Ratgeber Schilddrüse · Ernährung und Immunsystem

Ernährung bei Hashimoto: was die Studien zeigen und was Erfahrung ist

Gluten, Jod, Kohl und Soja werden seitenlang verhandelt. Der am besten belegte Ernährungspunkt bei Hashimoto ist ein ganz anderer, und er steht in fast keinem deutschen Ratgeber.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Autoimmunität Gluten und Zöliakie Jod, Kohl, Soja 32 Quellen mit DOI
Warum ich das schreibe

In den Ratgebern zu Hashimoto wird seitenlang über Brokkoli und Sojamilch verhandelt. Der am besten belegte Ernährungspunkt bei dieser Erkrankung ist etwas anderes: der Abstand zwischen Tablette und Frühstück. Er kommt auf fast keiner deutschen Seite vor.

Du hast die Diagnose bekommen. Zu Hause tippst du zwei Wörter in die Suche: Hashimoto Ernährung.

Und dann kommt eine Liste. Kein Gluten. Kein Kohl. Keine Milch. Kein Soja. Kein Jod. Keine Nachtschattengewächse. Am Ende bleibt Reis mit Zucchini, und selbst da bist du dir nicht mehr sicher.

Am nächsten Tag stehst du im Supermarkt und weißt nicht, was du in den Wagen legen sollst.

Viele Menschen kennen dieses Muster. In meiner Sprechstunde höre ich es fast jede Woche, meist in einem Satz, der etwa so klingt: Ich habe schon so viel weggelassen und es ist nicht besser geworden.

Deshalb dieser Text. Er verteilt keine Verbote. Er legt offen, was bei Hashimoto tatsächlich untersucht wurde, mit Zahlen, Studiengrößen und den Stellen, an denen sich die Daten widersprechen. An manchen Stellen ist das Ergebnis beruhigender, als du denkst. An einer Stelle ist es überraschend konkret.

Was dich hier erwartet

  • Warum Ernährung bei einer Autoimmunerkrankung überhaupt andocken kann
  • Zöliakie bei Hashimoto: die Zahl, die überall fehlt
  • Warum der Test vor dem Weglassen kommen muss
  • Glutenfrei ohne Zöliakie: zwei Meta-Analysen, zwei Richtungen
  • Das Autoimmunprotokoll: was gemessen wurde und was nicht
  • Jod bei Hashimoto, ohne Panik und ohne Verharmlosung
  • Kohl, Brokkoli und Soja: die häufigste Frage der Sprechstunde
  • Der Einnahmeabstand, der bestbelegte Punkt des ganzen Themas
  • Was Ernährung nicht leisten kann, klar benannt
Klinisch RCTs, Leitlinien, kontrollierte Studien Beobachtung Kohorten, Fall-Kontroll-Studien, Übersichten Tiermodell Befunde aus Mausexperimenten Laborschale In-vitro-Daten

Warum Ernährung bei einer Autoimmunerkrankung überhaupt andocken kann

Die erste Frage ist selten die nach dem Brokkoli. Sie lautet: Was hat mein Essen mit meinem Immunsystem zu tun? Die Schilddrüse sitzt am Hals, der Darm liegt einen halben Meter tiefer. Warum sollte das eine mit dem anderen sprechen?

Weil dort unten der größte Teil deines Immunsystems arbeitet. Die Darmschleimhaut ist eine hauchdünne Grenze zwischen deinem Inneren und allem, was du isst. An dieser Grenze wird jeden Tag entschieden, was harmlos ist und was Alarm auslöst. Stell dir eine Grenzstation vor, die dauerhaft geöffnet hat und in der die Papiere sehr schnell geprüft werden müssen.

Ein Scoping Review von 2025 hat zusammengetragen, wo diese Grenzstation und die Schilddrüse einander berühren.

Beobachtung Studie · Darmflora und Schilddrüsenautoimmunität

Wer hat sie gemacht: Eine italienische Arbeitsgruppe um Sessa hat 2025 im Fachjournal Autoimmunity Reviews systematisch aufgearbeitet, welche Veränderungen der Darmflora an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse beteiligt sein könnten [Mechanismus-Review].

Was sie beschrieben haben: Drei Kopplungsstellen. Erstens eine gestörte Integrität der Darmbarriere, die zu Dysbiose führt und kurzkettige Fettsäuren reduziert. Zweitens molekulare Mimikry: Proteinsequenzen bestimmter Darmbakterien ähneln strukturell der thyreoidalen Peroxidase und dem Thyreoglobulin, also genau den beiden Eiweißen, gegen die sich die Antikörper bei Hashimoto richten. Drittens eine Verschiebung im T-Zell-Gleichgewicht, weg von den regulatorischen T-Zellen und hin zu T-Helfer-17-Zellen.

Was das für dich bedeutet: Es gibt einen plausiblen Pfad vom Darm zur Schilddrüse. Aus einem Pfad folgt aber nicht, dass eine bestimmte Diät ihn schließt. Das ist ein Mechanismus-Review und keine Interventionsstudie.

Sessa L et al. Autoimmun Rev. 2025;24(5):103780. PMID: 39971108 · DOI: 10.1016/j.autrev.2025.103780

Der Begriff molekulare Mimikry klingt technisch, meint aber etwas sehr Anschauliches. Zwei Menschen tragen denselben Mantel. Die Wache erkennt den Mantel, nicht das Gesicht. Wenn ein bakterielles Eiweiß einem körpereigenen Eiweiß ähnelt, kann eine einmal gestartete Abwehr beide treffen. Warum das Immunsystem bei Hashimoto überhaupt in diesen Zustand gerät, ist ein eigenes Kapitel, und ich habe es an anderer Stelle ausführlich beschrieben: Hashimoto und das Immunsystem.

Die zweite Verbindung ist unspektakulärer und praktisch mindestens so wichtig. Eine Übersichtsarbeit der Endokrinologie Graz beschreibt die Schilddrüsen-Darm-Achse aus einer ganz anderen Richtung [Mechanismus-Review]. Die Zusammensetzung der Darmflora beeinflusst, wie gut du Mikronährstoffe überhaupt aufnimmst. Jod, Eisen und Kupfer werden für die Hormonsynthese gebraucht, Selen und Zink für die Umwandlung von T4 in das aktivere T3, Vitamin D für die Immunregulation. Wer schlecht aufnimmt, hat weniger Baumaterial, ganz unabhängig davon, was auf dem Teller lag.

Damit sind wir bei der Grundlogik dieses Artikels. Ernährung kann bei Hashimoto an drei Stellen ansetzen: an der Barriere und der Immunregulation im Darm, an der Versorgung mit Bausteinen, und an der Aufnahme des Medikaments. Die dritte Stelle ist die am besten belegte, und sie kommt in Abschnitt sieben.

Die Mechanik der Darmbarriere, also Zonulin, Permeabilität und ihre Messbarkeit, breite ich hier bewusst nicht aus. Das steht ausführlich in Leaky Gut und Darmpermeabilität. Ebenso die Frage, was Gliadin und die sogenannten Amylase-Trypsin-Inhibitoren im Weizen jenseits der Zöliakie anrichten könnten: Gluten und Gliadin ohne Zöliakie. Und weil Ernährung nicht der einzige Umweltfaktor ist, der auf diese Achse einwirkt, gehört auch das Kapitel Schwermetalle und Hashimoto ins Bild.

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Der verbreitete Satz lautet: Wenn der Darm heil ist, kommt die Schilddrüse zur Ruhe. So einfach ist es nach heutiger Datenlage nicht. Was die Forschung zeigt, ist eine Verbindung, kein Schalter.

Der nüchternere Satz trägt weiter: Es gibt mehrere Stellen, an denen Essen auf dieses Krankheitsbild einwirken könnte. Manche sind gut untersucht, die meisten nicht. Und jetzt weißt du, warum niemand dir seriös eine Hashimoto-Diät verkaufen kann.

Gluten, Teil eins: die Zöliakie ist keine Randnotiz

Fast jede Diskussion über Hashimoto und Gluten beginnt an der falschen Stelle. Sie beginnt bei der Frage, ob Weizen dem Immunsystem schadet. Sie müsste bei einer anderen Frage beginnen: Bist du überhaupt getestet worden?

Denn es gibt eine Gruppe, für die Gluten nachweislich ein Problem darstellt. Und diese Gruppe ist bei Hashimoto deutlich größer als in der Allgemeinbevölkerung.

Klinisch Studie · Wie häufig Zöliakie bei Schilddrüsenautoimmunität ist

Wer hat sie gemacht: Eine Gruppe um Roy, unter anderem aus Columbia und Uppsala, hat 2016 in der Zeitschrift Thyroid alle Screening-Studien zusammengefasst, die bei Menschen mit Autoimmunerkrankung der Schilddrüse gezielt nach Zöliakie gesucht haben [Meta-Analyse, n=6.024].

Was sie gefunden haben: Gepoolt über 6.024 Betroffene lag die biopsiegesicherte Zöliakie bei 1,6 Prozent, mit einem Konfidenzintervall von 1,3 bis 1,9 Prozent. Das ist etwa eine von 62 Personen. Kinder mit Autoimmunthyreoiditis lagen bei 6,2 Prozent, Erwachsene bei 2,7 Prozent. Bei Überfunktion waren es 2,6 Prozent, bei Unterfunktion 1,4 Prozent. Die Heterogenität zwischen den Studien war hoch, mit einem I² von 70,7 Prozent.

Was das für dich bedeutet: Der Satz „es gibt da einen Zusammenhang" ist keine Information. „Etwa eine von 62, bei Kindern deutlich häufiger, und deshalb wird gezielt gesucht" ist eine.

Roy A et al. Thyroid. 2016;26(7):880-890. PMID: 27256300 · DOI: 10.1089/thy.2016.0108

Diese Häufung ist kein Zufall. Autoimmunerkrankungen treten in Gruppen auf. Eine Meta-Analyse aus 180 Arbeiten mit zusammen 293.889 Menschen mit Typ-1-Diabetes zeigt das Muster in aller Deutlichkeit: Unterfunktion der Schilddrüse bei 9,8 Prozent, Zöliakie bei 4,5 Prozent, Autoimmun-Gastritis bei 4,3 Prozent, Vitiligo bei 2,4 Prozent [Meta-Analyse, k=180, n=293.889]. Wenn das Immunsystem an einer Stelle die Toleranz verloren hat, lohnt der Blick auf die anderen Stellen.

1,6 %biopsiegesicherte Zöliakie bei Autoimmunthyreoiditis, gepoolt über 6.024 Menschen
6,2 %bei Kindern mit Autoimmunthyreoiditis, also fast jedes sechzehnte Kind
9,8 %Schilddrüsenunterfunktion bei Typ-1-Diabetes, aus 180 Arbeiten

Die zweite Hälfte dieses Abschnitts ist die wichtigere, und sie handelt von einer Reihenfolge.

Die aktualisierte Leitlinie des American College of Gastroenterology von 2023 beschreibt Zöliakie ausdrücklich als Multisystem-Erkrankung und nicht als isolierte Darmerkrankung [Leitlinie]. Das Screening läuft über Antikörper im Serum, vor allem gegen Gewebstransglutaminase. Bei den meisten Erwachsenen folgt zur Sicherung eine Dünndarmbiopsie. Behandelt wird mit strikter glutenfreier Ernährung und lebenslanger ärztlicher Begleitung.

Und jetzt der Punkt, an dem die deutsche Ratgeberlandschaft echten Schaden anrichtet: Diese Antikörper verschwinden unter glutenfreier Ernährung. Sie sind ja eine Reaktion auf Gluten. Nimmt man das Gluten weg, sinkt die Reaktion, und der Test wird unbrauchbar.

Die Reihenfolge entscheidet

Wer glutenfrei essen will, um es einmal auszuprobieren, sollte vorher wissen, ob eine Zöliakie vorliegt. Sonst geht die Möglichkeit einer sauberen Diagnose verloren.

  1. Erst abklären lassen. Die serologische Fallsuche gehört ins ärztliche Gespräch, gerade bei einer bekannten Autoimmunerkrankung der Schilddrüse.
  2. Dann entscheiden. Ist eine Zöliakie gesichert, ist glutenfrei keine Option, sondern die Behandlung, und sie gehört dauerhaft begleitet.
  3. Ist keine Zöliakie da, beginnt eine ganz andere Diskussion, und die Datenlage dafür ist deutlich dünner. Sie steht im nächsten Abschnitt.

Wer bereits monatelang glutenfrei isst und jetzt testen lassen möchte, bespricht das ärztlich. Eine sinnvolle Testung setzt in dieser Situation besondere Bedingungen voraus.

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Die verbreitete Frage lautet: Soll ich Gluten weglassen? Sie überspringt eine wichtigere.

Die bessere Frage lautet: Weiß ich, ob mein Körper Gluten wie ein Antigen behandelt? Für eine von 62 Personen mit Hashimoto ist das keine Geschmacksfrage, sondern eine Diagnose mit Konsequenzen für den Knochenstoffwechsel, die Eisenaufnahme und die Aufnahme von Medikamenten. Und jetzt weißt du, warum der Test vor dem Verzicht kommt.

Gluten, Teil zwei: was passiert ohne Zöliakie, ehrlich gerechnet

Jetzt wird es unbequem. Nicht weil die Antwort schlecht wäre, sondern weil es keine gibt.

Viele Menschen mit Hashimoto berichten, dass es ihnen ohne Weizen besser geht. Das nehme ich ernst. Es ist trotzdem etwas anderes als ein Nachweis, dass sich dabei an der Erkrankung etwas ändert. Schauen wir uns an, was tatsächlich gemessen wurde.

Die im deutschen Netz meistzitierte Arbeit stammt aus Polen und wird fast immer falsch wiedergegeben.

Beobachtung Studie · Die polnische Pilotstudie, die alle zitieren

Wer hat sie gemacht: Krysiak und Kollegen aus Katowice teilten 34 Frauen mit Autoimmunthyreoiditis in zwei Gruppen. Sechzehn hielten sechs Monate glutenfreie Ernährung, achtzehn änderten nichts [Kontrollierte Studie, n=34].

Was sie beobachtet haben: In der Vergleichsgruppe blieb im Wesentlichen alles unverändert. In der glutenfreien Gruppe sanken die Antikörpertiter, das 25-Hydroxy-Vitamin-D stieg leicht, und ein Rechenindex für die Sekretionsleistung der Schilddrüse verbesserte sich leicht.

Was das für dich bedeutet: Der entscheidende Satz steht im Kleingedruckten der Einschlusskriterien. Alle 34 Teilnehmerinnen hatten positive Antikörper gegen Gewebstransglutaminase, bewegten sich also im Grenzbereich zur Zöliakie. Das war keine Studie an Hashimoto ohne Zöliakie. Sie war außerdem nicht randomisiert und nicht verblindet, und die Autoren selbst nennen sie im Titel eine Pilotstudie.

Krysiak R et al. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2019;127(7):417-422. PMID: 30060266 · DOI: 10.1055/a-0653-7108

Zwei Meta-Analysen haben versucht, aus den vorhandenen Einzelstudien ein Gesamtbild zu machen. Sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, und dieser Widerspruch ist der eigentliche Informationsgewinn dieses Abschnitts.

Zwei Meta-Analysen im direkten Vergleich

Glutenfrei bei Hashimoto ohne Zöliakie: dieselbe Frage, zwei Antworten

Piticchio 2023
  • 4 Studien, 87 Personen, mittlere Dauer knapp 6 Monate [Meta-Analyse, k=4, n=87]
  • Tg-Antikörper: Effektstärke minus 0,39, p = 0,06
  • TPO-Antikörper: minus 0,40, p = 0,07
  • TSH: minus 0,35, p = 0,02
  • Freies T4: plus 0,35, p = 0,02
  • Freies T3: plus 0,05, nicht signifikant
Araújo 2025
  • Nur randomisierte Studien: 3 Arbeiten, 110 Personen [Meta-Analyse, k=3, n=110]
  • anti-Tg: minus 10,07 IU/ml, p = 0,010
  • anti-TPO: plus 76,19 IU/ml, p kleiner als 0,00001
  • TSH: minus 0,63 µIU/ml, p = 0,21
  • Freies T4: minus 0,33 ng/dl, p = 0,24
  • BMI: minus 1,80 kg/m²

Zwei Meta-Analysen, zwei Antikörper, zwei Richtungen. Die beiden Antikörperergebnisse bei Piticchio verfehlen mit p = 0,06 und p = 0,07 die übliche Signifikanzschwelle, werden im Netz aber als „Antikörper sinken" weitergegeben. Araújo stuft die Sicherheit der Evidenz zwischen „ernsten methodischen Bedenken" und „extrem ernster Ungenauigkeit" ein. Niemand weiß derzeit, warum ein Antikörper sinkt und der andere steigt.

Der interessanteste Nebenbefund steckt in der Subgruppen-Analyse von Piticchio. Die auffällige Streuung zwischen den Studien löste sich auf, sobald man trennte, ob eine glutenassoziierte Erkrankung mitspielte oder nicht. Die Autoren formulieren ihr eigenes Fazit vorsichtig: Die Ergebnisse deuten auf einen positiven Effekt hin, vor allem bei Menschen mit glutenassoziierten Beschwerden, aber die Evidenz reicht nicht aus, um diesen Ansatz allen mit Hashimoto zu empfehlen.

Es gibt eine einzige Arbeit, die glutenfrei direkt gegen eine andere Ernährungsform testet. Sie ist klein, aber sie stellt die Frage anders.

Klinisch Studie · Glutenfrei gegen mediterran gegen beides

Wer hat sie gemacht: Ülker und Kolleginnen randomisierten 40 neu diagnostizierte, noch unbehandelte Frauen mit Hashimoto über zwölf Wochen auf vier Gruppen: glutenfrei, mediterran, beides zusammen, Kontrolle [RCT, n=40].

Was sie beobachtet haben: Das freie T4 stieg in allen drei Interventionsgruppen signifikant, am deutlichsten in der mediterranen Gruppe. anti-TPO und anti-Tg sanken in allen Interventionsgruppen, aber der Unterschied zwischen den Gruppen war nicht signifikant. Körpergewicht, BMI, Taillen- und Hüftumfang sanken in allen Interventionsgruppen gegenüber der Kontrolle. Die Autorinnen führen den Effekt ausdrücklich auch auf den Gewichtsverlust zurück.

Was das für dich bedeutet: Wenn drei verschiedene Ernährungsumstellungen ähnlich ausgehen und in allen gleichzeitig das Gewicht sinkt, dann hängt der Effekt vermutlich nicht am Weizen. Er hängt daran, dass sich insgesamt etwas an Qualität und Menge verändert hat.

Ülker MT et al. Food Sci Nutr. 2024;12(2):1180-1188. PMID: 38370054 · DOI: 10.1002/fsn3.3833

Das ist der methodische Einwand, der durch fast alle Ernährungsstudien bei Hashimoto läuft und den ich in diesem Text noch einmal aufgreifen werde: In sehr vielen dieser Arbeiten sank gleichzeitig das Körpergewicht. Kein einziges Design trennt sauber, was dem Weglassen eines Lebensmittels zuzuschreiben ist und was der Energiereduktion.

Ob und wie sich Antikörper überhaupt gezielt beeinflussen lassen und was ein sinkender Titer praktisch bedeutet, ist eine eigene Frage. Sie steht in Hashimoto-Antikörper senken. Und wer wissen will, was jenseits der Zöliakie an Weizen diskutiert wird, findet das in Gluten und Gliadin ohne Zöliakie.

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Das Lager „glutenfrei bringt bei Hashimoto nichts" und das Lager „glutenfrei ist Pflicht" berufen sich beide auf dieselben vier bis fünf kleinen Studien. Beide gehen über die Daten hinaus.

Was ehrlich sagbar ist: Es könnte einer Untergruppe etwas bringen, vermutlich derjenigen mit glutenassoziierten Beschwerden, und wir wissen aktuell nicht, wer dazugehört. Ein zeitlich begrenzter Selbstversuch nach abgeschlossener Zöliakie-Abklärung ist legitim. Ein Dauerverzicht ohne erkennbaren Unterschied ist es weniger. Und jetzt weißt du, warum niemand dir diese Frage von außen beantworten kann.

Das Autoimmunprotokoll bei Hashimoto: was gemessen wurde und was nicht

Irgendwann taucht in jeder Recherche das Autoimmunprotokoll auf, meist abgekürzt als AIP. Und mit ihm ein Versprechen, das in Foren viel Kraft entfaltet: Menschen berichten, dass sie sich damit zum ersten Mal seit Jahren wieder lebendig gefühlt haben.

Kurz zur Einordnung, ohne das Thema hier auszubreiten: AIP ist eine gestufte Eliminationsdiät aus dem Paleo-Umfeld. In einer ersten Phase fallen Getreide, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Eier, Nachtschattengewächse, Nüsse, Samen, Alkohol und Zusatzstoffe weg. Danach wird schrittweise wieder eingeführt und beobachtet, was verträglich ist. Die Mechanik dieser Wiedereinführung, die Lektin-Diskussion und die Nachtschatten-Frage habe ich vollständig in Paleo, AIP und Autoimmunerkrankungen beschrieben. Hier geht es ausschließlich um das, was bei Hashimoto gemessen wurde.

Und das sind genau zwei Studien.

Beobachtung Studie · Die AIP-Studie, um die es immer geht

Wer hat sie gemacht: Abbott, Sadowski und Alt begleiteten 2019 siebzehn Frauen zwischen 20 und 45 Jahren mit bekannter Hashimoto-Thyreoiditis durch ein zehnwöchiges Online-Programm mit Health-Coaching, in dem das Autoimmunprotokoll umgesetzt wurde [Case Series, n=17].

Was sie gemessen haben: Die Lebensqualität verbesserte sich in allen acht Skalen des SF-36 signifikant, am deutlichsten bei körperlicher und emotionaler Rollenfunktion, Vitalität und allgemeiner Gesundheit. Die Symptomlast im Fragebogen der Cleveland Clinic sank im Mittel von 92 auf 29 Punkte. Das hochsensitive CRP fiel um 29 Prozent, von 1,63 auf 1,15 mg/l, mit p = 0,0219.

Was sie ausdrücklich nicht gefunden haben: Keine signifikante Veränderung von TSH, freiem und gesamtem T4, freiem und gesamtem T3. Und keine Veränderung der Schilddrüsenantikörper.

Abbott RD, Sadowski A, Alt AG. Cureus. 2019;11(4):e4556. PMID: 31275780 · DOI: 10.7759/cureus.4556

Wenn diese Studie in Ratgebern auftaucht, endet sie meistens beim CRP. Der Negativbefund fehlt. Genau er ist aber die eigentliche Nachricht.

Dazu kommen die Grenzen des Designs: siebzehn Personen, keine Kontrollgruppe, keine Randomisierung, keine Verblindung, zehn Wochen. Und die Intervention war ein Paket aus Diät, wöchentlichem Coaching und Gruppenzugehörigkeit. Wie viel davon auf die Ernährung entfällt, lässt sich aus dieser Arbeit nicht bestimmen. Zehn Wochen intensive Begleitung machen mit Menschen etwas, auch ohne dass ein einziges Lebensmittel wegfällt.

Beobachtung Studie · Zwölf Wochen AIP, und die Antikörper stiegen

Wer hat sie gemacht: Ihnatowicz und Kolleginnen aus Warschau begleiteten 28 Menschen mit Hashimoto im euthyreoten Zustand über zwölf Wochen unter dem Autoimmunprotokoll [Case Series, n=28].

Was sie beobachtet haben: Die Zahl der Personen mit Unwohlsein nahm ab. FT3, FT4 und TSH sanken und blieben dabei im Referenzbereich. Die Thyreoglobulin-Antikörper sanken leicht. aTPO stieg signifikant an. Das Schilddrüsenvolumen im Ultraschall nahm ab. Das Körpergewicht sank, was die Autorinnen ausdrücklich als Hinweis auf ein Kaloriendefizit werten.

Was das für dich bedeutet: Zusammen mit Abbott ergibt sich ein Bild, das nicht das erhoffte ist. Menschen fühlen sich unter AIP besser. Die Schilddrüsenantikörper folgen dem nicht, und in dieser Arbeit gehen sie in die andere Richtung.

Ihnatowicz P et al. Ann Agric Environ Med. 2023;30(3):513-521. PMID: 37772528 · DOI: 10.26444/aaem/166263
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Die übliche Deutung lautet entweder „AIP funktioniert" oder „AIP ist Placebo". Beide Sätze passen nicht zu den Daten.

Was in den Zahlen steht, ist etwas Drittes: Das Befinden hat sich deutlich verbessert, die Schilddrüse blieb unverändert. Beides ist gleichzeitig wahr. Wer nur den ersten Teil erzählt, verkauft eine Diät. Wer nur den zweiten Teil erzählt, entwertet die Erfahrung von Menschen, denen es wirklich besser ging. Lebensqualität ist ein legitimer Endpunkt. Sie ist nur kein Nachweis, dass sich die Autoimmunerkrankung verändert hat.

Eine kritische Übersichtsarbeit aus Thessalien von 2024 würdigt den Ansatz und benennt zugleich die Rechnung, die dazugehört [Übersicht]. Die vorliegenden klinischen Studien sind klein. Und die Belastung durch eine sehr restriktive Ernährung muss gegen den erwartbaren Nutzen abgewogen werden.

Diese Belastung ist real und wird in Ratgebern regelmäßig unterschlagen. Eine Eliminationsphase kostet Zeit, Geld und soziale Beweglichkeit. Sie kann Nährstofflücken erzeugen. Und sie kann bei manchen Menschen eine Beziehung zum Essen anstoßen, die enger und ängstlicher wird, als sie vorher war. Wenn du merkst, dass Listen im Kopf lauter werden als der Hunger, dass Einladungen zum Problem werden oder dass Kontrolle sich gut anfühlt, dann ist das ein Signal, kein Erfolg. Der Text Essstörungen verstehen beschreibt, wie fließend dieser Übergang sein kann.

Wenn du eine Eliminationsphase ausprobierst, dann als Experiment mit Enddatum

  • Vorher festlegen, wie lange. In den beiden Hashimoto-Studien waren es zehn und zwölf Wochen. Was danach kommt, gehört ins Konzept, bevor es losgeht.
  • Vorher festlegen, worauf du schaust. Energie, Schlaf, Verdauung, Gelenke, Stimmung. Aufgeschrieben, nicht aus der Erinnerung, weil Erinnerung an Befinden notorisch unzuverlässig ist.
  • Die Wiedereinführung ist der eigentliche Erkenntnisteil. Weglassen zeigt dir nur, dass es dir besser geht. Erst das schrittweise Zurückholen zeigt, woran es lag.
  • Nicht in einer Phase starten, in der ohnehin alles wackelt. Also nicht in der Schwangerschaft, nicht bei einer Essstörung in der Vorgeschichte, nicht in einer akuten Krise.
  • An der Medikation ändert sich dabei nichts. Eine Ernährungsumstellung ist kein Anlass, an einer Schilddrüsenmedikation etwas zu verändern. Das gehört ausschließlich in ärztliche Hände.

Und jetzt weißt du, warum ich beim AIP nicht von einer Therapie spreche, sondern von einem befristeten Versuch mit offenem Ausgang.

Jod bei Hashimoto: warum hier andere Regeln gelten

Jod ist das Thema, bei dem sich zwei Lager am unversöhnlichsten gegenüberstehen. Die eine Seite sagt: Die Schilddrüse braucht Jod, also nimm Jod. Die andere sagt: Bei Hashimoto ist Jod Gift, meide alles.

Beide Sätze sind zu grob. Die Daten sagen etwas Genaueres, und zwar über Mengen.

Beobachtung Studie · Drei Regionen, fünf Jahre, 3.018 Menschen

Wer hat sie gemacht: Teng und Kollegen verfolgten für das New England Journal of Medicine Menschen aus drei chinesischen Regionen mit unterschiedlicher Jodversorgung über fünf Jahre. Von 3.761 zu Beginn eingeschlossenen Personen nahmen 3.018 an der Nachuntersuchung teil [Kohorte, n=3.018].

Was sie beobachtet haben: Die drei Regionen unterschieden sich in der medianen Jodausscheidung im Urin: mild jodarm mit 84 µg/l, mehr als ausreichend mit 243 µg/l, exzessiv mit 651 µg/l. Die kumulative Fünfjahresinzidenz der Autoimmunthyreoiditis lag bei 0,2 gegenüber 1,0 gegenüber 1,3 Prozent. Die der subklinischen Unterfunktion bei 0,2 gegenüber 2,6 gegenüber 2,9 Prozent. Bei Menschen, die zu Beginn euthyreot, aber antikörperpositiv waren, traten in den beiden jodreicheren Regionen häufiger erhöhte TSH-Werte auf.

Was das für dich bedeutet: Mehr Jod ist bei Schilddrüsenautoimmunität nicht besser. Wichtig ist die Spannweite dieses Vergleichs: Er läuft von „mild jodarm" bis „exzessiv", nicht von „kein Jod" bis „normal". Es geht um die Vermeidung von Überversorgung, nicht um Jodvermeidung.

Teng W et al. N Engl J Med. 2006;354(26):2783-2793. PMID: 16807415 · DOI: 10.1056/NEJMoa054022

Mechanistisch ist die Richtung nachvollziehbar. Eine Übersichtsarbeit aus Athen beschreibt, was bei empfänglichen Personen unter Jodexzess passieren könnte [Mechanismus-Review]. Die Zahl der T-Helfer-17-Zellen in der Schilddrüse steigt, die Entwicklung regulatorischer T-Zellen wird gehemmt. Dazu kommt eine abnorme Expression eines Signalmoleküls namens TRAIL in den Schilddrüsenzellen, was den programmierten Zelltod fördert. Im Mausmodell zeigte sich außerdem, dass hohe Jodzufuhr das Thyreoglobulin-Molekül immunogener macht und mehr reaktive Sauerstoffspezies entstehen lässt [In vivo, Maus]. Der letzte Teil stammt ausdrücklich aus Tierexperimenten und ist beim Menschen so nicht belegt.

Jetzt kommt die Gegenprobe, und sie wird selten erzählt.

Die Nuance, die fast überall fehlt

Weniger Jod ist nicht automatisch das Gegenmittel

Ein systematischer Review von 2023 hat alle Ernährungsinterventionen bei Hashimoto gesichtet und aus 1.350 Publikationen neun auswertbare Arbeiten gefunden [Systematischer Review]. Eine davon untersuchte gezielt eine jodrestriktive Ernährung. Ergebnis: keine Verbesserung.

Das ist die logische Klammer, die im Netz fehlt. Aus „zu viel Jod ist bei Autoimmunität ungünstig" folgt nicht „wenig Jod bringt Besserung". Die Daten stützen Zurückhaltung bei hochdosierten Jodpräparaten. Sie stützen nicht, dass du jodiertes Speisesalz, Fisch oder Milchprodukte streichen solltest.

Die praktische Trennlinie verläuft zwischen normalen Lebensmitteln und konzentrierten Quellen. Jodiertes Salz und ein Stück Seelachs bewegen sich in einer Größenordnung. Getrocknete Braunalgen wie Kombu, hochdosierte Jodpräparate und manche Nahrungsergänzungen aus dem Netz bewegen sich in einer völlig anderen, mit stark schwankendem Gehalt.

Die Jodphysiologie selbst, also Bedarf, Aufnahme, Messung und die Frage, wie gut Deutschland versorgt ist, breite ich hier nicht aus. Das steht in Jod richtig einordnen.

In der Schwangerschaft kehrt sich die Logik um

Dieser Absatz ist kurz und wichtig. Die Leitlinie der American Thyroid Association von 2017 zur Schilddrüse in Schwangerschaft und Wochenbett regelt Referenzwerte, Jodversorgung, Umgang mit Antikörpern und das Screening eigenständig [Leitlinie]. In der Schwangerschaft gelten andere Zielwerte für den TSH. Und die Jodfrage dreht sich: Dort ist Jodmangel das dominierende Risiko, weil das Kind auf die mütterliche Versorgung angewiesen ist.

Konkret heißt das: Wenn du schwanger bist, schwanger werden möchtest oder stillst, ist kein Punkt aus diesem Artikel ein Anlass für einen Selbstversuch. Weder ein Jodverzicht noch eine Eliminationsdiät noch irgendeine Veränderung an der Medikation. Das gehört in eine ärztliche Begleitung, die für diese Situation gemacht ist.

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„Jod ist bei Hashimoto verboten" ist ein Satz, der viele Menschen in eine unnötige Angst vor Fisch, Salz und Sushi treibt.

Was die Daten tragen, ist eine andere Formulierung: Bei einer Schilddrüse, die bereits vom eigenen Immunsystem beobachtet wird, ist ein Zuviel ungünstiger als bei einer gesunden. Deshalb sind hochdosierte Jodpräparate ohne ärztliche Indikation keine gute Idee. Alles darunter ist Ernährung. Und jetzt weißt du, warum die Frage nicht „Jod ja oder nein" heißt, sondern „wie viel und woher".

Kohl, Brokkoli und Soja: die häufigste Frage in der Sprechstunde

Wenn ich Menschen mit Hashimoto frage, was sie seit der Diagnose weggelassen haben, kommt sehr oft dieselbe Antwort: Kohl. Und dann kommt der Nachsatz, halb entschuldigend: Ich weiß, das klingt komisch, aber ich traue mich nicht mehr.

Diese Frage ist nicht albern. Sie hat einen realen Kern, und der ist über hundert Jahre alt. Sie ist nur unterwegs sehr viel größer geworden, als die Daten sie tragen.

Der Begriff lautet Goitrogene, also kropfbildende Stoffe. Kreuzblütler wie Kohl, Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Grünkohl, Rettich und Senf enthalten Glucosinolate. Aus ihnen entstehen beim Zerkleinern Abbauprodukte, die die Aufnahme von Jod in die Schilddrüse behindern können. So weit stimmt es.

Entscheidend ist, woher diese Beobachtung kommt.

Beobachtung Studie · Woher die Goitrogen-Warnung stammt

Wer hat sie gemacht: Babiker und Kollegen fassten 2020 die Rolle der Mikronährstoffe bei Schilddrüsenfunktionsstörungen zusammen, mit einem Schwerpunkt auf Jod und den klassischen Goitrogenen [Übersicht].

Was sie beschreiben: Jodmangel ist weltweit die häufigste Ursache der Schilddrüsenunterfunktion. Als goitrogene Nahrungsmittel werden Kreuzblütler, Perlhirse, Sojaprodukte und Cassava genannt. Dazu kommen Umweltfaktoren, insbesondere die Belastung von Trinkwasser mit goitrogenen Substanzen, als Mitursache endemischer Kropfbildung in bestimmten Regionen. Der praktische Rat der Arbeit lautet, exzessiven Goitrogen-Konsum zu vermeiden, nicht Kreuzblütler zu streichen.

Was das für dich bedeutet: Die klassischen Beobachtungen stammen aus Jodmangelregionen, in denen Cassava und Hirse als Grundnahrungsmittel in großen Mengen gegessen werden. Das ist eine andere Ausgangslage als eine Portion Brokkoli in Berlin bei ausreichender Jodversorgung.

Babiker A et al. Sudan J Paediatr. 2020;20(1):13-19. PMID: 32528196 · DOI: 10.24911/SJP.106-1587138942

Eine polnische Übersichtsarbeit von 2024 hat sich genau diese Frage vorgenommen, nämlich ob der Ausschluss von Kreuzblütlern bei Hashimoto gerechtfertigt ist [Übersicht]. Die Antwort der Autorinnen aus Białystok: Glucosinolate können die Jodaufnahme hemmen, die Datenlage rechtfertigt jedoch keinen pauschalen Ausschluss aus der Ernährung bei Hashimoto. Der Volltext ist polnisch, weshalb ich diese Arbeit nur für die Einordnung heranziehe und nicht für Mengenangaben.

Zum Kochen, weil das die zweithäufigste Nachfrage ist: Erhitzen senkt den Gehalt an Glucosinolaten und ihren Abbauprodukten. Das ist chemisch gut nachvollziehbar. Für Hashimoto ist dieser Effekt allerdings nicht quantifiziert. Es gibt schlicht keine Studie, die gekochten gegen rohen Kohl bei Autoimmunthyreoiditis vergleicht. Wer täglich einen Liter grünen Smoothie mit rohem Grünkohl trinkt, bewegt sich in einer anderen Größenordnung als jemand, der zweimal die Woche Brokkoli isst. Das ist der ehrliche Stand.

Soja, und wo die Warnung tatsächlich herkommt

Bei Soja sind die Zahlen präziser, und sie sind erstaunlich unaufgeregt.

Klinisch Studie · Die Soja-Meta-Analyse mit den harten Zahlen

Wer hat sie gemacht: Otun und Kollegen werteten alle randomisierten kontrollierten Studien aus, in denen Soja gegeben und dabei freies T3, freies T4 und TSH gemessen wurde [Meta-Analyse, k=18].

Was sie gefunden haben: Achtzehn Arbeiten waren auswertbar. Freies T3: plus 0,027 pmol/l, p = 0,499. Freies T4: minus 0,003 pmol/l, p = 0,656. TSH: plus 0,248 mIU/l, p = 0,049, bei einem I² von 80,31 Prozent. Kein Hinweis auf Publikationsbias.

Was das für dich bedeutet: Die Schilddrüsenhormone bewegen sich nicht. Der TSH steigt minimal, statistisch grenzwertig, bei sehr hoher Streuung zwischen den Studien. Die Autoren selbst schreiben, die klinische Bedeutung dieses Anstiegs sei unklar. Das ist etwas völlig anderes als „Soja schadet der Schilddrüse".

Otun J et al. Sci Rep. 2019;9(1):3964. PMID: 30850697 · DOI: 10.1038/s41598-019-40647-x

Ein systematischer Review von Messina und Redmond hatte bereits 2006 vierzehn Interventionsstudien gesichtet und dabei etwas Bemerkenswertes festgehalten: In keiner einzigen dieser Studien war die Schilddrüsenfunktion der primäre Endpunkt [Systematischer Review]. Mit einer Ausnahme fanden sich entweder keine Effekte oder sehr geringe Veränderungen. Das Fazit der Autoren: Bei euthyreoten, gut jodversorgten Menschen gibt es kaum Hinweise auf eine Beeinträchtigung. Für Menschen mit Unterfunktion gibt es Hinweise, dass Soja über eine gehemmte Aufnahme den Hormonbedarf erhöhen könnte, aber auch sie müssten Soja nicht meiden. Die theoretische Restsorge stammt aus In-vitro- und Tierdaten [In vitro].

Es gibt genau eine Arbeit, die eine echte Warnung stützt, und sie muss präzise abgegrenzt werden.

Klinisch Studie · Die Ausnahme, und was sie genau untersucht hat

Wer hat sie gemacht: Sathyapalan und Kollegen führten eine randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie an 60 Menschen mit subklinischer Unterfunktion durch [RCT, n=60]. Jeweils acht Wochen gab es 30 g Sojaprotein mit 2 mg Phytoöstrogenen, entsprechend etwa dem Niveau einer westlichen Ernährung, oder mit 16 mg Phytoöstrogenen, entsprechend einer stark sojahaltigen vegetarischen Ernährung.

Was sie beobachtet haben: Sechs Frauen entwickelten unter der 16-Milligramm-Zufuhr eine manifeste Unterfunktion, mit einem standardisierten Ratenverhältnis von 3,6 bei einem Konfidenzintervall von 1,9 bis 6,2. Unter denselben 16 mg sanken gleichzeitig systolischer und diastolischer Blutdruck, die Insulinresistenz und das hochsensitive CRP.

Was das für dich bedeutet: Diese Studie handelt von einem Supplement mit hoher Isoflavondosis bei Menschen, deren Schilddrüse bereits im Grenzbereich arbeitet. Sie handelt nicht von Tofu zum Mittagessen. Und sie zeigt im selben Atemzug günstige Effekte auf Blutdruck, Insulinresistenz und Entzündung, was zur ehrlichen Darstellung dazugehört.

Sathyapalan T et al. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(5):1442-1449. PMID: 21325465 · DOI: 10.1210/jc.2010-2255
Mythos gegen Datenlage

Was über Kohl und Soja erzählt wird, und was gemessen wurde

Was oft steht
  • Kreuzblütler blockieren die Schilddrüse und müssen bei Hashimoto weg
  • Roh sind sie besonders gefährlich
  • Soja bremst die Schilddrüse
  • Sojamilch und Tofu gehören auf die Verbotsliste
  • Wer beides meidet, tut seiner Schilddrüse etwas Gutes
Was gemessen wurde
  • Keine Interventionsstudie bei Hashimoto, die einen Verzicht begründet
  • Kochen senkt Glucosinolate, für Hashimoto nicht quantifiziert
  • 18 RCTs: fT3 und fT4 unverändert, TSH plus 0,248 mIU/l, Bedeutung laut Autoren unklar
  • 14 Studien: bei guter Jodversorgung keine relevanten Effekte
  • Die einzige Warnung betrifft 16 mg Phytoöstrogene als Supplement bei subklinischer Unterfunktion

Zwei Bedingungen tauchen in fast allen Arbeiten auf, unter denen Goitrogene relevant werden: eine knappe Jodversorgung und sehr große, einseitige Mengen. Beides trifft auf die meisten Menschen mit Hashimoto in Mitteleuropa nicht zu. Woher deine Jod-, Selen- und Zinkversorgung kommt, steht in Selen, Zink, Eisen und Vitamin D.

Reframe

Ich mache diese Frage nicht lächerlich. Wer eine Diagnose bekommt, sucht nach etwas, das er selbst tun kann, und Brokkoli ist das erste, was in den Listen steht.

Nur: Der Punkt, an dem Soja bei Hashimoto praktisch wirklich zählt, ist ein anderer als der, über den geredet wird. Es geht nicht darum, was Soja mit deiner Schilddrüse macht. Es geht darum, was Soja mit der Aufnahme deiner Tablette macht. Genau dorthin führt der nächste Abschnitt.

Der Einnahmeabstand: der bestbelegte Punkt, über den kaum jemand schreibt

Ich habe für diesen Artikel fünf der meistgelesenen deutschen Seiten zum Thema Hashimoto und Ernährung durchgearbeitet. Auf keiner einzigen kam dieser Abschnitt vor.

Das ist bemerkenswert, denn unter den Ernährungsfragen bei Hashimoto ruht dieser Punkt auf der belastbarsten randomisierten Grundlage, und die Effektgröße ist dort groß genug, dass sie im Alltag etwas ausmachen kann.

Klinisch Studie · Derselbe Wirkstoff, dieselbe Dosis, drei Zeitpunkte

Wer hat sie gemacht: Bach-Huynh und Kolleginnen teilten an einem Universitätsklinikum 65 Menschen unter Levothyroxin randomisiert auf sechs Sequenzen auf. Jede Person durchlief drei achtwöchige Phasen: nüchtern, zur Schlafenszeit, zum Frühstück [RCT, n=65].

Was sie gemessen haben: Der mittlere TSH lag bei nüchterner Einnahme bei 1,06 ± 1,23 mIU/l. Bei Einnahme zur Schlafenszeit bei 2,19 ± 2,66. Bei Einnahme zum Frühstück bei 2,93 ± 3,29. Beide nicht-nüchternen Schemata lagen signifikant höher und schwankten deutlich stärker.

Was das für dich bedeutet: Fast eine Verdreifachung des TSH, allein durch den Zeitpunkt. Gleiche Tablette, gleiche Menge, gleicher Mensch. Wer sich fragt, warum die Werte trotz korrekter Einnahme schwanken, hat hier eine sehr konkrete Spur.

Bach-Huynh TG et al. J Clin Endocrinol Metab. 2009;94(10):3905-3912. PMID: 19584184 · DOI: 10.1210/jc.2009-0860

Der zweite Baustein ist eine italienische Untersuchung, die aus einer echten Sprechstundenbeobachtung entstand. Acht Frauen hatten unerwartet hohe TSH-Werte, und allen war gemeinsam, dass sie ihre Tablette mit Kaffee oder Espresso einnahmen.

Klinisch Studie · Was Kaffee mit der Aufnahme macht

Wer hat sie gemacht: Benvenga und Kollegen ließen sechs dieser Frauen und neun Freiwillige einen standardisierten Aufnahmetest durchlaufen: zweimal 100 µg Levothyroxin, in drei getrennten Durchgängen einmal mit Kaffee, einmal mit Wasser, und einmal mit Wasser und erst 60 Minuten später Kaffee. Serum-T4 wurde über vier Stunden gemessen [Interventionsstudie am Menschen, n=15] plus [In vitro].

Was sie beobachtet haben: Gegenüber Wasser senkte Kaffee den mittleren Anstieg des Serum-T4 um 36 Prozent bei den Patientinnen und um 29 Prozent bei den Freiwilligen. Die Fläche unter der Kurve sank um 36 beziehungsweise 27 Prozent. Der Zeitpunkt des maximalen Anstiegs verschob sich um 38 bis 43 Minuten nach hinten. Kleie störte noch stärker. Und der entscheidende dritte Arm: Der Durchgang mit 60 Minuten Abstand war praktisch identisch mit dem Wasser-Durchgang.

Was das für dich bedeutet: Es geht nicht um Kaffeeverzicht. Es geht um Abstand. Genau diese Zahl fehlt in den Ratgebern, und genau sie erklärt viele unerklärliche Laborwerte.

Benvenga S et al. Thyroid. 2008;18(3):293-301. PMID: 18341376 · DOI: 10.1089/thy.2007.0222

Kaffee ist nur ein Eintrag auf einer längeren Liste. Eine Übersichtsarbeit aus Los Angeles hat zusammengetragen, was die Aufnahme von Thyroxin stören kann [Übersicht]. Sie ist die praktischste Quelle dieses ganzen Artikels.

Was in den Studien untersucht wurdeWas dort gemessen oder beschrieben wurdeQuelle
Einnahme zum Frühstück statt nüchternMittlerer TSH 2,93 gegenüber 1,06 mIU/lBach-Huynh 2009
Einnahme zur Schlafenszeit statt nüchternMittlerer TSH 2,19 gegenüber 1,06 mIU/lBach-Huynh 2009
Kaffee direkt zur TabletteMittlerer T4-Anstieg minus 36 Prozent, Maximum 38 bis 43 Minuten späterBenvenga 2008
Kaffee erst 60 Minuten danachErgebnis praktisch wie im Wasser-DurchgangBenvenga 2008
Eisensulfat, CalciumcarbonatAls klassische Störfaktoren der Thyroxinaufnahme gelistetLiwanpo 2009
Nahrung allgemein, Ballaststoffe, EspressoAls Ernährungsfaktoren gelistet, die die Aufnahme störenLiwanpo 2009
Protonenpumpenhemmer, aluminiumhaltige Antazida, Gallensäurebinder, Sucralfat, Phosphatbinder, RaloxifenAls störende Medikamente und Präparate gelistetLiwanpo 2009
Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Laktoseintoleranz, Helicobacter, atrophische GastritisAls Erkrankungen gelistet, bei denen die Aufnahme unabhängig vom Zeitpunkt schlechter istLiwanpo 2009
Sojaprodukte bei bestehender UnterfunktionHinweise, dass die gehemmte Aufnahme den Hormonbedarf erhöhen könnteMessina 2006

Diese Tabelle gibt ausschließlich Zahlen und Aufzählungen aus den zitierten Studien wieder. Sie ist keine Handlungsanweisung und keine persönliche Empfehlung. Was für dich gilt, entscheidet sich in der ärztlichen Einstellung.

Sicherheitshinweis, der hier hingehört

An der Dosis wird nichts eigenmächtig verändert. Jede Änderung an L-Thyroxin oder einer anderen Schilddrüsenmedikation, auch eine scheinbar kleine, erfolgt ausschließlich ärztlich begleitet und mit Kontrolle der Werte.

Das gilt ausdrücklich auch für den Einnahmezeitpunkt. Wer ihn umstellt, verändert damit die Aufnahme. Deshalb gehört eine solche Umstellung besprochen und danach kontrolliert. Sonst bewegst du unbemerkt zwei Dinge gleichzeitig: die aufgenommene Menge und den Wert, an dem die Dosis später bemessen wird.

Und der wichtigste Satz für die Praxis: Eine Ernährungsumstellung ist niemals ein Grund, Schilddrüsenhormone zu reduzieren oder wegzulassen. In keiner der hier zitierten Studien wurde eine Substitution durch Ernährung überflüssig.

Zwei Punkte aus dieser Liste verdienen einen eigenen Satz.

Eisen. Eisensulfat gehört zu den bekanntesten Störfaktoren der Thyroxinaufnahme. Gleichzeitig ist Eisenmangel bei Menschen mit Hashimoto häufig, weil sowohl die Autoimmun-Gastritis als auch eine Zöliakie die Eisenaufnahme beeinträchtigen können. Es kann also gleichzeitig sinnvoll sein, Eisen zu ergänzen, und nötig, es zeitlich von der Schilddrüsentablette zu trennen. Wie eng Eisen, Schilddrüse und Schlaf zusammenhängen, steht in Eisenmangel, Schilddrüse und Schlaf.

Laktose. Eine türkische Arbeit untersuchte 83 Menschen mit Hashimoto unter Levothyroxin und fand bei 75,9 Prozent eine Laktoseintoleranz, ein für diese Population ungewöhnlich hoher Wert [Case Series, n=50]. Bei den Betroffenen sank der TSH nach acht Wochen laktosearmer Kost von 2,06 ± 1,02 auf 1,51 ± 1,1 mIU/l, bei den subklinisch hypothyreoten sogar von 5,45 ± 0,74 auf 2,25 ± 1,88. Bei den Personen ohne Laktoseintoleranz änderte sich nichts. Die Arbeit war nicht randomisiert und die Gruppe klein. Der Befund gehört gelesen als „lohnt zu prüfen, wenn die Werte trotz korrekter Einnahme schwanken", nicht als „alle sollten Milch weglassen".

Der Satz, den ich mitnehmen würde

Bei Hashimoto ist die am besten belegte Ernährungsmaßnahme nicht das Weglassen eines Lebensmittels. Es ist der Abstand zwischen Tablette und Frühstück. Er kostet nichts, er verbietet nichts, und in den vorliegenden Studien bewegt er den TSH deutlicher als die bislang untersuchten Eliminationsdiäten.

Reframe

Viele Menschen mit Hashimoto suchen nach dem Lebensmittel, das schuld ist. Die Suche geht monatelang, und sie macht das Essen kleiner und den Alltag enger.

Der Blick auf die Uhr statt auf den Teller ist unspektakulär. Er ist nur eben der Teil, der randomisiert untersucht wurde. Und jetzt weißt du, warum die Frage „wann nimmst du deine Tablette und was trinkst du dazu" in meiner Sprechstunde vor jeder Diskussion über Brokkoli kommt.

Was Ernährung kann, was sie nicht kann, und was ich in der Sprechstunde beobachte

Bleibt die Frage, mit der die meisten Menschen in diesen Artikel gekommen sind. Was soll ich denn nun essen?

Die ehrlichste Antwort ist zunächst eine Feststellung über den Wissensstand. Eine Übersichtsarbeit aus Poznań formuliert sie so: Es gibt bislang keine spezifische, für Hashimoto empfohlene Diät [Übersicht]. Für eine glutenfreie Ernährung für alle Menschen mit Hashimoto reicht die Evidenz nicht aus. Vermutet wird ein günstiger Einfluss einer entzündungsarmen, vitamin- und mineralstoffreichen Kost mit einem geringeren Anteil tierischer Lebensmittel.

Das ist keine Aussage über die Sinnlosigkeit von Ernährung. Es ist eine Aussage darüber, wie wenig systematisch untersucht wurde.

Wie wenig, zeigt der systematische Review von 2023 in einer einzigen Zahl: Aus 1.350 Publikationen blieben neun auswertbare Arbeiten übrig [Systematischer Review]. Drei zum Glutenverzicht, eine zum Laktoseverzicht, zwei zur Energierestriktion mit oder ohne Ausschluss einzelner Lebensmittel, zwei zu Schwarzkümmel und eine zur Jodrestriktion. Dauer: 21 Tage bis 12 Monate. Neun Arbeiten für ein Thema, über das im deutschen Netz zehntausende Seiten geschrieben wurden.

Neun auswertbare Studien. Und in mehreren davon sank gleichzeitig das Körpergewicht, teils durch ein deutliches Kaloriendefizit. Kein Design trennt sauber, was dem Weglassen zuzuschreiben ist und was der Energiereduktion.

Der methodische Kern des gesamten Themas

Das ist der Punkt, den ich in diesem Artikel zum zweiten Mal setze, weil er in keiner deutschen Quelle steht und weil er alles andere relativiert. Wenn jemand zwölf Wochen lang Getreide, Milch und Zucker weglässt, verändert sich fast immer auch die Kalorienmenge, die Mahlzeitenstruktur, der Alkoholkonsum und oft der Schlaf. Was davon den Unterschied gemacht hat, weiß niemand. Über die Frage, warum Kalorienmenge und Kalorienqualität nicht dasselbe sind, schreibe ich ausführlich in Warum eine Kalorie im Körper keine Kalorie ist.

Das Grundmuster, das sich in den Beobachtungsdaten abzeichnet

Beobachtung Studie · Ernährungsgewohnheiten und oxidativer Stress

Wer hat sie gemacht: Ruggeri und Kolleginnen aus Messina untersuchten 200 Menschen ohne jede medikamentöse Behandlung, davon 81 mit euthyreoter Hashimoto-Thyreoiditis und 119 als Kontrolle. Es ist ausdrücklich eine Fall-Kontroll-Studie mit Ernährungsfragebogen [Kohorte, n=200].

Was sie beobachtet haben: Die Hashimoto-Gruppe berichtete höhere Verzehrshäufigkeiten tierischer Lebensmittel, bei Fleisch und Fisch mit p = 0,0001 und bei Milchprodukten mit p = 0,004. Die Kontrollgruppe berichtete mehr Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse und Nüsse. In der Regressionsanalyse war Fleischverzehr mit einer erhöhten Odds Ratio für Schilddrüsenautoimmunität verbunden, Merkmale der mediterranen Kost waren protektiv. Bei den Betroffenen lagen fortgeschrittene Glykierungsendprodukte höher und die antioxidative Kapazität niedriger.

Was das für dich bedeutet: Das ist eine Beobachtung und keine Ursache. Bei Ernährungsfragebögen ist ein Erinnerungsfehler die Regel, nicht die Ausnahme. Die Arbeit stützt den Gedanken, dass ein pflanzenbetontes, mediterran geprägtes Grundmuster sinnvoll sein könnte. Mehr trägt sie nicht.

Ruggeri RM et al. Thyroid. 2021;31(1):96-105. PMID: 32729374 · DOI: 10.1089/thy.2020.0299

Zusammen mit dem Befund von Ülker, dass die mediterrane Gruppe beim freien T4 am deutlichsten zulegte, ergibt sich eine Richtung. Keine Verbotsliste, sondern ein Muster: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Nüsse, Olivenöl, Fisch, wenig hochverarbeitetes Essen. Das ist unspektakulär. Es ist auch das Einzige, was sich aus zwei unabhängigen Datenquellen halbwegs konsistent ableiten lässt.

Selen und Zink über die Ernährung, und der offenste Widerspruch dieses Themas

Selen und Zink sind die beiden Spurenelemente, die in der Schilddrüse direkt gebraucht werden: Selen für die Selenoproteine, die in der Umwandlung von T4 zu T3 und im antioxidativen Schutz arbeiten, Zink als Cofaktor an mehreren Stellen desselben Systems. Über die Ernährung kommen sie vor allem aus Fisch und Meeresfrüchten, Fleisch, Eiern, Hülsenfrüchten, Vollkorn, Nüssen und Samen. Paranüsse sind die bekannteste Selenquelle, und zugleich die mit der größten Schwankungsbreite, weil der Gehalt vom Boden abhängt.

Dosierungen nenne ich hier bewusst keine. Das gehört in ein ärztliches Gespräch mit gemessenem Status, und die Einzelheiten stehen in Selen, Zink, Eisen und Vitamin D. Was hierher gehört, ist ein Widerspruch, den ich für die ehrlichste verfügbare Information zum Thema Selen halte.

Leitlinie und Praxis, offen nebeneinander

Warum die Fachgesellschaft Selen nicht empfiehlt und zwei Drittel ihrer Mitglieder es trotzdem einsetzen

Eine Befragung der Mitglieder der European Thyroid Association ergab ein bemerkenswertes Bild [Leitlinie]. Nur 29 von 147 Fachleuten, also 20 Prozent, hielten die verfügbare Evidenz für ausreichend. Zugleich setzten 95 von 147, also 65 Prozent, Selen gelegentlich oder routinemäßig ein. 102 von 147 empfahlen es vor allem Menschen mit Hashimoto, die noch kein L-Thyroxin nehmen. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass Selen nach den aktuellen ETA-Leitlinien nicht empfohlen wird.

Die Leitlinie hat dafür nachvollziehbare Gründe. Eine Dachübersicht über sechs systematische Reviews mit insgesamt 75 randomisierten Studien fand: Die TPO-Antikörper sanken nach 3 und nach 6 Monaten, nach 12 Monaten nicht mehr [Systematischer Review]. Nur eine der sechs Übersichtsarbeiten war methodisch als „hoch" eingestuft, die Evidenzsicherheit lag durchgehend zwischen niedrig und sehr niedrig. Und Antikörper sind ein Surrogatmarker. Es fehlen Daten, die zeigen, dass Menschen sich dadurch besser fühlen oder seltener eine Substitution brauchen.

Was eine funktionelle Sicht zusätzlich fragt: ob bei nachgewiesen niedrigem Selenstatus eine andere Rechnung gilt als bei gutem Status. Auch die Athener Übersichtsarbeit legt genau das nahe und rät ausdrücklich von einer pauschalen Empfehlung ab. Diese Frage darf man stellen. Sie ersetzt die Leitlinienposition nicht, sie steht daneben.

Für Vitamin D sieht die Datenlage etwas freundlicher aus, allerdings ausschließlich als Supplement und nicht als Ernährungsfrage. Eine Meta-Analyse über 12 Studien mit 862 Personen fand die TPO- und Tg-Antikörper deutlich niedriger [Meta-Analyse, k=12, n=862]. Eine zweite, vorsichtigere Arbeit über 6 Studien mit 258 Personen bestätigte die Richtung beim TPO-Antikörper, fand aber keine signifikanten Unterschiede bei TSH, FT3 und FT4 [Meta-Analyse, k=6, n=258]. Antikörper bewegen sich also, die Schilddrüsenfunktion folgt nicht zuverlässig mit. Details, Formen und Messung gehören in den Mikronährstoff-Artikel des Clusters.

Was Ernährung nicht leisten kann

Die Leitlinie der American Thyroid Association zur Behandlung der Unterfunktion aus dem Jahr 2014 hat 24 Fragen systematisch abgearbeitet und kommt zu einem klaren Ergebnis: Levothyroxin bleibt der Behandlungsstandard [Leitlinie]. Für die untersuchten Alternativen fand die Arbeitsgruppe keine konsistent starken Belege für eine Überlegenheit bei den gesundheitlichen Endpunkten.

Für diesen Artikel bedeutet das drei Dinge, und ich sage sie lieber zu deutlich als zu leise.

Erstens: Ernährung ersetzt keine Substitution. In keiner der 32 hier ausgewerteten Quellen wurde eine Hormondosis durch eine Ernährungsumstellung überflüssig. Zweitens: Hashimoto ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Es gibt derzeit keine Ernährungsform mit belegtem Effekt auf die Schilddrüsenfunktion oder auf den Verlauf der Erkrankung selbst. Drittens: Was Ernährung beeinflussen kann, ist das Befinden, die Entzündungslast, die Versorgung mit Bausteinen und die Aufnahme des Medikaments. Für einen Teil der Menschen ist das viel. Es ist nur etwas anderes als das, was auf den Verkaufsseiten steht.

Wenn du dich trotz gut eingestellter Werte anhaltend schlecht fühlst, ist das kein Grund, noch mehr wegzulassen. Es ist ein Grund, weiterzusuchen. Was hinter dieser Konstellation stecken kann, habe ich in Normale Werte, trotzdem Symptome und in Funktionelle Schilddrüsenunterfunktion beschrieben.

Was ich in der Sprechstunde beobachte

Hier endet, was Studien tragen. Was jetzt kommt, ist Beobachtung und ausdrücklich als solche gekennzeichnet.

Mir fällt auf, dass Menschen mit Hashimoto häufig mit sehr langen Verbotslisten kommen und mit sehr kurzen Antworten auf zwei einfache Fragen: Wann nimmst du deine Tablette, und was trinkst du dazu. Ich sehe außerdem oft, dass Ferritin, Vitamin D, Vitamin B12 und Selen nie gemessen wurden, während zeitgleich vier Lebensmittelgruppen gestrichen sind. Und mir begegnet regelmäßig, dass die Zöliakie-Abklärung nach zwei Jahren glutenfreier Ernährung nicht mehr sauber möglich ist.

Das sind Muster, keine Studienergebnisse. Ich beschreibe sie, weil sie sich beheben lassen, ohne dass jemand etwas weglassen muss.

Wann etwas ärztlich abgeklärt gehört

Unabhängig von jeder Ernährungsfrage gehören diese Punkte zeitnah in ärztliche Hände:

  • ein neu tastbarer Knoten am Hals, eine schnell wachsende Schwellung oder ein einseitiger Befund
  • anhaltender Druck am Hals, Schluckbeschwerden oder eine neu heisere Stimme
  • Herzrasen, unregelmäßiger Puls, Zittern, innere Unruhe oder auffällige Hitzeempfindlichkeit
  • schnelle, ungewollte Gewichtsveränderung in beide Richtungen
  • ausgeprägte Antriebslosigkeit, starke Verlangsamung oder Verwirrtheit
  • eine bestehende oder geplante Schwangerschaft, weil dort eigene Zielwerte und ein eigener Betreuungsrahmen gelten

Diese Liste ersetzt keine Untersuchung. Sie soll dir helfen einzuordnen, wann Warten die schlechtere Option ist.

Reframe zum Schluss

Die verbreitete Frage lautet: Welche Lebensmittel sind bei Hashimoto verboten? Sie führt zu einem Alltag, der immer enger wird, und zu einer Erwartung, die keine Ernährungsform einlösen kann.

Die Frage, die weiterträgt, lautet: Was verbessert bei mir nachweislich die Aufnahme, die Versorgung und das Befinden, und woran erkenne ich das? Das sind drei überprüfbare Fragen statt einer unerfüllbaren. Und jetzt weißt du, warum ich in dieser Reihenfolge arbeite: erst der Zeitpunkt der Tablette, dann die Versorgung mit Bausteinen, dann die Frage nach einzelnen Lebensmitteln. Nicht umgekehrt.

Häufige Fragen zur Ernährung bei Hashimoto

Muss ich bei Hashimoto glutenfrei essen?

Nach heutiger Datenlage nicht pauschal. Zuerst gehört der Zöliakie-Test dazu, denn bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse liegt die biopsiegesicherte Zöliakie gepoolt bei 1,6 Prozent, bei Kindern bei 6,2 Prozent. Ist eine Zöliakie ausgeschlossen, bleibt glutenfrei ein Selbstversuch auf dünner Datenbasis. Eine Übersichtsarbeit von 2022 hält ausdrücklich fest, dass die Evidenz für eine glutenfreie Ernährung für alle Menschen mit Hashimoto nicht ausreicht.

Senkt eine glutenfreie Ernährung die Hashimoto-Antikörper?

Die beiden vorliegenden Meta-Analysen zeigen in verschiedene Richtungen. Piticchio 2023 mit 4 Studien und 87 Personen sah Tg- und TPO-Antikörper leicht sinken, verfehlte aber die statistische Signifikanz mit p = 0,06 und p = 0,07. Araújo 2025 wertete ausschließlich randomisierte Studien aus, also 3 Arbeiten mit 110 Personen, und fand anti-Tg um 10,07 IU/ml gesenkt, anti-TPO dagegen um 76,19 IU/ml erhöht. Eine eindeutige Antwort gibt die Literatur derzeit nicht her.

Warum soll ich mich auf Zöliakie testen lassen, bevor ich Gluten weglasse?

Weil das Screening über Antikörper gegen Gewebstransglutaminase läuft und diese unter glutenfreier Ernährung verschwinden. So beschreibt es die Leitlinie des American College of Gastroenterology von 2023. Wer erst weglässt und dann testet, bekommt leicht ein falsch negatives Ergebnis und verliert damit die Chance auf eine gesicherte Diagnose. Die Reihenfolge entscheidet, nicht die Diät.

Hilft das Autoimmunprotokoll (AIP) bei Hashimoto?

Die einzige Studie dazu umfasst 17 Frauen über zehn Wochen und hatte keine Kontrollgruppe. Alle acht Skalen der Lebensqualität verbesserten sich, die Symptomlast sank im Mittel von 92 auf 29 Punkte, das hochsensitive CRP um 29 Prozent von 1,63 auf 1,15 mg/l. Unverändert blieben TSH, freies und gesamtes T4, freies und gesamtes T3 sowie die Schilddrüsenantikörper. Eine zweite Arbeit über zwölf Wochen sah aTPO sogar signifikant steigen.

Darf ich bei Hashimoto Brokkoli, Kohl und Blumenkohl essen?

Es gibt keine Interventionsstudie bei Hashimoto, die einen Verzicht begründen würde. Die Sorge stammt historisch aus Jodmangelregionen, in denen Cassava und Perlhirse Grundnahrungsmittel sind. Eine Übersichtsarbeit von 2024 aus Białystok kommt zu dem Schluss, dass die Datenlage einen pauschalen Ausschluss von Kreuzblütlern bei Hashimoto nicht rechtfertigt.

Muss ich Kreuzblütler kochen, damit sie unbedenklich sind?

Kochen senkt den Gehalt an Glucosinolaten und ihren Abbauprodukten, das ist chemisch gut nachvollziehbar. Für Hashimoto ist dieser Effekt allerdings nicht quantifiziert, es existiert keine Studie, die gekochten gegen rohen Kohl bei Autoimmunthyreoiditis vergleicht. Wer täglich große Mengen roh trinkt, etwa als grüne Smoothies, bewegt sich in einem ganz anderen Mengenbereich als jemand, der eine Portion Brokkoli isst.

Ist Soja bei Hashimoto schädlich?

Die Meta-Analyse von Otun 2019 über 18 randomisierte Studien fand freies T3 und freies T4 unverändert und TSH um 0,248 mIU/l erhöht, bei p = 0,049, sehr hoher Heterogenität und laut den Autoren unklarer klinischer Bedeutung. Eine ältere Übersicht über 14 Interventionsstudien fand bei euthyreoten, gut jodversorgten Menschen keine relevanten Effekte. Praktisch wichtiger als die Frage nach dem Verzicht ist der zeitliche Abstand zwischen Sojaprodukten und der Schilddrüsentablette.

Muss ich bei Hashimoto Jod komplett meiden?

Die Daten stützen Zurückhaltung bei hochdosierten Jodpräparaten, nicht eine Jodvermeidung. In der chinesischen Kohorte von Teng 2006 mit 3.018 Menschen lag die Fünfjahresinzidenz der Autoimmunthyreoiditis bei 0,2 Prozent in der mild jodarmen, 1,0 Prozent in der mehr als ausreichend und 1,3 Prozent in der exzessiv versorgten Region. Ein gezielter Jodverzicht zeigte im systematischen Review von 2023 dagegen keine Verbesserung. In der Schwangerschaft gelten eigene Regeln, dort gehört die Jodfrage in ärztliche Hände.

Sind Algen, Nori und Sushi bei Hashimoto ein Problem?

Der Unterschied liegt in der Menge und in der Schwankungsbreite. Jodiertes Speisesalz und normale Lebensmittel bewegen sich in einem Bereich, den die vorliegenden Daten nicht als Risiko ausweisen. Getrocknete Braunalgen wie Kombu können dagegen sehr hohe und stark schwankende Jodmengen enthalten, und genau dieser exzessive Bereich ist in den Beobachtungsdaten mit mehr Autoimmunthyreoiditis verbunden. Ein Nori-Blatt am Sushi ist etwas anderes als ein tägliches Algenpräparat.

Wie lange Abstand muss zwischen L-Thyroxin und Kaffee liegen?

In der Untersuchung von Benvenga 2008 senkte Kaffee den mittleren Anstieg des Serum-T4 um 36 Prozent bei den Patientinnen und um 29 Prozent bei den Freiwilligen und verzögerte das Maximum um 38 bis 43 Minuten. In dem Studienarm, in dem 60 Minuten zwischen Tablette und Kaffee lagen, war der Effekt aufgehoben. Das sind Zahlen aus einer Studie und keine persönliche Vorgabe. Wer den Zeitpunkt umstellt, verändert die Aufnahme und braucht danach eine ärztliche Kontrolle der Werte.

Wie lange Abstand brauche ich zwischen L-Thyroxin und Eisen oder Kalzium?

Eisensulfat und Calciumcarbonat gehören zu den klassischen Störfaktoren der Thyroxinaufnahme. Dieselbe Übersicht nennt außerdem Nahrung allgemein, Ballaststoffe, Espresso, aluminiumhaltige Antazida, Protonenpumpenhemmer, Gallensäurebinder, Sucralfat, Phosphatbinder und Raloxifen. Wie groß der Abstand in deinem Fall sein sollte und ob überhaupt etwas geändert wird, gehört in die ärztliche Einstellung und nicht in einen Selbstversuch.

L-Thyroxin nüchtern oder abends, was ist besser?

In der randomisierten Crossover-Studie von Bach-Huynh 2009 mit 65 Personen lag der mittlere TSH bei nüchterner Einnahme bei 1,06 mIU/l, bei Einnahme zur Schlafenszeit bei 2,19 und bei Einnahme zum Frühstück bei 2,93. Nüchtern hielt den Wert also im engsten Korridor. Welcher Zeitpunkt zu deinem Alltag passt, entscheidest du nicht allein: jede Umstellung verändert die Aufnahme und gehört ärztlich begleitet, mit einer Kontrolle der Werte danach.

Sollte ich bei Hashimoto Milchprodukte weglassen?

Pauschal spricht nichts dafür. Es gibt eine einzige nicht randomisierte Arbeit dazu: Bei Menschen mit Hashimoto und nachgewiesener Laktoseintoleranz sank der TSH nach acht Wochen laktosearmer Kost, bei den Personen ohne Laktoseintoleranz änderte er sich nicht. Der Mechanismus dürfte die Aufnahme des Medikaments betreffen und nicht die Immunologie. Die untersuchte Gruppe hatte zudem eine ungewöhnlich hohe Laktoseintoleranz-Rate von 75,9 Prozent.

Kann ich Hashimoto durch Ernährung in den Griff bekommen?

Ernährung kann das Befinden, die Entzündungslast und die Aufnahme des Medikaments beeinflussen, und für einen Teil der Menschen bedeutet das viel. Für die Erkrankung selbst gibt es bislang keine Ernährungsform mit belegtem Effekt auf Schilddrüsenfunktion oder Antikörper, und in keiner Studie wurde eine Hormonsubstitution dadurch überflüssig. Eine Übersichtsarbeit von 2022 formuliert es so: es gibt derzeit keine spezifische, für Hashimoto empfohlene Diät.

Wo dieses Thema weitergeht

Ernährung bei Hashimoto ist eine Kreuzung, keine Sackgasse. Vier Wege führen von hier aus weiter, und alle vier beantworten eine Frage, die dieser Artikel bewusst nur gestreift hat.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Autoimmunthemen interessiert mich weniger, welches Lebensmittel gerade auf der Verbotsliste steht, sondern was gemessen wurde, wie groß die Gruppe war und was sich danach im Alltag tatsächlich verändern lässt.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und keine individuelle Ernährungsberatung. Er soll dir helfen, bessere Fragen zu stellen, wenn du das nächste Mal mit einem Befund oder einer Ernährungsliste in der Hand dasitzt.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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  2. Knezevic J, Starchl C, Tmava Berisha A, Amrein K. Thyroid-Gut-Axis: How Does the Microbiota Influence Thyroid Function? Nutrients. 2020;12(6):1769. PMID: 32545596 · DOI: 10.3390/nu12061769 [Mechanismus-Review]
  3. Roy A, Laszkowska M, Sundström J, Lebwohl B, Green PHR, Kämpe O, Ludvigsson JF. Prevalence of Celiac Disease in Patients with Autoimmune Thyroid Disease: A Meta-Analysis. Thyroid. 2016;26(7):880-890. PMID: 27256300 · DOI: 10.1089/thy.2016.0108 [Meta-Analyse, n=6.024]
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Transparenz zur Evidenz Acht Punkte gehören offen benannt. Erstens, glutenfrei ohne Zöliakie ruht auf drei bis vier auswertbaren Studien mit 87 beziehungsweise 110 Personen, und die beiden Meta-Analysen widersprechen sich beim TPO-Antikörper. Die Evidenzsicherheit nach GRADE reicht von niedrig bis sehr niedrig. Zweitens, das Autoimmunprotokoll bei Hashimoto ruht auf zwei Arbeiten mit 17 und 28 Personen, beide ohne Kontrollgruppe, beide mit Coaching oder Gewichtsverlust als Störfaktor. Drittens, der Laktose-Befund stammt aus einer einzigen nicht randomisierten Arbeit an einer Gruppe mit ungewöhnlich hoher Laktoseintoleranz-Rate und ist nur mit Vorbehalt übertragbar. Viertens, für die Jodrestriktion bei Hashimoto zeigte sich in dem einzigen systematisch erfassten Versuch keine Verbesserung; die Daten stützen Zurückhaltung bei hochdosierten Präparaten, nicht Jodvermeidung. Fünftens, für Kreuzblütler existiert bei Hashimoto keine Interventionsstudie am Menschen; die Bedenken stammen aus Tierdaten, In-vitro-Arbeiten und aus Jodmangelregionen mit einseitiger Ernährung, und die Rolle des Kochens ist plausibel, aber nicht quantifiziert. Sechstens, bei Selen sinken die Antikörper nach 3 und 6 Monaten und nach 12 Monaten nicht mehr, die Evidenzsicherheit ist niedrig bis sehr niedrig, und die ETA-Leitlinien empfehlen es nicht, während zwei Drittel der befragten Fachleute es einsetzen; diesen Widerspruch habe ich stehen lassen. Siebtens, das mediterrane, pflanzenbetonte Grundmuster stützt sich auf eine Fall-Kontroll-Studie mit Ernährungsfragebogen und einen kleinen randomisierten Vergleich, also auf zu wenig für eine starke Empfehlung. Achtens, und das ist der wichtigste Vorbehalt: In Ihnatowicz 2023, in Ülker 2024 und in mehreren der von Osowiecka 2023 erfassten Arbeiten sank gleichzeitig das Körpergewicht. Kein einziges Studiendesign trennt sauber, was dem Weglassen bestimmter Lebensmittel zuzuschreiben ist und was der Energiereduktion. Die kursierende Zahl „2.232 Patienten, 76 Prozent glutenempfindlich, 88 Prozent Besserung" habe ich bewusst nicht übernommen, weil sich dafür keine peer-reviewte Arbeit finden ließ. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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