punkte auf einer Skala.

Beide Antworten sind gültig. Sie widersprechen sich nur, wenn man sie für dieselbe Frage hält.

Und jetzt weißt du, warum es in dieser Debatte so oft heißt, die eine Seite ignoriere die Studien und die andere ignoriere die Menschen. Beide Vorwürfe zielen an derselben Stelle vorbei.

Warum diese Debatte so emotional geführt wird

Kaum ein medizinisches Thema erzeugt so viel Hitze. Nicht Blutdruck, nicht Cholesterin. Woran liegt das? Ich glaube, an vier Dingen, die gleichzeitig zutreffen.

Erstens geht es um eine Restgruppe, die nicht klein ist. Das aktuellste hochrangige Seminar zur Unterfunktion im Lancet schreibt, dass Levothyroxin sicher und günstig ist, die Werte in den Referenzbereich bringt und bei der Mehrheit die Symptome bessert. Und im selben Absatz, dass etwa 10 Prozent trotz unauffälliger Werte anhaltende Beschwerden haben. Für die Statistik ist das eine Randgruppe. Für die einzelne Person ist es das ganze Leben.

Taylor PN, Medici MM, Hubalewska-Dydejczyk A, Boelaert K. Lancet. 2024;404(10460):1347-1364. PMID: 39368843 · DOI: 10.1016/S0140-6736(24)01614-3 [Systematischer Review]

Zweitens die Asymmetrie zwischen Population und Person. Eine Leitlinie fragt, was im Mittel für die Bevölkerung die beste Entscheidung ist. Das ist ihre Aufgabe, und sie macht sie gut. Ein Mensch in der Sprechstunde fragt etwas anderes: Was ist für mich richtig, bei meiner Ausgangslage, in diesem Jahr meines Lebens. Diese beiden Fragen haben nicht immer dieselbe Antwort.

Der Mittelwert ist kein Mensch. Er ist eine Zusammenfassung von Menschen, und manchmal fasst er zwei gegenläufige Bewegungen zu einer Null zusammen.

Der Kernsatz dieses Abschnitts

Drittens das Gefühl, nicht gehört zu werden. Die Mayo-Auswertung von 673 Menschen hatte genau dieses Kernthema, nicht das Präparat. Wer über Jahre gesagt bekommt, die Werte seien in Ordnung, und trotzdem morgens nicht funktioniert, entwickelt Misstrauen gegen den Satz, dass alles in Ordnung sei. Und dann findet dieser Mensch im Internet eine Seite, die genau seine Beschwerden beschreibt und eine Lösung anbietet.

Viertens gibt es auf beiden Seiten Interessen. Anbieter von NDT-Präparaten verdienen an dem Thema, Hersteller von Levothyroxin ebenfalls. Das ist kein Argument gegen die jeweilige Sache, aber ein Grund, Texte auf ihre Quellen zu prüfen, meinen eingeschlossen. Deshalb steht unter jeder Studie hier eine PMID und ein DOI.

Klinische Tradition und anthroposophische Betrachtungsweise, ausdrücklich kein Studienbefund: In der anthroposophischen Medizin wird die Schilddrüse als Organ an einer Grenze beschrieben, dort wo das Denken in die Stimme übergeht und der Wille in die Wärme des Stoffwechsels. Das ist eine Sichtweise, keine Messung, und sie steht neben der Physiologie, nicht an ihrer Stelle. Was mir daran gefällt, ist eine Frage, die sie stellt: Warum trifft ausgerechnet dieses Organ so oft Menschen, die viel aushalten und wenig sagen? Ich habe darauf keine belegbare Antwort und beobachte es nur. Mehr zum Begriff natürlich in der Medizin steht im Ratgeber Anthroposophische Medizin.

Der Reframe

Diese Debatte ist deshalb so heiß, weil beide Seiten etwas Richtiges verteidigen. Die eine verteidigt die Sorgfalt, die andere verteidigt die Erfahrung.

Wer die Sorgfalt gegen die Erfahrung ausspielt, verliert immer eine von beiden. Und du brauchst beide.

Und jetzt weißt du, warum ich in diesem Text keiner Seite ihre Argumente wegnehme.

Was ATA und ETA sagen, und warum sie es sagen

Die Fachgesellschaften lehnen NDT nicht aus Prinzip ab, sondern als Routinetherapie, und sie nennen dafür vier Gründe. Jeder lässt sich mit einer Zahl belegen. Du bekommst alle vier, danach ebenso vollständig die andere Seite, und am Ende, wo ich anders gewichte.

Grund eins: das Verhältnis, das nicht passt

Das Zahlenargument der Leitlinie

T4 zu T3, nebeneinandergelegt

NDT, getrocknetes Schilddrüsengewebe vom Schwein
etwa 4 zu 1
Untergrenze des von der ETA empfohlenen Korridors
13 zu 1
Obergrenze des von der ETA empfohlenen Korridors
20 zu 1
Anteil T4 Anteil T3

Der T3-Anteil in NDT ist damit um ein Vielfaches höher als das, was die europäische Leitlinie für Kombinationen als sinnvoll beschreibt. Das ist der sachliche Kern des Einwands, und es ist keine Meinung, sondern eine Verhältniszahl.

Leitlinie Der Satz, der in Deutschland fast nie zitiert wird

Eine Task Force der European Thyroid Association um Wilmar Wiersinga veröffentlichte 2012 eine Leitlinie zur Anwendung von L-T4 plus L-T3 bei Unterfunktion.

Sie hält fest: bei 5 bis 10 Prozent der Behandelten mit normalem TSH bestehen Beschwerden fort. Als Erklärungsansätze nennt sie unter anderem begleitende Autoimmunerkrankungen und die Unzulänglichkeit der Levothyroxin-Behandlung, physiologische T4- und T3-Konzentrationen in Serum und Geweben wiederherzustellen. Die Kombination gilt als experimenteller Ansatz, nur durch akkreditierte Fachärztinnen und Fachärzte, mit Abbruch nach drei Monaten ohne Besserung. Und dann der entscheidende Satz: empfohlen wird ein Verhältnis von T4 zu T3 zwischen 13 zu 1 und 20 zu 1 nach Gewicht, und alle derzeit verfügbaren Kombinationspräparate liegen darunter und werden deshalb nicht empfohlen.

Für dich bedeutet das: Der Haupteinwand ist kein Vorurteil gegenüber tierischen Präparaten. Und derselbe Text nennt die Unzulänglichkeit der Standardtherapie ausdrücklich als möglichen Grund für bleibende Beschwerden. Das steht in der Leitlinie, nicht in einem Blog.

Wiersinga WM, Duntas L, Fadeyev V, Nygaard B, Vanderpump MPJ. Eur Thyroid J. 2012;1(2):55-71. PMID: 24782999 · DOI: 10.1159/000339444 [Leitlinie]

Grund zwei: Chargenschwankungen und Rückrufe

Ein biologisches Material auf einen Hormongehalt zu standardisieren, ist schwer. Kein theoretischer Einwand: es ist zweimal in elf Monaten passiert.

13Chargen NP Thyroid rief die FDA 2020 wegen Überpotenz zurück
115 %des deklarierten T3 konnten diese Chargen enthalten
unter 90 %T3 oder T4 enthielten die 2021 zurückgerufenen Chargen

In der Rückrufmeldung von 2020 nennt die FDA die möglichen Folgen ausdrücklich: Zeichen einer Überfunktion bis hin zu Brustschmerz und Herzrhythmusstörungen, und für Schwangere Fehlgeburt und Beeinträchtigung der fetalen Entwicklung. Zur Fairness gehört: dass diese Rückrufe stattfanden, zeigt auch, dass eine Aufsicht existiert und greift. Beide sind inzwischen abgeschlossen.

Grund drei: fehlende Langzeitdaten zu harten Endpunkten

Leitlinie Die ATA benennt die Lücke selbst

Eine Task Force der American Thyroid Association um Jacqueline Jonklaas bewertete 2014 die Literatur zu 24 Fragen der Hypothyreose-Behandlung, darunter ausdrücklich zu Schilddrüsenextrakten, Kombinationstherapie, T3-Therapie und Rezepturen.

Das Ergebnis: Levothyroxin soll der Behandlungsstandard bleiben, weil sich keine konsistent starke Evidenz für die Überlegenheit alternativer Präparate hinsichtlich der Verbesserung von Gesundheitsergebnissen fand. Und dann benennt die Leitlinie ihren eigenen Forschungsbedarf: bessere Biomarker für Euthyreose ergänzend zum TSH, mechanistische Forschung zu Serum-T3-Spiegeln, und Langzeit-Endpunktstudien zu Kombinationstherapie oder Schilddrüsenextrakten einschließlich Subgruppen-Effekten.

Für dich bedeutet das: Diese Leitlinie sagt nicht, das sei Unsinn. Sie sagt, die Daten reichen nicht, um den Standard zu ändern, und hier ist die Liste der Daten, die fehlen.

Jonklaas J, Bianco AC, Bauer AJ et al. Thyroid. 2014;24(12):1670-1751. PMID: 25266247 · DOI: 10.1089/thy.2014.0028 [Leitlinie]

Grund vier: das Risiko eines supprimierten TSH

Das ist der Punkt, der Menschen tatsächlich schützt, und er bekommt gleich einen eigenen Abschnitt. Kurz vorweg: Weil in NDT anteilig viel T3 steckt und T3 das TSH stärker drücken kann, kann man unter diesem Präparat leichter in einem Bereich mit sehr niedrigem TSH landen. Und dieser Bereich ist nicht harmlos.

Und jetzt die andere Seite, ebenso vollständig

Leitlinie Drei Fachgesellschaften erklären die Frage für offen

American Thyroid Association, British Thyroid Association und European Thyroid Association hielten am 3. November 2019 eine gemeinsame, zwischen Chicago und London live gestreamte Konferenz mit zwölf Fachleuten ab. Daraus entstand 2021 ein Konsensdokument.

Ausgangsfeststellung: 14 klinische Studien haben keinen konsistenten Vorteil der Kombinationstherapie gezeigt, zugleich wird sie breit eingesetzt. Entscheidend ist die gemeinsame Feststellung, dass Equipoise für eine neue klinische Studie besteht. Equipoise ist der fachliche Ausdruck dafür, dass eine Frage als offen gilt. Von 34 abgestimmten Statements erreichten 28 mindestens 75 Prozent Zustimmung, 13 sogar 100 Prozent.

Für dich bedeutet das: Drei große Fachgesellschaften sagen gemeinsam, wir wissen es nicht sicher genug, und wir halten die Frage für offen genug, um sie neu zu untersuchen. Wer NDT als widerlegt darstellt, liegt genauso daneben wie wer es als heimlich anerkannt darstellt.

Jonklaas J, Bianco AC, Cappola AR et al. Thyroid. 2021;31(2):156-182. PMID: 33276704 · DOI: 10.1089/thy.2020.0720 · zeitgleich Eur Thyroid J. 2021;10(1):10-38, PMID: 33777817 [Leitlinie]
GremiumJahrAussage zu NDT und Kombination
ATA2014Levothyroxin bleibt Standard. Keine konsistent starke Evidenz für Alternativen. Langzeit-Endpunktstudien fehlen.
ETA2012Kombination nur experimentell, nur durch Fachärzte, Abbruch nach drei Monaten. Empfohlenes Verhältnis 13 zu 1 bis 20 zu 1, verfügbare Präparate liegen darunter.
ATA, BTA und ETA202114 Studien ohne konsistenten Vorteil. Zugleich Konsens: Equipoise besteht.
ATA Schwangerschaft2017Eigener Rahmen, eigene Zielwerte, T4-zentriert.
Meine begründete Position, klar als solche gekennzeichnet

Wo ich anders gewichte, und warum

Ich teile die vier Einwände der Leitlinien. Alle vier. Das Verhältnis von etwa 4 zu 1 ist ein echtes pharmakologisches Problem, die Chargenschwankungen sind belegt, die Langzeitdaten fehlen, und ein supprimiertes TSH ist ein Risiko.

Anders gewichte ich an einer einzigen Stelle: beim Umgang mit der Restgruppe. Eine Leitlinie muss auf die Bevölkerung schauen und im Zweifel den Standard verteidigen. In einer Sprechstunde sitzt kein Mittelwert. Wenn jemand seit Jahren gut eingestellte Werte hat, alle Bausteine geprüft sind und die Beschwerden bleiben, dann finde ich die Frage nach einem anderen Präparat ein legitimes ärztliches Gespräch. Nicht als ersten Schritt, sondern als einen der letzten.

Ich stütze mich auf drei Dinge aus den Quellen: die ETA nennt die Unzulänglichkeit der Standardtherapie selbst als möglichen Grund für bleibende Beschwerden, die drei Fachgesellschaften haben Equipoise festgestellt, und die Subgruppen-Signale zeigen konsistent in dieselbe Richtung. Klinisch beobachte ich, dass allein das offene Gespräch etwas verändert, unabhängig davon, was am Ende verordnet wird. Das ist eine Beobachtung, kein Studienergebnis.

Der Reframe

Die Leitlinie sagt nicht: das ist Unsinn. Sie sagt: dafür reichen die Daten nicht, und hier ist die Liste der Daten, die fehlen.

Das ist etwas anderes als Ablehnung, und etwas anderes als Zustimmung. Es ist eine offene Frage, die als offene Frage benannt wird. Das ist gute Wissenschaft.

Und jetzt weißt du, warum ich diesen Abschnitt so ausführlich mache. Er ist der Teil des Themas, den die meisten deutschen Seiten überspringen.

Sicherheit: der Punkt ist nicht das Präparat, sondern die Dosis

Wenn du aus diesem Artikel nur einen Abschnitt behältst, dann bitte diesen.

Die Sicherheitsfrage dreht sich nicht darum, ob das Ausgangsmaterial vom Schwein kommt. Sie dreht sich um eine Zahl: dein TSH. Es ist das Signal, mit dem die Hirnanhangsdrüse die Schilddrüse anspricht. Steigt der Hormonspiegel, fällt das TSH. Ist es sehr tief, ist viel Schilddrüsenhormon unterwegs. Und dieser tiefe Bereich ist gut untersucht.

Kohorte, n=17.684 Die differenzierteste Arbeit zur Sicherheitsfrage

Robert Flynn und Kollegen werteten alle Menschen in Tayside, Schottland aus, die zwischen 1993 und 2001 eine Schilddrüsenhormon-Ersatztherapie bekamen. 17.684 Personen, verknüpft mit regionalen Datensätzen.

Gegenüber einem TSH im Referenzbereich fand sich bei supprimiertem TSH eine Hazard Ratio von 1,37 für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 1,6 für Rhythmusstörungen und 2,02 für Frakturen. Ein erhöhtes TSH war mit 1,95, 1,80 und 1,83 ähnlich riskant. Der wichtigste Befund: ein niedriges, aber nicht supprimiertes TSH ging mit keinem erhöhten Risiko einher.

Für dich bedeutet das: Diese Arbeit ist für beide Lager unbequem. Sie zeigt, dass ängstliche Unterdosierung ähnlich riskant sein kann wie Überdosierung. Und sie zeigt, dass ein wirklich supprimiertes TSH das Frakturrisiko in dieser Kohorte verdoppelte.

Flynn RW, Bonellie SR, Jung RT et al. J Clin Endocrinol Metab. 2010;95(1):186-193. PMID: 19906785 · DOI: 10.1210/jc.2009-1625 [Kohorte, n=17.684]
Meta-Analyse, k=13, n=70.298 Die stärkste Zahl des ganzen Themas

Manuel Blum und Kollegen poolten im JAMA Teilnehmerdaten aus 13 prospektiven Kohorten in den USA, Europa, Australien und Japan. 70.298 Menschen, 762.401 Personenjahre.

Bei subklinischer Überfunktion lag die Hazard Ratio für Hüftfrakturen bei 1,36, für alle Frakturen bei 1,28. Unterhalb eines TSH von 0,10 stiegen die Zahlen deutlich: Hüftfraktur 1,61, alle Frakturen 1,98, Wirbelkörperfrakturen 3,57 mit einem Konfidenzintervall von 1,88 bis 6,78. Für eine subklinische Unterfunktion fand sich dagegen kein Zusammenhang mit dem Frakturrisiko.

Für dich bedeutet das: Unterhalb eines TSH von 0,10 war das Risiko für Wirbelkörperfrakturen in dieser Auswertung mehr als dreieinhalbfach erhöht. Diese Zahl gehört ohne Abschwächung auf den Tisch, egal welches Präparat im Spiel ist.

Blum MR, Bauer DC, Collet TH et al. JAMA. 2015;313(20):2055-2065. PMID: 26010634 · DOI: 10.1001/jama.2015.5161 [Meta-Analyse, k=13, n=70.298]
Meta-Analyse, k=10, n=52.674 Das Herz, und warum tiefer nicht besser ist

Tinh-Hai Collet und Kollegen poolten individuelle Daten von 52.674 Menschen aus zehn prospektiven Kohorten. Koronare Ereignisse wurden bei 22.437 Personen erfasst, neu aufgetretenes Vorhofflimmern bei 8.711.

4,2 Prozent hatten eine subklinische Überfunktion. Adjustiert lag die Hazard Ratio für die Gesamtsterblichkeit bei 1,24, für die koronare Sterblichkeit bei 1,29 und für Vorhofflimmern bei 1,68. Entscheidend ist der Trend: unter einem TSH von 0,10 waren die Risiken höher als zwischen 0,10 und 0,44.

Für dich bedeutet das: Ein sehr tiefes TSH ging mit einem um 68 Prozent erhöhten Risiko für Vorhofflimmern einher, und je tiefer, desto ausgeprägter. Zur Einordnung: hier wurden Menschen unter Schilddrüsenmedikamenten ausgeschlossen, es geht also um eine körpereigene Überfunktion. Der Mechanismus ist derselbe.

Collet TH, Gussekloo J, Bauer DC et al. Arch Intern Med. 2012;172(10):799-809. PMID: 22529182 · DOI: 10.1001/archinternmed.2012.402 [Meta-Analyse, k=10, n=52.674]

Eine Behauptung, die ich freundlich, aber deutlich richtigstellen möchte

Auf mehreren deutschsprachigen Seiten steht, ein TSH unter 0,1 sei unter NDT normal und unbedenklich, weil sich das TSH unter T3-haltiger Therapie eben anders verhalte. Der erste Teil stimmt: T3 kann das TSH stärker drücken. Der zweite Teil ist durch die Daten nicht gedeckt. Die drei Arbeiten oben umfassen zusammen mehr als 140.000 Menschen und zeigen unterhalb von 0,10 durchgehend in dieselbe Richtung.

Ich unterstelle niemandem böse Absicht. Dieser Satz entsteht vermutlich aus einer verständlichen Beobachtung: Menschen fühlen sich mit tiefem TSH oft besser, jedenfalls kurzfristig. Nur sagen Knochen und Herzrhythmus nichts, solange sie noch mitkommen. Genau deshalb misst man.

Warnzeichen, die ärztlich abgeklärt gehören

Zeichen, die für zu viel Schilddrüsenhormon sprechen können: Herzrasen, Herzstolpern oder unregelmäßiger Puls. Ausgeprägte innere Unruhe oder Zittern. Unerklärter Gewichtsverlust. Hitzeintoleranz und vermehrtes Schwitzen. Neu auftretende Schlaflosigkeit. Muskelschwäche, besonders in den Oberschenkeln.

Zeichen, die für zu wenig sprechen können: zunehmende Kälteempfindlichkeit, deutliche Verlangsamung, sehr langsamer Puls, Verstopfung, Gewichtszunahme ohne geänderte Ernährung, teigige Schwellung im Gesicht, starke Antriebslosigkeit. Die schottische Kohorte oben zeigt, dass ein zu hohes TSH mit ähnlichen Risiken einherging wie ein supprimiertes. Ängstliche Unterdosierung ist also keine sichere Seite.

Sofort ärztlich, im Zweifel über den Notruf 112: hohes Fieber zusammen mit sehr schnellem Puls, Erbrechen, Unruhe und Verwirrtheit können auf eine thyreotoxische Krise hindeuten. Zunehmende Benommenheit bis zur Bewusstseinstrübung mit Unterkühlung und sehr langsamer Atmung kann auf ein Myxödemkoma hindeuten. Beides ist selten und beides ist ein Notfall.

Unabhängig von der Hormondosis: eine neue oder rasch wachsende Schwellung am Hals, ein tastbarer Knoten, Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder ein Engegefühl gehören untersucht, unabhängig davon, wie die Laborwerte aussehen. Wie eine solche Abklärung abläuft, steht im Ratgeber Knoten und Struma abklären.

Besondere Vorsicht gilt bei bekannten Herzerkrankungen, im höheren Lebensalter, bei Vorhofflimmern in der Vorgeschichte und bei Osteoporose oder erhöhtem Frakturrisiko. In diesen Situationen ist der Abstand zwischen genug und zu viel kleiner, und die Kontrollen gehören entsprechend enger.

Bitte lies diesen Kasten, auch wenn du den Rest überspringst

Verschreibungspflichtig. Ärztlich begleitet. Kein Selbstversuch.

  • Natürliche Schilddrüsenhormone sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Sie gehören ausschließlich in eine ärztliche Verordnung und über eine Apotheke.
  • Kein Bezug aus dem Internet, aus dem Ausland ohne Rezept oder über Bekannte. Dort sind weder Herkunft noch Gehalt noch Rechtsrahmen gesichert.
  • Kein Selbstversuch und keine Selbstdosierung. Der Abstand zwischen ausreichend und zu viel ist bei diesem Präparat klein, und zu viel ist nicht harmlos.
  • Eine bestehende Schilddrüsentherapie wird niemals eigenmächtig geändert, reduziert oder abgesetzt. Jede Änderung erfolgt ausschließlich ärztlich begleitet, mit Laborkontrolle und festen Kontrollterminen.
  • Bei Herzerkrankungen, im höheren Lebensalter, bei Osteoporose und in der Schwangerschaft gelten zusätzliche Vorsichtsregeln.

Dieser Artikel ist eine Einordnung der Studienlage. Er ist keine Empfehlung für oder gegen ein Präparat und ersetzt kein ärztliches Gespräch.

Schwangerschaft: ein eigener Rahmen mit eigenen Zielwerten

In der Schwangerschaft gelten andere Zielwerte und ein anderer Betreuungsrahmen. Dafür gibt es eine eigene Leitlinie der American Thyroid Association von 2017, die von der Kinderwunschphase bis in die Stillzeit reicht. Der physiologische Grund ist einfach: Der Fetus ist im ersten Trimenon auf mütterliches T4 angewiesen, und T4 ist die Form, die die Plazenta in nennenswertem Umfang passiert. Deshalb ist eine T3-lastige Substitution hier nicht der Standardweg. Alles, was die Schilddrüsentherapie in der Schwangerschaft betrifft, gehört ausnahmslos in ärztliche Hände.

Alexander EK, Pearce EN, Brent GA et al. Thyroid. 2017;27(3):315-389. PMID: 28056690 · DOI: 10.1089/thy.2016.0457 [Leitlinie]

Wenn über ein T3-haltiges Präparat gesprochen wird, reicht ein TSH-Wert allein nicht aus. Sinnvoll ist die Kombination aus TSH, freiem T4 und freiem T3, in definiertem zeitlichem Abstand zur Einnahme, weil T3-Spiegel im Tagesverlauf schwanken. Welche Werte was aussagen, steht im Ratgeber Schilddrüsenwerte: welche wirklich zählen.

Der Reframe

Die Frage ist nicht: ist NDT gefährlich. Die Frage ist: bei welcher Dosis und welchem TSH steigt das Risiko, und wer schaut regelmäßig nach.

Ein Präparat ohne engmaschige Kontrolle ist riskanter als dasselbe Präparat mit Kontrolle. Das gilt für Levothyroxin genauso.

Und jetzt weißt du, warum der Satz über das angeblich unbedenkliche TSH unter 0,1 der Satz ist, den ich in diesem Themenfeld am unangenehmsten finde.

Die Rechts- und Versorgungslage in Deutschland

Angenommen, du denkst jetzt: gut, das wäre ein Gespräch wert. Dann stößt du in Deutschland auf eine Hürde, über die kaum jemand schreibt.

Kein NDT-Präparat ist in Deutschland als Fertigarzneimittel zugelassen. Es gibt hier also nichts, was man einfach verordnen und in der Apotheke abholen könnte.

Der legale Weg heißt Einzelimport und steht in Paragraph 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz. Diese Norm erlaubt es, in Deutschland nicht zugelassene Fertigarzneimittel unter engen Bedingungen einzuführen.

Die Bedingungen des Einzelimports, sinngemäß im Wortlaut

  • Auf vorliegende Bestellung einzelner Personen und in geringer Menge. Kein Vorrat, kein Handel.
  • Abgabe durch eine Apotheke im Rahmen der bestehenden Apothekenbetriebserlaubnis.
  • Rechtmäßige Verkehrsfähigkeit im Herkunftsstaat. Das Präparat muss dort zugelassen sein, woher es kommt.
  • Kein vergleichbares zugelassenes Arzneimittel verfügbar. Es darf kein hinsichtlich Wirkstoff identisches und in der Wirkstärke vergleichbares Arzneimittel für das Anwendungsgebiet zur Verfügung stehen. Bei Schilddrüsenhormonen ist das eine Frage, die ärztlich begründet werden muss.
  • Ärztliche oder zahnärztliche Verschreibung ist bei Arzneimitteln aus Nicht-EU-Staaten erforderlich.

Arzneimittelgesetz, Paragraph 73 Absatz 3. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de [Behördendokument]

Die zweite Möglichkeit sind Rezepturen über spezialisierte Apotheken. Auch das ist verschreibungspflichtig und kein Weg an einer ärztlichen Verordnung vorbei.

Es ist kein Graubereich und kein Schlupfloch, sondern ein klar geregelter Weg mit hohen Anforderungen. Wer NDT ohne Rezept im Internet bestellt, bewegt sich außerhalb dieses Rahmens, ohne Sicherheit über Herkunft und Gehalt. In aller Regel ist es keine Kassenleistung, es läuft über ein Privatrezept.

Ein Blick über den Atlantik, der überrascht

Viele nehmen an, in den USA sei NDT normal zugelassen. Das ist nicht der Fall.

0in Deutschland zugelassene NDT-Fertigarzneimittel
nichtFDA-zugelassen sind auch die US-Präparate aus tierischem Gewebe
1,5 Mio.Menschen bekommen sie in den USA trotzdem verordnet, geschätzt

Die FDA hält selbst fest, dass diese aus tierischem Gewebe gewonnenen Präparate nicht FDA-zugelassen sind. Sie wendet einen risikobasierten Vollzugsansatz an und hat Herstellern angekündigt, eine Guidance zur Entwicklung dieser Produkte in Richtung Zulassungsanträge herauszugeben.

Diese Spannung zwischen regulatorischem Status und gelebter Praxis ist vielleicht der ehrlichste Rahmen für das Thema. Kein Randphänomen, und trotzdem nirgends ein regulär zugelassenes Arzneimittel.

Der Reframe

Nicht zugelassen bedeutet nicht verboten. Es bedeutet: die Verantwortung liegt vollständig bei der verordnenden Person, und die Kontrolle muss engmaschiger sein als bei einem zugelassenen Präparat.

Ein Chargenwechsel ist deshalb kein Verwaltungsakt, sondern ein Anlass für eine neue Laborkontrolle.

Und jetzt weißt du, warum ein seriöses Gespräch über dieses Thema mit dem Rechtsrahmen anfängt und nicht mit dem Präparat.

Für wen das Thema aufkommt, und wie ein verantwortlicher Rahmen aussieht

Bleibt die Frage vom Anfang: Für wen ist das überhaupt relevant?

Für wen es aufkommt: für die etwa 10 Prozent, die trotz gut eingestellter Werte anhaltende Beschwerden haben. Diese Gruppe ist ein eigenes Thema, und sie hat viele mögliche Ursachen jenseits des Präparats. Beides steht ausführlich in Normale Werte und trotzdem Symptome und in Funktionelle Schilddrüsenunterfunktion.

Für wen ausdrücklich nicht: für alle, denen es unter Levothyroxin gut geht. Das ist der wichtigste Satz dieses Abschnitts, und er stammt nicht von mir, sondern aus der Post-hoc-Analyse von 143 Teilnehmenden. In der Gruppe mit wenigen Symptomen waren die Werte unter Levothyroxin signifikant besser als unter NDT. Ein Wechsel wäre dort nach dieser Datenlage kein Gewinn, sondern ein Rückschritt.

Was vorher auf den Tisch gehört

Aus der Perspektive der funktionellen Medizin ist die Reihenfolge entscheidend: erst die Bausteine und das Umfeld, dann das Präparat.

Fragen, die vor der Präparatefrage kommen

  • Einnahme und Aufnahme. Abstand zu Mahlzeiten, Kaffee, Kalzium, Eisen, Magensäureblockern. Hier liegt erstaunlich oft die Erklärung.
  • Eisen und Ferritin. Ein Mangel kann Müdigkeit erzeugen, die wie eine Unterfunktion aussieht. Siehe Eisenmangel, Schilddrüse und Schlaf.
  • Selen, Zink und Vitamin D. Die Cofaktoren, ohne die Umwandlung und Immunregulation schwerer laufen können. Siehe Selen, Zink, Eisen und Vitamin D.
  • Begleitende Autoimmunerkrankungen und Zöliakie. Die ETA nennt das ausdrücklich als Punkt, der geklärt sein kann, bevor über eine Kombination gesprochen wird. Siehe auch Ernährung bei Hashimoto.
  • Schlaf und Cortisolrhythmus. Erschöpfung hat selten nur eine Quelle.
  • Wechseljahre und Zyklus. Östrogen kann die Transportproteine verändern und damit die Rechnung. Siehe Schilddrüse und weibliche Hormone.

Wie ein verantwortlicher Rahmen aussieht

Wenn nach all dem die Frage bleibt, dann gehört sie in ein Gespräch mit klaren Regeln. Und zwar diesen.

Eine ärztliche Verordnung, keine Eigenregie. Vorher vereinbarte Kontrollintervalle mit Labor. Kontrolliert werden TSH, freies T4 und freies T3, nicht ein Wert allein. Vorher festgelegte Abbruchkriterien und ein vereinbarter Zeitpunkt für die ehrliche Zwischenbilanz. Die ETA nennt für die Kombination drei Monate als Frist, nach der ohne Besserung abgebrochen wird. Ich halte diese Klarheit für einen der stärksten Punkte der Leitlinie.

Was dieser Text nicht leisten kann und soll: eine Empfehlung für oder gegen NDT in deinem Fall. Dazu gehören Anamnese, Befund und Gespräch, und nichts davon passt in einen Blogartikel.

Was ich dir mitgeben möchte

Natürliche Schilddrüsenhormone sind weder das verschwiegene Mittel noch ein Kunstfehler. Sie sind eine über hundert Jahre alte, schwer zu standardisierende Präparategruppe mit einem fest eingebauten Verhältnis von T4 zu T3, das sich nicht an den Bedarf des einzelnen Menschen anpassen lässt.

Für die kleine Gruppe, der es unter Levothyroxin trotz guter Werte anhaltend schlecht geht, ist das Thema es wert, ärztlich besprochen zu werden. Genau deshalb gehört es in ärztliche Begleitung mit engmaschiger Kontrolle und nicht in Eigenregie.

Der Reframe

Die interessanteste Frage in diesem Themenfeld ist nicht: welches Präparat ist besser. Sie lautet: wie belastet bist du unter dem, was du gerade nimmst, und was ist alles noch nicht geprüft.

Wer diese zwei Fragen ehrlich beantwortet, braucht die Präparatefrage in vielen Fällen gar nicht mehr zu stellen.

Und jetzt weißt du, warum ich niemanden für schwierig halte, der dieses Thema anspricht. Es ist eine gute Frage. Sie hat nur eine kompliziertere Antwort, als beide Seiten im Internet behaupten.

Häufige Fragen zu natürlichen Schilddrüsenhormonen

Das sind die Fragen, die mir zu diesem Thema am häufigsten begegnen, in der Sprechstunde wie per Mail.

Was sind natürliche Schilddrüsenhormone genau?

Es ist getrocknetes, gemahlenes Schilddrüsengewebe vom Schwein, standardisiert auf einen Hormongehalt. International heißt die Gruppe NDT oder DTE, also desiccated thyroid extract. Bekannte Präparate sind Armour Thyroid, NP Thyroid, Erfa Thyroid und Thyroid-S. Enthalten sind T4 und T3 in einem weitgehend festen Verhältnis von etwa 4 zu 1, dazu T2, T1 und Thyreoglobulin. Die Präparate sind verschreibungspflichtig und in Deutschland nicht als Fertigarzneimittel zugelassen.

Ist NDT natürlicher als L-Thyroxin, und ist natürlicher besser?

Natürlich beschreibt hier die Herkunft, nicht die Passgenauigkeit. Das Mischungsverhältnis in der Schweineschilddrüse ist ein anderes als das, was ein menschlicher Körper täglich umsetzt. Die europäische Fachgesellschaft empfiehlt für Kombinationen ein Verhältnis von T4 zu T3 zwischen 13 zu 1 und 20 zu 1, NDT liegt bei etwa 4 zu 1. Natürlich und passend sind zwei verschiedene Fragen.

In welchem Verhältnis stecken T4 und T3 in NDT, und warum ist das ein Thema?

Das Verhältnis liegt bei etwa 4 zu 1. Eine Übersichtsarbeit von 2020 gibt an, dass die mittlere Tagesdosis, die das TSH in den Referenzbereich bringt, ungefähr 11 Mikrogramm T3 enthält. Ein Thema ist das, weil die ETA-Leitlinie 2012 ein Verhältnis zwischen 13 zu 1 und 20 zu 1 empfiehlt und schreibt, dass alle verfügbaren Kombinationspräparate darunter liegen und deshalb nicht empfohlen werden.

Was bringen T2, T1 und Thyreoglobulin in NDT?

Dass sie enthalten sind, stimmt. Was sie beim Menschen bewirken, ist offen. Eine Übersichtsarbeit aus Berlin und Greifswald hat 2020 zusammengetragen, was zu 3,5-T2 bekannt ist: die Daten stammen aus Zellkultur und aus Mausmodellen nach pharmakologischen Dosen. Beim Menschen ist die Messbarkeit dieser Stoffe im Blut bis heute strittig. Eine Humanstudie zum therapeutischen Nutzen des T2-Anteils ist nach heutiger Datenlage nicht bekannt.

Ist NDT in Studien besser als L-Thyroxin?

Nach der vorhandenen Evidenz nicht. Es existieren genau zwei randomisierte Doppelblind-Studien, beide aus derselben Arbeitsgruppe. Hoang 2013 mit 70 Teilnehmenden fand keine Unterschiede bei Symptomen und neurokognitiven Tests, aber rund 1,4 Kilogramm weniger Gewicht unter NDT. Shakir 2021 mit 75 Teilnehmenden fand als Gruppe keinen Unterschied, außer einer leicht höheren Herzfrequenz. Die Meta-Analyse von 2024 bestätigt das.

Wenn Studien keinen Unterschied zeigen, warum bevorzugen so viele Menschen NDT?

Diese Spannung ist real und ungeklärt. Eine Netzwerk-Meta-Analyse aus 11 randomisierten Studien mit 1.135 Menschen fand 52 Prozent Präferenz für NDT oder eine Kombination gegenüber 24 Prozent für L-Thyroxin allein, relatives Risiko 1,97. Zugleich zeigen die Fragebogen-Scores keinen Unterschied. Möglich ist, dass Crossover-Designs Präferenzurteile begünstigen, dass die Fragebögen das Relevante nicht erfassen, oder dass ein Effekt in einer Untergruppe im Mittelwert untergeht.

Warum empfehlen die Fachgesellschaften NDT nicht als Standardtherapie?

Sie nennen vier Gründe, alle mit Zahlen unterlegt. Erstens das Verhältnis von etwa 4 zu 1 gegenüber den empfohlenen 13 zu 1 bis 20 zu 1. Zweitens Chargenschwankungen: die FDA rief 2020 dreizehn Chargen wegen Überpotenz bis 115 Prozent des deklarierten T3 zurück, 2021 weitere wegen Unterpotenz. Drittens fehlende Langzeitdaten, die längste randomisierte Beobachtung dauerte 22 Wochen pro Arm. Viertens das Risiko eines supprimierten TSH.

Ist NDT in Deutschland zugelassen, und wie bekommt man es überhaupt?

Nein, in Deutschland ist kein NDT-Präparat als Fertigarzneimittel zugelassen. Der legale Weg führt über den Einzelimport nach Paragraph 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz: auf ärztliche Verschreibung, über eine Apotheke, in geringer Menge, und nur wenn kein hinsichtlich Wirkstoff identisches und in der Wirkstärke vergleichbares zugelassenes Arzneimittel verfügbar ist. Alternativ gibt es Rezepturen. Auch in den USA sind diese Präparate nicht FDA-zugelassen, obwohl dort geschätzt 1,5 Millionen Menschen sie verordnet bekommen.

Zahlt die Krankenkasse natürliche Schilddrüsenhormone?

In aller Regel nicht. Ein Einzelimport nach Paragraph 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz betrifft ein in Deutschland nicht zugelassenes Arzneimittel, und dafür besteht kein regulärer Erstattungsanspruch. Praktisch läuft das über ein Privatrezept, dazu kommen die Kosten der engmaschigen Laborkontrollen. Bei Rezepturen ist die Lage ähnlich. Eine Kostenübernahme im Einzelfall ist eine Frage an die jeweilige Kasse.

Welche Risiken hat NDT, und woran merkt man, dass die Dosis zu hoch ist?

Das größte Risiko ist eine zu hohe Dosis mit gedrücktem TSH, unabhängig vom Präparat. In einer schottischen Kohorte mit 17.684 Behandelten war ein supprimiertes TSH mit einem Frakturrisiko von Hazard Ratio 2,02 verbunden. Eine Meta-Analyse mit 70.298 Menschen fand bei TSH unter 0,10 ein mehr als dreieinhalbfach erhöhtes Risiko für Wirbelkörperfrakturen. Warnzeichen sind Herzrasen, innere Unruhe, unerklärter Gewichtsverlust, Hitzeintoleranz und Zittern.

Ist ein TSH unter 0,1 unter NDT normal?

Diese Aussage findet sich auf mehreren deutschen Seiten, sie ist durch die Daten aber nicht gedeckt. Eine gepoolte Analyse von 52.674 Menschen fand bei niedrigem TSH ein um 68 Prozent erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern, steigend unterhalb von 0,10. Eine Meta-Analyse mit 70.298 Menschen fand dort ein Risiko für Wirbelkörperfrakturen von Hazard Ratio 3,57. Ein niedriges, aber nicht supprimiertes TSH war dagegen nicht mit erhöhten Risiken verbunden.

Kann ich von L-Thyroxin einfach auf NDT umsteigen?

Nein. Eine bestehende Schilddrüsentherapie wird niemals eigenmächtig geändert, reduziert oder abgesetzt. Jede Änderung erfolgt ausschließlich ärztlich begleitet, mit Verordnung, definierten Kontrollintervallen und Laborkontrolle. Eine validierte Umrechnung gibt es nicht: die kursierenden Tabellen sind nicht durch Studien geprüft. Dazu kommt der Befund aus der Post-hoc-Analyse von 143 Teilnehmenden, dass Menschen mit wenigen Beschwerden unter L-Thyroxin sich unter NDT messbar verschlechterten.

Was gilt in der Schwangerschaft?

Die Schwangerschaft ist ein eigener Betreuungsrahmen mit eigenen Zielwerten, dafür gibt es eine eigene Leitlinie von 2017. Der Fetus ist im ersten Trimenon auf mütterliches T4 angewiesen, und T4 ist die Form, die die Plazenta in nennenswertem Umfang passiert. Das ist der Grund, warum eine T3-lastige Substitution hier nicht der Standardweg ist. Die FDA nennt in ihrer Rückrufmeldung von 2020 ausdrücklich Fehlgeburt und Beeinträchtigung der fetalen Entwicklung. Änderungen erfolgen hier ausnahmslos ärztlich begleitet.

Bringt ein Gentest auf die DIO2-Variante eine Entscheidungshilfe?

Nach heutiger Datenlage nicht. Eine Sekundäranalyse von 552 Menschen fand 2009, dass Trägerinnen und Träger des selteneren CC-Genotyps im Deiodinase-2-Gen, rund 16 Prozent, schlechtere Ausgangswerte hatten und unter T4 plus T3 stärker profitierten, ohne Unterschied bei den Hormonspiegeln. Die Autoren forderten selbst eine Replikation. Die randomisierte Studie von 2021 hat den Polymorphismus prospektiv mitgemessen und fand keinen Einfluss.

Die Schilddrüse und der Rest des Körpers

Ein Schilddrüsenhormon ist nie allein unterwegs. Es hängt an Cofaktoren, an der Stressachse und an der Energiebilanz. Von hier führen mehrere Wege weiter.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Schilddrüsenthemen interessiert mich weniger die Frage, welches Präparat das richtige ist, sondern welche Fragen davor noch unbeantwortet sind.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und ist keine Empfehlung für oder gegen ein Präparat. Er soll dir helfen, im nächsten Gespräch bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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  2. Shakir MKM, Brooks DI, McAninch EA, Fonseca TL, Mai VQ et al. Comparative Effectiveness of Levothyroxine, Desiccated Thyroid Extract, and Levothyroxine+Liothyronine in Hypothyroidism. J Clin Endocrinol Metab. 2021;106(11):e4400-e4413. PMID: 34185829 · DOI: 10.1210/clinem/dgab478 [RCT, n=75]
  3. Hoang TD, Patel AA, Spiro AJ, Watson NL, Shakir MKM. Use of the 36-Point Thyroid Symptom Questionnaire to Potentially Guide Optimal Thyroid Hormone Replacement Therapy. Endocr Pract. 2026;32(1):53-59. PMID: 40947017 · DOI: 10.1016/j.eprac.2025.09.007 [RCT, n=143]
  4. Nassar M, Hassan A, Ramadan S, Desouki MT, Hassan MA et al. Evaluating the effectiveness of combined T4 and T3 therapy or desiccated thyroid versus T4 monotherapy in hypothyroidism. BMC Endocr Disord. 2024;24(1):90. PMID: 38877429 · DOI: 10.1186/s12902-024-01612-6 [Meta-Analyse, k=16]
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Transparenz zur Evidenz Zu NDT gegen Levothyroxin gibt es weltweit genau zwei randomisierte Doppelblind-Studien, mit 70 und 75 Teilnehmenden, beide aus derselben Arbeitsgruppe und mit teilweise denselben Autoren. Die Meta-Analyse von 2024 konnte aus 6.394 Treffern genau diese zwei einschließen. Das ist eine schmale und wenig unabhängige Basis für ein Thema, über das seit Jahrzehnten gestritten wird. Die längste randomisierte Beobachtungsdauer beträgt 22 Wochen pro Arm, es gibt also keine Langzeitdaten zu Herz und Knochen. Die Registerauswertung von 2026 ist retrospektiv und nicht randomisiert. Was T2, T1 und Thyreoglobulin beim Menschen bewirken, ist ungeklärt, die Daten stammen aus Zellkultur und Maus, und die Messbarkeit dieser Stoffe im Blut ist strittig. Kein genanntes Präparat ist in Deutschland zugelassen, und auch in den USA sind sie nicht FDA-zugelassen. Präferenz- und Lebensqualitätsdaten widersprechen sich scheinbar, beide sind methodisch sauber, und warum das so ist, weiß niemand sicher. Der DIO2-Polymorphismus ist ein plausibler, aber nicht bestätigter Erklärungsansatz. Die Zufriedenheitsdaten aus Online-Umfragen und Forenanalysen sind selbstselektiert. Für Kinder, Schwangere und Menschen mit Herzerkrankungen gibt es zu NDT praktisch keine kontrollierten Daten, die randomisierten Studien schlossen Erwachsene zwischen 18 und 65 ohne relevante Begleiterkrankungen ein. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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