Ratgeber Heilpflanzen · Evidenz

Phytotherapie und Evidenz: was bei pflanzlichen Arzneimitteln belegt ist

Wenige Pflanzenextrakte sind gut untersucht, viele Klassiker nur schwach. Und pflanzlich heißt nicht harmlos. Hier siehst du, was hinter Zul.-Nr., Reg.-Nr. und Nahrungsergänzung steckt, warum ein Pflanzenname noch kein Präparat beschreibt und wie du Studien selbst einordnest.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Zulassung, Tradition, Lebensmittel Extrakt statt Pflanzenname Wechselwirkungen und Leber 68 Quellen, davon 50 mit DOI, darunter 9 Leitlinien
Bevor du weiterliest

Wann du nicht weiterlesen, sondern Hilfe holen solltest

Suizidgedanken oder das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen: Hol dir sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wähle 112 oder geh in die nächste psychiatrische Klinik oder Notaufnahme.

Weitere Alarmzeichen bei gedrückter Stimmung: Selbstverletzung, Wahnsymptome, ausgeprägte Antriebslosigkeit über Wochen, deutlicher Gewichtsverlust oder wenn du dich um Essen, Trinken und Körperpflege kaum noch kümmern kannst. Das gehört zeitnah in ärztliche oder psychotherapeutische Hände, nicht in ein Pflanzenpräparat.

Warnzeichen der Leber unter einem pflanzlichen Mittel: Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunkler Urin, heller Stuhl, Schmerzen im Oberbauch, ungewohnte Müdigkeit. Bitte zeitnah ärztlich abklären lassen und das Präparat nennen.

Ungewohnte Blutungen oder Blutergüsse unter Gerinnungshemmern plus Pflanzenpräparat: ärztlich abklären lassen.

Unruhe, Fieber, Schwitzen, Zittern oder Verwirrtheit, wenn Johanniskraut mit einem Antidepressivum zusammenkommt: Das kann auf ein Serotonin-Syndrom hindeuten. Hol dir sofort ärztliche Hilfe, bei schwerem Zustand über die 112.

Du stehst in der Apotheke. Vor dir zwei Schachteln, auf beiden dieselbe Pflanze. Auf der einen steht klein „Zul.-Nr.“, auf der anderen „Reg.-Nr.“ und ein Satz über langjährige Anwendung. Im Drogeriemarkt um die Ecke liegt eine Kapsel mit demselben Namen, darauf das Wort Nahrungsergänzungsmittel.

Pflanzlich klingt nach sanft. Nach sicher. Nach etwas, das man einfach ausprobieren kann. Viele Menschen kennen dieses Muster, und viele sind überrascht, dass ein Kraut aus dem Apothekenregal eine Transplantatabstoßung mit auslösen kann.

Ich möchte mit dir anschauen, was bei pflanzlichen Arzneimitteln belegt ist. Wo Leitlinien Ja sagen, wo Vielleicht und wo Nein. Und wie du erkennst, ob auf einer Packung ein geprüfter Nutzen steht, eine lange Tradition oder ein Lebensmittel.

Ein Hinweis, der über allem steht

Dieser Artikel ist kein Grund, eine Behandlung zu verändern

Kein verordnetes Medikament wird wegen dieses Artikels abgesetzt, reduziert oder durch ein pflanzliches Mittel ersetzt. Das gilt für Antidepressiva, Mittel gegen Angst, Schlafmittel, Gerinnungshemmer, Immunsuppressiva, hormonelle Verhütung, Schilddrüsenhormone, HIV- und Krebsmedikamente ebenso wie für Prostatamedikamente oder eine Hormontherapie in den Wechseljahren.

Antidepressiva: Ein abruptes Absetzen hat eigene Risiken. Jede Änderung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes.

Schlafmittel, Benzodiazepine und Z-Substanzen: Nach längerer Einnahme kann ein abruptes Absetzen gefährlich sein, bis hin zu Krampfanfällen. Jedes Ausschleichen gehört in ärztliche Begleitung.

Auch das Beenden eines Johanniskraut-Präparats verändert etwas. Laut EU-Monographie kehrt die erhöhte Enzymaktivität innerhalb einer Woche auf das Ausgangsniveau zurück, und die Spiegel anderer Medikamente können sich verschieben. Auch das gehört ärztlich besprochen.

Pflanzliche Mittel gehören in jede Medikamentenliste, auch Tees, Tropfen und Kapseln, besonders vor einer geplanten Operation.

Warum ich das schreibe

Pflanzliche Arzneimittel sind keine sanfte Nebenmedizin. Sie sind Arzneimittel. Einige wenige, genau definierte Extrakte haben in guten Studien und Leitlinien einen begründeten Platz. Viele beliebte Pflanzenpräparate haben ihn nicht, und alle können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen haben.

Was dich hier erwartet

  • Zul.-Nr., Reg.-Nr., Nahrungsergänzung: drei Wege ins Regal
  • Warum zwei Präparate derselben Pflanze nicht gleich sind
  • Johanniskraut, Pfefferminzöl, Lavendel, Ginkgo: Evidenz und Grenzen
  • Pelargonium, Echinacea, Baldrian, Sägepalme, Cimicifuga
  • Wechselwirkungen, Schwangerschaft, Leber
  • Verfälschung, Schwermetalle, Pyrrolizidinalkaloide
  • Warum es weniger große Studien gibt
  • Fünf Fragen, mit denen du Evidenz selbst prüfst
RCT / Meta randomisiert oder zusammengefasst Leitlinie / Behörde Bewertung mit Verfahren Human Register, Pharmakokinetik, Fälle In vivo Tierstudie In vitro Labor, Mechanismus

Tier- und Zelldaten spielen hier kaum eine Rolle, weil es um Menschen, Präparate und Leitlinien geht. Bei den Beispielen zeigt ein Etikett, auf welcher Ebene eine Aussage steht: Belegt durch Meta-Analysen und Leitlinien Gemischt oder umstritten Mechanistisch plausibel, Humanstudien dünn Klinische Tradition ohne starke Studienbasis Klinisch beobachte ich

Was Phytotherapie ist, und was die Nummer auf der Packung verrät

„Ist das nicht einfach Kräutertee und Globuli?“ Die Frage ist verständlich. Im Alltag verschwimmt vieles, was im Gesetz sauber getrennt ist.

Pflanzliche Arzneimittel sind laut § 4 Absatz 29 AMG Arzneimittel, die „als Wirkstoff ausschließlich einen oder mehrere pflanzliche Stoffe oder eine oder mehrere pflanzliche Zubereitungen“ enthalten. Phytopharmaka ist nur ein anderes Wort dafür. Eine Droge ist in der Pharmazie kein Rauschmittel, sondern der getrocknete Pflanzenteil. Ein Extrakt entsteht, wenn man aus dieser Droge mit einem Lösungsmittel Inhaltsstoffe herauslöst. Von rationaler Phytotherapie spricht man, wenn solche Mittel an denselben wissenschaftlichen Maßstäben gemessen werden wie andere Arzneimittel.

Eine Abgrenzung in einem Satz: Homöopathische Arzneimittel können in Deutschland registriert werden, ohne dass Angaben zu Wirkungen und Anwendungsgebieten vorgelegt werden müssen (§ 38 Absatz 2 AMG), und anthroposophische Arzneimittel werden nach der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis entwickelt (§ 4 Absatz 33 AMG), beides sind eigene Therapierichtungen, um die es hier nicht geht. Meine Sicht auf die Anthroposophie steht in anthroposophische Medizin eingeordnet.

Ein Bild dafür: Die Pflanze ist das Rohmaterial, der Extrakt ist das Medikament. Wie bei Trauben und Wein entscheidet die Verarbeitung darüber, was am Ende in der Flasche ist.

Perspektivwechsel

Pflanzlich beschreibt die Herkunft. Nicht die Wirksamkeit und nicht die Sicherheit. Beides muss für jedes Präparat einzeln gezeigt werden.

Drei Wege ins Regal

„Auf beiden Packungen steht Johanniskraut. Wo ist der Unterschied?“ Er liegt darin, was ein Hersteller zeigen musste, bevor das Produkt verkauft werden durfte.

Quellen: AMG § 10 Abs. 4a, § 22 Abs. 3, § 39a bis § 39c; Richtlinie 2004/24/EG; EMA; AMVV Anlage 1; NemV und BVL 2025; EuGH C-386/23.
 Zugelassenes pflanzliches ArzneimittelTraditionelles pflanzliches ArzneimittelNahrungsergänzungsmittel
KennzeichnungZul.-Nr.Reg.-Nr. und Pflichtsatz zur langjährigen Anwendungkeine Arzneimittelnummer
StatusArzneimittelArzneimittel, vereinfachte RegistrierungLebensmittel
Wirksamkeiteigene Studien oder bibliographisch: mindestens zehn Jahre allgemeine medizinische Verwendung in der EU, Wirkungen und Nebenwirkungen bekannt; EMA: „well-established use“mindestens 30 Jahre medizinische Verwendung, davon 15 in der EU; Wirksamkeit muss „plausibel“ sein; laut EMA keine klinischen Prüfungen nötig, solange ausreichende Sicherheitsdaten vorliegenkein Wirksamkeitsnachweis vorgesehen
Anwendungje nach Zulassung auch ärztlich zu behandelnde Erkrankungen, etwa verschreibungspflichtiges Johanniskraut bei mittelschweren Depressionennur Anwendungen ohne ärztliche Diagnose oder Überwachung; nur zum Einnehmen, äußerlich oder inhalativStimmungs- und allgemeine Gesundheitsversprechen zu Pflanzenstoffen laut EuGH 2025 grundsätzlich unzulässig, solange die EU-Prüfung läuft
Vor dem Verkaufbehördliche Zulassungbehördliche Registrierungnur Anzeige beim BVL, „keine Prüfung oder Genehmigung durch eine Behörde“

Der Pflichtsatz auf traditionellen Arzneimitteln ist erstaunlich ehrlich. Laut § 10 Absatz 4a AMG muss dort stehen, dass das Mittel „ausschließlich auf Grund langjähriger Anwendung für das Anwendungsgebiet registriert ist“. Bei Nahrungsergänzungsmitteln nimmt das BVL nach eigener Aussage „keine Bewertung, Prüfung oder Zulassung“ vor. Die Unternehmen sind selbst für die Unbedenklichkeit verantwortlich, kontrolliert wird im Nachhinein durch die Länder. Wann Nahrungsergänzung sinnvoll sein kann und wann sie eher stört, beschreibe ich in Wann Nahrungsergänzung sinnvoll ist.

Kommission E und HMPC

Die Kommission E wurde 1978 als Expertengremium gegründet und veröffentlichte etwa 380 Monographien zu pflanzlichen Drogen, bis ihr gesetzlicher Auftrag zur Erstellung von Monographien nach 1994 endete. Sie bewertete die Präparate überwiegend auf Basis bibliographischer Daten, wie ein Beitrag von Keller schon 1991 beschrieb. Eine positive Monographie der Kommission E ist deshalb ein wertvolles Zeitdokument, aber kein Wirksamkeitsnachweis im Sinne heutiger randomisierter Studien.

Heute setzt der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel, das HMPC bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur, die Maßstäbe. Er wurde 2004 eingerichtet und hatte bis Anfang 2014 etwa 120 EU-Monographien verabschiedet. Diese trennen sichtbar zwischen „well-established use“ und „traditional use“, die vielleicht nützlichste Unterscheidung überhaupt.

Pflanzlich heißt nicht rezeptfrei, und selten Kassenleistung

Die Arzneimittelverschreibungsverordnung führt zum Beispiel „Johanniskraut, zur Behandlung mittelschwerer Depressionen“ und Kava-Kava als verschreibungspflichtig. Und rezeptfreie Arzneimittel darf die gesetzliche Krankenversicherung nur ausnahmsweise übernehmen, wenn sie bei schwerwiegenden Erkrankungen als Therapiestandard gelten. Diese Einschränkung gilt nicht für Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr und nicht für Jugendliche mit Entwicklungsstörungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr (§ 34 Absatz 1 SGB V). Die Ausnahmeliste des Gemeinsamen Bundesausschusses nennt dafür unter anderem einen Ginkgo-biloba-Blätter-Extrakt, „standardisiert 240 mg Tagesdosis“, „nur zur Behandlung der Demenz“, was die S3-Leitlinie Demenzen bestätigt. Freiwillige Zusatzleistungen einzelner Kassen sind keine allgemeine Regel.

Perspektivwechsel

Die Nummer auf der Packung sagt dir mehr als das Pflanzenbild. Zul.-Nr., Reg.-Nr. oder gar keine Nummer ist die einfachste Information darüber, was hinter einem Produkt geprüft wurde.

Und jetzt weißt du, warum zwei grüne Schachteln mit demselben Namen rechtlich zwei verschiedene Dinge sein können.

Warum Extrakte nicht austauschbar sind

„Johanniskraut ist doch Johanniskraut?“ Nein. Und das ist vielleicht der wichtigste Gedanke dieses Artikels.

Stell dir zwei Tassen Kaffee aus derselben Bohne vor. Die eine ist ein kräftiger Espresso, die andere ein dünner Filterkaffee. Gleicher Name, anderes Getränk. Bei Pflanzenextrakten ist es ähnlich, nur schmeckst du den Unterschied nicht.

Was einen Extrakt ausmacht

Fünf Stellschrauben zwischen Pflanze und Präparat

  • Ausgangsmaterial: welcher Pflanzenteil, welche Herkunft, welche Qualität.
  • Auszugsmittel: Wasser, Ethanol, Methanol, Öl oder Hexan lösen jeweils andere Inhaltsstoffe heraus.
  • Droge-Extrakt-Verhältnis, kurz DEV: wie viel getrocknete Pflanze in einer Menge Extrakt steckt. Ein DEV von 5:1 heißt: aus fünf Teilen Droge wurde ein Teil Extrakt.
  • Dauer und Temperatur der Extraktion.
  • Hilfsstoffe und Darreichungsform, die beeinflussen, was freigesetzt und aufgenommen wird.

Das DEV allein beschreibt einen Extrakt nicht vollständig, weil Ausgangsmaterial, Auszugsmittel, Dauer, Temperatur und Hilfsstoffe mitentscheiden (Monagas 2022). Extrakte sind Vielstoffgemische, deren Zusammensetzung von Herstellung und Pflanzenmaterial abhängt, was die Deutung von Studien erschwert (Heinrich 2022). „Entspricht X mg Pflanze“ ist deshalb keine Qualitätsangabe.

Behörde, EMA/HMPC Das Paradebeispiel: die EU-Monographie zu Johanniskraut

Das HMPC hat für Johanniskraut eine EU-Monographie verabschiedet, zuletzt 2022 überarbeitet.

Die Anwendung bei „mild to moderate depressive episodes“ tragen dort nur bestimmte Trockenextrakte als „well-established use“, etwa mit einem DEV von 3-7:1 und Methanol 80 % oder 3-6:1 und Ethanol 80 %. Ölige Auszüge und Tinkturen stehen nur als „traditional use“ darin, für vorübergehende geistige Erschöpfung oder kleine Hautentzündungen und Wunden.

Für dich heißt das: Auf zwei Packungen kann Johanniskraut stehen, und nur eine davon ist ein Präparat, auf das sich die Depressionsstudien beziehen.

HMPC. EU herbal monograph on Hypericum perforatum L., herba. EMA/HMPC/7695/2021, Rev. 1, 2022. [Behördendokument, EMA/HMPC]

Auch die Wechselwirkungen hängen am Präparat. Johanniskraut kann einen Rezeptor namens PXR aktivieren, der Abbauenzyme wie CYP3A4 und die Transportpumpe P-Glykoprotein hochfahren kann, und das Ausmaß hängt signifikant mit dem Hyperforin-Gehalt zusammen (Nicolussi 2020). Die Nationale VersorgungsLeitlinie nennt frei verkäufliche Johanniskraut-Präparate in ihrer Zusammensetzung „sehr variabel“.

Pharmakokinetik, n = 20 Mechanistisch plausibel, Humanstudien dünn

Eine Gruppe um Mueller gab 20 gesunden Männern zwei Wochen lang ein Johanniskraut-Pulver mit wenig Hyperforin. Die Exposition des Testmedikaments Midazolam sank im Mittel um 11,3 Prozent, eingeordnet als milde, klinisch nicht relevante Induktion. Für dich heißt das: Die Richtung passt zum Mechanismus, aber diese Daten sagen nichts über Menschen nach einer Transplantation oder unter der Pille. Ein hyperforinarmes Präparat ist kein Freibrief.

Mueller SC et al. Eur J Clin Pharmacol. 2009;65(1):81-7. PMID: 18762932 [Humanstudie, Pharmakokinetik, n = 20]

Vier weitere Beispiele

Lavendel. Die S3-Leitlinie Angststörungen bespricht einen bestimmten Lavendelöl-Extrakt und schreibt ausdrücklich: „Für andere Lavendölextrakte […] können keine Aussagen gemacht werden.“

Pelargonium. Ein Cochrane-Review fand bei akuter Bronchitis Effekte mit der flüssigen Zubereitung, aber nicht mit Tabletten, und verzichtete auf das Zusammenfassen von Teilergebnissen, weil die Art der Zubereitung zu viel Heterogenität erzeugte (Timmer 2013).

Sägepalme. Der Cochrane-Review über alle Extrakte ist negativ (Franco 2023). Die Leitlinie der European Association of Urology von 2026 hält dagegen fest, dass nur ein mit Hexan gewonnener Extrakt vom HMPC als „well-established use“ anerkannt ist, merkt zu einer älteren Cochrane-Meta-Analyse mit 30 Studien an, dass darin verschiedene Marken unabhängig von diesem Extrakt eingingen, und empfiehlt ihn schwach mit dem starken Hinweis auf eine möglicherweise nur „modest“ Wirksamkeit. Gestützt wird das unter anderem auf eine Meta-Analyse nur dieses Extrakts, die randomisierte Studien mit Beobachtungsstudien mischte und einen Mitautor vom Hersteller hatte (Vela-Navarrete 2018).

Ginkgo und Echinacea. Ginkgo-Produkte vom US-Markt enthielten zwischen 24 und 36 Prozent Flavonglykoside und Ginkgolsäuren von unter 500 bis etwa 90000 ppm und viele entsprachen nicht der deutschen Arzneibuch-Spezifikation, galten also nicht als pharmazeutisch gleichwertig (Kressmann 2002, US-Markt, keine Aussage über heutige deutsche Arzneimittel). Und der Cochrane-Review zu Sonnenhut betont, dass sich Produkte unter dem Namen Echinacea „appreciably in their composition“ unterscheiden (Karsch-Völk 2014).

Bei manchen Pflanzen kommt noch die Aufnahme im Darm dazu, ausführlich beschrieben in Curcumin und die Frage der Aufnahme.

Perspektivwechsel

Eine Studie gilt für das Präparat, das getestet wurde. Nicht für die Pflanze als Idee. Wenn jemand sagt „Studien zeigen, dass Pflanze X wirksam ist“, lohnt eine Rückfrage: Welches Präparat genau?

Und jetzt weißt du, warum ich so oft „ein bestimmter Extrakt“ schreibe statt nur den Pflanzennamen.

Pflanzliche Arzneimittel mit belastbarer Evidenz, und wo sie aufhört

„Gibt es überhaupt pflanzliche Mittel, die nachweislich etwas bringen?“ Ja, einige. Es sind weniger, als die Regale vermuten lassen, und jedes hat eine enge Indikation. Die Tabelle zeigt neun bekannte Beispiele, die ersten vier bespreche ich hier, die übrigen im nächsten Abschnitt.

Leitlinienwortlaut und Stand wie im Text belegt. Keine Dosierungs- und keine Empfehlungsspalte.
Pflanze, ZubereitungUntersucht beiLeitlinie oder BewertungWichtigste Grenze
Johanniskraut, bestimmte zugelassene Trockenextrakteleichte bis mittelschwere DepressionNVL 3.2: „kann … angeboten werden“, offenkeine Daten zu schwerer Depression; Wechselwirkungen
Pfefferminzöl, magensaftresistentReizdarmS3 2021: „soll erwogen werden“, Grad Agroße neuere Studie verfehlte Hauptendpunkt
ein bestimmter Lavendelöl-ExtraktAngstS3 Angst 2021: keine Empfehlung; WFSBP: „++“herstellerfinanziert; keine Langzeitstudien
ein standardisierter Ginkgo-Extraktleichte bis mittelgradige DemenzS3 Demenzen 2023: „Wir schlagen vor“, schwachkein Effekt bei leichter kognitiver Störung und in der Vorbeugung
Pelargonium, flüssigakute Bronchitis, ErkältungDEGAM: Nutzen-Schaden „nicht abschließend“ beurteilbarEvidenz niedrig; Leberhinweis
EchinaceaErkältungCochrane: kein belegter BehandlungsnutzenVorbeugung nur schwacher Trend
Baldrian und andere PhytopharmakaSchlafstörungenS3 Insomnie 2025: „sollte nicht empfohlen werden“, Grad Bobjektiv nicht belegt
SägepalmeProstatabeschwerdenCochrane 2023: „little to no benefits“; EAU 2026: schwach, nur Hexan-Extraktauch höhere Dosis nicht besser als Placebo
CimicifugaHitzewallungenS3 Menopause 2020: „können … angewendet werden“, Grad 0Cochrane 2012: „insufficient evidence“

Johanniskraut bei leichter bis mittelschwerer Depression

Belegt durch Meta-Analysen und Leitlinien, mit klaren Grenzen

Vorweg drei Sätze, die mir wichtig sind. Depression ist eine ernste Erkrankung und keine Befindlichkeitsstörung. Johanniskraut ersetzt keine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung und ist kein Grund, sie aufzuschieben. Und wer ein Antidepressivum nimmt, wechselt nicht auf eigene Faust zu Johanniskraut, weil die Kombination gefährlich werden kann und abruptes Absetzen eigene Risiken hat.

Cochrane, 29 RCTs, n = 5489 Der wichtigste Datensatz, und seine zwei Lehrstücke

Ein Cochrane-Team um Linde fasste 29 Doppelblindstudien mit 5489 Patientinnen und Patienten mit Major Depression zusammen.

Gegenüber Placebo lag das Verhältnis der Ansprechraten in neun größeren Studien bei 1,28, in neun kleineren bei 1,87. Gegenüber älteren Antidepressiva und SSRI lag es bei 1,02 und 1,00, mit selteneren Studienabbrüchen wegen Nebenwirkungen, und Studien aus deutschsprachigen Ländern fielen günstiger für Johanniskraut aus.

Für dich heißt das: Die getesteten Extrakte schnitten besser ab als Placebo und ähnlich wie Standard-Antidepressiva. Aber große Studien zeigten kleinere Effekte als kleine, und das Herkunftsland spielte mit.

Linde K, Berner MM, Kriston L. Cochrane Database Syst Rev. 2008. PMID: 18843608 [Systematischer Review, Cochrane]

Ein systematischer Review um Apaydin mit 35 Studien bestätigte bei moderater Evidenzqualität mehr Ansprechen als unter Placebo, betonte aber fehlende Forschung zu schwerer Depression und dass seltene Schäden nicht erfasst wurden (Apaydin 2016). Eine Meta-Analyse um Ng wies darauf hin, dass alle Vergleichsstudien mit SSRI nur 4 bis 12 Wochen dauerten und unklar bleibt, ob Menschen mit schwerer Depression oder hoher Suizidalität profitieren (Ng 2017).

Was die Leitlinien daraus machen

Eine offene Kann-Empfehlung, gebunden an Bedingungen

NVL Unipolare Depression, Version 3.2: „Wenn bei leichten depressiven Episoden eine medikamentöse Therapie erwogen wird, kann nach Aufklärung über spezifische Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch mit einem als Arzneimittel zugelassenen Johanniskrautpräparat angeboten werden.“ Für mittelschwere Episoden gilt dieselbe offene Empfehlung für ein „für diesen Indikationsbereich“ zugelassenes Präparat. Die offene Empfehlung spricht die Leitliniengruppe ausdrücklich für den Fall aus, dass Patientinnen und Patienten ein solches Präparat bevorzugen, und die Beschränkung auf zugelassene Präparate begründet sie mit der besseren Standardisierung der Dosierung.

WFSBP und CANMAT, 2022: Johanniskraut erhält bei unipolarer Depression die höchste Stufe „+++“, Safran „++“. Die Taskforce empfiehlt solche Mittel aber vorrangig als Ergänzung innerhalb einer ärztlichen oder therapeutischen Standardversorgung, besonders bei schwereren Erkrankungen.

Für mich heißt das: eine ernstzunehmende Option bei leichter bis mittelschwerer Depression, ärztlich begleitet, mit zugelassenem Präparat und geprüfter Medikamentenliste. Kein Selbstversuch und kein Ersatz für Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung.

Was die Safran-Studien zeigen, steht in Safran bei gedrückter Stimmung, und wie ich Depression insgesamt betrachte, in Depression ganzheitlich betrachtet.

Pfefferminzöl beim Reizdarm

Belegt durch Meta-Analysen und Leitlinie mit einer wichtigen Gegenstudie

Wenn du einen Reizdarm hast, kennst du das Gefühl, dass der Bauch ein eigenes Wetter hat. Bevor von Reizdarm die Rede ist, gehören andere Ursachen ärztlich ausgeschlossen, und Warnzeichen wie Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber oder nächtliche Beschwerden gehören zeitnah abgeklärt. Danach hat Pfefferminzöl von allen Pflanzenmitteln in diesem Artikel die stärkste Empfehlung in einer deutschen Leitlinie.

Die S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom, Stand 2021, formuliert: „Pfefferminzöl hat sich als wirksam zur Behandlung vor allem der RDS-Symptome ‚Schmerz‘ und ‚Blähungen‘ erwiesen und soll erwogen werden.“ Empfehlungsgrad A, starker Konsens. Magensaftresistente Kapseln könnten kurzfristig effektiv angewendet werden, zur langfristigen Anwendung fehlten Daten. Grundlage ist unter anderem eine Meta-Analyse um Khanna mit neun Studien und 726 Patientinnen und Patienten: Pfefferminzöl war Placebo bei der globalen Besserung mit einem relativen Risiko von 2,23 und bei Bauchschmerzen mit 2,14 überlegen, Nebenwirkungen waren mild, am häufigsten Sodbrennen (Khanna 2014).

Leitlinie und Gegenstudie nebeneinander

Eine große Studie mit den Endpunkten von FDA und EMA verfehlte ihren Hauptendpunkt

Eine Gruppe um Weerts testete doppelblind über acht Wochen bei 190 Patientinnen und Patienten zwei Pfefferminzöl-Kapseln, die im Dünndarm oder am Übergang zum Dickdarm freisetzen, gegen Placebo. Beim Ansprechen der Bauchschmerzen gab es keinen signifikanten Unterschied: 29 von 62 in der Dünndarm-Gruppe (46,8 Prozent), 26 von 63 in der Dickdarm-Gruppe (41,3 Prozent), 22 von 64 unter Placebo (34,4 Prozent). Die Dünndarm-Variante verbesserte aber sekundäre Endpunkte wie Bauchschmerz, Unwohlsein und Schweregrad stärker als Placebo, bei häufigeren milden Nebenwirkungen.

Eine spätere Meta-Analyse um Ingrosso mit zehn Studien und 1030 Patientinnen und Patienten fand Pfefferminzöl weiterhin überlegen, mit einer Number needed to treat von 4 bei einem Konfidenzintervall von 2,5 bis 71, bewertete die Qualität der Evidenz aber als „very low“. Eine Gesamtschau von 2026 berechnete für Pfefferminzöl aus sieben Studien ein relatives Risiko von 1,63 und fand für die meisten anderen Pflanzenstoffe zu wenig Daten (Meyer 2026).

Die Leitlinie sagt „soll erwogen werden“, nicht „soll gegeben werden“. Und Reizdarm hat mehr als einen Hebel, wie ich in Reizdarm: Ursachen finden, FODMAP richtig anwenden und darmgerichtete Hypnotherapie beschreibe.

Ein Lavendelöl-Extrakt bei Angst

Positive Studien, herstellerfinanziert, in Leitlinien unterschiedlich bewertet

Angst kann den ganzen Körper besetzen. Angststörungen sind ernste Erkrankungen und gehören in fachärztliche und psychotherapeutische Behandlung. Lavendel zeigt, wie unterschiedlich Fachleute dieselben Daten lesen können.

RCT, n = 539 Eine große Studie mit einem Haken beim Vergleich

Eine Gruppe um Kasper, zu der laut PubMed zwei Mitarbeitende des Herstellers gehörten, behandelte 539 Erwachsene mit generalisierter Angststörung zehn Wochen lang mit dem Extrakt in zwei Tagesdosen, mit Paroxetin oder mit Placebo.

Der Angstscore sank um 14,1 und 12,8 Punkte unter den beiden Extrakt-Dosen, um 11,3 Punkte unter Paroxetin und um 9,5 Punkte unter Placebo. Beide Extrakt-Dosen waren Placebo überlegen, Paroxetin zeigte nur einen Trend.

Für dich heißt das: Das Ergebnis spricht für den Extrakt. Weil sich aber auch das etablierte Vergleichsmedikament nicht klar von Placebo abhob, ist schwer zu sagen, wie empfindlich die Studie Unterschiede erfassen konnte.

Kasper S et al. Int J Neuropsychopharmacol. 2014;17(6):859-69. PMID: 24456909 [RCT, n = 539]

Eine vom Hersteller finanziell unterstützte Meta-Analyse um Dold fasste alle fünf placebokontrollierten Studien mit 1213 Erwachsenen zusammen, darunter Menschen mit unterschwelliger Angst, generalisierter Angststörung und gemischter Angst und Depression. Der Extrakt war Placebo überlegen, das Verhältnis der Responderraten lag bei 1,34, bei Nebenwirkungen zeigte sich kein signifikanter Unterschied (Dold 2023). Das macht das Ergebnis nicht falsch, aber unabhängige Wiederholungen fehlen.

Zwei Leitlinien, zwei Lesarten

Keine Empfehlung in Deutschland, „++“ international

S3-Leitlinie Angststörungen, Version 2, 2021: Obwohl wegen einer placebokontrollierten Studie der Evidenzgrad 1b vorliegt, erlaubt die Datenlage aus Sicht der Leitliniengruppe keine Empfehlung zur Behandlung einer generalisierten Angststörung. Es fehlen Langzeitstudien. Zugelassen ist der Extrakt laut Leitlinie nicht für Angststörungen nach ICD-10, sondern für „Unruhezustände bei ängstlicher Verstimmung“. Einen früheren Vergleich mit dem Benzodiazepin Lorazepam (Woelk 2010) hält die Leitlinie für zu klein, zudem sei Lorazepam nur einmal statt dreimal täglich gegeben worden.

WFSBP und CANMAT, 2022: Lavendel und Ashwagandha werden bei Angststörungen mit „++“ als bescheiden gestützt eingeordnet, Kava bei generalisierter Angst mit „(-)“ ausdrücklich nicht empfohlen. Mehr zu Ashwagandha steht in Ashwagandha: für wen sie sinnvoll sein kann.

Ein Ginkgo-Extrakt bei Demenz

Belegt, aber schwach und eng umrissen

Kaum eine Pflanze wird so selbstverständlich mit „fürs Gedächtnis“ verbunden wie Ginkgo. Hier erzählen Behandlung und Vorbeugung zwei verschiedene Geschichten.

Behörde, IQWiG 2008 Ein Beleg, aber mit vielen Bedingungen

Das IQWiG bewertete 2008 ginkgohaltige Präparate gegenüber Placebo bei Alzheimer-Demenz.

Für Aktivitäten des täglichen Lebens sah es einen „Beleg für einen Nutzen“ eines bestimmten Extrakts in der hohen Dosis von 240 mg täglich, für Kognition und psychopathologische Symptome einen „Hinweis“. Die Ergebnisse waren sehr heterogen, stark von zwei Studien aus einem osteuropäischen Versorgungskontext beeinflusst, der Nutzen bestand möglicherweise nur bei begleitenden psychopathologischen Symptomen, und es gab einen Beleg für mehr Studienabbrüche wegen unerwünschter Ereignisse als unter Placebo.

Für dich heißt das: positiver, als viele denken, aber gültig für einen Extrakt, eine Dosis und eine bestimmte Gruppe.

IQWiG. Abschlussbericht A05-19B, 2008. [Behördendokument, IQWiG]

Die S3-Leitlinie Demenzen, Fassung 2023, formuliert schwach: „Wir schlagen vor“, einen namentlich genannten Ginkgo-Extrakt „in einer Dosis von 240 mg täglich zur Behandlung der Kognition und Alltagsfunktionen bei leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskulärer Demenz mit nicht psychotischen Verhaltenssymptomen einzusetzen“. Die Dosis ist eine Leitlinienangabe, keine Empfehlung von mir. Der Cochrane-Review um Wieland von 2026 mit 82 Studien sieht bei Demenz nach sechs Monaten möglicherweise kleine bis moderate Vorteile, bei niedriger Vertrauenswürdigkeit und sehr hoher Heterogenität. Bei leichter kognitiver Störung hat Ginkgo wahrscheinlich wenig oder keinen Effekt.

Behandlung ist nicht Vorbeugung

Zwei große Präventionsstudien ohne Nutzen

In der GEM-Studie um DeKosky erhielten 3069 Menschen ab 75 Jahren Ginkgo-Extrakt oder Placebo, im Median 6,1 Jahre lang. 523 entwickelten eine Demenz, 246 unter Placebo und 277 unter Ginkgo, ohne signifikanten Unterschied. In der herstellerfinanzierten GuidAge-Studie um Vellas mit 2854 Menschen ab 70 Jahren mit Gedächtnisbeschwerden wurde über fünf Jahre bei 61 Teilnehmenden unter Ginkgo (1,2 Fälle je 100 Personenjahre) und 73 unter Placebo (1,4 je 100 Personenjahre) eine wahrscheinliche Alzheimer-Demenz diagnostiziert, ebenfalls ohne signifikanten Unterschied.

Für dich heißt das: Für die Vorbeugung einer Demenz liefern diese beiden großen Studien keine Grundlage. Das ist eine andere Frage als die Behandlung einer diagnostizierten Demenz.

Perspektivwechsel

Selbst die besten Pflanzenpräparate haben eine enge Indikation. Das ist kein Makel. Das ist Medizin. Ein Antibiotikum ist auch nicht „gut für die Abwehr“, sondern für bestimmte Erreger bei bestimmten Infektionen.

Und jetzt weißt du, warum „pflanzlich und belegt“ fast nie für eine ganze Pflanze gilt, sondern für ein Präparat, eine Diagnose und eine Gruppe von Menschen.

Gemischt oder negativ: Pelargonium, Echinacea, Baldrian, Sägepalme, Cimicifuga

„Und was ist mit den Klassikern gegen Erkältung, Schlafprobleme und Wechseljahre?“ Genau diese Mittel stehen in vielen Haushalten. Und gerade bei ihnen ist die Studienlage oft ernüchternder, als die Werbung klingt.

Erkältung und Husten: Pelargonium und Echinacea

Gemischt, niedrige Evidenzqualität
Cochrane, 8 Studien Pelargonium: vielleicht, mit vielen Fragezeichen

Ein Cochrane-Team um Timmer wertete Studien zu einem Wurzelextrakt der Kapland-Pelargonie bei akuten Atemwegsinfekten aus.

Bei akuter Bronchitis von Erwachsenen zeigten drei Studien mit 746 Patientinnen und Patienten Effekte mit der flüssigen Zubereitung, nicht mit Tabletten, bei niedriger Evidenzqualität. Bei Erkältung und Nasennebenhöhlenentzündung sehen die Autorinnen und Autoren eine mögliche Wirksamkeit, aber „doubt exists“, bei sehr niedriger Evidenzqualität und mit Verdacht auf Publikationsbias.

Für dich heißt das: Hinweise auf wackligem Fundament, gültig nur für eine Darreichungsform.

Timmer A et al. Cochrane Database Syst Rev. 2013. PMID: 24146345 [Systematischer Review, Cochrane]

Die hausärztliche DEGAM-Leitlinie zu Husten, Version 3.2, beschreibt zu einzelnen Phytotherapeutika überwiegend positive Resultate, „welche klinisch jedoch fraglich relevant sind“, und hält bestimmte Phytopharmaka bei Therapiewunsch für „zu erwägen“. Zu Pelargonium hält sie fest, dass seit 2014 ein Hinweis auf mögliche Leberschäden in der Fachinformation steht, dass das Nutzen-Schaden-Verhältnis „derzeit nicht abschließend“ beurteilt werden kann und dass eine Verstärkung der blutverdünnenden Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten nicht auszuschließen ist.

Bei Echinacea ist das Bild zurückhaltender. Ein Cochrane-Review um Karsch-Völk mit 24 Doppelblindstudien fand in keinem der zwölf Vorbeugungsvergleiche einen signifikanten Unterschied, und von sieben Behandlungsstudien zur Erkältungsdauer zeigte nur eine einen signifikanten Effekt. Fazit: kein gezeigter Nutzen in der Behandlung, in der Vorbeugung möglicherweise ein schwacher Nutzen einzelner Produkte von fraglicher klinischer Relevanz.

Schlaf: Baldrian und andere Phytopharmaka

Leitlinie negativ, Methodenstreit offen

Die S3-Leitlinie Insomnie, Update 2025, formuliert: „Eine Behandlung der Insomnie mit Phytopharmaka sollte nicht empfohlen werden“, Empfehlungsgrad B, und ein Umbrella-Review fand für Baldrian keinen Beleg einer Wirksamkeit bei Insomnie, allenfalls Hinweise auf subjektiv bessere Schlafqualität ohne Bestätigung durch objektive Messungen (Valente 2024). Wie Phytotherapie-Fachkreise diese Bewertung kritisieren, steht weiter unten, und mehr findest du in Baldrian und Passionsblume im Studiencheck und pflanzliche Schlafmittel eingeordnet. Wer Schlafmittel nimmt: Der Hinweis zum Absetzen aus dem Kasten am Anfang gilt hier genauso.

Prostata: Sägepalme

Negativ, mit hoher Vertrauenswürdigkeit

Der Cochrane-Review um Franco mit 27 Studien und 4656 Teilnehmern kommt mit hoher Vertrauenswürdigkeit zu dem Schluss, dass Sägepalme allein bei Beschwerden durch eine gutartige Prostatavergrößerung kaum oder keinen Nutzen bringt, nach drei bis sechs ebenso wie nach 12 bis 17 Monaten. Zehn Studien waren industriefinanziert.

RCT, n = 369 Auch mehr Extrakt brachte nicht mehr

In der CAMUS-Studie um Barry erhielten 369 Männer über 72 Wochen einen Sägepalmen-Extrakt in steigender Dosis bis zur dreifachen Standardmenge oder Placebo. Der Beschwerdescore sank unter dem Extrakt von 14,42 auf 12,22 Punkte, unter Placebo von 14,69 auf 11,70 Punkte, und bei keinem sekundären Endpunkt war der Extrakt besser. Für dich heißt das: Bei subjektiven Beschwerden ist ohne Placebogruppe kaum zu sagen, was ein Mittel beiträgt.

Barry MJ et al. JAMA. 2011;306(12):1344-51. PMID: 21954478 [RCT, n = 369]

Prostatabeschwerden gehören urologisch abgeklärt, bei Blut im Urin oder wenn kein Wasserlassen mehr möglich ist sofort, und eine bestehende Behandlung wird nicht eigenmächtig gegen ein Pflanzenpräparat getauscht.

Wechseljahre: Cimicifuga

Leitlinie offen, Cochrane skeptisch

Die S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause, Fassung 2020: „Kognitive Verhaltenstherapie (CBT), Isoflavone und Cimicifuga-Präparate können bei vasomotorischen Symptomen angewendet werden.“ Empfehlungsgrad 0, dazu der Hinweis im Hintergrundtext, Frauen darüber aufzuklären, dass es viele Zubereitungen mit unklarer Sicherheit gibt und Interaktionen berichtet wurden. Ein Cochrane-Review um Leach mit 16 Studien und 2027 Frauen fand bei der Häufigkeit der Hitzewallungen, auswertbar in drei Studien mit 393 Frauen, keinen signifikanten Unterschied zu Placebo und sah „insufficient evidence“. Der noch nicht verabschiedete Entwurf der Neufassung von 2026 bleibt bei einer schwachen Kann-Empfehlung mit niedriger bis sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit und formuliert für Stimmungsschwankungen und Depression, Cimicifuga „sollte aufgrund der geringen Evidenzlage nicht“ empfohlen werden, Grad B. Mehr in Wechseljahre ganzheitlich eingeordnet und Mönchspfeffer eingeordnet.

Übrigens berichtet dieselbe S3-Leitlinie, die Pfefferminzöl beim Reizdarm stark empfiehlt, auch Negativbefunde: Kurkuma ohne signifikanten Unterschied zu Placebo, Ingwer allein ohne positive Effekte, Johanniskraut ohne positiven Effekt und bei Durchfall sogar schlechter als Placebo. Wo Kurkuma interessant sein kann, steht in Kurkuma und Entzündung.

Perspektivwechsel

Ein Nein aus einer guten Studie ist auch Wissen. Es spart dir Geld und Hoffnung an der falschen Stelle.

Und jetzt weißt du, warum „pflanzlich“ keine Wirkungsklasse ist: Dieselbe Pflanze kann bei einer Beschwerde gut untersucht sein und bei einer anderen schlechter abschneiden als Placebo.

Pflanzlich heißt nicht harmlos: Wechselwirkungen, Schwangerschaft, Leber

„Was soll an Tee und Tabletten aus Pflanzen gefährlich sein?“ Pflanzliche Mittel bleiben im Arztgespräch häufig unerwähnt, vermutlich weil viele sie nicht für Medikamente halten. Genau dort kann ein Risiko entstehen.

Klinisch beobachte ich

Beobachtung, kein Studienergebnis

Wenn ich in meiner Sprechstunde nach Medikamenten frage, kommen Tabletten meist vollständig. Tees, Tropfen und Kapseln aus dem Drogeriemarkt fehlen dagegen häufig, bis ich ausdrücklich nachfrage. Deshalb frage ich jedes Mal gezielt danach.

Mechanismus, gestützt durch Humandaten

Johanniskraut als Enzym-Beschleuniger

  • Inhaltsstoffe, allen voran Hyperforin, können den Pregnan-X-Rezeptor aktivieren, kurz PXR, eine Art Schalter für das Entgiftungsprogramm der Zelle.
  • Dadurch können mehr Abbauenzyme entstehen, vor allem CYP3A4, laut EU-Monographie auch CYP2B6, CYP2C9 und CYP2C19, und mehr P-Glykoprotein, eine Pumpe, die Wirkstoffe aus Zellen befördert.
  • Medikamente, die über diese Wege abgebaut oder transportiert werden, können im Blut absinken und schwächer ausfallen.
  • Nach dem Absetzen kehrt die Enzymaktivität laut Monographie innerhalb einer Woche auf das Ausgangsniveau zurück, und die Spiegel können wieder steigen.

Veränderte Spiegel sind unter anderem bei Digoxin, Tacrolimus, Indinavir, Warfarin, Alprazolam, Simvastatin und oralen Verhütungsmitteln beschrieben (Nicolussi 2020).

Die EU-Monographie nennt die gleichzeitige Anwendung der Extrakte mit anerkanntem Wirksamkeitsnachweis und traditioneller Zubereitungen mit mehr als 1 mg Hyperforin am Tag unter anderem mit Gerinnungshemmern vom Cumarin-Typ, mit Ciclosporin, Everolimus, Sirolimus und systemischem Tacrolimus, mit HIV-Proteasehemmern und nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern sowie mit Irinotecan, Imatinib und anderen über diese Wege abgebauten Zytostatika als kontraindiziert. Wie ernst das ist, zeigte schon im Jahr 2000 ein Bericht um Ruschitzka im Lancet: Bei zwei Menschen nach Herztransplantation, die Ciclosporin und Johanniskraut einnahmen, kam es zu einer akuten Abstoßung, die die Autoren auf eine Stoffwechsel-Wechselwirkung zurückführten. Zwei Fälle sind keine Statistik, aber ein deutliches Warnsignal.

Die Pille, Antidepressiva, Gerinnungshemmer und Operationen

Pille. In einer Studie um Hall hatten 7 von 12 Frauen in der Johanniskraut-Phase Zwischenblutungen, in der Kontrollphase 2 von 12 (Hall 2003). In einer zweiten Studie um Murphy mit 16 Frauen sank die Hormonexposition aus der Pille um 13 bis 15 Prozent, mit Hinweisen auf Follikelwachstum und wahrscheinlichen Eisprung (Murphy 2005). Ein systematischer Review aus vier Studien sah darin Anlass zur Sorge um die Verhütungssicherheit (Berry-Bibee 2016), und die Monographie empfiehlt zusätzliche Verhütungsmaßnahmen. Setz bitte weder die Pille noch ein verordnetes Präparat eigenmächtig ab, sondern besprich die Kombination ärztlich oder in der Apotheke.

Antidepressiva. Laut Monographie kann Johanniskraut zusammen mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Buspiron zu serotonergen Effekten beitragen, sehr selten bis zum Serotonin-Syndrom. Eine solche Kombination gehört nie in Eigenregie.

Gerinnungshemmer. Bei Vitamin-K-Antagonisten ist das Fenster eng: Abweichungen können zu Blutungen oder Thrombosen führen, und Kräuter und rezeptfreie Mittel können das Nutzen-Risiko-Verhältnis verschieben (Di Minno 2017). Für standardisierten Ginkgo-Extrakt fand eine Meta-Analyse aus 18 Studien keine auffälligen Gerinnungswerte (Kellermann 2011). Gemessen wurden aber Laborwerte, keine Blutungen, und nicht gezielt unter Gerinnungshemmern. Die Kombination gehört deshalb trotzdem ärztlich besprochen.

Operationen. Eine Übersicht im JAMA nannte Echinacea, Ephedra, Knoblauch, Ginkgo, Ginseng, Kava, Johanniskraut und Baldrian als Mittel, die rund um eine Operation Probleme machen können, von Blutungsneigung bis zur Verstärkung der beruhigenden Wirkung von Narkosemitteln, und forderte, pflanzliche Mittel vor jeder Operation ausdrücklich zu erfragen (Ang-Lee 2001). Nenn sie deshalb vor jedem geplanten Eingriff, auch wenn niemand fragt.

Schwangerschaft und Stillzeit. Für Johanniskraut hält die Monographie fest: „Safety during pregnancy and breast-feeding has not been established.“ Sie ergänzt, dass Tierstudien Hinweise auf eine Reproduktionstoxizität gezeigt haben, und hält fest: „The use is not recommended during pregnancy and lactation.“ Die Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit wird also ausdrücklich nicht empfohlen. Wer bereits Johanniskraut nimmt und schwanger ist oder stillt, bespricht das weitere Vorgehen bitte zeitnah ärztlich, statt allein zu entscheiden. Jede Einnahme pflanzlicher Mittel in dieser Zeit gehört ärztlich besprochen.

Die Leber: selten, aber real

Die Leber verarbeitet fast alles, was wir schlucken. Bei pflanzlichen Mitteln lohnt ein genauer Blick, ohne Panik und ohne Verharmlosung.

Behörde, EFSA 2018 Grüntee: Getränk und Extrakt sind zwei verschiedene Dinge

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bewertete die Sicherheit von Grüntee-Catechinen, allen voran EGCG. Grüntee als traditionell zubereitetes Getränk gilt danach im Allgemeinen als sicher, seltene Leberschäden gehen vermutlich auf eine individuelle Überempfindlichkeit zurück. In Interventionsstudien führten aber Mengen ab 800 mg EGCG pro Tag als Nahrungsergänzung zu einem signifikanten Anstieg der Leberwerte.

Für dich heißt das: Der Sprung vom Getränk zur konzentrierten Kapsel kann das Risiko verändern. Eine Übersicht der US-Arzneibuchkommission fand Fallberichte schon ab 140 mg EGCG pro Tag, mit großen individuellen Unterschieden und, laut Tier- und Humandaten, höherer Aufnahme auf nüchternen Magen (Oketch-Rabah 2020). Das sind Risikoschwellen, keine Einnahmeempfehlung.

EFSA ANS Panel. EFSA J. 2018;16(4):e05239. PMID: 32625874 [Behördendokument, EFSA]

Kava ist laut einer klinischen Übersicht um Teschke potenziell lebertoxisch, gestützt unter anderem auf einen positiven Reexpositionstest, mit Überdosierung, langer Einnahme und Begleitmedikation als Risikofaktoren (Teschke 2010). Kava ist in Deutschland verschreibungspflichtig.

Real-World, n = 198 Berliner Daten, auch zu vermeintlich harmlosen Pflanzen

In der Berliner Fall-Kontroll-Überwachungsstudie um Douros wurden Leberschäden aus Berliner Krankenhäusern über gut neun Jahre erfasst und auf ihre Ursache geprüft. Bei 10 von 198 Fällen wurde eine pflanzliche Ursache als wahrscheinlich oder möglich eingestuft, als möglich darunter fünfmal Baldrian und je einmal Pfefferminze, Pelargonium, Johanniskraut und Eukalyptus. Akutes Leberversagen oder Todesfälle traten nicht auf.

Für dich heißt das: seltene Ereignisse, und eine mögliche Kausalität belegt laut den Autorinnen und Autoren noch keine klinische Bedeutung. Aber auch Pflanzen mit harmlosem Ruf gehören ins Gespräch, wenn die Leberwerte steigen.

Douros A et al. Int J Mol Sci. 2016;17(1):114. PMID: 26784183 [Real-World, n = 198]

Bei Pelargonium ist der Zusammenhang umstritten: Eine Analyse um Teschke fand bei 15 Spontanmeldungen keinen Fall mit hoch wahrscheinlicher oder wahrscheinlicher Kausalität (Teschke 2012), andere Fachleute widersprachen in einem Leserbrief. Im US-Netzwerk für arzneimittelbedingte Leberschäden stieg der Anteil der Fälle durch pflanzliche Mittel und Nahrungsergänzungsmittel im Studienzeitraum von 7 auf 20 Prozent. Bezugsgröße sind alle erfassten Leberschäden im Netzwerk, nicht alle Menschen, die solche Mittel nehmen (Navarro 2014).

Was die Studien zur Mariendistel hergeben, steht in Mariendistel und die Leber. Was der Leber im Alltag zählt, beschreibe ich in was der Leber zählt.

Was du konkret tun kannst

  1. Schreib alles auf deine Medikamentenliste, auch Tees, Tropfen und Kapseln, und zeig sie in Praxis und Apotheke.
  2. Lass Wechselwirkungen prüfen, bevor du ein Pflanzenpräparat beginnst, besonders bei Gerinnungshemmern, Immunsuppressiva, HIV- oder Krebsmedikamenten, Antidepressiva oder hormoneller Verhütung.
  3. Melde neue Beschwerden wie dunklen Urin, Gelbfärbung, Blutergüsse oder Zwischenblutungen, statt sie auszusitzen.
  4. Nenn vor jeder geplanten Operation alle pflanzlichen Mittel. Ob etwas pausiert wird, entscheidet das Behandlungsteam.
Perspektivwechsel

Was wirken kann, kann auch Nebenwirkungen haben. Die Frage ist nie „pflanzlich oder chemisch“, sondern „welcher Stoff, in welcher Menge, zusammen mit was“.

Und jetzt weißt du, warum die freundliche grüne Schachtel auf deine Medikamentenliste gehört.

Qualität: Verfälschung, Schwermetalle, Pyrrolizidinalkaloide

„Woher weiß ich, dass drin ist, was draufsteht?“ Die folgenden Befunde betreffen überwiegend Nahrungsergänzungsmittel, Importe und Internetware, nicht die in Deutschland zugelassenen oder registrierten Arzneimittel. Trotzdem gehören sie in eine ehrliche Einordnung.

Verfälschung. Eine Auswertung um Ichim sammelte DNA-basierte Echtheitsprüfungen von 5957 pflanzlichen Handelsprodukten aus 37 Ländern. Laut dieser Auswertung waren 27 Prozent verfälscht, enthielten also nicht deklarierte Beimischungen, Ersatzpflanzen, Füllstoffe oder gar nicht die angegebene Pflanze (Ichim 2019). Die Daten mischen Produktkategorien und Länder und lassen sich nicht auf deutsche Apothekenware übertragen.

Case Series, 39 Operierte Eine Verwechslung mit schweren Folgen

Ein Team um Nortier untersuchte Menschen, die Schlankheitspillen mit chinesischen Kräutern genommen hatten. Durch einen Herstellungsfehler war eine Pflanze durch Aristolochia fangchi ersetzt worden, die laut den Autorinnen und Autoren nierenschädigend und krebserregend ist. Bei 39 Patientinnen und Patienten mit Nierenversagen im Endstadium, die einer vorbeugenden Operation zustimmten, fanden sich 18 Urothelkarzinome, und die aufgenommene Gesamtmenge war ein signifikanter Risikofaktor.

Für dich heißt das: Eine Pflanzenverwechslung ist kein kosmetischer Fehler, und die Gefahr steckt dann in einer Pflanze, die auf keiner Packung steht.

Nortier JL et al. N Engl J Med. 2000;342(23):1686-92. PMID: 10841870 [Case Series, 39 Operierte]

Schwermetalle. Eine Gruppe um Saper analysierte 193 im Internet bestellte ayurvedische Präparate. 20,7 Prozent enthielten Blei, Quecksilber oder Arsen, 75 Prozent der belasteten Produkte warben mit guter Herstellungspraxis, und alle belasteten Produkte überschritten mindestens einen Standard für die tolerierbare tägliche Aufnahme (Saper 2008). Ein Qualitätsversprechen auf einer Webseite ist also kein Befund. Mehr dazu in Schwermetalle im Körper und Bleibelastung: Symptome und Quellen.

Pyrrolizidinalkaloide sind Pflanzengifte vieler Pflanzenarten, die im Verdacht stehen, erbgutschädigend und krebserregend zu sein. In einer europäischen Marktuntersuchung um Mulder mit 1105 Proben aus den Jahren 2014 und 2015 fand sich mindestens eines davon in 91 Prozent der Tees und Kräutertees und in 60 Prozent der Nahrungsergänzungsmittel (Mulder 2018). Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit sah 2017 mögliche Bedenken vor allem für Menschen, die häufig und viel Tee und Kräutertee trinken, und bei Nahrungsergänzungsmitteln aus Pflanzen, die solche Stoffe bilden, eine mögliche Aufnahme, die zu nahe an Dosen mit schwerer akuter Giftwirkung liegen könnte. Ich rechne das bewusst nicht in Tassen um, und die aktuelle Belastung habe ich nicht eigens geprüft.

Worauf du achten kannst

Zugelassene und registrierte pflanzliche Arzneimittel durchlaufen ein behördliches Verfahren, Nahrungsergänzungsmittel werden vor dem Verkauf von keiner Behörde geprüft. Das ist kein Urteil über einzelne Produkte, aber ein Unterschied in der Absicherung.

  • Schau auf die Nummer. Zul.-Nr. oder Reg.-Nr. zeigen, dass ein Arzneimittelverfahren stattgefunden hat.
  • Bevorzuge nachvollziehbare Bezugswege wie die Apotheke statt unklarer Importe aus dem Internet.
  • Achte auf eine genaue Angabe der Zubereitung. Fehlen Extraktart und Auszugsmittel, fehlt die Grundlage, um Studien zuzuordnen.

Siegel oder Marken empfehle ich bewusst nicht. Was von Entgiftungskuren und Detox-Tees zu halten ist, steht in Detox-Kuren kritisch betrachtet.

Perspektivwechsel

Natürlich ist ein Herkunftswort, kein Prüfsiegel. Auch Arsen, Blei und Aristolochia sind natürlich.

Warum es weniger große Studien gibt, und wie Leitlinien Phytotherapie einbeziehen

„Wenn Pflanzen seit Jahrhunderten genutzt werden, warum weiß man dann so wenig?“ Es gibt belegbare Gründe, und einen, der oft genannt wird, aber in meiner Recherche nicht belegt ist.

Erstens: Rechtlich ist es oft nicht nötig. Traditionelle Arzneimittel werden ohne klinische Prüfungen registriert, eine Zulassung kann bibliographisch erfolgen, und die Kommission E bewertete überwiegend bibliographisch. Wer so verkaufen darf, hat zumindest rechtlich wenig Anlass für eine teure Studie.

Zweitens: Jede Studie gilt nur für einen Extrakt. Wer zehn Baldrianstudien mit zehn Präparaten zusammenfasst, mischt Ungleiches. Die DEGAM-Leitlinie nennt solche Meta-Analysen „methodisch schwierig“, die S3-Leitlinie Reizdarm hält eine Zusammenfassung für „nicht sinnvoll“. Eine frühe Baldrian-Meta-Analyse mit 16 Studien beschrieb erhebliche methodische Probleme, stark unterschiedliche Präparate und Hinweise auf Publikationsbias (Bent 2006).

Drittens: Viele Studien berichten nicht, was genau getestet wurde. 406 randomisierte Studien zu Pflanzenmitteln berichteten im Schnitt nur 38 Prozent der in einer Checkliste empfohlenen Angaben (Gagnier 2011), obwohl der CONSORT-Berichtsstandard schon 2006 für Pflanzenstudien erweitert worden war, mit der umfangreichsten Ergänzung ausgerechnet bei der Beschreibung der Intervention (Gagnier 2006).

Viertens: Große Studien kommen oft von Herstellern. Das gilt für die große Lavendel-Studie und die Lavendel-Meta-Analyse, für zehn Studien im Cochrane-Review zur Sägepalme und für die Meta-Analyse zum Hexan-Extrakt. Das ist kein Beweis für ein falsches Ergebnis: Die herstellerfinanzierte GuidAge-Studie zu Ginkgo ging negativ aus und wurde veröffentlicht. Es heißt nur, dass unabhängige Wiederholungen besonders wertvoll sind.

Eine oft genannte Erklärung

Plausible Überlegung, in dieser Recherche nicht belegt

Häufig liest man, Pflanzen ließen sich schlecht patentieren, und deshalb fehle Geld für große Studien. Das klingt plausibel. Eine Studie, die diesen Zusammenhang zeigt, habe ich aber nicht gefunden. Deshalb nenne ich es als Überlegung, nicht als Tatsache.

Wie Leitlinien Phytotherapie bewerten

Eine systematische Übersicht um Klose sichtete 128 deutsche S3-Leitlinien. Phytotherapie kam in 40 davon vor. Von 204 Empfehlungen waren 139, also 68,1 Prozent, negativ oder offen, Neben- und Wechselwirkungen wurden in 70 der 204 Empfehlungen erwähnt, und weniger als die Hälfte der Leitlinien schloss Phytotherapie überhaupt in die Literatursuche ein (Klose 2014). Achte beim Lesen auf die kleinen Wörter: „soll“, „sollte“ und „kann“ sind feste Abstufungen.

Wortlaut der Leitlinien aus diesem Artikel, Recherchestand September 2026.
Leitlinie, StandMittelWortlautStärke
NVL Depression 3.2zugelassene Johanniskrautpräparate„kann … angeboten werden“offen
S3 Reizdarm 2021Pfefferminzöl„soll erwogen werden“Grad A
S3 Reizdarm 2021weitere Phytotherapeutika„sollten individuell ins Behandlungskonzept integriert werden“Grad B
S3 Angst 2021ein Lavendelöl-Extrakt„keine Empfehlung“ bei generalisierter Angststörungkeine
S3 Demenzen 2023ein Ginkgo-Extrakt„Wir schlagen vor“schwach
S3 Insomnie 2025Phytopharmaka„sollte nicht empfohlen werden“Grad B
DEGAM Husten 3.2bestimmte Phytopharmakabei Therapiewunsch „zu erwägen“Erwägung
S3 Menopause 2020Cimicifuga, Isoflavone„können … angewendet werden“Grad 0
EAU LUTS 2026Hexan-Extrakt Sägepalme„Offer“; „Inform … modest“„Weak“, „Strong“
Beide Seiten haben gute Gründe

Der Methodenstreit, fair dargestellt

Die Sicht aus der Phytotherapie: In einer kritischen Würdigung der S3-Leitlinie Insomnie schreiben Kraft, Kelber und Köhler, Meta-Analysen von Pflanzenstudien seien wegen der hohen Heterogenität der Präparate „meist kaum als Grundlage“ für Leitlinienempfehlungen geeignet, besser seien systematische Reviews und einzelne randomisierte Studien. Das Argument ist ernst zu nehmen, denn es ist genau das Problem der nicht austauschbaren Extrakte.

So lässt sich die Zurückhaltung der Leitliniengruppen lesen: Empfehlungen brauchen belastbare, wiederholte Studien. Wo die Datenlage aus kleinen oder heterogenen Studien besteht, bleiben sie zurückhaltend, und das kann vor Hoffnungen schützen, die sich später nicht bestätigen.

Für mich stimmt beides. Heterogenität ist ein echtes methodisches Problem und gleichzeitig kein Wirksamkeitsbeleg. Die Lösung wären gute Studien zu genau definierten Präparaten.

Ein Bild dafür: Leitlinien sind wie ein Bergführer, der nur Wege empfiehlt, die er selbst mehrfach begangen hat. Das heißt nicht, dass es keine anderen Wege gibt. Er bürgt nur nicht für sie.

Perspektivwechsel

Keine Empfehlung heißt nicht immer „wirkungslos“. Oft heißt es: nicht gut genug untersucht. Und umgekehrt heißt eine lange Tradition nicht, dass etwas gut untersucht ist.

Evidenz selbst lesen: fünf Fragen an jede Packung und jede Studie

„Wie soll ich das im Alltag unterscheiden?“ Du brauchst keine Statistikkenntnisse, sondern eine Handvoll Fragen, die du dir, der Apotheke oder deiner Praxis stellen kannst.

Fünf Fragen, die fast immer weiterbringen

  1. Welchen Status hat das Produkt? Zul.-Nr., Reg.-Nr. mit Hinweis auf langjährige Anwendung oder Nahrungsergänzungsmittel ohne Arzneimittelnummer.
  2. Welche Zubereitung genau? Extraktart, Auszugsmittel, Droge-Extrakt-Verhältnis. Und: Wurde genau dieses Präparat untersucht, oder nur „die Pflanze“?
  3. Wie groß und wie gut war die Studie? Placebo und Verblindung, Teilnehmerzahl, Dauer, objektive oder subjektive Endpunkte, und wurde der Hauptendpunkt erreicht? Die Sägepalmen-Studie mit deutlicher Besserung unter Placebo und die Pfefferminzöl-Studie mit verfehltem Hauptendpunkt zeigen, warum das zählt.
  4. Wer hat bezahlt, und gibt es unabhängige Wiederholungen? Herstellerfinanzierung ist kein Ausschlusskriterium, aber ein Ergebnis aus nur einer Quelle steht auf einem Bein.
  5. Was sagen Cochrane, IQWiG und die Leitlinie im Wortlaut, und passt das Mittel zu deinen Medikamenten? Achte auf „soll“, „sollte“ und „kann“, auf die genannte Gruppe und den Stand, und lass Wechselwirkungen prüfen.

Zwei Warnsignale kannst du dir zusätzlich merken. Wenn kleine Studien deutlich bessere Ergebnisse zeigen als große, wie bei Johanniskraut mit 1,87 gegenüber 1,28, ist Vorsicht beim Effektmaß angebracht. Und wenn ein Review Publikationsbias vermutet, wie bei Pelargonium, könnten ungünstige Studien in der Auswertung fehlen.

Vier Ebenen, auf denen eine Aussage stehen kann

  • Belegt durch große RCTs und Meta-Analysen
    Bestimmte Johanniskraut-Extrakte bei leichter bis mittelschwerer Depression und Pfefferminzöl kurzfristig beim Reizdarm, jeweils mit Grenzen. Ebenso belegt, aber negativ: Sägepalme bei Prostatabeschwerden und Ginkgo zur Vorbeugung einer Demenz.
  • Mechanistisch plausibel, Humanstudien dünn
    Die Annahme, dass hyperforinarme Johanniskraut-Präparate kaum Wechselwirkungen verursachen: Der Mechanismus passt, die Humandaten stammen aus einer Studie mit 20 gesunden Männern über zwei Wochen.
  • Klinische Tradition ohne starke Studienbasis
    Traditionell registrierte Arzneimittel: lange Anwendung, plausible Wirksamkeit, keine klinische Prüfung erforderlich. Eine ehrliche Kategorie, aber keine Studienaussage.
  • Klinisch beobachte ich
    Dass pflanzliche Mittel auf Medikamentenlisten häufig fehlen, bis man gezielt fragt. Erfahrung aus der Sprechstunde, kein Studienergebnis.
Wo Phytotherapie bei ViveCura hinpasst

Ich nutze pflanzliche Arzneimittel gern als einen Baustein, wenn Diagnose, Präparat, Evidenzlage und Medikamentenliste zusammenpassen: erst eine saubere Abklärung, dann die Frage nach einem gut untersuchten Präparat für genau diese Situation, dann der Wechselwirkungscheck. Phytotherapie ist bei mir kein Ersatz für eine notwendige Behandlung und kein Grund, eine laufende Therapie zu verändern. Und mir ist wichtig, dass du selbst erkennen kannst, ob auf einer Packung ein geprüfter Nutzen, eine lange Tradition oder ein Lebensmittel steht.

Wo es in der Kategorie Heilpflanzen weitergeht

Diese Seite ordnet ein und verweist. Was der Begriff Adaptogene meint, steht in Adaptogene: was der Begriff bedeutet. Was über Weihrauch bekannt ist, ordne ich in Weihrauch bei Gelenken und Darm ein. Die intravenöse Gabe von Pflanzenstoffen ist ein eigenes Thema, beschrieben in Heilpflanzen per Infusion. Wie Pflanzenstoffe und Mikrobiom zusammenspielen könnten, steht in Heilpflanzen und das Mikrobiom, und pflanzliche Mittel bei einer Fehlbesiedlung des Dünndarms ordne ich in Oreganoöl und Berberin bei SIBO ein.

Perspektivwechsel

Du musst keine Studien lesen können. Du musst nur wissen, welche Fragen du stellst: Welches Präparat, welcher Status, welche Studie, wer hat bezahlt, was sagt die Leitlinie, und passt es zu dem, was ich sonst nehme.

Und jetzt weißt du, warum die beste Frage vor jedem pflanzlichen Mittel nicht „Ist das natürlich?“ lautet, sondern „Was genau ist das, und was ist darüber bekannt?“.

Häufige Fragen zu Phytotherapie und pflanzlichen Arzneimitteln

Was ist Phytotherapie, einfach erklärt?

Phytotherapie ist die Behandlung mit pflanzlichen Arzneimitteln, also mit Arzneimitteln, deren Wirkstoffe laut Arzneimittelgesetz ausschließlich pflanzliche Stoffe oder Zubereitungen sind, etwa Extrakte, Tinkturen oder ölige Auszüge. Von rationaler Phytotherapie spricht man, wenn diese Mittel an denselben wissenschaftlichen Maßstäben gemessen werden wie andere Arzneimittel. Die Datentiefe ist sehr unterschiedlich. Pflanzlich beschreibt deshalb die Herkunft eines Mittels, nicht seine Wirksamkeit und nicht seine Sicherheit.

Was ist der Unterschied zwischen Phytotherapie und Homöopathie?

Phytotherapie arbeitet mit Pflanzenzubereitungen, deren Inhaltsstoffe sich messen lassen, meist als Extrakt in definierter Menge. Homöopathische Arzneimittel können in Deutschland registriert werden, ohne dass Angaben zu Wirkungen und Anwendungsgebieten vorgelegt werden müssen (§ 38 Abs. 2 AMG). Anthroposophische Arzneimittel werden nach der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis entwickelt (§ 4 Abs. 33 AMG). Das Arzneimittelgesetz sieht für alle drei Therapierichtungen jeweils eigene Zulassungskommissionen vor.

Was bedeutet „traditionelles pflanzliches Arzneimittel“ auf der Packung?

Es wurde nicht über Wirksamkeitsstudien, sondern über lange Anwendung registriert: mindestens 30 Jahre medizinische Verwendung, davon 15 in der EU, unschädlich unter den angegebenen Bedingungen und mit einer auf Grund langjähriger Erfahrung plausiblen Wirksamkeit (§ 39b AMG). Klinische Prüfungen sind laut Europäischer Arzneimittel-Agentur nicht erforderlich. Auf der Packung stehen eine Reg.-Nr. und der Pflichtsatz, dass es ausschließlich auf Grund langjähriger Anwendung registriert ist. Das ist eine ehrliche Kennzeichnung, aber kein Wirksamkeitsnachweis.

Welche pflanzlichen Arzneimittel sind gut untersucht? Ein paar Beispiele

Am besten untersucht sind wenige, genau definierte Zubereitungen mit enger Indikation: bestimmte zugelassene Johanniskraut-Extrakte bei leichter bis mittelschwerer Depression (Leitlinie: „kann“ angeboten werden), Pfefferminzöl in magensaftresistenten Kapseln beim Reizdarm (Leitlinie: „soll erwogen werden“), ein bestimmter Lavendelöl-Extrakt bei Angst (positive, herstellerfinanzierte Studien, aber keine Empfehlung der deutschen S3-Leitlinie) und ein standardisierter Ginkgo-Extrakt bei leichter bis mittelgradiger Alzheimer- oder vaskulärer Demenz mit nicht psychotischen Verhaltenssymptomen (schwache Empfehlung). Jede Aussage gilt nur für das untersuchte Präparat und die untersuchte Gruppe.

Ist Phytotherapie wissenschaftlich belegt?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten, weil Phytotherapie kein einzelnes Mittel ist. Für einzelne Extrakte gibt es Meta-Analysen und Leitlinienempfehlungen, etwa für Johanniskraut oder Pfefferminzöl. Für viele beliebte Mittel ist die Evidenz gemischt oder negativ, zum Beispiel für Sägepalme oder Echinacea. In einer Auswertung von 128 deutschen S3-Leitlinien waren 68,1 Prozent der 204 Empfehlungen zu Phytotherapie negativ oder offen. Kurz gesagt: für wenige Präparate ja, für viele nicht oder nur schwach.

Sind pflanzliche Mittel sicherer als synthetische Medikamente?

Nicht automatisch. Johanniskraut kann den Abbau vieler Medikamente beschleunigen und ist laut EU-Monographie unter anderem mit Gerinnungshemmern vom Cumarin-Typ, bestimmten Immunsuppressiva und HIV-Medikamenten kontraindiziert. Grüntee-Extrakt, Kava und in Einzelfällen Baldrian wurden mit Leberschäden in Verbindung gebracht, und bei Internetimporten kommen Verunreinigungen dazu. Viele Pflanzenpräparate sind in Studien gut verträglich, aber das ist kein Freibrief für jede Kombination. Deshalb gehören sie in jede Medikamentenliste.

Kann Johanniskraut ein Antidepressivum ersetzen?

Dieser Artikel rät nicht dazu, ein Antidepressivum durch Johanniskraut zu ersetzen. Die Nationale VersorgungsLeitlinie sieht ein zugelassenes Johanniskrautpräparat als offene Kann-Option für einen ersten Therapieversuch bei leichter oder mittelschwerer Episode, wenn eine medikamentöse Behandlung erwogen wird, und nur nach Aufklärung. Für schwere Depressionen fehlen Daten, und Johanniskraut ersetzt keine Psychotherapie. Ein Antidepressivum wird nicht abrupt abgesetzt oder eigenmächtig getauscht, weil das eigene Risiken hat und Johanniskraut in Kombination zu serotonergen Effekten beitragen kann. Jede Änderung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes. Bei Suizidgedanken: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, in akuter Gefahr 112.

Macht Johanniskraut die Pille unwirksam?

Johanniskraut kann die Sicherheit hormoneller Verhütung beeinträchtigen. In einer Studie hatten in der Johanniskraut-Phase 7 von 12 Frauen Zwischenblutungen, in der Kontrollphase 2 von 12. In einer zweiten Studie mit 16 Frauen sank die Hormonexposition um 13 bis 15 Prozent, mit Hinweisen auf wahrscheinlichen Eisprung. Die EU-Monographie empfiehlt zusätzliche Verhütungsmaßnahmen. Setz weder die Pille noch ein verordnetes Präparat eigenmächtig ab, sondern besprich die Kombination ärztlich oder in der Apotheke.

Zahlt die Krankenkasse pflanzliche Arzneimittel?

Rezeptfreie Arzneimittel darf die gesetzliche Krankenversicherung nur ausnahmsweise übernehmen, wenn sie bei schwerwiegenden Erkrankungen als Therapiestandard gelten; für Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr und für Jugendliche mit Entwicklungsstörungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr gilt diese Einschränkung nicht. Die Ausnahmeliste des Gemeinsamen Bundesausschusses nennt dafür unter anderem einen standardisierten Ginkgo-biloba-Blätter-Extrakt in 240 mg Tagesdosis nur zur Behandlung der Demenz. Einige pflanzliche Mittel sind verschreibungspflichtig, etwa Johanniskraut zur Behandlung mittelschwerer Depressionen und Kava-Kava. Freiwillige Zusatzleistungen einzelner Kassen sind keine allgemeine Regel, deshalb lohnt die Nachfrage bei der eigenen Kasse.

Was bringen pflanzliche Mittel bei Erkältung?

Die hausärztliche DEGAM-Leitlinie hält bestimmte Phytopharmaka bei Therapiewunsch zur moderaten Linderung von akutem Husten für erwägenswert, nennt die Effekte aber klinisch fraglich relevant. Für Pelargonium gibt es Hinweise bei akuter Bronchitis, allerdings bei niedriger Evidenzqualität, nur für die flüssige Zubereitung und mit einem Leberhinweis in der Fachinformation. Für Echinacea zeigte ein Cochrane-Review keinen belegten Nutzen in der Behandlung. Bei Atemnot, hohem Fieber oder anhaltenden Beschwerden gehört eine ärztliche Abklärung vor jedes Hausmittel.

Gibt es pflanzliche Arzneimittel für die Wechseljahre?

Die S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause von 2020 formuliert, dass Cimicifuga-Präparate, Isoflavone und kognitive Verhaltenstherapie bei Hitzewallungen angewendet werden können, Empfehlungsgrad 0, verbunden mit Aufklärung über unterschiedliche Zubereitungen und Wechselwirkungen. Ein Cochrane-Review von 2012 sah keine ausreichende Evidenz für Traubensilberkerze. Der noch nicht verabschiedete Entwurf der Neufassung 2026 bleibt bei einer schwachen Kann-Empfehlung und rät bei Stimmungsschwankungen und Depression ab. Welche Option passt, gehört in eine gynäkologische Beratung.

Wie lange wurden pflanzliche Arzneimittel in Studien getestet?

Meist kürzer, als viele Menschen sie einnehmen. Die Johanniskraut-Studien im Vergleich mit SSRI dauerten 4 bis 12 Wochen, die Lavendel-Studien der Meta-Analyse zehn Wochen, und für Pfefferminzöl beschreibt die Leitlinie eine kurzfristige Anwendung ohne Langzeitdaten. Der aktuelle Cochrane-Review zu Ginkgo berichtet seine zentralen Ergebnisse nach sechs Monaten. Das sind Studiendauern, keine Einnahmeempfehlung. Wie lange ein Mittel sinnvoll ist, lässt sich nur im Einzelfall ärztlich beurteilen.

Können Heilpflanzen der Leber schaden?

Ja, selten. Für Grüntee-Extrakt als Nahrungsergänzung stiegen in Studien ab 800 mg EGCG pro Tag die Leberwerte signifikant an, während Grüntee als Getränk im Allgemeinen als sicher gilt. Kava gilt als potenziell lebertoxisch. In einer Berliner Studie wurden 10 von 198 Leberschäden als möglich oder wahrscheinlich pflanzlich bedingt eingestuft, darunter fünfmal Baldrian. Warnzeichen sind Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunkler Urin, heller Stuhl, Oberbauchschmerzen und ungewohnte Müdigkeit. Dann bitte zeitnah ärztlich abklären lassen.

Von hier aus weiterlesen

Diese Säule verweist auf Einzelartikel, in denen einzelne Pflanzen, Organe und Fragen ausführlich besprochen sind. Zwölf Wege, die von hier aus sinnvoll weiterführen.

Wenn dich die Aufnahme im Darm interessiert
Curcumin und die Frage der Aufnahme

Warum Darreichungsform und Formulierung bei Kurkuma-Präparaten so viel ausmachen können.

Wenn es um Entzündung geht
Kurkuma und Entzündung

Was Curcumin in Studien zeigt und an welchen Stellen die Erwartungen die Daten überholen.

Wenn die Stimmung gedrückt ist
Safran bei gedrückter Stimmung

Was die Studien zeigen und wo ihre Grenzen liegen.

Wenn du Depression breiter verstehen willst
Depression ganzheitlich betrachtet

Ein breiter Blick auf Depression, der Behandlung und Ursachensuche zusammendenkt.

Wenn der Schlaf nicht kommt
Baldrian und Passionsblume im Studiencheck

Was pflanzliche Beruhigung bei Schlafstörungen leisten kann, im Studiencheck.

Wenn der Bauch den Alltag bestimmt
Reizdarm: Ursachen suchen

Welche Ursachen hinter Reizdarmbeschwerden stehen können und wie eine strukturierte Suche aussieht.

Wenn Hitzewallungen und Schlaf sich verändern
Wechseljahre ganzheitlich eingeordnet

Symptome, Phasen und welche Wege es in dieser Lebensphase gibt.

Wenn es um die Leber geht
Mariendistel und die Leber

Entgiftungsmythos oder Schutz? Was die Studien hergeben.

Wenn du vor dem Supplement-Regal stehst
Wann Nahrungsergänzung sinnvoll ist

Wann ein Ergänzungsmittel sinnvoll sein kann und wann es eher stört.

Wenn dir das Wort Adaptogen begegnet
Adaptogene: was der Begriff bedeutet

Woher der Begriff kommt, was er meint und was er nicht verspricht.

Wenn Pflanzenstoffe in die Vene sollen
Heilpflanzen per Infusion

Was die Studienlage zur intravenösen Gabe von Pflanzenstoffen zeigt.

Wenn du an Belastungen aus Importen denkst
Schwermetalle im Körper

Blei, Quecksilber und Co.: was im Körper stecken kann und wie man es misst.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Pflanzliche Arzneimittel sind für mich Arzneimittel wie andere auch: mit Indikation, Evidenzlage, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Bei diesem Thema ist mir die Trennung zwischen Studienlage, Tradition und eigener Beobachtung besonders wichtig, weil das Wort pflanzlich so viel Vertrauen weckt. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er ist ausdrücklich keine Anleitung, eine bestehende Behandlung zu verändern, und keine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt. Er soll dir helfen, beim nächsten Gespräch in Praxis oder Apotheke bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

68 Quellen, davon 50 mit DOI. Leitlinien, Rechts- und Behördenquellen ohne DOI sind mit Registernummer, Version und Stand angegeben. Extraktbezeichnungen erscheinen nur in Originaltiteln.

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  21. Heinrich M, Jalil B, Abdel-Tawab M, Echeverria J, Kulić Ž, McGaw LJ, Pezzuto JM, Potterat O, Wang JB. Best Practice in the chemical characterisation of extracts used in pharmacological and toxicological research: The ConPhyMP-Guidelines. Front Pharmacol. 2022;13:953205. PMID: 36176427 · DOI: 10.3389/fphar.2022.953205 [Review, Konsensus]
  22. Monagas M, Brendler T, Brinckmann J, Dentali S, Gafner S, Giancaspro G, et al. Understanding plant to extract ratios in botanical extracts. Front Pharmacol. 2022;13:981978. PMID: 36249773 · DOI: 10.3389/fphar.2022.981978 [Review]
  23. Klose P, Kraft K, Cramer H, Lauche R, Dobos G, Langhorst J. Phytotherapy in the German Medical AWMF S3 guidelines: a systematic overview. Forsch Komplementmed. 2014;21(6):388-400. PMID: 25592950 · DOI: 10.1159/000370079 [Systematischer Review, 128 S3-Leitlinien]
  24. Keller K. Legal requirements for the use of phytopharmaceutical drugs in the Federal Republic of Germany. J Ethnopharmacol. 1991;32(1-3):225-9. PMID: 1881161 · DOI: 10.1016/0378-8741(91)90122-t [Review]
Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist und was hier bewusst nicht steht
  1. Herstellerfinanzierung. Die Daten zum Lavendelöl-Extrakt sind weitgehend herstellerfinanziert oder herstellerbeteiligt, ebenso die Meta-Analyse zum Hexan-Extrakt der Sägepalme und die GuidAge-Studie. Drei der vier Autorinnen und Autoren der Wechselwirkungs-Übersicht um Nicolussi arbeiteten laut PubMed bei einem Schweizer Hersteller pflanzlicher Arzneimittel. Interessenkonflikte des Kommentars aus der Zeitschrift für Phytotherapie habe ich nicht geprüft. Herstellerfinanzierung ist kein Beleg für ein falsches Ergebnis, aber ein Grund, auf unabhängige Wiederholungen zu achten.
  2. Die Hyperforin-Schwelle für klinisch weniger relevante Wechselwirkungen stützt sich beim Menschen auf dünne Daten. Kein Satz dieses Artikels stellt hyperforinarme Präparate als frei von Wechselwirkungen dar.
  3. Leberschäden durch Pelargonium, Baldrian, Pfefferminze oder Johanniskraut beruhen auf Einzelfällen mit möglicher Kausalität und umstrittenen Spontanmeldungen. Die Häufigkeit ist unbekannt.
  4. Ginkgo und Blutungsrisiko: Die Meta-Analyse maß Gerinnungswerte, keine Blutungsereignisse. Die Übersicht zur Operationsvorbereitung stammt aus dem Jahr 2001.
  5. Die Verfälschungsquote von 27 Prozent stammt aus einer weltweiten Auswertung gemischter Produktkategorien und gilt nicht für in Deutschland zugelassene Arzneimittel. Eine vielzitierte ältere DNA-Barcoding-Studie wurde 2024 zurückgezogen und ist bewusst nicht zitiert. Die Daten zu Pyrrolizidinalkaloiden stammen aus 2014 und 2015.
  6. Leitlinienstand. Die S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom war laut AWMF-Register bis 30.03.2026 gültig; ob sie verlängert wurde, ließ sich nicht abrufen. Die Neufassung der S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause lag nur als nicht verabschiedeter Entwurf vor. Der Wortlaut der Ginkgo-Empfehlung stammt aus der Demenz-Leitlinie in der Fassung 2023. Die Ausnahmeliste des Gemeinsamen Bundesausschusses habe ich über eine Sekundärwiedergabe gelesen; für Ginkgo bei Demenz bestätigt die S3-Leitlinie die Erstattung.
  7. Das Patentargument ist als Überlegung gekennzeichnet, ein Beleg wurde nicht gefunden. Die Pfefferminzöl-Meta-Analyse von 2026 war nur vorab online veröffentlicht, und einen in sich widersprüchlichen Einzelwert im Ginkgo-Cochrane-Review von 2026 zitiere ich nicht.
  8. Was hier bewusst nicht steht. Keine Produkt-, Marken- oder Siegelempfehlung, keine Dosierungsempfehlung, kein Einnahmeschema. Die 240 mg für Ginkgo sind eine Leitlinien- und Erstattungsangabe, die EGCG-Mengen Risikoschwellen aus Studien und Fallberichten. Kein Rat, eine bestehende Medikation abzusetzen, zu reduzieren oder durch ein Pflanzenpräparat zu ersetzen. Aus keinem Absatz folgt, dass eine psychiatrische, psychotherapeutische, urologische, gynäkologische oder hausärztliche Abklärung ausgelassen oder verschoben werden sollte. Beobachtungen aus meiner Sprechstunde sind als solche gekennzeichnet. Recherchestand: 16. und 17. September 2026.

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