Ratgeber Schilddrüse · Reverse T3

Reverse T3: was der Wert zeigt, was er nicht zeigt, und warum er so umstritten ist

Gleiche Bausteine, andere Anordnung. Ein Molekül arbeitet, das andere nicht. Über einen Laborwert, an dem sich zwei Lager reiben, und über die Frage, wann ein Zeiger noch lange kein Ziel ist.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Ebene Messen Non-Thyroidal-Illness-Syndrom 35 Quellen mit DOI oder PMID Lesezeit ca. 22 Minuten
Warum ich das schreibe

Ich lasse reverse T3 gelegentlich bestimmen. Und ich halte die Zurückhaltung der Fachgesellschaften trotzdem für sachlich begründet. Beides gleichzeitig zu sagen ist unbequem. Es ist auch das Ehrlichste, was ich zu diesem Wert sagen kann.

Du hältst ein Laborblatt in der Hand. Oben die vertrauten Zeilen: TSH, freies T4, freies T3. Weiter unten eine Zeile, die du vorher nie gesehen hast.

Reverse T3. Daneben eine Zahl. Und ein kleiner Pfeil, der nach oben zeigt.

Vielleicht hat dir jemand gesagt, das erkläre nun endlich, warum du seit Monaten neben dir stehst. Vielleicht auch, dieser Wert sage gar nichts und das Geld dafür sei verloren. Wahrscheinlich hast du beides gehört, mit derselben Überzeugung im Ton. Also tippst du den Begriff ein. Und findest zwei Welten, die kaum miteinander reden.

Viele Menschen kennen genau dieses Muster. In meiner Sprechstunde höre ich es oft, und es geht dabei fast nie um Biochemie. Es geht darum, dass jemand eine Zahl in der Hand hält und niemanden findet, der sie ohne Absicht erklärt.

Genau das versucht dieser Text. Erst die Biologie. Dann die Kritik, in voller Schärfe. Und erst danach meine eigene Nutzung, ausdrücklich als Beobachtung.

Worum es in diesem Artikel geht

  • Warum zwei Lager über denselben Wert streiten
  • Was reverse T3 biologisch ist
  • Wann der Wert steigt, ohne dass etwas kaputt ist
  • Der Denkfehler zwischen Menge und Produktion
  • Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom
  • Warum ein Zeiger noch kein Ziel ist
  • Die Kritik an rT3, ohne Beschönigung
  • Wofür ich den Wert trotzdem nutze
  • Was du dir stattdessen anschauen kannst
  • 13 Fragen und 35 Quellen
klinisch Leitlinie oder Sprechstunde Human Studien am Menschen Gewebe Messung im Organgewebe Labor Messverfahren und Assays

Ein Wert, über den zwei Lager streiten, und beide haben etwas Richtiges

Die erste Welt sagt sinngemäß: Endlich eine Erklärung. Dein TSH ist unauffällig, dein freies T4 auch, und trotzdem bist du müde, frierst und denkst durch Watte. Reverse T3 sei der fehlende Baustein, es blockiere die Rezeptoren, es beweise eine gestörte Umwandlung. Dazu gibt es Rechner, Verhältniszahlen und Zielwerte.

Die zweite Welt sagt sinngemäß: Diesen Wert misst man nicht. Er steht in keiner Leitlinie, er ist nicht validiert, die Kasse zahlt ihn nicht.

Beide Lager haben einen Teil recht, und beide lassen etwas weg. Die Ausgangsbeobachtung des ersten Lagers ist real, und die europäische Fachgesellschaft erkennt sie ausdrücklich an: Es gibt Menschen unter Schilddrüsenhormon, deren TSH im Zielbereich liegt und die sich trotzdem nicht gut fühlen. Das ist kein Internetphänomen, das steht in einer Leitlinie.

klinisch Was die europäische Leitlinie selbst schreibt

Eine Arbeitsgruppe der European Thyroid Association hat 2012 aufgearbeitet, warum etwa 5 bis 10 Prozent der mit L-Thyroxin behandelten Menschen trotz normalem TSH weiter Beschwerden haben.

Als Erklärungen nennt die Task Force das Bewusstsein einer chronischen Erkrankung, begleitende Autoimmunerkrankungen, die Autoimmunität selbst, und die Schwierigkeit, mit einer reinen T4-Gabe gleichzeitig physiologische T4- und T3-Konzentrationen in Serum und Gewebe herzustellen.

Für dich heißt das: Das Grundproblem, um das die rT3-Debatte kreist, ist von der Fachwelt anerkannt. Der Streit dreht sich nur darum, ob ein bestimmter Laborwert taugt, um es zu fassen.

Wiersinga WM et al., Eur Thyroid J 2012;1(2):55-71. DOI: 10.1159/000339444 [Leitlinie]

Und das zweite Lager hat ebenfalls einen Punkt. Ein Wert, aus dem keine Behandlung mit belegtem Nutzen folgt, ist als Routinetest schwer zu rechtfertigen. Dazu kommen technische Einwände, weiter unten in einem eigenen Abschnitt.

Reframe

Dieser Text nimmt dir keine Seite ab. Er zeigt dir, warum es zwei Seiten gibt und wo die Belege jeweils aufhören.

Das ist kein Ausweichen, sondern der einzige ehrliche Umgang mit einem Wert, über dessen Bedeutung wir weniger wissen, als beide Lager behaupten.

Dieser Artikel steht im Schilddrüsen-Cluster auf der Ebene Messen. Die Frage dieser Ebene lautet nicht, was du tun sollst, sondern: Wie gut ist die Messung?

Zwei Themen streife ich deshalb nur: warum Symptome trotz unauffälliger Werte bestehen können, nachzulesen in Normale Werte, trotzdem Symptome, und was mit funktioneller Unterfunktion gemeint ist, nachzulesen in Funktionelle Schilddrüsenunterfunktion. Hier geht es nur um diesen einen Laborwert.

Und jetzt weißt du, warum der Streit über rT3 keiner über Fakten ist, sondern über die Reichweite einer Zahl.

Was reverse T3 überhaupt ist, in einfachen Worten

Stell dir zwei Schlüssel vor. Gleiche Fabrik, gleiches Metall, gleich viele Zacken. Nur sitzt bei einem eine Zacke auf der anderen Seite des Bartes. Der eine dreht sich im Schloss, der andere passt hinein und passiert nichts. Genau so verhalten sich T3 und reverse T3 zueinander.

Dein Körper stellt in der Schilddrüse überwiegend T4 her, ein Vorläuferhormon mit vier Jodatomen. T4 ist nicht das arbeitende Hormon, sondern das Halbfabrikat. Die Arbeit macht T3, und T3 entsteht erst draußen im Gewebe, indem ein einzelnes Jodatom abgespalten wird.

Entscheidend ist, wo es abgespalten wird. Das T4-Molekül hat zwei Ringe. Wird das Jod am äußeren Ring entfernt, entsteht T3, also 3,5,3'-Trijodthyronin, das aktive Hormon. Wird es am inneren Ring entfernt, entsteht 3,3',5'-Trijodthyronin, und das ist reverse T3.

Gleiche Bausteine, andere Anordnung. Ein einziger Unterschied in der Position, und das Molekül tut nicht mehr dasselbe.

Die drei Enzyme, die darüber entscheiden

Zuständig für diese Entscheidung sind die Deiodinasen. Es gibt drei davon, und sie sind Selenoenzyme, tragen also Selen im aktiven Zentrum.

Die Deiodinase 2 ist der Verstärker: Sie spaltet am äußeren Ring und macht aus T4 aktives T3. Die Deiodinase 3 ist der Ausschalter: Sie spaltet am inneren Ring, macht aus T4 reverse T3 und baut vorhandenes T3 zu T2 ab. Die Deiodinase 1 kann beides und sitzt vor allem in Leber und Niere.

Human Wo das Signal wirklich entsteht

Eine große Übersichtsarbeit in Endocrine Reviews hat zusammengetragen, wie das Schilddrüsenhormon-Signal in der Zelle gesteuert wird. Ergebnis: Die Deiodinasen liefern die größte dynamische Bandbreite dieser Steuerung, größer als Transporter oder Rezeptoren.

Für dich heißt das: Das Signal entsteht nicht im Blut, sondern in der Zelle. Ein Blutwert wie rT3 kann deshalb immer nur ein indirekter Hinweis sein, nie der Befund selbst.

Bianco AC et al., Endocr Rev 2019;40(4):1000-1047. DOI: 10.1210/er.2018-00275 [Mechanismus-Review]

Warum baut ein Körper überhaupt einen Ausschalter ein? Weil ein Stoffwechsel, der nur Gas geben kann, gefährlich wäre. Die Deiodinase 3 wird in Herzmuskel und Gehirn hochreguliert, wenn Sauerstoff knapp wird, und kann dort den Energieverbrauch senken. Das ist ausdrücklich als Schutzmechanismus beschrieben, nicht als Fehler.

Der Satz, auf den es ankommt

Reverse T3 ist nicht der Feind von T3. Es ist der Abdruck einer Bremse, die zum selben System gehört. Wer den Abdruck sieht, weiß, dass gebremst wurde, aber noch nicht, warum.

Die Sache mit der Rezeptorblockade

Auf vielen deutschen Seiten liest du, reverse T3 setze sich auf die T3-Rezeptoren und blockiere sie. Das Bild ist eingängig. Die Datenlage trägt es in dieser Schärfe nicht.

Labor Die zentrale laborchemische Übersicht zu rT3

Halsall und Oddy haben in den Annals of Clinical Biochemistry zusammengetragen, was über Biochemie, Messung und klinische Bedeutung von reverse T3 bekannt ist. Es ist eine der wichtigsten Einzelquellen zu diesem Wert.

Ihr Befund: rT3 ist das dritthäufigste zirkulierende Jodthyronin im Blut, bindet nur schwach an die nukleären T3-Rezeptoren und gilt als inaktives Endprodukt, das T4 vom T3-Weg wegleitet. Beschrieben ist zusätzlich eine Bindung an Rezeptoren außerhalb des Zellkerns, deren klinische Bedeutung offen ist.

Für dich heißt das: Die Vorstellung vom Stöpsel im Schloss ist ein Bild, kein Befund. Reverse T3 verdrängt das aktive Hormon nicht vom Rezeptor, es entsteht auf einem anderen Weg aus demselben Ausgangsstoff.

Halsall DJ, Oddy S, Ann Clin Biochem 2021;58(1):29-37. DOI: 10.1177/0004563220969150 [Übersicht]

Der Unterschied klingt akademisch, ist aber bedeutsam. Wäre rT3 eine Blockade, läge es nahe, es entfernen zu wollen. Ist es das Endprodukt einer Weichenstellung, ist die interessante Frage nicht das Produkt, sondern die Weiche.

Wie diese Weiche im Detail funktioniert und warum verschiedene Gewebe unterschiedlich reagieren, steht in Von T4 zu T3: die Umwandlung.

Reframe

Ein hoher rT3-Wert ist keine Diagnose. Er ist eine Beobachtung über eine Weichenstellung im Gewebe, gesehen aus großer Entfernung, nämlich vom Blut aus.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem Warum wichtiger ist als die Zahl selbst.

Wann der Wert steigt, ohne dass etwas kaputt ist

Es gibt eine Handvoll Situationen, in denen reverse T3 zuverlässig ansteigt. Sie haben alle etwas gemeinsam: Der Körper hat gerade einen Grund, sparsam zu sein.

Fasten und knappe Energiezufuhr

Eine der klarsten Studien dazu ist fünfzig Jahre alt.

Human Vier Wochen ohne Kalorien, und die Weiche stellt sich um

Eine Gruppe um Vagenakis und Braverman ließ neun euthyreote Freiwillige mit Übergewicht vier Wochen lang vollständig fasten, eine zweite kleine Gruppe zuvor unter suppressiven Dosen L-Thyroxin.

Beobachtet wurde ein starker Abfall des Serum-T3, begleitet von einem proportional ähnlichen Anstieg des reverse T3, auch in der T4-suppressierten Gruppe. Nach fünf Tagen Wiederernährung kehrten beide Werte auf die Ausgangswerte zurück.

Für dich heißt das: Die Umschaltung passiert im Gewebe, denn sie trat sogar bei T4-Überschuss auf. Und sie ist in wenigen Tagen rückläufig, was für eine Regelantwort spricht und nicht für einen Schaden.

Vagenakis AG et al., J Clin Endocrinol Metab 1975;41(1):191-194. DOI: 10.1210/jcem-41-1-191 [In vivo, Mensch, n=13]

Interessant ist, dass nicht nur die Kalorienmenge zählt, sondern auch die Zusammensetzung.

Human Das Vermont-Experiment zur Überernährung

Danforth und Kollegen fütterten normalgewichtige Freiwillige über Wochen bis Monate deutlich über Bedarf und variierten dabei die Makronährstoffe.

Kurzzeitige Überernährung steigerte die T3-Produktionsrate deutlich, etwa von 29,6 auf 54,0 Mikrogramm pro Tag und 70 kg bei Kohlenhydraten, während die T4-Produktion unverändert blieb. Umgekehrt ahmte eine kohlenhydratarme Kost das T3- und rT3-Muster des Fastens in der Richtung nach, sogar bei gleicher Kalorienzahl.

Für dich heißt das: Eine sehr kohlenhydratarme Phase kann ein rT3-Muster erzeugen, ohne dass irgendetwas krank ist. Der Körper liest Kohlenhydratzufuhr offenbar als Information über die Versorgungslage.

Danforth E Jr et al., J Clin Invest 1979;64(5):1336-1347. DOI: 10.1172/JCI109590 [In vivo, Mensch, Überernährungsstudie]

Warum ein Körper im Defizit so viele Stellschrauben gleichzeitig dreht, steht in Kaloriendefizit: warum es stimmt und trotzdem nicht reicht. Die Schilddrüsen-Seite dieser Anpassung siehst du hier gerade.

Reframe

Dein Körper macht das nicht gegen dich. Er macht es, weil er gerade sparen soll.

Ein erhöhtes rT3 nach einer strengen Diätphase ist kein Beweis für einen Defekt, eher einer dafür, dass die Regulation funktioniert.

Krankheit, Operation, Intensivstation

Die zweite große Gruppe von Auslösern ist Krankheit selbst. Akute Infektionen, Operationen, Verletzungen, Sepsis und nahezu jede Form schwerer Erkrankung können das Muster in dieselbe Richtung verschieben: T3 fällt, rT3 steigt, TSH steigt nicht kompensatorisch an. Wie stark, hängt an der Schwere der Erkrankung. Ob das Muster Folge der Krankheit ist, Teil der Antwort darauf oder beides, ist bis heute umstritten.

Medikamente

Human Ein Kortisonpräparat, und der Wert bewegt sich innerhalb von Stunden

Chopra und Kollegen gaben fünfzehn Personen Dexamethason, 2 mg alle sechs Stunden über vier Dosen, und maßen engmaschig nach.

Reverse T3 stieg schon innerhalb von acht Stunden merklich an, mit einem Maximum nach 24 bis 32 Stunden, und blieb noch etwa einen Tag nach dem Absetzen erhöht. T3 fiel gegenläufig. Eine veränderte Proteinbindung schieden die Autoren als Erklärung aus.

Für dich heißt das: Ein einzelner Botenstoff aus dem Stressystem kann das Muster in Stunden erzeugen. Wichtig ist die Grenze dieser Studie: eine pharmakologische Dosis, kein Alltagsstress. Wer daraus ableitet, ein anstrengender Job erhöhe messbar dein rT3, geht über die Daten hinaus.

Chopra IJ et al., J Clin Endocrinol Metab 1975;41(5):911-920. DOI: 10.1210/jcem-41-5-911 [In vivo, Mensch, n=15]

Das zweite Beispiel ist Amiodaron gegen Herzrhythmusstörungen. Es hemmt die 5'-Deiodinase: Serum-T4 und Serum-rT3 steigen, Serum-T3 fällt. Manifeste Funktionsstörungen treten bei 14 bis 18 Prozent der langfristig Behandelten auf.

Wichtig zu Medikamenten

Wenn du eines dieser Medikamente nimmst, ändere daran bitte nichts eigenmächtig, weder Dosis noch Einnahmezeitpunkt, und schon gar nicht wegen eines Laborwerts. Änderungen an Kortisonpräparaten, Amiodaron, L-Thyroxin oder Thyreostatika gehören ausschließlich in ärztliche Begleitung.

Bei Amiodaron ist ohnehin ein festes Monitoring vorgesehen, laut deutscher Hausarzt-Leitlinie halbjährlich TSH, fT3 und fT4. Reverse T3 gehört dort nicht dazu.

Kurz zur Schwangerschaft

In der Schwangerschaft gelten für Schilddrüsenwerte andere Zielbereiche und ein anderer Betreuungsrahmen. Der Hormonhaushalt verschiebt sich physiologisch, die Bindungsproteine ändern sich, der Bedarf steigt.

Aus einem reverse-T3-Wert werden dort erst recht keine Schlüsse gezogen. Schilddrüsenfragen in der Schwangerschaft gehören in ärztliche Hände, engmaschig begleitet und ohne Selbstversuche.

Und jetzt weißt du, warum ein erhöhtes rT3 zuerst nach der Lebenslage fragt und nicht nach der Schilddrüse.

Der Denkfehler, der in dieser Debatte oft passiert

Jetzt kommt der Teil, der in der deutschsprachigen Ratgeberliteratur meist fehlt. Er ist banal, sobald man ihn einmal gehört hat, und er verändert alles.

Ein Laborwert misst eine Menge im Blut. Er misst keine Produktionsrate.

Stell dir eine Badewanne vor. Der Wasserstand steigt. Zwei Erklärungen sind möglich: Der Hahn läuft stärker, oder der Abfluss ist verstopft. Vom Wasserstand allein kannst du das nicht unterscheiden. Genau diese Frage hat 1978 jemand gemessen.

Human Die Studie, die fast niemand zitiert

Eisenstein und Kollegen bestimmten bei vier euthyreoten Personen mit Übergewicht kinetisch Produktionsrate und metabolische Clearance-Rate von reverse T3, vor dem Fasten und währenddessen.

Die Serumkonzentration von rT3 stieg um 69 Prozent. Gleichzeitig fiel die metabolische Clearance-Rate bei allen vier Personen, von 96 plus minus 23 auf 68 plus minus 17 Liter pro 70 kg und Tag. Daraus ergab sich rechnerisch nur ein leichter Anstieg der mittleren Produktionsrate. Die Autoren schlossen, dass die Deiodierung am inneren und am äußeren Ring unabhängig voneinander reguliert werden können.

Für dich heißt das: Beim Fasten stieg der rT3-Wert deutlich, obwohl kaum mehr rT3 gebildet wurde. Was sich verändert hatte, war der Abbau. Der Abfluss war langsamer geworden, nicht der Hahn stärker.

Eisenstein Z et al., J Clin Endocrinol Metab 1978;47(4):889-893. DOI: 10.1210/jcem-47-4-889 [In vivo, Mensch, Kinetik, n=4]

Dasselbe Prinzip gilt bei Amiodaron. Der Wert steigt dort nicht, weil mehr rT3 entsteht, sondern weil sein Abbau gehemmt wird. Und es gibt ein drittes Beispiel, das noch näher an deinem Alltag liegt.

Human 976 Menschen, und rT3 war dort am höchsten, wo am meisten T4 vorlag

Eine endokrinologische Praxis wertete rückblickend die ersten rT3-Messungen von 976 Personen aus, die unter Schilddrüsenbehandlung über Erschöpfung klagten, gemessen per Massenspektrometrie.

Der Anteil erhöhter Werte hing von der Art der Behandlung ab: 20,9 Prozent unter reiner T4-Gabe, also 29 von 139, gegenüber 9 Prozent ohne jede Hormonersatztherapie, also 31 von 345. In der Regression stieg rT3 mit freiem T4 und fiel mit dem logarithmierten TSH. Die niedrigsten Werte fanden sich unter reinen T3-Präparaten.

Für dich heißt das: Erhöhtes rT3 kommt unter L-Thyroxin häufiger vor. Der naheliegendste Grund ist aber kein Umwandlungsdefekt, sondern eine Substrat-Rechnung. Mehr Ausgangsmaterial, mehr Endprodukt.

Wilson JB et al., PLoS One 2025;20(6):e0325046. DOI: 10.1371/journal.pone.0325046 [Kohorte, n=976]

Der Umkehrschluss ist unbequem für beide Lager. Dass ein T3-haltiges Präparat den rT3-Wert senken kann, ist kein Wirksamkeitsbeleg. Es verringert schlicht das Ausgangsmaterial. Der Wert bewegt sich, ohne dass es dir deshalb besser geht. Ob ein T3-haltiges Präparat oder ein natürliches Schilddrüsenhormon für jemanden in Frage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung nach Untersuchung und Gespräch, und keine Frage, die sich an diesem Laborwert entscheidet.

Der Kern des Artikels

Dieselbe Zahl, drei sehr verschiedene Lesarten

Was die Zahl misst

Die Konzentration von reverse T3 im Blut, zu einem Zeitpunkt, mit dem Verfahren eines Labors.

Also eine Menge. Ein Wasserstand.

Was daraus oft gefolgert wird

Dein Körper produziere massenhaft rT3, die Umwandlung sei gestört, die Rezeptoren blockiert, der Wert müsse gesenkt werden.

Also Produktionsrate, Ursache und Therapieziel in einem Schritt.

Was die Studien zeigen

Beim Fasten stieg die Konzentration um 69 Prozent, während die Clearance von 96 auf 68 Liter pro 70 kg und Tag fiel und die Produktion kaum zunahm.

Unter Amiodaron steigt der Wert durch gehemmten Abbau, unter L-Thyroxin mit dem verfügbaren T4.

Quellen: Eisenstein 1978 (DOI: 10.1210/jcem-47-4-889), Halsall 2020 (DOI: 10.1177/0004563220969150), Wilson 2025 (DOI: 10.1371/journal.pone.0325046). Der Sprung von der Menge zur Produktionsrate ist der häufigste Fehler in der Laienliteratur, und er passiert meist unbemerkt.

Wenn du unter L-Thyroxin Beschwerden behältst, ist das ein eigenes, ernstzunehmendes Thema, das nicht an einem einzelnen Laborwert hängt. Daten und Optionen dazu stehen in L-Thyroxin und bleibende Symptome.

Reframe

Bevor du fragst, wie hoch der Wert ist, frag, ob er durch mehr Zufluss oder durch weniger Abfluss hoch geworden ist.

Diese eine Frage trennt eine sinnvolle Interpretation von einer Erzählung. Und jetzt weißt du, warum die meisten rT3-Texte an dieser Stelle abbiegen.

Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom, gut beschrieben und schlecht verstanden

Für dieses Muster gibt es drei Namen. Dass es drei sind, sagt etwas über die Verlegenheit des Feldes.

  • Non-Thyroidal-Illness-Syndrom, Schilddrüsenveränderung bei einer Krankheit außerhalb der Schilddrüse.
  • Low-T3-Syndrom, benannt nach dem auffälligsten Laborbefund.
  • Euthyroid-Sick-Syndrom, krank bei normaler Schilddrüsenfunktion.

Das Laborbild ist immer ähnlich: T3 niedrig, reverse T3 erhöht, T4 niedrig bis normal. Und, das Auffälligste, TSH steigt nicht kompensatorisch an, obwohl man es bei einer echten Unterfunktion erwarten würde.

Human Was in der Akutphase passiert

Langouche, Jacobs und Van den Berghe haben das Syndrom über alle Altersgruppen hinweg aufgearbeitet, von Frühgeborenen bis zu kritisch kranken Erwachsenen.

In der Akutphase entsteht das Muster überwiegend durch vermehrte periphere Inaktivierung, wobei eine reduzierte Nahrungsaufnahme mitspielt. Die Schwere der Erkrankung korreliert stark mit der Ausprägung, wobei die Autoren die Kausalität ausdrücklich als umstritten bezeichnen. Die akuten Veränderungen gelten heute als sinnvolle Anpassung, die Energie spart und die angeborene Immunantwort unterstützt.

Für dich heißt das: Die Fachliteratur beschreibt dieses Muster in der Akutphase nicht als Schaden, sondern als Antwort. Erst bei lang anhaltender Krankheit kommt eine zentrale Unterdrückung hinzu, die möglicherweise nicht mehr sinnvoll ist.

Langouche L, Jacobs A, Van den Berghe G, J Endocr Soc 2019;3(12):2313-2325. DOI: 10.1210/js.2019-00325 [Übersicht]

Die Leuvener Intensivmedizin hat das am schärfsten formuliert: Das Syndrom hat verschiedene Gesichter. In der frühen Phase betreffen die Veränderungen Hormonbindung, zellulären Aufnahmetransport und die Aktivität von D1 und D3, teils bedingt durch die begleitende Nährstoffrestriktion, und das erscheint günstig. Bei protrahierter kritischer Krankheit ist dagegen im Hypothalamus die TRH-Expression unterdrückt, was die niedrige TSH-Ausschüttung erklärt. Das Fazit der Autorin ist nüchtern: Die frühe Fastenantwort zu tolerieren erscheint sinnvoll.

Was im Gewebe tatsächlich passiert

Eine Arbeit hat nicht nur ins Blut geschaut, sondern direkt ins Gewebe. Sie ist unangenehm zu lesen und eine der aussagekräftigsten, die es dazu gibt.

Gewebe Biopsien aus Leber und Muskel schwer kranker Menschen

Peeters und Kollegen untersuchten Gewebe- und Blutproben von 80 auf einer Intensivstation verstorbenen Menschen, entnommen innerhalb von Minuten nach dem Tod.

Serum-rT3 lag höher, TSH, T4, T3 und das T3-zu-rT3-Verhältnis lagen niedriger als bei Gesunden. In der Leber war D1 herunterreguliert, und D3 war in Leber und Skelettmuskel induziert, obwohl es dort bei Gesunden gar nicht vorkommt. Am ausgeprägtesten war das bei kardiovaskulärem Versagen, dialysepflichtigem Nierenversagen und Katecholaminbedarf, also dort, wo die Gewebedurchblutung schlecht war.

Für dich heißt das: Das Bild im Blut ist kein Messfehler, es bildet ein echtes Ereignis im Gewebe ab. Und es bildet vor allem die Schwere der Grunderkrankung ab, nicht ein eigenständiges Schilddrüsenproblem.

Peeters RP et al., J Clin Endocrinol Metab 2003;88(7):3202-3211. DOI: 10.1210/jc.2002-022013 [Kohorte, n=80]

Gewebekonzentrationen von Schilddrüsenhormon spiegeln die niedrigen Serumwerte nicht zwangsläufig wider. Sie können je nach Organ und Art der Erkrankung sinken, gleich bleiben oder sogar steigen.

Sinngemäß nach Fliers und Boelen, J Endocrinol Invest 2021. DOI: 10.1007/s40618-020-01482-4 [Übersicht]

Das ist die deutlichste Absage an eine vereinfachende Blutwert-Interpretation, die es in dieser Literatur gibt, und sie kommt von zwei führenden Autoren des Feldes. Eine zweite Arbeit derselben Gruppe zeigt, dass sich die beteiligten Gene organabhängig in beide Richtungen verändern, von Hemmung bis Aktivierung.

In verschiedenen Organen läuft also zur gleichen Zeit Verschiedenes. Ein Blutwert zeigt davon nur einen Mittelwert, und Mittelwerte verschweigen gern die Extreme.

Was daraus für die Praxis folgt

Die deutsche Hausarzt-Leitlinie zieht daraus eine praktische Konsequenz. Sie benennt das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom ausdrücklich als Störgröße: bei akuter schwerer Erkrankung oder Anorexia nervosa zunächst eine milde TSH-Suppression, in der Erholungsphase eher eine TSH-Erhöhung, besonders zu beachten nach einem Krankenhausaufenthalt.

Das ist ein guter Rat, unabhängig von jeder rT3-Frage. Wer kurz nach einer schweren Erkrankung Schilddrüsenwerte bestimmen lässt, misst die Erkrankung mit.

Eine dritte Übersichtsarbeit fasst die therapeutische Seite in einem Satz zusammen, der sich seit Jahren nicht geändert hat: Es gibt weiterhin keine Indikation für eine Schilddrüsenhormon-Therapie bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen mit diesem Syndrom, auch wenn eine kleine Untergruppe eine Ausnahme sein könnte.

Und jetzt weißt du, warum das Muster gut beschrieben ist und trotzdem niemand sagen kann, was es für dich persönlich bedeutet.

Ein Zeiger ist kein Ziel

Dieser Abschnitt ist mir der wichtigste im Artikel. Er beantwortet eine Frage, die weit über die Schilddrüse hinausreicht: Warum kann ein Wert etwas anzeigen und trotzdem ein schlechtes Behandlungsziel sein? Fangen wir mit der starken Seite an.

Der Wert sagt etwas voraus, und zwar deutlich

Human 573 Herzpatienten, ein Jahr Nachbeobachtung

Iervasi und Kollegen untersuchten 573 aufeinanderfolgende Menschen mit Herzerkrankung mit komplettem Schilddrüsenprofil und beobachteten sie ein Jahr lang.

173 Personen hatten ein freies T3 unter 3,1 pmol/l, 400 einen normalen Wert. Die Gesamtsterblichkeit lag bei 14,4 gegenüber 3,0 Prozent. Im Cox-Modell war freies T3 der stärkste Prädiktor der Gesamtsterblichkeit, mit einer Hazard Ratio von 3,582, noch vor Fettstoffwechselstörung, Alter und Pumpfunktion.

Für dich heißt das: Der Wert ist ein starker Zeiger. Diese Studie hat die Debatte überhaupt erst befeuert. Sie zeigt allerdings nicht, dass der Wert ein Ziel ist.

Iervasi G et al., Circulation 2003;107(5):708-713. DOI: 10.1161/01.cir.0000048124.64204.3f [Kohorte, n=573]

Zwei weitere Kohorten bestätigen die Richtung. Bei 458 Menschen mit dilatativer Kardiomyopathie war das Low-T3-Syndrom der zweitstärkste Prädiktor der Sterblichkeit, Hazard Ratio 3,147, wobei nur 17 von 458 das Muster hatten. Bei 367 Menschen mit mildem bis mittelschwerem COVID-19 erfüllten 7,4 Prozent die Kriterien, und das Syndrom sagte eine Verschlechterung unabhängig voraus, adjustierte Odds Ratio 3,19.

Und trotzdem ändert das Anheben des Werts den Verlauf nicht

Jetzt die andere Hälfte, die in der deutschen Ratgeberliteratur selten vorkommt.

Human Der systematische Review zur Hormongabe

Kaptein, Beale und Chan suchten systematisch nach Studien, in denen T3 oder T4 gegen Placebo gegeben wurde, bei Adipositas unter Kalorienrestriktion und bei Erkrankungen außerhalb der Schilddrüse.

Das Ergebnis: keine konsistenten Effekte auf Gewichtsverlust, Proteinabbau, Stoffwechselrate oder Herzfrequenz. Bei akutem Nierenversagen lag die Sterblichkeit unter T4-Therapie 3,3-fach höher. Belegt war dagegen, dass eine solche Behandlung eine subklinische Überfunktion erzeugt.

Für dich heißt das: Es gibt mindestens ein Setting, in dem die gut gemeinte Korrektur eines Laborwerts mit einer erhöhten Sterblichkeit einherging. Das ist kein Argument gegen Schilddrüsenhormon bei echter Unterfunktion. Es ist ein Argument gegen die Behandlung einer Zahl.

Kaptein EM, Beale E, Chan LS, J Clin Endocrinol Metab 2009;94(10):3663-3675. DOI: 10.1210/jc.2009-0899 [Systematischer Review]

Zwei Meta-Analysen aus der Kinderherzchirurgie machen das Bild noch klarer. Dort liegt das Low-T3-Muster nach einer Operation an der Herz-Lungen-Maschine praktisch immer vor, die ideale Situation also, um zu prüfen, ob das Anheben des Werts etwas ändert.

Was gemessen wurdePrognose-Studien: der Wert als ZeigerInterventions-Studien: der Wert als Ziel
Herzerkrankung, Erwachsene Niedriges fT3: 14,4 gegenüber 3,0 Prozent Ein-Jahres-Sterblichkeit, HR 3,582 (Iervasi 2003) T3-Gabe ohne konsistente Effekte auf Herzfrequenz, Herzzeitvolumen, Widerstand (Kaptein 2009)
Kardiomyopathie Low-T3-Syndrom als zweitstärkster Prädiktor, HR 3,147 (Wang 2015) keine Interventionsstudie mit harten Endpunkten verfügbar
COVID-19, mild bis mittelschwer Syndrom bei 7,4 Prozent, adjustierte OR 3,19 für klinische Verschlechterung (Lui 2021) keine Interventionsdaten
Kinderherzchirurgie Low-T3-Muster nach Bypass nahezu regelhaft 9 Studien, 711 Kinder: kein Unterschied bei Beatmung, Intensiv- und Krankenhausaufenthalt, Sterblichkeit (Flores 2019)

Alle Angaben aus den im Quellenverzeichnis gelisteten Arbeiten. Die linke Spalte zeigt, dass der Wert etwas anzeigt. Die rechte zeigt, dass sein Anheben die untersuchten Endpunkte nicht veränderte.

Eine neuere Meta-Analyse auf Individualdatenebene verdient dabei eine feinere Lesart, und ich verkürze sie bewusst nicht.

Human 767 Kinder, und der Unterschied lag im Ausgangszustand

Radman und Kollegen führten fünf randomisierte Studien auf Individualdatenebene zusammen, 767 Kinder von null bis drei Jahren, zwei Studien aus den USA und drei aus Indonesien.

Insgesamt kein signifikanter Unterschied bei der Zeit bis zur Extubation, Hazard Ratio 1,09. Getrennt betrachtet lag sie in Indonesien bei 1,31 mit signifikantem Effekt, in den USA bei 0,95 ohne Effekt, dasselbe Muster beim Krankenhausaufenthalt. Ausgangs-TSH und Ausgangs-T3 waren in Indonesien deutlich niedriger, was die Autoren auf eine oft mit Mangelernährung verbundene Ausgangsschwäche zurückführen.

Für dich heißt das: Die Hormongabe veränderte den Verlauf dort, wo tatsächlich ein Mangelzustand vorlag, und nicht dort, wo der niedrige Wert nur Ausdruck des Eingriffs war. Das ist die feinste Nuance des Themas, und sie ist versöhnlich statt polemisch.

Radman MR et al., Pediatr Cardiol 2024;45(5):1100-1109. DOI: 10.1007/s00246-024-03465-1 [Meta-Analyse, k=5, n=767]
Reframe

Ein Rauchmelder wird nicht dadurch leiser, dass man ihn abschraubt.

Er zeigt zuverlässig an, dass irgendwo etwas brennt. Er ist trotzdem kein Ort, an dem man löscht. Genau dieses Verhältnis hat rT3 zu deinem Stoffwechsel. Es zeigt eine Lage an. Es ist nicht die Lage.

Und was, wenn ein gedämpftes Signal manchmal sogar günstig ist?

Eine Studie stellt den Reflex, mehr Schilddrüsenhormon sei immer besser, noch weiter infrage.

Human 599 Hochbetagte, eine komplette Geburtskohorte

Die Leiden 85-Plus-Studie begleitete 599 Menschen ab dem 85. Lebensjahr, im Mittel 3,7 Jahre lang.

Steigende TSH-Werte gingen mit niedrigerer Sterblichkeit einher, Hazard Ratio 0,77 pro Standardabweichung. Steigendes freies T4 ging mit höherer Sterblichkeit einher, Hazard Ratio 1,16. Mit Behinderung im Alltag, depressiven Symptomen und kognitiver Einschränkung war keiner der Werte assoziiert.

Für dich heißt das: Bei den Hochbetagten war ein niedrigerer Schilddrüsen-Sollwert mit längerem Leben verbunden. Eine Beobachtungsstudie, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Aber sie relativiert die Idee, ein gedämpftes Schilddrüsensignal sei immer ein Defekt.

Gussekloo J et al., JAMA 2004;292(21):2591-2599. DOI: 10.1001/jama.292.21.2591 [Kohorte, n=599]
Damit hier kein Missverständnis entsteht

Nichts davon spricht gegen eine bestehende Schilddrüsenbehandlung. Eine diagnostizierte Unterfunktion wird behandelt, und das ist gut begründet.

Wenn du L-Thyroxin oder ein Thyreostatikum nimmst, ändere daran bitte nichts von dir aus. Kein rT3-Wert und keine Passage in diesem Artikel ist ein Grund, eine Dosis zu reduzieren, ein Präparat zu wechseln oder etwas abzusetzen. Solche Änderungen gehören ausschließlich in ärztliche Begleitung.

Und jetzt weißt du, warum ein guter Marker und ein gutes Therapieziel zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Die Kritik, ohne Beschönigung

Jetzt die fünf Einwände gegen reverse T3 als Routinetest. Ich habe sie nicht abgeschwächt, weil ich sie für berechtigt halte.

Erstens: nicht validiert

Das rT3-zu-T3-Verhältnis ist als diagnostisches Kriterium nicht validiert. Kein Schwellenwert wurde je prospektiv gegen einen klinischen Endpunkt geprüft. Die laborchemische Übersicht sagt schlicht, dass die Messung von rT3 im Serum bis heute keine Routine-Anwendung gefunden hat. Wie stark eine Definition allein das Ergebnis verschieben kann, zeigt eine kleine Studie anschaulich.

Human Dieselben Kinder, zwei Kriterien, zwei Häufigkeiten

Duyu und Kollegen bestimmten bei 80 neu diagnostizierten krebskranken Kindern die Häufigkeit des Euthyroid-Sick-Syndroms nach zwei Definitionen. Kriterium 1: fT3 unter der Norm, fT4 normal oder niedrig, TSH normal. Kriterium 2: zusätzlich rT3 über der Norm.

Von 75 auswertbaren Kindern erfüllten 14, also 17,3 Prozent, das erste Kriterium und 8, also 10,6 Prozent, das zweite.

Für dich heißt das: Ob rT3 in der Definition steckt oder nicht, verändert die gemessene Häufigkeit derselben Sache in derselben Gruppe von 17,3 auf 10,6 Prozent. Bewegt die Definition das Ergebnis so stark, ist der Wert als Kriterium unsicher. Das meint nicht validiert, in Zahlen.

Duyu A et al., J Clin Res Pediatr Endocrinol 2018;10(3):198-205. DOI: 10.4274/jcrpe.0015 [Kohorte, Querschnitt, n=80]

Zweitens: die Messung ist nicht harmonisiert

Reverse T3 wurde lange per kompetitivem Radioimmunoassay bestimmt. Diese Verfahren sind inzwischen weitgehend durch Massenspektrometrie abgelöst. Nur misst eben nicht jedes Labor gleich.

Und das Problem betrifft nicht nur rT3. Ein von der American Thyroid Association beauftragtes internationales Panel, gemeinsam besetzt mit CDC und IFCC, stellte 2023 fest: Trotz fünfzig Jahren Methodenentwicklung bleiben Routine-Schilddrüsen-Assays anfällig für analytische Störungen, die falsche Ergebnisse erzeugen können. Ergebnisse verschiedener Assays dürften deshalb noch nicht als gleichwertig gelten. Wenn das schon für TSH und fT4 gilt, gilt es für einen selten gemessenen Wert erst recht.

Eine Nuance, die beide Lager überrascht

Dieselbe Kritik trifft auch die Werte, auf die sich die Routine stützt. Immunoassays für freie Schilddrüsenhormone werden durch Veränderungen der Bindungsproteine beeinflusst. Mehrere Studien fanden falsch normale Werte für T3, fT3 und fT4 im Immunoassay, die im massenspektrometrischen Referenzverfahren unterhalb des Referenzbereichs lagen.

Dieselben Autoren schlagen vor, bei fortbestehenden Beschwerden unter L-Thyroxin massenspektrometrisch zu messen. Der Streit verläuft also nicht sauber zwischen Labormedizin und funktioneller Medizin. Er verläuft quer durch beide.

Drittens: die Uhrzeit verschiebt das Ergebnis

Dieser Punkt ist mein Favorit, weil er so einfach ist und in keinem Online-Rechner vorkommt.

Labor 159 gesunde Menschen, morgens und nachmittags gemessen

Sun und Kollegen nahmen 110 gesunden Frauen und 49 gesunden Männern an vier Zentren jeweils morgens und nachmittags Blut ab und bestimmten alle Schilddrüsenhormone massenspektrometrisch.

Von morgens zu nachmittags fielen Gesamt-T3 und freies T3 signifikant ab, während freies T4 und reverse T3 signifikant anstiegen. Geschlechtsunterschiede fanden sich nicht.

Für dich heißt das: Wenn fT3 im Tagesverlauf fällt und rT3 gleichzeitig steigt, dann bewegt sich das fT3-zu-rT3-Verhältnis allein durch die Uhrzeit der Blutabnahme. Ohne dass sich in deinem Körper etwas Grundsätzliches geändert hätte.

Sun Q et al., Ther Adv Endocrinol Metab 2020;11:2042018820922688. DOI: 10.1177/2042018820922688 [In vivo, Mensch, n=159]

Damit ist auch beantwortet, warum die Grenzwerte im Netz einander widersprechen. Einmal soll das Verhältnis größer als 2 sein, einmal größer als 20, dazu Umrechnungsdiskussionen über den Faktor 1000. Der Grund ist banal: Weil kein Schwellenwert je gegen einen klinischen Endpunkt geprüft wurde, kann jede Zahl in Umlauf gebracht werden, ohne widerlegt zu werden.

Viertens: keine Fachgesellschaft empfiehlt die Bestimmung

Das ist Fakt, und die Begründung ist wichtiger als das Ergebnis.

Die amerikanische Leitlinie zur Behandlung der Unterfunktion von 2014 hält Levothyroxin als Behandlungsstandard fest. Sie sagt an keiner Stelle, rT3 sei Unsinn. Sie sagt etwas Präziseres: Es fehlt bisher ein validierter Marker, der über das TSH hinaus zeigt, wie es dem Gewebe geht. Reverse T3 ist ein Kandidat für diese Rolle, und er hat die Prüfung bisher nicht bestanden.

Die deutsche Lage in zwei Sätzen

Die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin zum erhöhten TSH-Wert erwähnt reverse T3 im gesamten Leitlinientext kein einziges Mal. Sie hält bereits die Bestimmung des fT3 bei erhöhtem TSH für ohne Zusatznutzen.

Wenn schon fT3 in dieser Konstellation als verzichtbar gilt, ist nachvollziehbar, warum rT3 kein Kassenwert ist. Das ist keine Willkür, sondern dieselbe Logik.

Fünftens: wer den Test bestellt, und was das über die Evidenzlage sagt

Hier wird es heikel, deshalb vorab: Ich rede über die Evidenzlage, nicht über Kolleginnen und Kollegen.

Human 402.386 Laboraufträge, ausgewertet

Schmidt und Kollegen werteten alle Schilddrüsen-Testanforderungen eines nationalen Referenzlabors über ein Jahr aus, ergänzt um einen systematischen Literaturreview.

Von 402.386 Aufträgen entfielen 91.767 auf reverse T3, von 60.733 Anforderern. Nur 20 Prozent aller Anforderer bestellten überhaupt jemals rT3, und 95 Prozent von diesen höchstens zweimal. Umgekehrt verantworteten 100 Anforderer, also 0,1 Prozent, 29,5 Prozent aller rT3-Aufträge. Der Literaturreview fand wenig Evidenz, die dieses Volumen stützt.

Für dich heißt das: Die Anwendung konzentriert sich extrem stark auf eine kleine Gruppe von Behandelnden, und die publizierte Literatur trägt dieses Volumen nicht. Das ist kein Urteil über Motive, sondern eine Aussage über die Datenlage.

Schmidt RL et al., Thyroid 2018;28(7):842-848. DOI: 10.1089/thy.2017.0645 [Übersicht]

Eine kleine Prüfung an einer amerikanischen Universitätsklinik ging in dieselbe Richtung: Von 20 rT3-Anforderungen erschienen 11 im klinischen Kontext unangemessen. Die Fallzahl ist winzig, das gehört dazu. Der Wert dieser Arbeit liegt in der Positionsformulierung, nicht in der Statistik.

Bleibt die Kostenfrage. In Deutschland ist reverse T3 in der Regel keine Kassenleistung und wird als individuelle Gesundheitsleistung abgerechnet. Konkrete Beträge nenne ich bewusst nicht, weil sie sich je nach Labor unterscheiden.

Eine Strukturparallele, die man kennen sollte

Die funktionelle Medizin kennt ein zweites Konzept mit fast identischer Bauweise: eine reale Beobachtung, eine eingängige Erzählung darüber, und eine Messgröße, die diese Erzählung nicht trägt. Ausführlich beschrieben in Adrenal Fatigue: was an der Nebennierenschwäche dran ist. Der Streit geht dort wie hier selten über das Erleben. Er geht über die Frage, ob eine Zahl es abbilden kann.

Reframe

Die Leitlinien empfehlen diesen Test nicht, aus vier nachvollziehbaren Gründen: fehlende Validierung, fehlende Harmonisierung der Messung, fehlende Eindeutigkeit der Ursache und fehlende Therapie mit belegtem Nutzen.

Was eine funktionelle Sicht zusätzlich fragt, ist nicht: Ist das Kriterium gültig? Sondern: Welche Situation steht hinter diesem Muster? Nur die erste Frage lässt sich mit einem Grenzwert beantworten.

Und jetzt weißt du, warum ich dieser Kritik weitgehend zustimme.

Wofür ich den Wert in meiner Sprechstunde manchmal trotzdem nutze

Jetzt wird es persönlich, und ich markiere das ausdrücklich als das, was es ist.

Klinisch beobachte ich, dass ein deutlich erhöhtes reverse T3 bei jemandem, der sich seit Monaten kraftlos fühlt, fast immer neben anderen Auffälligkeiten steht: meist eine erhöhte Entzündungslage, manchmal eine lange sehr knappe Energiezufuhr, manchmal eine noch nicht lange zurückliegende schwere Erkrankung, manchmal eine Medikamentenliste, über die vorher niemand gesprochen hat.

Das ist eine Beobachtung. Keine Studie, nicht kontrolliert, ausdrücklich nicht validiert. Ich habe keine Kontrollgruppe, ich sehe eine ausgewählte Gruppe von Menschen, und ich weiß nicht, wie oft ich mich täusche.

Was der Wert für mich sein kann, ist eine Frage: Steckt dieser Körper gerade in einem Spar- oder Belastungszustand? Beantwortet wird sie anschließend nicht am rT3, sondern an Entzündungslage, Eisen- und Nährstoffversorgung, Energiezufuhr, Schlaf, Medikamentenliste und zeitlichem Abstand zur letzten schweren Erkrankung.

Meine Position, so knapp wie möglich

Was der Wert kann und was er nicht kann

Was er kann: Er kann eine Frage aufwerfen und ein Gespräch über Kontext eröffnen, das sonst nicht stattfindet. Und er kann in seltenen Konstellationen laborchemisch weiterführen.

Was er nicht kann: Er beweist keine Unterfunktion, begründet keine Behandlung, ist kein Therapieziel und ersetzt keine Basisuntersuchung.

Wer mir sagt, sein rT3 sei erhöht, bekommt deshalb keine Behandlung gegen rT3. Er bekommt Fragen zu den letzten sechs Monaten seines Lebens.

Die seltene, aber echte Indikation

Nicht für die Routine geeignet ist nicht dasselbe wie nutzlos. Die laborchemische Übersicht beschreibt eine Situation, in der rT3 tatsächlich einen diagnostischen Fingerabdruck liefern kann: bei genetischen Störungen der Deiodinasen, Hormontransporter oder Bindungsproteine.

Das sind seltene Konstellationen für spezialisierte Zentren, und sie haben mit der Frage, ob Alltagsstress dein rT3 hebt, nichts zu tun. Aber sie erklären, warum der Wert überhaupt existiert.

Wie ehrlich die Evidenz auf meiner Seite aussieht

Wer die Kritik am Gegenüber ernst nimmt, muss die eigene Evidenzlage genauso hart benennen.

Was es an publizierten Berichten zur T3-basierten Behandlung bei erhöhtem rT3 gibt, sind kleine Fallserien ohne Vergleichsgruppe. Die bekannteste beschreibt neun Personen mit Schimmelexposition und Erschöpfung, alle berichteten über eine Besserung. Kein Kontrollarm, keine Verblindung, keine vorab definierten Endpunkte, mehrere Dinge gleichzeitig verändert. Daraus lässt sich für dich nichts ableiten. Ich führe die Arbeit nur an, damit du siehst, worauf sich diese Seite stützt.

Der wichtigste Satz dieses Abschnitts

Kein reverse-T3-Wert ist ein Grund, L-Thyroxin oder ein Thyreostatikum eigenmächtig zu ändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Auch nicht ein sehr hoher.

Wenn deine Behandlung nicht zu deinem Befinden passt, ist der nächste Schritt ein Gespräch mit der behandelnden Praxis. Bring den Befund mit, bring die Fragen mit. Aber ändere nichts allein.

Wann etwas unabhängig von jedem Laborwert abgeklärt gehört
  • Ein neu getasteter Knoten am Hals oder eine Schwellung, die rasch größer wird
  • Heiserkeit, die nicht vergeht, oder Schluckstörungen
  • Herzrasen, Herzstolpern oder unregelmäßiger Puls
  • Ausgeprägte innere Unruhe mit Gewichtsverlust, Zittern und starkem Schwitzen
  • Starke Verlangsamung mit Kälteintoleranz, zunehmender Schwellung und Benommenheit

Das gehört zeitnah ärztlich abgeklärt. Vertiefend: Morbus Basedow und Überfunktion sowie Knoten und Struma abklären.

Und jetzt weißt du, wie ich einen Wert nutze, den ich selbst für nicht validiert halte, und warum das kein Widerspruch ist, solange man die Grenze laut ausspricht.

Was du dir stattdessen oder zusätzlich anschauen kannst

Kein Protokoll, keine Dosierungen, keine Reihenfolge zum Abarbeiten. Stattdessen die Fragen, die mehr Ertrag bringen als eine zweite rT3-Messung.

Der Zeitpunkt und der Kontext der Messung

Bevor eine Zahl gedeutet wird, gehören drei Angaben dazu: Wie lange liegt die letzte schwere Erkrankung oder Operation zurück? Um welche Uhrzeit wurde Blut abgenommen? Und in welcher Ernährungsphase warst du davor?

Die deutsche Hausarzt-Leitlinie rät ausdrücklich, Schilddrüsenwerte nach einem Krankenhausaufenthalt nicht sofort zu bestimmen. Eine Nachmittagsabnahme liefert ein anderes Verhältnis als eine Morgenabnahme. Und eine strenge Diätphase kann das Muster für sich genommen erzeugen.

Die Entzündungslage

Wenn ein rT3-Muster auffällt, lohnt der Blick auf Entzündung meist mehr als der zweite Blick auf die Schilddrüse. Das ist einer der wenigen reproduzierbaren Begleitbefunde.

Human Zwei unabhängige Arbeiten, dieselbe Richtung

Eine brasilianische Gruppe verglich 52 Menschen mit Typ-2-Diabetes und 52 gepaarte Kontrollen und maß neben allen Hormonen auch hochsensitives CRP.

CRP korrelierte positiv mit rT3 und negativ mit den Verhältnissen fT4 zu rT3 und fT3 zu rT3. In einer zweiten, größeren Untersuchung mit 258 Personen korrelierte zusätzlich Interleukin-6 in beiden Diabetesgruppen positiv mit rT3, unabhängig von Geschlecht, Alter, Gewicht und Langzeitzucker.

Für dich heißt das: Der Zusammenhang zwischen stiller Entzündung und dem rT3-Muster ist mehrfach beschrieben. Das sind Beobachtungsdaten, keine Kausalbelege. Als Suchrichtung sind sie trotzdem ergiebiger als eine Zielzahl für ein Hormonverhältnis.

Moura Neto A et al., Endocr J 2013;60(7):877-884. DOI: 10.1507/endocrj.ej13-0030 [Case Control, n=104] · Moura Neto A et al., Endocrine 2016;51(1):63-71. DOI: 10.1007/s12020-015-0651-5 [Kohorte, Querschnitt, n=258]

Was stille Entzündung ist und woran man sie erkennt, steht in Stille Entzündung und Gewicht. Warum Entzündung auch die Eisenverwertung verschiebt und dabei einen ähnlichen Denkfehler produziert, steht in Eisen, Entzündung und die Hepcidin-Blockade.

Energiezufuhr und Kohlenhydratanteil

Wenn du seit Monaten deutlich unter Bedarf isst oder sehr kohlenhydratarm lebst, ist ein verschobenes T3-zu-rT3-Bild eher zu erwarten als überraschend. Das ist keine Aufforderung, eine Ernährungsform aufzugeben, sondern eine Einladung, den Befund in diesem Licht zu lesen. Der größere Zusammenhang steht in Kaloriendefizit: warum es stimmt und trotzdem nicht reicht.

Eisen und Ferritin

Eisenmangel ist einer der häufigsten Begleiter von Erschöpfung und hat eigene Berührungspunkte zur Schilddrüse und zum Schlaf, ausführlich in Eisenmangel, Schilddrüse und Schlaf. Hier gehört nur der Hinweis her, dass Ferritin und Entzündungsmarker gemeinsam gelesen werden sollten.

Selen, und warum ich hier bewusst bremse

Der naheliegendste Kurzschluss lautet: Die Deiodinasen sind Selenoenzyme, also müsste mehr Selen die Umwandlung verbessern. So einfach ist es nach der Datenlage nicht.

Eine Übersichtsarbeit zu Selen und Schilddrüse hält fest, dass schon sehr geringe Selenmengen für die Aktivität der Deiodinasen zu genügen scheinen. Der Selenstatus scheint dagegen die Entwicklung von Schilddrüsen-Erkrankungen zu beeinflussen, ein anderes Thema. Nach Langzeit-Supplementierung wurde zudem ein erhöhtes Diabetesrisiko berichtet.

Deshalb keine Dosis und keine Empfehlung in diesem Artikel. Die Daten dazu stehen in Selen, Zink, Eisen und Vitamin D bei Schilddrüsenthemen.

Die Medikamentenliste, ohne etwas zu ändern

Schreib einmal alles auf, was du regelmäßig nimmst, Nahrungsergänzung eingeschlossen. Nicht, um etwas wegzulassen, sondern um es in der Sprechstunde auf den Tisch legen zu können.

Die Basiswerte richtig lesen

Und schließlich: Bevor ein Sonderwert bestimmt wird, sollten die Standardwerte sauber gelesen sein. Welche Werte es gibt, was sie aussagen und wo Referenzbereiche herkommen, steht in Schilddrüsenwerte: welche wirklich zählen. Bei Antikörpern und der Frage nach einer Autoimmunerkrankung führt der Weg zu Hashimoto: Ursachen im Immunsystem.

Fragen, die vor der nächsten Messung wichtiger sind als die Messung

  • Was soll mit dem Ergebnis passieren? Ohne klare Antwort ist die Messung nicht dringlich.
  • Wie lange liegt die letzte schwere Erkrankung zurück? Kurz danach misst du die Erkrankung mit.
  • Wie war die Energiezufuhr der letzten Wochen? Eine strenge Phase kann das Muster erzeugen.
  • Wie ist die Entzündungslage? CRP ist als Messgröße besser standardisiert als rT3.
  • Welche Medikamente stehen auf der Liste? Kortisonpräparate und Amiodaron sind die bekanntesten Einflüsse.
  • Sind die Basiswerte in Ruhe besprochen? Sonderwerte kommen zuletzt, nicht zuerst.
Zum Mitnehmen

Reverse T3 ist kein Diagnosewert. Wer daraus eine Diagnose macht, überdehnt eine Zahl, die weder standardisiert gemessen noch gegen einen Endpunkt geprüft ist. Als Frage taugt sie trotzdem etwas. Nur beantwortet man sie woanders.

Und jetzt weißt du, warum die interessantere Bewegung nicht darin besteht, eine Zahl zu verändern, sondern die Lage zu verstehen, die sie anzeigt.

Häufige Fragen zu reverse T3

Was ist reverse T3 einfach erklärt?

Reverse T3 ist ein naher Verwandter des aktiven Schilddrüsenhormons T3. Beide entstehen aus demselben Vorläufer T4 und tragen drei Jodatome. Der Unterschied liegt allein an der Ringposition des dritten Jods: bei T3 wurde es am äußeren Ring abgespalten, bei reverse T3 am inneren. Das Ergebnis bindet an den Kernrezeptor nur schwach und gilt als weitgehend inaktives Endprodukt. Ein Exot ist es trotzdem nicht: rT3 ist das dritthäufigste Jodthyronin im Blut.

Was bedeutet ein erhöhter reverse-T3-Wert?

Zunächst nur, dass zum Zeitpunkt der Blutabnahme mehr davon zirkulierte, als der Referenzbereich vorsieht. Erhöhte Werte tauchen typischerweise auf bei Fasten, knapper Energiezufuhr, akuter Erkrankung, nach Operationen und unter bestimmten Medikamenten. Er ist ein Hinweis auf den Kontext, keine Diagnose. Ein Schwellenwert, ab dem daraus eine Behandlung folgen sollte, wurde nie gegen einen klinischen Endpunkt geprüft.

Wie entsteht reverse T3 im Körper?

Aus dem Vorläuferhormon T4, durch Enzyme, die Jod abspalten. Die Deiodinase 2 spaltet am äußeren Ring und macht aktives T3, die Deiodinase 3 spaltet am inneren Ring und macht reverse T3, die Deiodinase 1 kann beides. D3 ist der Ausschalter des Systems. Sie wird in Herzmuskel und Gehirn bei Sauerstoffmangel hochreguliert und bei schwerer Krankheit auch in Leber und Skelettmuskel, wo sie bei Gesunden gar nicht vorkommt.

Blockiert reverse T3 wirklich die T3-Rezeptoren?

Die zentrale laborchemische Übersichtsarbeit von Halsall und Oddy sagt: rT3 bindet nur schwach an die nukleären T3-Rezeptoren und gilt als inaktives Endprodukt, das T4 vom T3-Weg wegleitet. Das populäre Bild vom Stöpsel im Schloss trägt die Datenlage nicht. Beschrieben ist zusätzlich eine Bindung an Rezeptoren außerhalb des Zellkerns, deren klinische Bedeutung offen ist.

Welche Ursachen kann ein hohes rT3 haben?

Am besten belegt sind längeres Fasten und deutliche Energieknappheit, sehr kohlenhydratarme Phasen, akute Infektionen, Operationen, Verletzungen, Sepsis, Intensivbehandlung und Medikamente, allen voran Glukokortikoide und Amiodaron. Auch die Uhrzeit der Blutabnahme spielt hinein, weil rT3 im Tagesverlauf ansteigt. Unter reinem L-Thyroxin liegt der Wert häufiger über der Norm, weil mehr Ausgangsmaterial vorhanden ist.

Wie hoch sollte das fT3-zu-rT3-Verhältnis sein?

Darauf gibt es bislang keine belastbare Antwort. Kein Schwellenwert dieses Verhältnisses wurde je gegen einen klinischen Endpunkt geprüft. Dazu kommt, dass Labore unterschiedliche Einheiten und Messverfahren nutzen und dass sich das Verhältnis allein mit der Uhrzeit der Blutabnahme verschiebt. Wer dir eine feste Zielzahl nennt, nennt eine Konvention, kein Studienergebnis.

Warum stehen im Internet so unterschiedliche Grenzwerte für die rT3-Ratio?

Weil keine dieser Zahlen belegt ist und deshalb auch keine widerlegt werden kann. In denselben Foren steht einmal, das Verhältnis solle größer als 2 sein, einmal größer als 20, dazu Umrechnungsdiskussionen über den Faktor 1000. Solange kein Schwellenwert gegen ein hartes Ergebnis geprüft wurde, kann jede Zahl in Umlauf gebracht werden. Genau das meint nicht validiert.

Kann Fasten oder eine Diät den rT3-Wert erhöhen?

Ja, das ist eine der ältesten und saubersten Beobachtungen zu diesem Wert. In einem Versuch von 1975 fiel unter vier Wochen Kalorienkarenz das T3 stark ab, während rT3 proportional anstieg. Nach fünf Tagen Wiederernährung kehrten beide Werte auf die Ausgangswerte zurück. Auch eine sehr kohlenhydratarme Kost kann das Muster in dieselbe Richtung verschieben, sogar bei gleicher Kalorienzahl.

Wieso ist mein rT3 unter L-Thyroxin erhöht?

Eine Auswertung von 976 Menschen mit Erschöpfungssymptomen unter Schilddrüsenbehandlung fand erhöhte rT3-Werte bei 20,9 Prozent derjenigen unter reiner T4-Gabe, gegenüber 9 Prozent ohne Hormonersatztherapie. rT3 stieg mit dem freien T4 an. Die einfachste Erklärung ist eine Substrat-Rechnung: mehr Ausgangsmaterial, mehr Endprodukt. Das ist kein Beleg für eine Umwandlungsstörung und ausdrücklich kein Grund, an der Medikation etwas zu ändern. Das gehört in die ärztliche Sprechstunde.

Warum will meine Ärztin oder mein Arzt kein reverse T3 bestimmen?

Meist nicht aus Desinteresse, sondern aus vier Gründen: Der Wert ist als diagnostisches Kriterium nicht validiert, die Messverfahren sind zwischen Laboren nicht austauschbar, ein hoher Wert lässt sich keiner Ursache eindeutig zuordnen, und aus dem Ergebnis folgt keine Behandlung mit belegtem Nutzen. Die deutsche Hausarzt-Leitlinie erwähnt reverse T3 kein einziges Mal.

Zahlt die Krankenkasse den reverse-T3-Test?

In der Regel nicht. Reverse T3 wird in Deutschland üblicherweise als individuelle Gesundheitsleistung abgerechnet. Was der Test kostet, unterscheidet sich je nach Labor, deshalb nenne ich bewusst keine Zahl. Die wichtigere Frage ist ohnehin nicht der Preis, sondern was mit dem Ergebnis geschehen soll. Ohne klare Antwort darauf ist die Messung nicht die dringlichste Ausgabe.

Kann man reverse T3 senken, und bringt das etwas?

Dieser Artikel gibt dazu bewusst keine Anleitung, und der Grund ist inhaltlich: Es gibt keine Studie, die zeigt, dass ein gesenktes rT3 für dich ein besseres Ergebnis bedeutet. In der Intensivmedizin wurde genau das mit Schilddrüsenhormon versucht. Ein systematischer Review fand keine konsistenten Effekte, bei akutem Nierenversagen war die Sterblichkeit unter T4 sogar 3,3-fach erhöht. Die sinnvollere Frage lautet, warum der Körper gerade spart. Und unabhängig davon gilt: Kein rT3-Wert ist ein Grund, L-Thyroxin, ein Thyreostatikum oder ein anderes Präparat eigenmächtig zu ändern oder abzusetzen. Solche Entscheidungen gehören in ärztliche Begleitung.

Was ist das Low-T3-Syndrom oder Euthyroid-Sick-Syndrom?

Drei Namen für dasselbe Muster: Non-Thyroidal-Illness-Syndrom, Low-T3-Syndrom, Euthyroid-Sick-Syndrom. Gemeint ist eine Konstellation bei Menschen, die nicht primär schilddrüsenkrank sind: T3 niedrig, reverse T3 erhöht, TSH nicht kompensatorisch erhöht, T4 niedrig-normal. In der Akutphase gilt sie heute als sinnvolle Anpassung, die Energie spart und die Immunantwort unterstützt. Bei langem Verlauf ist das Bild komplizierter.

Reverse T3 und der Rest des Körpers

Dieser Wert steht nicht für sich. Er hängt an der Stressachse, an der Entzündungslage und an der Eisenverwertung.

Welche Cofaktoren der Energiestoffwechsel braucht, steht in Von der Kalorie zur Energie: die Cofaktoren.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Laborwerten interessiert mich weniger, ob eine Zahl auffällig ist, sondern was sie messen kann und wo ihre Reichweite endet. Reverse T3 ist dafür das Lehrstück.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir bessere Fragen ermöglichen, wenn du das nächste Mal einen Befund in der Hand hältst.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz Gut belegt ist die Biochemie: dass reverse T3 durch Deiodierung am inneren Ring entsteht, dass die Deiodinase 3 dabei die Hauptrolle spielt und dass der Wert bei Fasten, schwerer Krankheit und unter bestimmten Medikamenten ansteigt. Deutlich dünner wird es ab hier, und diese Stellen benenne ich einzeln. Erstens: Für den Zusammenhang zwischen chronischer Alltagsbelastung und rT3 bei sonst gesunden Menschen gibt es bislang keine sauberen Interventionsdaten. Belegt sind die Effekte von Kortisonpräparaten in pharmakologischer Dosis und die Effekte schwerer Krankheit. Zweitens: Für das fT3-zu-rT3-Verhältnis existiert kein Schwellenwert, der prospektiv gegen einen klinischen Endpunkt geprüft wurde. Die im Netz kursierenden Zahlen widersprechen einander. Drittens: Die Vorstellung, rT3 blockiere die T3-Rezeptoren, ist ein Bild und kein Befund. Die Bindung an den Kernrezeptor ist schwach, die Bedeutung der beschriebenen Bindung an Rezeptoren außerhalb des Zellkerns ist offen. Viertens: Fast die gesamte belastbare Literatur zu diesem Wert stammt von schwer kranken Menschen, häufig von Intensivstationen. Ob dieselben Regeln für jemanden gelten, der müde ist und arbeiten geht, ist nicht untersucht. Fünftens: Die Zusammenhänge zwischen Entzündungsmarkern und rT3 stammen aus Beobachtungsstudien an Menschen mit Diabetes und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Sechstens: Was es an Berichten zur T3-basierten Behandlung bei erhöhtem rT3 gibt, sind kleine Fallserien ohne Vergleichsgruppe, mit gleichzeitiger Veränderung mehrerer Faktoren. Daraus lässt sich nichts ableiten, was für dich gilt. Siebtens: Die Angaben zur Kassenlage in Deutschland beruhen auf einer Recherche im Netz, nicht auf einer amtlichen Primärquelle, deshalb steht dort eine vorsichtige Formulierung und keine Zahl. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und ausdrücklich kein Studienergebnis.

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