Ratgeber Naturkräfte · Kinder, Immunsystem und Nerven

Naturkontakt bei Kindern: Warum Draußensein für Immunsystem und Nerven zählt

Erde, Tiere und Vielfalt sind für ein junges Immunsystem womöglich mehr als Schmutz. Was Bauernhof-, Kita- und Grünflächenstudien zeigen, wo ihre Grenzen liegen und wie ihr sicher draußen seid.

Mikrobiom Immuntoleranz Stress und Konzentration 30 Quellen Mit Sicherheitshinweisen
SJ
Shukri JarmoukliArzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Wir schützen unsere Kinder vor Keimen, Kälte und Schmutz. Das kommt aus Liebe, und vieles davon ist richtig. Aber ein Immunsystem lernt wie ein Kind: durch Begegnung, nicht nur durch Schutz.

Kennst du diesen Moment? Dein Kind kommt aus dem Garten oder vom Spielplatz. Die Hände sind schwarz, die Knie grün, im Haar hängt ein Blatt. Und noch bevor du lächelst, denkst du: sofort Hände waschen.

Vielleicht hat dein Kind Neurodermitis oder Heuschnupfen. Dann ist die Sorge noch größer. Jede Wiese sieht nach Risiko aus, jedes Tier nach Ärger, jeder Sandkasten nach Keimen.

Gleichzeitig hörst du von Bauernhofkindern, die seltener Allergien haben. Von Kitas in Finnland, die ihre Höfe mit Waldboden ausgelegt haben. Und du fragst dich: Was davon stimmt eigentlich, und was bedeutet es für uns?

Genau darum geht es hier. Um das Immunsystem, das Mikrobiom und die Nerven deines Kindes. Und um die Frage, wie viel Natur guttun kann und wo Vorsicht sinnvoll ist.

Kurzantwort

Stärkt Natur das Immunsystem von Kindern? Studien deuten darauf hin, dass frühe und vielfältige Naturkontakte das junge Immunsystem in Richtung Toleranz prägen können. Kinder von traditionellen Bauernhöfen haben in großen Studien seltener Asthma und Allergien. In finnischen Kita-Studien veränderten Waldboden und Erde die Hautbakterien und Immunmarker der Kinder.

Grünflächen gehen mit besserer Konzentration und psychischer Gesundheit einher, und Draußenzeit kann Kurzsichtigkeit vorbeugen. Vieles davon sind Beobachtungen und kleine Studien. Sie zeigen eine Richtung, aber kein Versprechen.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Was Bauernhofkinder dem Immunsystem voraushaben
  • Warum das Immunsystem alte Freunde braucht
  • Was Waldboden in finnischen Kitas veränderte
  • Wie der Darm den Bauernhof-Effekt übersetzt
  • Hund, Katze und das Allergierisiko
  • Grün für Konzentration, Stress und Psyche
  • Warum Draußenzeit für die Augen zählt
  • Wenn dein Kind schon allergisch ist
  • Warum freies, auch mal riskantes Spiel zählt
  • Sicher draußen: Zecken, Sonne, Tiere
  • Die vier KPNI-Linsen auf ein Kind im Wald
  • Drei Hebel für euren Familienalltag
Evidenz-Stufen in diesem Artikel: RCT oder Meta-Analyse Beobachtung am Menschen Übersicht oder Leitlinie Tierstudie Tierstudien sind im Text ausdrücklich als solche gekennzeichnet. Alle Zahlen stammen aus den Originalabstracts.

Was Bauernhofkinder dem Immunsystem voraushaben

Stell dir zwei Gemeinschaften in den USA vor. Beide leben von der Landwirtschaft. Beide pflegen einen sehr ähnlichen Lebensstil, beide haben eine ähnliche genetische Herkunft.

Ein Unterschied zeigt sich erst im Stall. Die Amish betreiben Landwirtschaft auf traditionelle Weise. Die Hutterer arbeiten mit industrialisierten Methoden.

Und dann fällt etwas auf, das Forschende seit Jahren beschäftigt. Asthma ist bei den Kindern der einen Gemeinschaft viel seltener als bei denen der anderen. Bevor wir dort hinschauen, lohnt ein Blick zurück.

Wie alles mit Geschwistern begann

Die Spur führt ins Jahr 1989. Strachan von der London School of Hygiene and Tropical Medicine wertete eine große britische Geburtskohorte aus. Ihm fiel auf: Je mehr ältere Kinder in einem Haushalt lebten, desto seltener hatten die Jüngeren Heuschnupfen.

Seine Vermutung war, dass frühe Infekte, die ältere Geschwister mit nach Hause bringen, vor Allergien schützen könnten. Daraus entstand später die sogenannte Hygienehypothese. Der Begriff selbst kam erst nach seiner Arbeit auf.

Kernaussage: Frühe, vielfältige mikrobielle Kontakte gehen in großen Studien mit weniger Asthma und Allergien einher. In ländlichen Regionen Mitteleuropas hatte 1 Prozent der Kinder mit Stallkontakt im ersten Lebensjahr Asthma, aber 11 Prozent der Kinder mit späterem Kontakt.

Studie 1 · Der Stall im ersten Lebensjahr Querschnitt, n=2.618

Riedler und Kollegen aus Salzburg befragten die Eltern von 2.618 Kindern zwischen 6 und 13 Jahren in ländlichen Regionen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz. 901 Kinder gaben zusätzlich eine Blutprobe.

Kinder, die schon vor ihrem ersten Geburtstag Zeit in Ställen verbrachten und Milch vom Hof tranken, hatten seltener Asthma als Kinder, bei denen dieser Kontakt erst zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr begann: 1 gegenüber 11 Prozent. Beim Heuschnupfen waren es 3 gegenüber 13 Prozent, bei Sensibilisierungen 12 gegenüber 29 Prozent.

Was das für dich bedeutet: Der Zeitpunkt scheint zu zählen. Am seltensten waren Allergien bei Kindern, die bis zum fünften Lebensjahr dauerhaft Stallkontakt hatten. Als Querschnittsstudie zeigt das Zusammenhänge, keinen Beweis.

Riedler J, Braun-Fahrländer C, Eder W et al. Lancet. 2001. DOI: 10.1016/S0140-6736(01)06252-3
Wichtig zur Milch vom Hof

Rohmilch kann Keime wie Campylobacter oder EHEC enthalten. Bei Kindern kann eine EHEC-Infektion schwere, teils bleibende Nierenschäden auslösen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät Kindern deshalb grundsätzlich von nicht abgekochter Rohmilch ab.

Der Zusammenhang aus den Studien ist also kein Grund, deinem Kind unbehandelte Milch zu geben. Den Stall, die Tiere und die Wiesen kann es trotzdem erleben.

Amish und Hutterer: ein natürliches Experiment

Studie 2 · Zwei Dörfer, zwei Immunsysteme Querschnitt, n=60, plus Mausmodell

Ein Team um Stein, Ober und Sperling von der University of Chicago verglich im New England Journal of Medicine 60 Kinder aus beiden Gemeinschaften. Gemessen wurden Hausstaub, Blutwerte und die Funktion von Immunzellen.

Asthma und allergische Sensibilisierung waren bei den Amish-Kindern vier- beziehungsweise sechsmal seltener. Im Hausstaub der Amish fand sich im Median 6,8-mal so viel Endotoxin, also Bestandteile von Bakterienhüllen. Auch die Zellen der angeborenen Abwehr unterschieden sich deutlich. In einem Mausmodell schützte Staub aus Amish-Häusern die Atemwege vor einer allergischen Reaktion, Staub aus Hutterer-Häusern nicht.

Was das für dich bedeutet: Bei ähnlichen Genen könnte die Umgebung den Unterschied machen. Sie scheint die angeborene Abwehr früh zu trainieren, ähnlich wie ein Sparringspartner, der auf den Ernstfall vorbereitet.

Stein MM, Hrusch CL, Gozdz J et al. N Engl J Med. 2016. DOI: 10.1056/NEJMoa1508749
4-malseltener Asthma bei Amish-Kindern als bei Hutterer-Kindern
6,8-malso viel Endotoxin im Hausstaub der Amish, im Median
1 zu 11 %Asthma bei Stallkontakt im ersten Lebensjahr gegenüber späterem Beginn

Ist es ein bestimmter Keim, der schützt? Oder die Menge? Eine Münchner Arbeitsgruppe hat genauer hingeschaut.

Studie 3 · Vielfalt statt Einzelkeim Zwei Querschnittsstudien

Ege, von Mutius und Kollegen aus München werteten zwei große europäische Studien aus, PARSIFAL und GABRIELA. Sie untersuchten Matratzen- und Zimmerstaub von Bauernhofkindern und Kindern einer Vergleichsgruppe.

Bauernhofkinder waren einer größeren Vielfalt an Umweltmikroben ausgesetzt und hatten seltener Asthma und Allergien. Je vielfältiger die mikrobielle Umgebung, desto niedriger war das Asthmarisiko, mit einer Odds Ratio von 0,62 in PARSIFAL und 0,86 in GABRIELA. Eine Odds Ratio unter 1 steht für ein geringeres Risiko.

Was das für dich bedeutet: Es scheint weniger auf einen einzelnen Keim anzukommen als auf die Vielfalt. Laut den Autoren erklärt diese Vielfalt einen erheblichen Teil des Bauernhof-Effekts.

Ege MJ, Mayer M, Normand AC et al. N Engl J Med. 2011. DOI: 10.1056/NEJMoa1007302

Wie könnte Stallstaub die Atemwege beeinflussen? Eine Antwort kommt aus dem Labor, und sie stammt von Mäusen.

Studie 4 · Die Türsteherin der Atemwege In vivo, Maus

Schuijs, Lambrecht, Hammad und Kollegen aus Gent zeigten in Science: Wiederholter Kontakt mit kleinen Mengen Endotoxin oder Bauernhofstaub schützte Mäuse vor Asthma durch Hausstaubmilben.

Entscheidend war ein Eiweiß namens A20 in den Zellen der Atemwegsschleimhaut. Fehlte es, verschwand der Schutz. Bei Bauernhofkindern war eine Genvariante von A20 mit dem Risiko für Allergie und Asthma verbunden.

Was das für dich bedeutet: Die Schleimhaut ist wie eine Türsteherin, die lernt, harmlose Gäste nicht gleich als Gefahr zu melden. Im Tiermodell ist das gut belegt, beim Menschen noch nicht abschließend.

Schuijs MJ, Willart MA, Vergote K et al. Science. 2015. DOI: 10.1126/science.aac6623

Die Datenlage ist inzwischen so konsistent, dass sie in die deutsche Leitlinie eingeflossen ist. Die S3-Leitlinie zur Allergieprävention hält fest: Es gibt klare Evidenz, dass das Aufwachsen auf einem Bauernhof mit einem geringeren Risiko für Asthma und allergische Erkrankungen verbunden ist. Sie verbindet das unter anderem mit der größeren mikrobiellen Vielfalt im Hausstaub.

Reframe

Es geht nicht um Dreck. Es geht um Vielfalt.

Ein Bauernhof ist kein Rezept, das ihr nachkochen müsst. Er ist ein Hinweis darauf, was einem jungen Immunsystem in der Stadt fehlen könnte: Kontakt mit vielen verschiedenen, meist harmlosen Mikroben, und das früh und regelmäßig.

Ihr müsst dafür nicht aufs Land ziehen. Ein Hofbesuch mit Ställen, Tieren und Wiesen kann ein schönes Familienritual sein, gerade für Stadtkinder. Wichtiger als der einzelne Besuch ist vielleicht die Haltung dahinter: Begegnung statt Abschirmung.

Und jetzt weißt du, warum Forschende so neugierig auf Ställe, Kühe und Hausstaub schauen.

Alte Freunde: Warum das Immunsystem Gesellschaft braucht

Hast du dich schon einmal gefragt, warum Allergien in vielen Familien heute fast dazugehören? Heuschnupfen beim einen Kind, Neurodermitis beim anderen, eine Nussallergie in der Kita-Gruppe.

Forschende beschreiben weltweit eine Zunahme von Allergien und anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen, besonders in Städten. Eine mögliche Erklärung hat mit Freundschaft zu tun.

Stell dir das Immunsystem deines Kindes wie eine junge Fußballmannschaft vor. Es gibt Stürmer, die angreifen. Und es gibt Schiedsrichter, die abpfeifen, wenn das Spiel zu hitzig wird. Diese Schiedsrichter heißen regulatorische T-Zellen. Einer ihrer wichtigsten Botenstoffe ist IL-10, ein Signal zur Beruhigung.

Bei einer Allergie pfeift der Schiedsrichter zu spät. Das Immunsystem behandelt Pollen, Tierhaare oder Nahrungseiweiße, als wären es Angreifer.

Rook vom University College London beschreibt das Prinzip dahinter mit einem schönen Bild: den alten Freunden. Gemeint sind Mikroben und andere Organismen, mit denen der Mensch über seine ganze Entwicklungsgeschichte zusammengelebt hat. Das Immunsystem musste sie tolerieren. So übernahmen sie eine Rolle dabei, die Schiedsrichter auszubilden.

Manche dieser alten Freunde sind aus dem Stadtleben fast verschwunden. Umso wichtiger werden laut Rook die Mikroben, die von der Mutter, von anderen Menschen, von Tieren und aus der Umwelt kommen.

Bemerkenswert ist Rooks Vorsicht. Schnelle Entspannungseffekte im Grünen beweisen für ihn noch keinen langfristigen Gesundheitsnutzen. Sein Argument ist ein anderes: Die Natur liefert mikrobiellen Input, den das Immunsystem zum Regulieren braucht.

Kernaussage: Toleranz ist eine Lernleistung des Immunsystems, und harmlose Mikroben könnten die Lehrer sein. Bei Jugendlichen mit Allergieneigung fanden Forschende weniger Biodiversität ums Haus und weniger Bakterienvielfalt auf der Haut.

Studie 5 · Von der Landschaft auf die Haut Querschnitt, Jugendliche

Hanski, Haahtela und Kollegen von der Universität Helsinki untersuchten eine Zufallsstichprobe von Jugendlichen aus einer abwechslungsreichen Region in Finnland.

Jugendliche mit allergischer Veranlagung lebten in einer Umgebung mit weniger Biodiversität. Auf ihrer Haut fanden sich weniger verschiedene Gammaproteobakterien, eine Bakteriengruppe, die auch in Erde und auf Pflanzen häufig vorkommt. Bei gesunden Jugendlichen ging mehr Acinetobacter, ein Vertreter dieser Gruppe, mit mehr IL-10 in Immunzellen einher.

Was das für dich bedeutet: Die Landschaft vor der Haustür könnte bis auf die Haut und in die Immunzellen hineinreichen. Ein Querschnitt zeigt aber nur Zusammenhänge, keine Ursache.

Hanski I, von Hertzen L, Fyhrquist N et al. Proc Natl Acad Sci U S A. 2012. DOI: 10.1073/pnas.1205624109

Ist Dreck für Kinder gesund?

Die kurze Antwort

Nicht Dreck an sich, sondern der Kontakt mit vielen verschiedenen, meist harmlosen Mikroben scheint das Immunsystem zu schulen. Hygiene, die vor Infektionen schützen soll, bleibt dabei wichtig. Sie muss nur gezielt sein, nicht flächendeckend.

Studie 6 · Abschied von einem Missverständnis Expertenkonsens

Eine Gruppe um Bloomfield und Rook befragte sechs Fachleute für Infektionen und Allergien in einem strukturierten Konsensverfahren. Die Gruppe hält den Begriff Hygienehypothese für irreführend.

Es gebe keine gute Evidenz, dass die Alltagshygiene, wie die meisten sie verstehen, für die relevanten Veränderungen verantwortlich ist. Als mögliche Bausteine nennen sie unter anderem Stillen, mehr Zeit draußen, weniger Zeit in Innenräumen, soziale Kontakte, Ernährung und einen angemessenen Umgang mit Antibiotika. Vorbeugung müsse früh im Leben ansetzen.

Was das für dich bedeutet: Gezielte Hygiene heißt, konsequent dort zu sein, wo Infektionen drohen, und entspannt überall sonst.

Bloomfield SF, Rook GA, Scott EA et al. Perspect Public Health. 2016. DOI: 10.1177/1757913916650225
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Hygiene und Natur sind keine Gegner.

Hände waschen vor dem Essen, nach der Toilette und nach dem Kontakt mit Tieren kann vor Infektionen schützen. Dazwischen darf ein Kind im Sand graben, Regenwürmer suchen und mit Laub werfen. Beides gehört zusammen.

Vielleicht denkst du jetzt an Dinge, die du nicht mehr ändern kannst. Einen Kaiserschnitt, Antibiotika im ersten Lebensjahr, eine Wohnung ohne Garten. Das ist kein Grund für Schuldgefühle. Viele dieser Entscheidungen waren richtig und notwendig.

Das frühe Zeitfenster scheint besonders prägend zu sein. Trotzdem bleibt das Immunsystem ein Leben lang im Austausch mit seiner Umwelt. Draußensein ist ein Baustein, der euch jeden Tag offensteht.

Und jetzt weißt du, warum Forschende heute lieber von Vielfalt sprechen als von Schmutz.

Waldboden statt Fallschutzmatte: Was finnische Kitas zeigten

Denk an den Hof der Kita deines Kindes. Vielleicht Pflaster, Kies, ein Sandkasten und eine Gummimatte unter der Schaukel. Praktisch, sauber, leicht zu pflegen.

Ein finnisches Forschungsteam hat sich gefragt, was passiert, wenn so ein Hof ein Stück Wald wird. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen die Biodiversitätshypothese nicht nur beobachtet, sondern im Experiment geprüft wurde.

Kernaussage: Schon wenige Wochen Kontakt mit vielfältigem Boden gingen in Kita-Studien mit Veränderungen bei Hautbakterien und Immunmarkern einher. In der doppelblinden Sandkasten-Studie spielten die Kinder dafür zweimal täglich 20 Minuten.

Studie 7 · Ein Stück Wald im Kita-Hof Interventionsstudie, 28 Tage

Roslund, Sinkkonen und Kollegen von der Universität Helsinki brachten Waldboden, Rasensoden und Pflanzkästen in die Höfe städtischer Kitas. Zum Vergleich untersuchten sie Kinder aus üblichen Stadt-Kitas und aus naturorientierten Kitas.

Nach 28 Tagen war die Vielfalt der Gammaproteobakterien in der Umgebung und auf der Haut der Kinder größer. Damit gingen ein Anstieg des Botenstoffs TGF-β1 im Blut und ein höherer Anteil regulatorischer T-Zellen einher. Das Verhältnis von IL-10 zu IL-17A, also von Bremse zu Gaspedal, stieg.

Was das für dich bedeutet: Wenige Wochen Kontakt mit lebendigem Boden könnten Spuren im Immunsystem hinterlassen. Die Kitas wurden aber nicht zufällig zugeteilt, und gemessen wurden Laborwerte, keine Erkrankungen.

Roslund MI, Puhakka R, Grönroos M et al. Sci Adv. 2020. DOI: 10.1126/sciadv.aba2578
Studie 8 · Der Sandkasten-Test RCT, doppelblind, n=26

Zwei Jahre später prüfte die Gruppe ihre Idee strenger, doppelblind und mit Placebo. Kinder zwischen drei und fünf Jahren spielten 14 Tage lang zweimal täglich 20 Minuten im Sandkasten. In der einen Gruppe war der Sand mit mikrobiell vielfältiger Erde angereichert, in der anderen nur mit Torf gefärbt und sah gleich aus.

Nur in der Erde-Gruppe veränderten sich die Hautbakterien in Richtung des Sandes, auch 28 Tage nach Beginn noch. IL-10 und das Verhältnis von IL-10 zu IL-17A entwickelten sich im Vergleich zur Placebogruppe in Richtung Immunregulation.

Was das für dich bedeutet: Ein vielfältiger Boden scheint das Immunsystem anders anzusprechen als Sand allein. Mit 13 Kindern pro Gruppe bleibt das ein erster, aber methodisch sauberer Hinweis.

Roslund MI, Parajuli A, Hui N et al. Ecotoxicol Environ Saf. 2022. DOI: 10.1016/j.ecoenv.2022.113900

Auch über einen längeren Zeitraum blieb ein Unterschied sichtbar. In einer zweijährigen Auswertung derselben Forschungsgruppe fanden sich auf der Haut von Kindern aus den umgestalteten Kitas nach einem Jahr mehr unterschiedliche Proteobakterien. Potenziell krankmachende Bakterien waren seltener als bei Kindern aus Standard-Kitas. Die Autoren fordern, als Nächstes Immunreaktionen und Erkrankungen zu untersuchen.

Fair eingeordnet

Was dafür spricht: Die Biodiversitätshypothese wurde hier nicht nur beobachtet, sondern im Experiment getestet, einmal sogar doppelblind mit Placebo.

Was dagegen spricht: Die Gruppen waren klein, die Beobachtungszeit kurz, und gemessen wurden Bakterien und Botenstoffe, keine Allergien.

Mein Fazit: ein vielversprechender Hinweis, aber noch kein Beweis für weniger Erkrankungen.

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Ein Laborwert ist ein Hinweis, keine Diagnose.

Ein höherer IL-10-Wert bedeutet nicht, dass ein Kind keine Allergie bekommt. Er zeigt eine Richtung, in die sich das Immunsystem bewegen könnte. Für ein gesundes Kind ist lebendiger Boden deshalb eher ein Angebot als ein Risiko.

Frag in Kita oder Schule nach, ob es auf dem Hof Beete, Wiese, Laub oder ein Stück naturnahen Boden gibt. Beim Sandkasten zählt trotzdem Hygiene: Abdecken über Nacht hält Katzen fern, die ihn sonst als Toilette nutzen könnten. Und mische keine Gartenerde auf eigene Faust in den Sand. In den Studien wurde geprüftes Material verwendet.

Und jetzt weißt du, warum ein Stück Waldboden im Kita-Hof mehr sein könnte als Dekoration.

Der Darm reift mit: Mikrobiom, Butyrat und der Bauernhof-Effekt

Im ersten Lebensjahr passiert im Bauch deines Kindes etwas Erstaunliches. Aus wenigen Bakterienarten entsteht nach und nach ein ganzes Ökosystem.

Stell dir einen jungen Garten vor. Welche Pflanzen zuerst Wurzeln schlagen, prägt, wie er Jahre später aussieht. Mit dem Darmmikrobiom könnte es ähnlich sein.

Kernaussage: Ein früh gereiftes Darmmikrobiom könnte einen Teil des Bauernhof-Effekts erklären. In der europäischen PASTURE-Studie waren es rund 19 Prozent.

Studie 9 · Der Weg vom Stall zur Lunge Geburtskohorte, n=618

Depner, Ege, von Mutius und Kollegen begleiteten in der europäischen PASTURE-Studie Kinder aus ländlichen Regionen von Geburt an. Sie bestimmten, wie weit das Darmmikrobiom zwischen dem zweiten und zwölften Lebensmonat gereift war.

Ein reiferes Mikrobiom mit zwölf Monaten hing mit Bauernhofkontakt zusammen und mit einem geringeren Asthmarisiko im Schulalter, Odds Ratio 0,72. Diese Reifung erklärte rund 19 Prozent des Bauernhof-Effekts. Kinder mit Asthma hatten im Stuhl weniger Butyrat und weniger Bakterien, die Butyrat bilden.

Was das für dich bedeutet: Der Weg vom Stall zur Lunge könnte über den Darm führen. Forschende sprechen von einer Darm-Lungen-Achse.

Depner M, Taft DH, Kirjavainen PV et al. Nat Med. 2020. DOI: 10.1038/s41591-020-1095-x

Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure. Darmbakterien bilden sie, wenn sie Ballaststoffe fermentieren. Du kannst sie dir wie eine Kurznachricht vorstellen, die der Darm an das Immunsystem schickt. Ihr Inhalt könnte lauten: Alles ruhig hier, kein Grund zur Aufregung.

Eine Schweizer Arbeitsgruppe um Roduit fand bei 301 einjährigen Kindern Ähnliches. Kinder mit den höchsten Butyrat- und Propionatwerten im Stuhl waren später seltener sensibilisiert und hatten zwischen drei und sechs Jahren seltener Asthma. Bei Mäusen dämpften diese Fettsäuren eine allergische Entzündung der Atemwege. Das ist ein Tierbefund, der beim Menschen noch zu prüfen ist.

Lässt sich Vielfalt in Kapseln kaufen?

Die naheliegende Frage lautet: Warum nicht einfach ein Probiotikum? Die deutsche S3-Leitlinie zur Allergieprävention sieht für Präbiotika, Probiotika und Vitamin-D-Präparate keine ausreichende Evidenz, um damit Allergien vorzubeugen. Sie rät erstmals ausdrücklich davon ab, sie zu diesem Zweck zu geben.

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Vielfalt kommt nicht aus der Dose.

Ein Probiotikum enthält eine überschaubare Zahl ausgewählter Stämme. Ein Waldboden, ein Hund oder ein Gemüsebeet bringen eine ganze Landschaft an Mikroben mit, und das über Haut, Atemwege und Darm gleichzeitig.

Für den Darm deines Kindes sind die Grundlagen wichtiger als Präparate. Eine abwechslungsreiche, altersgerechte Ernährung mit Gemüse und Ballaststoffen. Zeit mit Menschen, Tieren und Natur. Und Antibiotika dann, wenn sie medizinisch nötig sind, entschieden gemeinsam mit eurer Kinderarztpraxis. Mehr dazu findest du in meinen Artikeln zu fermentierten Lebensmitteln und zum Darm nach Antibiotika.

Und jetzt weißt du, warum Forschende beim Thema Allergie inzwischen auch in die Windel schauen.

Hund, Katze, Kinderzimmer: Was Haustiere bedeuten können

„Wir hätten so gern einen Hund. Aber unser Kind hat doch schon Neurodermitis.“ Vielleicht kennst du diesen Satz aus deiner eigenen Familie.

Viele Eltern haben gehört: Bei Allergiegefahr lieber kein Tier. Die Daten zeichnen inzwischen ein differenzierteres Bild.

Kernaussage: Ein Hund im ersten Lebensjahr geht in großen Studien mit etwas weniger Asthma einher. In Schweden lag die Odds Ratio bei über einer Million Kindern bei 0,87.

Studie 10 · Zwei Tiere, halb so viele Sensibilisierungen Geburtskohorte, n=474

Ownby und Kollegen begleiteten in einer Vorortregion von Detroit Kinder von der Geburt bis ins Schulalter.

Mit sechs bis sieben Jahren hatten 33,6 Prozent der Kinder ohne Hund oder Katze im ersten Lebensjahr eine Sensibilisierung im Hauttest, bei einem Tier 34,3 Prozent. Bei Kindern mit zwei oder mehr Hunden oder Katzen waren es 15,4 Prozent.

Was das für dich bedeutet: Ein einzelnes Tier machte hier keinen Unterschied, mehrere schon. Die Kinder wurden Ende der 1980er-Jahre geboren, und die Studie ist vergleichsweise klein.

Ownby DR, Johnson CC, Peterson EL. JAMA. 2002. DOI: 10.1001/jama.288.8.963
Studie 11 · Über eine Million schwedische Kinder Registerkohorte

Fall, Almqvist und Kollegen werteten die Registerdaten aller 1.011.051 Kinder aus, die zwischen 2001 und 2010 in Schweden geboren wurden.

Ein Hund im ersten Lebensjahr ging mit seltenerem Asthma im Alter von sechs Jahren einher, Odds Ratio 0,87. Bei Kontakt zu Nutztieren lag die Odds Ratio bei 0,48. Für Kinder unter drei Jahren zeigte sich beim Hund kein geringeres Risiko.

Was das für dich bedeutet: Der Zusammenhang ist messbar, aber moderat. Ein Hund ist ein möglicher Baustein, kein Schutzschild.

Fall T, Lundholm C, Örtqvist AK et al. JAMA Pediatr. 2015. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2015.3219

Eine Göteborger Gruppe um Hesselmar fand sogar eine Dosis-Beziehung. Je mehr Hunde und Katzen im ersten Lebensjahr im Haushalt lebten, desto seltener hatten die Kinder mit sieben bis neun Jahren Allergien. In der Querschnittsgruppe sank der Anteil von 49 Prozent bei Kindern ohne Tiere auf null bei fünf oder mehr Tieren. Die Autoren sprechen von einem Mini-Bauernhof-Effekt.

Und es geht nicht nur um Allergien. In einer finnischen Geburtskohorte mit 397 Kindern waren Babys mit Hund im Haus im ersten Lebensjahr insgesamt gesünder. Sie hatten seltener Atemwegsbeschwerden und Mittelohrentzündungen und brauchten seltener Antibiotikakuren.

Ganz so einfach ist es trotzdem nicht. In der Dänischen Nationalen Geburtskohorte mit bis zu 84.478 Kindern waren die Zusammenhänge insgesamt schwach. Hundekontakt ging mit etwas weniger Neurodermitis und Asthma einher, ein Vogel im Haushalt während der Schwangerschaft mit etwas mehr Asthma. Ob sich ein Zusammenhang zeigte, hing von Tierart, Zeitpunkt und familiärer Vorbelastung ab.

Leitlinie · Was die Fachgesellschaften empfehlen S3-Leitlinie

Die deutsche S3-Leitlinie zur Allergieprävention von Kopp und Kollegen beruht auf 286 bewerteten Studien. Zu Haustieren formuliert sie eine abgestufte Empfehlung.

In Familien ohne erkennbar erhöhtes Allergierisiko soll Haustierhaltung mit Katze oder Hund nicht grundsätzlich eingeschränkt werden. Familien mit erhöhtem Allergierisiko oder mit einem Kind, das bereits Neurodermitis hat, sollten keine Katze neu anschaffen. Von einem Hund wird dagegen nicht abgeraten.

Was das für dich bedeutet: Die Entscheidung für ein Tier ist eine Familienentscheidung, keine Allergietherapie. Bei Vorbelastung lohnt ein Gespräch mit eurer Kinderarztpraxis vorab.

Kopp MV, Muche-Borowski C, Abou-Dakn M et al. Allergol Select. 2022. DOI: 10.5414/ALX02303E
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Ein Hund ist kein Medikament. Er ist ein Familienmitglied mit Fell, Pfoten und Mikroben.

Wenn er zu eurem Leben passt, könnte er nebenbei das Immunsystem deines Kindes mitprägen. Als reine Allergievorsorge angeschafft, wäre er mit einer Erwartung belastet, die er nicht erfüllen muss.

Mit Tieren entspannt und sicher

  • Hände waschen nach dem Spielen mit Tieren und vor dem Essen, das ist der wichtigste Hygieneschritt.
  • Haustiere regelmäßig tierärztlich betreuen, impfen und entwurmen lassen.
  • Säuglinge nicht im Gesicht ablecken lassen und Futternäpfe außer Reichweite stellen.
  • Reptilien wie Schildkröten, Echsen und Schlangen tragen häufig Salmonellen. Für Kleinkinder ist enger Kontakt deshalb nicht geeignet.
  • Kratz- und Bisswunden gründlich auswaschen und bei Rötung, Schwellung oder Fieber ärztlich ansehen lassen.

Und jetzt weißt du, warum ein Hund kein Allergie-Rezept ist, aber auch nicht automatisch ein Risiko.

Grün für die Nerven: Konzentration, Stress und Psyche

Nach einem verregneten Tag drinnen kennst du das vielleicht. Dein Kind springt über das Sofa, streitet mit den Geschwistern, nichts passt. Dann eine Stunde im Park, und auf dem Heimweg ist es still und müde, auf die gute Art.

Dahinter steckt mehr als Auspowern. Das Stresshormon Cortisol folgt bei Kindern wie bei Erwachsenen einem Tagesrhythmus. Morgens ist es hoch und macht wach, über den Tag fällt es ab, wie die Ebbe nach der Flut. Gerät dieser Rhythmus durcheinander, kann ein Kind abends aufgedreht und morgens erschöpft sein.

Studie 12 · Ein Schultag pro Woche im Wald Prospektiv, n=48

Dettweiler und Kollegen begleiteten in Deutschland ein Schuljahr lang 48 Kinder um die elf Jahre. 37 von ihnen hatten einmal pro Woche einen ganzen Schultag im Wald, 11 lernten nur im Klassenzimmer.

An den Waldtagen sank das Cortisol im Speichel über den Schultag gleichmäßig ab, so wie es dem gesunden Tagesrhythmus eines Kindes entspricht. In der Vergleichsgruppe fehlte dieser Abfall. Die größere körperliche Aktivität erklärte den Unterschied statistisch nicht.

Was das für dich bedeutet: Lernen draußen könnte den Stressrhythmus von Kindern entlasten. Die Gruppen waren klein und nicht zufällig eingeteilt.

Dettweiler U, Becker C, Auestad BH, Simon P, Kirsch P. Int J Environ Res Public Health. 2017. DOI: 10.3390/ijerph14050475

Kernaussage: Grün in der Kindheit hängt mit besserer psychischer Gesundheit zusammen. In Dänemark hatten Menschen mit dem wenigsten Grün in der Kindheit ein bis zu 55 Prozent höheres Risiko für spätere psychische Erkrankungen.

Studie 13 · Eine Million Kindheiten aus dem Satelliten Registerkohorte

Engemann und Kollegen von der Universität Aarhus berechneten für rund eine Million Menschen in Dänemark per Satellitendaten, wie grün ihr Wohnumfeld von der Geburt bis zum zehnten Lebensjahr war.

Wer als Kind am wenigsten Grün um sich hatte, hatte später ein bis zu 55 Prozent höheres Risiko für verschiedene psychische Erkrankungen als Kinder mit dem meisten Grün. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung von Verstädterung, sozialer Lage und psychischen Erkrankungen der Eltern bestehen.

Was das für dich bedeutet: Nicht der einzelne Ausflug, sondern Grün über die ganze Kindheit schien zu zählen. Ursache und Wirkung lassen sich mit solchen Daten aber nicht beweisen.

Engemann K, Pedersen CB, Arge L et al. Proc Natl Acad Sci U S A. 2019. DOI: 10.1073/pnas.1807504116

Eine weitere dänische Registerstudie mit 814.689 Menschen schaute auf ADHS. Kinder aus den am wenigsten grünen Wohngegenden erhielten häufiger eine ADHS-Diagnose. Nach Berücksichtigung sozialer Faktoren schwächte sich der Zusammenhang deutlich ab, das Inzidenzratenverhältnis sank von 1,55 auf 1,20, blieb aber bestehen.

In Barcelona verfolgte ein Team um Dadvand 2.593 Grundschulkinder zwischen sieben und zehn Jahren über ein Jahr. Mehr Grün rund um die Schule ging mit größeren Fortschritten beim Arbeitsgedächtnis und stärker abnehmender Unaufmerksamkeit einher. Ein Teil davon ließ sich durch weniger Luftverschmutzung erklären, je nach Analyse 20 bis 65 Prozent.

Studie 14 · Zwanzig Minuten Park Crossover, n=17

Taylor und Kuo von der University of Illinois ließen 17 Kinder zwischen 7 und 12 Jahren mit ADHS-Diagnose an drei Terminen je 20 Minuten spazieren gehen: durch einen Park, durch die Innenstadt und durch ein Wohnviertel. Die Reihenfolge war zufällig.

Nach dem Parkspaziergang konnten sich die Kinder in einem Test, bei dem Zahlenreihen rückwärts wiederholt werden, besser konzentrieren als nach den beiden anderen Wegen.

Was das für dich bedeutet: Zwanzig Minuten Grün könnten die Aufmerksamkeit kurzfristig verbessern. Das ist ein ergänzender Baustein, kein Ersatz für eine ADHS-Behandlung.

Taylor AF, Kuo FE. J Atten Disord. 2009. DOI: 10.1177/1087054708323000

Wie belastbar ist das alles? Eine dänische Übersichtsarbeit von Mygind und Kollegen wertete 84 Publikationen zu intensiven Naturerlebnissen von Kindern und Jugendlichen aus. Sie fand bedingte Unterstützung für Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Widerstandskraft und schulische Leistungen. Für die Stimmung waren die Ergebnisse weniger eindeutig, und viele Studien hatten ein hohes Verzerrungsrisiko.

Eine zweite Perspektive

In der anthroposophischen Entwicklungslehre nach Rudolf Steiner spielen die sogenannten unteren Sinne eine besondere Rolle: Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn und Gleichgewichtssinn. Sie gelten dort als Fundament, auf dem sich später Denken und Fühlen entfalten.

Unebener Waldboden, Wind, Kälte und Wärme sprechen genau diese Sinne an. Das ist eine pädagogische Tradition ohne starke Studienbasis. Sie passt aber gut zu dem, was die Forschung zu Bewegung, Gleichgewicht und Aufmerksamkeit andeutet.

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Zappeligkeit ist oft kein Fehlverhalten, sondern ein Bedürfnis.

Hinter Unruhe kann der Wunsch nach Bewegung, Weite und Reizen stehen, die der Körper verarbeiten kann. Drinnen stößt dieses Bedürfnis an Wände. Draußen findet es einen Ort.

Plane grüne Wege ein: den Umweg durch den Park auf dem Schulweg, Hausaufgaben im Garten oder auf dem Balkon, ein Waldnachmittag am Wochenende. Auch Tageslicht spielt mit, denn es ist der wichtigste Taktgeber der inneren Uhr. Mehr dazu findest du in meinem Artikel zu Morgenlicht und der inneren Uhr.

Und jetzt weißt du, warum ein Nachmittag im Park für dein Kind mehr sein kann als Zeitvertreib.

Licht für die Augen: Warum Draußenzeit Kurzsichtigkeit vorbeugen kann

Bücher, Tablets, Hausaufgaben, Bausteine: Kinderaugen schauen heute viel in die Nähe. In vielen Familien liegt irgendwann die erste Brille auf dem Tisch.

Kurzsichtigkeit entsteht meist, weil der Augapfel in der Kindheit zu stark in die Länge wächst. Die Netzhaut ist dabei kein passiver Bildschirm. Sie ist ein vorgeschobener Teil des Gehirns, und sie reagiert auf Licht.

Kernaussage: Mehr Zeit draußen kann neue Kurzsichtigkeit seltener machen. In einer Studie mit 1.903 Erstklässlern wurden von den anfangs nicht kurzsichtigen Kindern 30,4 statt 39,5 Prozent kurzsichtig.

Studie 15 · Eine Stunde mehr draußen Cluster-RCT, n=1.903

He, Morgan und Kollegen teilten in Guangzhou zwölf Grundschulen zufällig in zwei Gruppen. In sechs Schulen bekamen die Erstklässler jeden Schultag eine zusätzliche Unterrichtseinheit von 40 Minuten im Freien, und die Eltern wurden zu mehr Draußenzeit ermutigt.

Nach drei Jahren waren in der Draußen-Gruppe 30,4 Prozent der anfangs nicht kurzsichtigen Kinder kurzsichtig geworden, in der Vergleichsgruppe 39,5 Prozent.

Was das für dich bedeutet: Schon eine zusätzliche Draußen-Einheit am Tag ging mit weniger neuer Kurzsichtigkeit einher. Die Studie fand in China statt, wo Kurzsichtigkeit sehr verbreitet ist.

He M, Xiang F, Zeng Y et al. JAMA. 2015. DOI: 10.1001/jama.2015.10803
Studie 16 · Auch im Schatten Cluster-RCT, n=693

Wu und Kollegen ermutigten in Taiwan Erstklässler eines Schulprogramms, bis zu elf Stunden pro Woche draußen zu verbringen, und maßen die Lichtstärke mit Messgeräten.

Nach einem Jahr nahm die Kurzsichtigkeit in der Programmgruppe weniger zu, und das Risiko für ein schnelles Fortschreiten war um 54 Prozent geringer. Das galt für Kinder mit und ohne bestehende Kurzsichtigkeit.

Was das für dich bedeutet: Laut den Autoren war pralles Sonnenlicht dafür nicht nötig. Auch geringere Lichtstärken über längere Zeit, etwa unter Bäumen, kamen in Frage.

Wu PC, Chen CT, Lin KK et al. Ophthalmology. 2018. DOI: 10.1016/j.ophtha.2017.12.011
Reframe

Licht für die Augen braucht keinen Sonnenbrand.

Für die Augen scheint die Lichtmenge über die Zeit zu zählen, nicht die pralle Mittagssonne. Schatten unter Bäumen ist meist immer noch um ein Vielfaches heller als ein Kinderzimmer. So lassen sich Augen und Haut gleichzeitig schützen.

Draußenzeit ersetzt keine augenärztliche Kontrolle. Wenn dein Kind blinzelt, nah an Bücher rückt oder über Kopfschmerzen klagt, gehört es in augenärztliche Hände.

Und jetzt weißt du, warum der Spielplatz auch ein Ort für die Augen ist.

Wenn dein Kind schon allergisch ist: draußen ja, aber klug

Wenn die Familie sich nach drinnen zurückzieht

Ich kenne dieses Muster sehr gut, oft aus Gesprächen mit Eltern, die ihre Sorgen um ein Kind in die Sprechstunde mitbringen. Das Kind hat Neurodermitis und kämpft im Frühjahr mit Heuschnupfen. Über die Jahre hat sich die Familie Schritt für Schritt nach drinnen zurückgezogen.

„Wir haben irgendwann nur noch aufgepasst: kein Gras, keine Erde, kein Tier. Und trotzdem ist es nicht besser geworden.“

Was mir in solchen Gesprächen auffällt: Medizinisch ist das Kind meist gut versorgt, mit hautärztlicher Pflege und einem Plan für die Pollenzeit. Was fehlt, ist Zeit draußen, die niemand organisiert. Kein Kurs, kein Termin, einfach Draußensein.

Gemeinsam überlegen wir dann, wie mehr freie Draußenzeit gelingen kann, ohne die Allergie zu ignorieren, und in Absprache mit der behandelnden Kinderarztpraxis. Die bestehende Behandlung läuft dabei unverändert weiter. Die Eltern bauen nach und nach unverplante Nachmittage im Freien ein, angepasst an Pollenflug und Haut.

Wenn Familien diesen Schritt gehen, höre ich danach oft Ähnliches. Die Nachmittage werden ruhiger, das Kind schläft abends leichter ein. Und die Eltern beschreiben vor allem eines: weniger Angst vor dem Draußen.

Ich kann keine Kausalität behaupten, aber ich dokumentiere den zeitlichen Zusammenhang. Allergien und Neurodermitis schwanken mit Jahreszeit, Alter und vielen weiteren Faktoren, und die Behandlung lief jeweils weiter. Die Lehre daraus: Schutz und Draußensein schließen sich nicht aus.

Wichtig ist eine Unterscheidung, die in vielen Ratgebern untergeht. Die Studien zu Bauernhof, Tieren und Biodiversität betreffen vor allem die Vorbeugung, also die Zeit, bevor eine Allergie entsteht. Ob Naturkontakt eine bestehende Allergie verändert, ist kaum untersucht.

Dazu kommt: Grün ist nicht gleich Vielfalt. Das zeigt eine Auswertung, die auf den ersten Blick überrascht.

Studie 17 · Grün ist nicht gleich Vielfalt Meta-Analyse, 11 Studien

Lambert und Kollegen aus Melbourne fassten elf Studien zum Grün rund um die Wohnung und zu allergischen Atemwegserkrankungen bei Kindern zusammen.

Die Ergebnisse waren widersprüchlich. Gepoolt lag die Odds Ratio für Asthma bei 1,01 und für Heuschnupfen bei 0,99, also ohne klaren Zusammenhang, bei großen Unterschieden zwischen den Studien.

Was das für dich bedeutet: Ein grünes Viertel ist nicht automatisch ein vielfältiges. Rasen, Zierpflanzen und Pollen könnten anders auf ein Immunsystem treffen als ein artenreicher Wald mit lebendigem Boden.

Lambert KA, Bowatte G, Tham R et al. Environ Res. 2017. DOI: 10.1016/j.envres.2017.08.002

Draußen mit Allergie oder Neurodermitis

  • Den Allergie-Plan immer dabei haben: Medikamente und, falls verordnet, das Notfallset.
  • In starken Pollenzeiten die Draußenzeit in pollenärmere Stunden legen oder nach einem Regen nutzen.
  • Nach dem Spielen in der Pollenzeit Kleidung wechseln und die Haare auswaschen, besonders vor dem Schlafen.
  • Bei Neurodermitis die Haut nach Sand und Matsch sanft reinigen und pflegen, offene, nässende Stellen vor Erde schützen.
  • Bei Asthma mit der Kinderarztpraxis besprechen, wie mit Kälte, Anstrengung und Pollen umzugehen ist.
Reframe

Eine Allergie ist kein Hausarrest.

Das Ziel ist nicht, jede Begegnung mit Natur zu vermeiden. Es geht darum, sie so zu gestalten, dass dein Kind sie gut verträgt. Bei Neurodermitis lohnt zusätzlich ein Blick auf die Verbindung von Darm und Haut, die ich in meinem Artikel zur Darm-Haut-Achse beschreibe.

Und jetzt weißt du, warum Vorbeugen und Behandeln zwei verschiedene Fragen sind.

Frei spielen, auch mal riskant: Warum unverplante Zeit zählt

Erinnerst du dich an deine eigene Kindheit draußen? An Baumhäuser, Pfützen und Nachmittage ohne Plan, an denen du erst zum Abendessen nach Hause kamst?

Viele Kinder erleben das heute seltener. Ihr Tag ist durchgetaktet: Kita, Kurs, Termin. Draußensein heißt oft, beaufsichtigt auf einem genormten Spielplatz zu stehen.

Kernaussage: Freies Spiel mit einem gewissen Risiko geht mit mehr Bewegung und besserer sozialer Gesundheit einher. Das zeigt eine Übersichtsarbeit über 21 Studien.

Studie 18 · Klettern, toben, erkunden Systematischer Review, 21 Studien

Brussoni und Kollegen von der University of British Columbia werteten 21 Arbeiten zu riskantem Draußenspiel aus, also Spiel mit mehr Freiraum und einem gewissen Risiko.

Insgesamt fanden sie positive Effekte auf verschiedene Gesundheitsindikatoren, am häufigsten auf die körperliche Aktivität, aber auch auf soziale Gesundheit und Verhalten.

Was das für dich bedeutet: Ein Kind, das selbst ausloten darf, wie hoch es klettert, trainiert mehr als Muskeln. Es lernt, Risiken einzuschätzen. Die Autoren wünschen sich mehr gute Studien, sprechen sich aber für mehr solche Gelegenheiten aus.

Brussoni M, Gibbons R, Gray C et al. Int J Environ Res Public Health. 2015. DOI: 10.3390/ijerph120606423

Draußen lernt ein Kind nicht nur sein Immunsystem kennen. Es lernt sich selbst kennen: wie weit es springen kann, wie sich Kälte anfühlt, wann es Hilfe braucht. Das ist eine Freiheit, die kein Spielzeug und kein Präparat ersetzen kann.

Plane die Zeit ein, aber nicht ihren Inhalt. Biete Orte an, an denen dein Kind klettern, bauen, matschen und auch mal Langeweile aushalten darf. Bleib in Rufweite und lass es seine Grenzen selbst ausloten, angepasst an Alter und Gelände. Wenn dein Kind dabei barfuß unterwegs ist, findest du in meinem Artikel zum Barfußlaufen mehr zu Kinderfüßen.

Und jetzt weißt du, warum ein Nachmittag ohne Programm kein verlorener Nachmittag ist.

Sicher draußen: Zecken, Sonne, Tiere und was abgeklärt gehört

Vielleicht denkst du jetzt: Alles schön, aber was ist mit Zecken? Mit Sonnenbrand? Mit dem Hund der Nachbarn?

Diese Fragen sind berechtigt. Naturkontakt ist dann am wertvollsten, wenn ihr die echten Risiken kennt und den Rest entspannt angeht.

Eine Übersichtsarbeit von Stanek und Kollegen im Lancet beschreibt die Wanderröte als häufigstes Zeichen einer Borreliose, die durch Zecken übertragen wird. Der Erreger kann sich auf Haut, Nervensystem, Gelenke oder Herz ausbreiten. Wird sie erkannt und behandelt, erholen sich die meisten gut. Die wichtigste Vorbeugung ist der Schutz vor Zeckenstichen, eine Impfung gegen Borreliose gibt es für Menschen nicht.

Zecken

Lange Kleidung auf Wiesen und im Unterholz. Abends absuchen, besonders Kopf, Hals, Achseln, Kniekehlen und Leiste. Zecken früh und vollständig entfernen. In FSME-Risikogebieten empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Impfung, frag dazu in eurer Kinderarztpraxis.

Sonne

Schatten, Kleidung und Kopfbedeckung sind die einfachsten Schutzschilde. Die Mittagsstunden im Sommer lieber im Schatten verbringen. Babys gehören nicht in die direkte Sonne. Mehr dazu in meinem Artikel Wie viel Sonne braucht der Körper.

Tiere

Händewaschen nach Tierkontakt und vor dem Essen. Fremde Hunde nur nach Rückfrage streicheln. Reptilien wegen Salmonellen nicht für Kleinkinder.

Milch vom Hof

Rohmilch für Kinder immer abkochen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Keimen wie Campylobacter und EHEC.

Erde und Wunden

Schürfwunden gründlich mit Wasser auswaschen. Prüft im Impfpass, ob der Tetanusschutz aktuell ist.

Beeren und Pilze

Kleinkindern früh beibringen, nichts Unbekanntes in den Mund zu nehmen. Die Nummer des Giftnotrufs im Handy speichern.

Ein Satz noch zum Impfen, weil er in diesem Zusammenhang oft fällt. Die S3-Leitlinie zur Allergieprävention findet keinen Hinweis darauf, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen, eher Hinweise in die Gegenrichtung. Sie empfiehlt, alle Kinder nach den aktuellen Empfehlungen zu impfen, auch Kinder mit Allergierisiko. Draußensein ergänzt den Impfschutz, es ersetzt ihn nicht.

Vorher ärztlich besprechen

Kinder mit angeborenem oder erworbenem Immundefekt, mit Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, mit einer schweren allergischen Reaktion in der Vorgeschichte, mit schwerem Asthma oder ausgedehnter, offener Neurodermitis brauchen einen individuellen Plan. Sprich mit eurer Kinderarztpraxis, bevor ihr Tierkontakte, Stallbesuche oder Gartenprojekte deutlich ausweitet.

Sofort ärztliche Hilfe braucht dein Kind bei Atemnot oder Schwellungen nach einem Insektenstich, bei tiefen Bisswunden und bei Fieber, Wanderröte oder einer Gesichtslähmung nach einem Zeckenstich.

Und jetzt weißt du, warum gute Vorbereitung Naturkontakt nicht kleiner macht, sondern freier.

Die vier KPNI-Linsen auf ein Kind im Wald

In der klinischen Psychoneuroimmunologie schauen wir nicht nur auf ein Organ. Wir fragen, wie Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem zusammenspielen. Bei einem Kind, das im Wald spielt, greifen alle vier ineinander.

Immunsystem

Toleranz lernen

Vielfältige Mikroben aus Erde, Tieren und Pflanzen könnten regulatorische T-Zellen und Botenstoffe wie IL-10 und TGF-β1 fördern, die Bremsen des Immunsystems. Im Tiermodell lernt die Atemwegsschleimhaut über das Eiweiß A20, auf harmlose Reize gelassener zu reagieren.

Stoffwechsel

Der Darm als Übersetzer

Ein früh gereiftes Darmmikrobiom bildet mehr Butyrat, eine kurzkettige Fettsäure aus Ballaststoffen. In Kohortenstudien ging viel Butyrat mit weniger Asthma und Sensibilisierung einher. Sonnenlicht auf der Haut liefert zudem den Impuls für die körpereigene Vitamin-D-Bildung.

Hormonsystem

Rhythmus statt Dauerstress

Cortisol folgt einem Tagesrhythmus, morgens hoch, über den Tag fallend. Bei Kindern mit Waldschultag fiel es über den Schultag gleichmäßig ab. Tageslicht stellt zudem die innere Uhr und damit auch den Takt des Schlafhormons Melatonin.

Nervensystem

Sinne, Aufmerksamkeit, Augen

Unebener Boden kann Gleichgewicht und Körperwahrnehmung fordern. Grün ging in Studien mit besserer Aufmerksamkeit und weniger psychischen Erkrankungen einher. Die Netzhaut, ein vorgeschobener Teil des Gehirns, scheint Tageslicht zu brauchen, um das Längenwachstum des Auges im Gleichgewicht zu halten.

Und jetzt weißt du, warum Naturkontakt kein Thema für ein einzelnes Organ ist, sondern für das ganze Kind.

So sicher ist das Wissen

Nicht alles in diesem Artikel ist gleich gut belegt. Damit du die Aussagen richtig einordnen kannst, hier die Stufen im Überblick.

Von gut belegt bis Erfahrung

Belegt durch randomisierte Studien

Mehr Draußenzeit in der Schule ging in zwei cluster-randomisierten Studien mit weniger Kurzsichtigkeit einher.

Konsistente Beobachtung

Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof hängt mit weniger Asthma und Allergien zusammen, die S3-Leitlinie spricht von klarer Evidenz. Grün in der Kindheit hängt mit besserer psychischer Gesundheit zusammen. Ursache und Wirkung sind hier nicht bewiesen.

Plausibel, Humanstudien noch klein

Biodiversität in Kitas veränderte in kleinen Studien Hautbakterien und Immunmarker. Butyrat und Mikrobiomreifung könnten den Bauernhof-Effekt mittragen. Der A20-Mechanismus ist bisher vor allem im Tiermodell gezeigt.

Tradition und klinische Beobachtung

Die anthroposophische Sinneslehre ist eine pädagogische Tradition. In meiner Praxis beobachte ich, dass Familien mit mehr freier Draußenzeit entspannter erscheinen. Das ist Erfahrung, keine Studie.

Drei Hebel für euren Familienalltag

Du musst nicht alles auf einmal ändern. Drei Richtungen reichen für den Anfang.

1

Täglich raus, ohne Programm

Plane Draußenzeit wie einen festen Termin, aber fülle sie nicht. In den Studien gingen schon überschaubare Zeiten mit messbaren Veränderungen einher: 40 Minuten zusätzlich pro Schultag bei der Kurzsichtigkeit, zweimal 20 Minuten im Sandkasten bei den Immunmarkern. Die Richtung lautet: lieber jeden Tag ein bisschen als einmal im Monat ein großer Ausflug, und auch bei Regen.

2

Vielfalt ins Spiel bringen

Echte Erde statt nur Gummimatte, ein Gemüsebeet auf dem Balkon, Laub, Wald, Bach und, wenn es zu euch passt, Tiere. Dazu gezielte Hygiene statt Daueralarm: Hände waschen vor dem Essen, nach der Toilette und nach Tierkontakt. Dazwischen darf es schmutzig werden.

3

Grün in den Alltag weben

Der Schulweg durch den Park, die Kita mit Naturgarten, das Wochenende im Wald. Frag in Kita oder Schule nach, ob der Hof mehr Natur vertragen könnte. Die finnischen Studien zeigen, dass dafür kein Bauernhof nötig ist, sondern Boden, Pflanzen und Zeit.

Am Ende ist Naturkontakt keine Methode. Er ist eine Einladung an dein Kind, die Welt mit allen Sinnen kennenzulernen, und an dich, ein bisschen mehr zu vertrauen.

Und jetzt weißt du, warum schmutzige Hände manchmal das schönste Zeichen eines guten Tages sind.

Häufige Fragen zu Natur, Kindern und Immunsystem

Stärkt Natur das Immunsystem von Kindern?

Studien deuten darauf hin, dass frühe und vielfältige Naturkontakte das kindliche Immunsystem in Richtung Toleranz prägen können. Kinder von traditionellen Bauernhöfen haben in großen Beobachtungsstudien seltener Asthma und Allergien, und die deutsche S3-Leitlinie zur Allergieprävention spricht hier von klarer Evidenz für einen Zusammenhang.

In finnischen Kita-Studien veränderten Waldboden und mikrobiell vielfältige Erde innerhalb weniger Wochen die Hautbakterien und einige Immunmarker der Kinder. Ob daraus langfristig weniger Erkrankungen folgen, ist noch nicht belegt. Passender als Stärken ist deshalb das Wort Lernen: Das Immunsystem lernt, harmlose Reize von echten Gefahren zu unterscheiden.

Ist Dreck für Kinder gesund?

Nicht Dreck an sich scheint entscheidend zu sein, sondern der Kontakt mit vielen verschiedenen, meist harmlosen Mikroben aus Erde, Pflanzen, Tieren und von anderen Menschen. Eine Expertengruppe um Bloomfield und Rook hält den Begriff Hygienehypothese deshalb für irreführend und empfiehlt gezielte Hygiene.

Das heißt: Hände waschen vor dem Essen, nach der Toilette und nach Tierkontakt, Wunden sauber halten, Rohmilch abkochen. Dazwischen darf dein Kind im Sand graben, im Laub wühlen und schmutzig werden.

Was ist die Alte-Freunde-Hypothese?

Die Alte-Freunde-Hypothese ist eng mit dem Londoner Forscher Rook verbunden. Sie besagt, dass sich unser Immunsystem über die Menschheitsgeschichte gemeinsam mit Mikroben und Organismen entwickelt hat, die es tolerieren musste.

Diese alten Freunde übernahmen eine Rolle beim Einstellen der Immunbremsen, etwa über regulatorische T-Zellen. Fehlen sie im modernen Stadtleben, könnte die Immunregulation schlechter gelingen. Die Hypothese ist gut begründet, aber nicht in allen Teilen bewiesen.

Schützt ein Bauernhof vor Allergien?

Kinder, die früh auf traditionellen Bauernhöfen mit Tierhaltung aufwachsen, haben in vielen Studien seltener Asthma, Heuschnupfen und Sensibilisierungen. Bei Amish-Kindern mit traditioneller Landwirtschaft waren Asthma und Sensibilisierung vier- beziehungsweise sechsmal seltener als bei Hutterer-Kindern mit industrialisierter Landwirtschaft.

Der Zusammenhang scheint am stärksten, wenn der Kontakt im ersten Lebensjahr beginnt und lange anhält. Rohmilch vom Hof gehört aber nicht dazu: Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät Kindern grundsätzlich von nicht abgekochter Rohmilch ab, weil sie gefährliche Keime enthalten kann.

Sollten wir uns einen Hund anschaffen, um Allergien vorzubeugen?

Ein Hund ist kein Medikament, aber auch kein Allergierisiko, das ihr grundsätzlich meiden müsst. In einer schwedischen Registerstudie mit über einer Million Kindern ging ein Hund im ersten Lebensjahr mit etwas seltenerem Asthma im Alter von sechs Jahren einher.

Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt, Haustierhaltung in Familien ohne erhöhtes Allergierisiko nicht grundsätzlich einzuschränken. Bei erhöhtem Risiko oder bestehender Neurodermitis rät sie davon ab, eine Katze neu anzuschaffen, von einem Hund dagegen nicht. Ein Tier sollte vor allem zu eurem Familienleben passen.

Mein Kind hat schon Heuschnupfen oder Neurodermitis. Ist Draußensein trotzdem sinnvoll?

In den allermeisten Fällen ja, aber mit Plan. Die Studien zu Bauernhof und Biodiversität betreffen vor allem die Vorbeugung, ob Naturkontakt eine bestehende Allergie verändert, ist kaum untersucht. Draußenzeit kann trotzdem für Bewegung, Stressabbau und Lebensfreude wertvoll sein.

In der Pollenzeit lohnt es sich, die Draußenzeit in pollenärmere Stunden oder nach einem Regen zu legen, danach Kleidung zu wechseln und die Haare auszuwaschen. Bei Neurodermitis sollte die Haut nach Sand und Matsch sanft gereinigt und gepflegt werden. Medikamente und, falls verordnet, das Notfallset gehören immer ins Gepäck.

Wie viel Zeit draußen ist für Kinder gut?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Die Studien geben aber Hinweise auf überschaubare Mengen: In China ging eine zusätzliche Draußen-Einheit von 40 Minuten pro Schultag mit weniger neuer Kurzsichtigkeit einher, in Taiwan wurden Kinder ermutigt, bis zu elf Stunden pro Woche draußen zu sein.

In der finnischen Sandkasten-Studie spielten die Kinder zweimal täglich 20 Minuten, und schon das ging mit messbaren Veränderungen auf der Haut und im Blut einher. In der dänischen Grünflächenstudie zählte vor allem das Grün über die ganze Kindheit. Die Richtung lautet also: lieber täglich als selten, und bei fast jedem Wetter.

Kann Draußenspielen vor Kurzsichtigkeit schützen?

Randomisierte Schulstudien sprechen dafür. In Guangzhou wurden innerhalb von drei Jahren 30,4 Prozent der anfangs nicht kurzsichtigen Kinder mit einer zusätzlichen Draußen-Einheit pro Schultag kurzsichtig, in der Vergleichsgruppe 39,5 Prozent. In Taiwan hatten Kinder eines Draußen-Programms ein um 54 Prozent geringeres Risiko für ein schnelles Fortschreiten der Kurzsichtigkeit.

Pralles Sonnenlicht war dafür laut den Autoren nicht nötig, auch geringere Lichtstärken, etwa im Schatten von Bäumen, kamen in Frage. Draußenzeit ersetzt keine augenärztliche Kontrolle, wenn dein Kind schlecht sieht.

Macht Natur Kinder ruhiger und konzentrierter?

Studien deuten darauf hin, dass Grün Konzentration und Stressregulation unterstützen kann. In Barcelona machten Grundschulkinder mit mehr Grün rund um die Schule innerhalb eines Jahres größere Fortschritte beim Arbeitsgedächtnis. Kinder mit ADHS konnten sich nach einem 20-minütigen Parkspaziergang besser konzentrieren als nach einem Spaziergang durch die Stadt.

Bei Kindern mit einem Waldschultag pro Woche fiel das Stresshormon Cortisol über den Schultag gleichmäßig ab, in der Vergleichsgruppe nicht. Das sind ergänzende Hinweise, kein Ersatz für Diagnostik oder Behandlung.

Sind Probiotika ein Ersatz für Naturkontakt?

Nach heutigem Stand eher nicht. Die deutsche S3-Leitlinie zur Allergieprävention sieht keine ausreichende Evidenz dafür, dass Präbiotika, Probiotika oder Vitamin-D-Präparate Allergien vorbeugen, und rät erstmals ausdrücklich davon ab, sie zu diesem Zweck zu geben.

Ein Probiotikum enthält wenige ausgewählte Stämme. Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen bringen eine viel größere Vielfalt mit, und das über Haut, Atemwege und Darm. Ob ein Präparat aus anderen Gründen sinnvoll ist, gehört in ein ärztliches Gespräch.

Wie schütze ich mein Kind draußen vor Zecken und Sonne?

Bei Zecken zählt vor allem, Stiche zu vermeiden und Zecken früh zu entfernen. Lange Kleidung auf Wiesen und im Unterholz und das abendliche Absuchen, besonders an Kopf, Hals, Achseln, Kniekehlen und Leiste, sind die wichtigsten Gewohnheiten. Eine Wanderröte oder Fieber nach einem Zeckenstich gehört ärztlich angeschaut. In FSME-Risikogebieten empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Impfung, frag dazu in eurer Kinderarztpraxis.

Bei der Sonne sind Schatten, Kleidung und Kopfbedeckung die einfachsten Schutzschilde, besonders mittags im Sommer. Babys gehören nicht in die direkte Sonne.

Was können Stadtfamilien ohne Garten tun?

Mehr, als viele denken. Ein Balkonkasten mit Erde, ein Gemeinschaftsgarten, der Park auf dem Schulweg oder der Wald am Wochenende bringen Vielfalt in den Alltag. In den finnischen Kita-Studien genügten Waldboden, Rasensoden und Pflanzkästen im Hof, um die Hautbakterien der Kinder messbar zu verändern.

Frag in Kita oder Schule nach, ob der Hof mehr Natur vertragen könnte. Und wenn ein Haustier zu eurem Leben passt, bringt auch das ein Stück Natur in die Wohnung.

Wann sollte ich mehr Naturkontakt vorher ärztlich besprechen?

Immer dann, wenn dein Kind einen angeborenen oder erworbenen Immundefekt hat, Medikamente bekommt, die das Immunsystem unterdrücken, schon einmal eine schwere allergische Reaktion hatte, an schwerem Asthma oder an ausgedehnter, offener Neurodermitis leidet. Dann braucht es einen individuellen Plan, bevor ihr Tierkontakte, Stallbesuche oder Gartenprojekte deutlich ausweitet.

Sofort ärztliche Hilfe braucht dein Kind bei Atemnot oder Schwellungen nach einem Insektenstich, bei tiefen Bisswunden und bei Fieber, Wanderröte oder einer Gesichtslähmung nach einem Zeckenstich.

Weiter im Ratgeber Naturkräfte

Wenn dich Immunsystem und Mikrobiom weiter beschäftigen

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in Berlin mit Menschen, die ihre Gesundheit aktiv mitgestalten wollen. Viele bringen dabei auch Fragen zu ihren Kindern mit. Mein Zugang kommt aus der klinischen Psychoneuroimmunologie: Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem werden zusammen betrachtet. Die klassische Medizin ist dabei die Grundlage, die ich um zusätzliche Perspektiven erweitere.

ViveCura · Privatpraxis · Skalitzer Straße 137, Berlin
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder kinderärztliche Beratung und keine individuelle Diagnostik.

Quellen

Alle Angaben wurden gegen die Originalabstracts in PubMed geprüft, Zahlen sind den Abstracts entnommen. Die meisten Studien zum Bauernhof-Effekt, zu Haustieren und zu Grünflächen sind Beobachtungsstudien und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Die finnischen Kita-Studien sind klein, kurz und messen Bakterien und Immunmarker, keine Erkrankungen. Die Studien von Stein, Schuijs und Roduit enthalten Mausmodelle, diese Befunde sind im Text als Tierstudien gekennzeichnet und beim Menschen noch nicht abschließend bestätigt. Die Empfehlung zu Rohmilch stammt vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

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