Ratgeber Ernährung · Vegetarisch und Psyche

Vegetarische Ernährung und Depression: was die Daten zeigen

Eine Metaanalyse findet 53 Prozent mehr Depressionsrisiko, eine andere 26 Prozent weniger. Beide Zahlen können stimmen. Wie das zusammenpasst, und was Genvarianten, gewachsene Küchen und Studiendesign damit zu tun haben.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Ernährung und Psyche Kausalität offen benannt Stand August 2026 33 Studien mit DOI
Warum ich das schreibe

Dass vegetarisch essen die gesündere Entscheidung ist, gilt als selbstverständlich. Für viele Menschen kann es das auch sein. Was mich nachdenklich macht, ist nicht die Ernährungsform. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir sie behandeln, obwohl die Daten zur Psyche offen widersprüchlich sind.

Du sitzt abends auf dem Sofa und der Tag fühlt sich an wie durch Watte. Nicht schlimm. Nur flach.

Du schläfst ordentlich, du bewegst dich, du isst bewusster als die meisten Menschen, die du kennst. Seit anderthalb Jahren ohne Fleisch, aus guten Gründen. Und trotzdem ist da diese Frage, die du dir kaum laut zu stellen traust. Kann das zusammenhängen?

In Foren steht diese Frage in hundert Varianten. Seit kurzem Vegetarier, deshalb müde. Eisen und B12 genommen, keine Besserung. Ähnlich höre ich es in meiner Sprechstunde.

Ich möchte diese Frage ernst nehmen und ehrlich beantworten, auch wenn die ehrliche Antwort unbequemer ist als jede Überschrift.

Was dich hier erwartet

  • Warum zwei Metaanalysen gegensätzliche Zahlen liefern
  • Was die Subgruppe Europa gegen Asien zeigt, und was nicht
  • Warum die Ursache hier andersherum laufen könnte
  • Was FADS-Genvarianten mit pflanzlichen Fettsäuren zu tun haben
  • Warum eine gewachsene Küche etwas anderes ist als weggelassenes Fleisch
  • Vier Stellschrauben, an denen Stimmung hängen kann
  • Welche Werte du kennen darfst, bevor du etwas einnimmst
  • Zwölf Fragen, die mir dazu am häufigsten gestellt werden

Warum diese Frage so schwer zu stellen ist

Ernährung ist längst nicht mehr nur Ernährung. Sie ist Haltung geworden, oft auch Identität.

Genau deshalb ist die Frage nach der eigenen Stimmung so unangenehm. Sie fühlt sich an wie ein Verrat an einer Entscheidung, die man aus guten Gründen getroffen hat. Also stellt man sie nachts im Internet, anonym.

Ich rate dir hier an keiner Stelle, mit dem Vegetarischsein aufzuhören. Ich möchte dir zeigen, wie unübersichtlich die Studienlage ist, und welche Fragen sich lohnen, wenn du dich nicht so fühlst, wie du es dir erhofft hast.

Reframe

Die Frage lautet nicht: Ernährst du dich falsch? Sie lautet: Wird deine Ernährung von dem Wissen begleitet, das sie braucht?

Das ist der Unterschied zwischen einem Instrument und dem Unterricht dazu.

Und jetzt weißt du, warum dieser Text mit einem Widerspruch beginnt und nicht mit einer Zahl.

Zwei Zahlen, die sich widersprechen, und beide können stimmen

Vielleicht hast du eine der Schlagzeilen gesehen. Beide gibt es, beide stammen aus seriösen Fachzeitschriften, und sie sagen das Gegenteil voneinander.

plus 53 % Metaanalyse 2022

Depressionsrisiko bei Vegetariern, gepoolt aus neun überwiegend querschnittlichen Effektgrößen.

minus 26 % Metaanalyse 2025

Depressionsrisiko bei fleischfreier Kost, gepoolt aus zwanzig Längsschnittstudien.

Klinisch randomisiert oder Metaanalyse am Menschen Human Beobachtung, Kohorte, Querschnitt Tier Tierstudie Zellen Zellkultur
Metaanalyse Die Zahl, die überall zitiert wird

Eine iranische Arbeitsgruppe um Siavash Fazelian durchsuchte fünf Datenbanken nach Beobachtungsstudien zu Depression bei Vegetariern. Über neun Effektgrößen lag das Risiko um 53 Prozent höher, mit einer Odds Ratio von 1,53 und einem Vertrauensbereich von 1,14 bis 2,07. Im Vergleich mittlerer Depressionswerte über sechzehn Studien verschwand der Unterschied allerdings ganz.

Für dich heißt das: Die Zahl existiert und ist trotzdem kein Urteil. Die Autoren selbst nennen ihre Befunde nicht robust.

Fazelian S et al. Nutrition Reviews. 2022. DOI: 10.1093/nutrit/nuab013
Metaanalyse Die Zahl, die kaum jemand zitiert

Eine spanische Gruppe um Andrea Luque-Martínez sammelte 2025 ausschließlich Längsschnittstudien, also Arbeiten, in denen die Ernährung vor dem Auftreten der Depression erfasst wurde. Über zwanzig solcher Studien war fleischfreie Kost mit einem niedrigeren Risiko verbunden, Hazard Ratio 0,74 bei einem Vertrauensbereich von 0,59 bis 0,89.

Für dich heißt das: Sobald man die Zeitachse beachtet, dreht sich das Vorzeichen um. Das ist kein Detail, das ist der Kern der Sache.

Luque-Martínez A et al. Nutrients. 2025;17(5):811. DOI: 10.3390/nu17050811

Wie kann dasselbe Thema so unterschiedlich ausgehen? Stell dir zwei Fotografen vor. Der eine macht ein Gruppenfoto in der Notaufnahme und zählt, wer krank aussieht. Der andere begleitet dieselben Menschen zwei Jahre lang und zählt, wer krank wird. Beide fotografieren ehrlich, nur nicht dasselbe.

Querschnittsstudien erfassen Ernährung und Stimmung im selben Moment. Wer in einer schweren Phase umstellt, taucht dort als Vegetarier mit Depression auf. Über Ursache und Wirkung sagt das nichts.

Systematischer Review Die ehrlichste Bilanz

Eine Gruppe am King's College London um Rishika Jain wertete 23 Studien nach PRISMA-Standard aus, mit drei unabhängigen Bewertern. Von 25 Studienergebnissen zeigten elf, also 44 Prozent, höhere Depressionsraten, sieben günstigere Werte und sieben gar keinen Zusammenhang. Nur vier Studien wurden als gut bewertet, neunzehn als mittelmäßig.

Für dich heißt das: Die Literatur ist nicht knapp, sie ist uneinig. Wer dir hier eine eindeutige Antwort gibt, erzählt nur die Hälfte.

Jain R et al. Nutrition Bulletin. 2022;47(1):27-49. DOI: 10.1111/nbu.12540

Es gibt noch mehr Zahlen. Eine Metaanalyse von 2021 fand eine Odds Ratio von 2,14 und gleichzeitig niedrigere Angstwerte. Eine andere fand mit 1,02 gar keinen Zusammenhang. Eine Übersicht über neun systematische Reviews kam 2026 zu dem Schluss, dass vier davon ein erhöhtes Risiko berichteten und fünf widersprüchliche oder keine Zusammenhänge fanden.

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Ein Widerspruch zwischen Studien ist kein Skandal. Er ist meistens ein Hinweis darauf, dass die Frage zu grob gestellt wurde.

Vegetarisch ist kein Zustand. Es ist ein Etikett auf sehr unterschiedlichen Tellern, aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Und jetzt weißt du, warum die spannende Frage nicht lautet, wer recht hat.

Europa ja, Asien nein: der Befund, um den es hier geht

Vielleicht kennst du jemanden aus einer südindischen Familie. Vegetarisch seit Generationen, und niemand käme auf die Idee, das für ein Gesundheitsrisiko zu halten.

Genau hier wird die Studienlage interessant. Die Metaanalyse von 2022 hat ihre Daten auch nach Herkunftsland aufgeteilt. Dabei zeigte sich etwas, das im deutschsprachigen Netz kaum jemand erwähnt.

SubgruppeEffektschätzerWas dort steht
Studien aus Europa und den USAOR 1,45Vertrauensbereich 1,06 bis 1,98, Heterogenität 73,2 Prozent
Studien aus asiatischen Ländernkein Zusammenhangder Effekt verschwindet
SemivegetarierOR 1,86am stärksten assoziierte Gruppe
Lakto-Ovo-Vegetarierkein Zusammenhangobwohl das die klassische Form ist
Mittlere DepressionswerteSMD 0,10über sechzehn Studien kein Unterschied

Lies die Zeile zu den Semivegetariern noch einmal. Ausgerechnet die Menschen, die gelegentlich noch Fleisch essen, sind am stärksten assoziiert, die klassischen Lakto-Ovo-Vegetarier gar nicht. Zu einem einfachen Mangelmodell passt das schlecht.

Kohorte Die Gegenprobe aus Taiwan

Eine Arbeitsgruppe um Yu-Chih Shen begleitete 10.577 Menschen der taiwanesischen Tzu-Chi-Kohorte über rund neun Jahre und erfasste neue Depressionen nicht per Fragebogen, sondern über ärztliche Diagnosen der nationalen Krankenversicherung. Die Inzidenz lag bei Vegetariern bei 2,37 und bei Nichtvegetariern bei 3,21 pro 10.000 Personenjahre, mit einer adjustierten Hazard Ratio von 0,70.

Für dich heißt das: In einer Bevölkerung mit langer vegetarischer Tradition dreht sich das Vorzeichen um, prospektiv und mit harten Diagnosedaten.

Shen YC et al. Nutrients. 2021;13(4):1059. DOI: 10.3390/nu13041059
Was ich hier bewusst nicht behaupte

Die Taiwan-Kohorte besteht aus Mitgliedern einer buddhistischen Stiftung. Starke religiöse und soziale Einbindung ist für sich genommen mit einem niedrigeren Depressionsrisiko verbunden. Der Befund lässt sich also nicht allein der Ernährung zuschreiben.

Und der Regionen-Unterschied selbst stammt aus genau einer Metaanalyse. Eine andere Arbeitsgruppe mit 13 Studien und 49.889 Menschen nennt ausdrücklich als Einschränkung, dass die geografische Streuung der Studienorte gering war. Eine Subgruppenanalyse ist ein Hinweis, kein eigenständiger Beleg.

Trotzdem lohnt es sich, dem Hinweis nachzugehen. Wenn ein Zusammenhang in der einen Weltregion auftaucht und in der anderen nicht, liegt es vermutlich nicht am Tofu.

Zwei Erklärungen sind plausibel. Die eine ist biologisch: Menschen unterscheiden sich darin, wie gut sie pflanzliche Fettsäuren umbauen. Die andere ist kulturell: Eine Küche, die seit Jahrhunderten ohne Fleisch auskommt, sieht anders aus als eine, aus der man Fleisch gerade herausgenommen hat. Beiden gehen wir nach. Vorher aber kommt der Teil, der beide relativieren könnte.

Und jetzt weißt du, warum ein regionaler Unterschied spannend ist, ohne eine Antwort zu sein.

Bevor wir Biologie erklären: vielleicht läuft die Ursache andersherum

Es gibt in jedem Gespräch über dieses Thema einen Moment, an dem es kippt. Jemand sagt: Also macht vegetarische Ernährung doch depressiv. Und alle nicken. Das ist der Moment, in dem ich die Hand hebe.

Denn es gibt eine zweite Erklärung, die genauso gut zu allen Zahlen passt: Menschen, denen es psychisch nicht gut geht, stellen ihre Ernährung häufiger um. Nicht umgekehrt.

Repräsentative Erhebung Deutsche Daten, und die Zeitachse zeigt in die andere Richtung

Johannes Michalak und Kolleginnen werteten eine repräsentative deutsche Stichprobe von 4.116 Menschen aus, mit soziodemografisch gematchter Kontrollgruppe. Vegetarier hatten häufiger depressive, Angst- und somatoforme Störungen. Dann stellten sie das Alter bei der Ernährungsumstellung dem Alter bei Störungsbeginn gegenüber: Die Umstellung folgte der Störung.

Für dich heißt das: Der einzige deutsche Datensatz, der die Reihenfolge geprüft hat, findet sie andersherum. Die Autoren schreiben ausdrücklich, es gebe keinen Beleg für eine ursächliche Rolle.

Michalak J et al. Int J Behav Nutr Phys Act. 2012;9:67. DOI: 10.1186/1479-5868-9-67
Kohorte Der Befund, der das Fleischargument entzaubert

Joane Matta und Kollegen untersuchten 90.380 Menschen der französischen Constances-Kohorte und prüften den Ausschluss beliebiger Lebensmittelgruppen. Fleisch wegzulassen war mit einer Odds Ratio von 1,37 für depressive Symptome verbunden, Fisch mit 1,40, Gemüse mit 1,71. Und die Odds Ratio stieg stufenweise mit der Anzahl gestrichener Gruppen.

Für dich heißt das: Wer Gemüse streicht, hat hier ein höheres assoziiertes Risiko als wer Fleisch streicht. Der Marker ist das Weglassen selbst.

Matta J et al. Nutrients. 2018;10(11):1695. DOI: 10.3390/nu10111695

„Reverse causation cannot be ruled out.“

Hibbeln JR et al., ALSPAC-Kohorte mit 9.668 Männern, Journal of Affective Disorders 2018

Dieser Satz stammt aus einer Arbeit, die selbst einen deutlichen Zusammenhang gefunden hat: 350 vegetarische Männer mit im Mittel 0,96 Punkten höheren Depressionswerten und einer Odds Ratio von 1,67 nach Adjustierung. Und trotzdem schreiben die Forschenden, eine umgekehrte Ursache sei nicht auszuschließen. Diese Vorsicht ist nicht Höflichkeit. Sie ist notwendig.

Der Teil, den ich besonders sorgfältig formulieren möchte

In jeder größeren Gruppe von Vegetariern sind auch Menschen, für die Essen gerade ein Ort von Kontrolle ist. Das ist keine Unterstellung, sondern eine gut dokumentierte Beobachtung.

In einem Vergleich dreier Gruppen stieg der Anteil derjenigen, die jemals vegetarisch gelebt hatten, von 6,8 Prozent ohne Essstörung auf 17,6 Prozent bei gestörtem Essverhalten und 34,8 Prozent in stationärer Behandlung. Und in einer Fall-Kontroll-Studie mit 160 Frauen sank der Anteil aktueller Vegetarierinnen mit dem Genesungsgrad von 33 auf 13 auf 5 Prozent.

Solche Verteilungen verzerren jede Statistik über Vegetarier. Über dich als einzelne Leserin sagen sie nichts. Falls du dich hier wiedererkennst, findest du im Ratgeber zu Essstörungen und dem Zusammenspiel von Körper und Psyche eine ruhigere Einordnung.

Interventionsstudie Was passiert, wenn man es andersherum macht

Ulka Agarwal und Kollegen leiteten an zehn Standorten eines US-Versicherers eine von zwei Gruppen achtzehn Wochen lang zu pflanzlicher Ernährung an, insgesamt 292 Menschen mit Übergewicht oder Typ-2-Diabetes. In der Intention-to-treat-Auswertung besserten sich Depression, Angst und Erschöpfung in dieser Gruppe signifikant stärker. Die Autoren beschreiben ihr Design selbst als quasi-experimentell, mit Randomisierung auf Standortebene und ohne Verblindung.

Für dich heißt das: Wenn man Menschen pflanzlich essen lässt, statt zu fragen, wer bereits so isst, dreht sich das Ergebnis um.

Agarwal U et al. Am J Health Promot. 2015;29(4):245-254. DOI: 10.4278/ajhp.130218-QUAN-72
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Wenn jemand in einer schweren Phase seine Ernährung ändert, ist das kein Fehler. Es ist oft ein Versuch der Selbstfürsorge.

Die Statistik sieht dann so aus, als hätte die Ernährung etwas ausgelöst. Tatsächlich sieht sie den Moment, in dem jemand für sich zu sorgen begann.

Und jetzt weißt du, warum ich die Biologie erst danach erkläre. Sie ist interessant, aber nicht die einzige Erklärung.

Warum dein Stoffwechsel vielleicht anders übersetzt

Jetzt zur Biologie. Und vorweg der Satz, der über diesem Abschnitt steht: Es geht um Häufigkeiten von Genvarianten und um gewachsene Esstraditionen. Es geht nicht um Menschen, die besser oder schlechter wären.

Pflanzliche Lebensmittel enthalten Omega-3 als Alpha-Linolensäure, kurz ALA. Leinsamen, Walnüsse, Chia. Gehirn und Zellmembranen brauchen aber die langkettigen Formen EPA und DHA. Dein Körper kann ALA umbauen, und die Bauanleitung für die Enzyme steht in den Genen FADS1 und FADS2.

Stell dir zwei Übersetzer vor. Beide bekommen denselben Text. Der eine arbeitet flüssig, der andere schlägt jedes zweite Wort nach. Beide sind gute Übersetzer, nur mit unterschiedlich viel Übung in dieser Sprache.

Populationsgenetik Die Zahl, die den Herkunftsunterschied greifbar macht

Kumar Kothapalli und Kollegen bestimmten die Häufigkeit einer 22 Basenpaare langen Insertion im Gen FADS2 in einer überwiegend vegetarischen indischen Population, in einer US-Population und in den Daten des 1000-Genomes-Projekts. Die effiziente Insertionsvariante fand sich bei 70 Prozent der südasiatischen und bei 17 Prozent der europäischen Genome. Bei ihren Trägern lag Arachidonsäure im Plasmaphospholipid um acht Prozent höher, die Differenz zwischen Produkt und Vorstufe um 31 Prozent.

Für dich heißt das: Wie gut jemand pflanzliche Fettsäurevorstufen umbaut, ist teilweise genetisch vorgezeichnet, und diese Varianten sind regional unterschiedlich häufig.

Kothapalli KSD et al. Mol Biol Evol. 2016;33(7):1726-1739. DOI: 10.1093/molbev/msw049

Häufigkeit der effizienten FADS2-Variante nach 1000-Genomes-Daten

Südasien70 %
Afrika53 %
Ostasien29 %
Europa17 %

Das sind Häufigkeiten in Bevölkerungsgruppen, keine Aussage über einzelne Menschen. In jeder dieser Gruppen gibt es beide Varianten. Aus einer Herkunft lässt sich der eigene Genotyp nicht ablesen.

Und der Unterschied endet nicht an Kontinentgrenzen. Eine europäische Arbeit mit fünf Kohorten aus Schweden, Schottland, Italien, Kroatien und den Niederlanden zeigte, dass heutige Menschen zwei häufige FADS-Haplotypen tragen, definiert von 28 gekoppelten Genvarianten. In ihrer Umbauleistung unterscheiden sie sich, wie die Autoren schreiben, dramatisch.

Die ehrlichere Frage lautet also nicht, ob Europäer anders sind als Südasiaten, sondern: Welche Variante trägst du? Mehr im Ratgeber zu Genen, Herkunft und Stoffwechsel.

Dazu kommt ein zweiter Faktor. Die Umwandlung aus den pflanzlichen Vorstufen ist ohnehin, wie eine Übersichtsarbeit es nennt, sehr ineffizient, und Omega-6 und Omega-3 teilen sich dieselben Enzyme. Eine Ernährung mit viel Sonnenblumen-, Distel- und Sojaöl schickt sehr viel Omega-6 an denselben Schalter. Details im Ratgeber zu ALA, EPA und DHA.

Hier endet das Belegte, hier beginnt die Hypothese

Die Arbeit von Kothapalli misst Arachidonsäure, also die Omega-6-Seite. Dass eine schlechtere Umwandlung auch EPA, DHA und darüber die Stimmung beeinflusst, ist mechanistisch plausibel, weil dieselben Enzyme beteiligt sind. Als durchgehende Kette gemessen hat das niemand. Es ist eine Hypothese, kein Befund.

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Genvarianten sind keine Diagnose und kein Urteil. Sie sagen nur, wie viel Unterstützung ein Stoffwechselweg braucht.

Der eine Übersetzer braucht kein Wörterbuch. Der andere arbeitet mit Wörterbuch genauso gut. Er braucht nur eines.

Und jetzt weißt du, warum dieselbe Ernährung bei zwei Menschen unterschiedlich ankommen kann, ohne dass einer etwas falsch macht.

Eine gewachsene Küche ist etwas anderes als weggelassenes Fleisch

Denk an einen südindischen Teller. Dal aus Linsen, Reis, fermentierter Teig für Idli oder Dosa, Joghurt, Ghee, Kurkuma, Sesam.

Und an einen typischen europäischen Umstieg. Das Schnitzel geht raus, das Ersatzprodukt kommt rein, sonst bleibt der Teller derselbe. Das sind nicht zwei Varianten derselben Ernährungsform, sondern zwei verschiedene Dinge mit demselben Etikett.

Die südasiatische Küche ist über Jahrhunderte ohne Fleisch entstanden, mit Hülsenfrüchten als Proteinquelle, Milchprodukten für B12 und Fett, Fermentation und Einweichen gegen Phytat. Niemand hat das geplant. Es ist gewachsen. Eine europäische vegetarische Ernährung beginnt dagegen mit einer Subtraktion, und die Lücke wird oft mit dem gefüllt, was am schnellsten geht.

Kohorte Der stärkste Befund in diesem ganzen Text

Hanzhang Wu und Kollegen werteten 180.532 Menschen der UK Biobank aus und bildeten aus 17 Lebensmittelgruppen drei Indizes: wie pflanzlich insgesamt, wie gesund pflanzlich, wie ungesund pflanzlich. Der Gesamtindex sagte für Depression praktisch nichts. Erst die Trennung nach Qualität trennte sauber: gesunde pflanzliche Kost lag bei einer Hazard Ratio von 0,92, ungesunde bei 1,15, bei Demenz sogar 0,82 gegen 1,29.

Für dich heißt das: Pflanzlich essen ist keine Antwort, sondern eine Frage. Sie hängt daran, womit du ersetzt.

Wu H et al. Age Ageing. 2023;52(5):afad070. DOI: 10.1093/ageing/afad070
Metaanalyse Dieselbe Trennlinie an 709.703 Menschen

Eine spanische Gruppe um Bruno Bizzozero-Peroni fasste 23 Studien mit 709.703 Menschen zusammen und trennte ebenfalls nach Qualität. Gesunde pflanzliche Ernährung war im Querschnitt mit einer Odds Ratio von 0,74 für Depression assoziiert, in Kohortendaten mit 0,77. Ungesunde pflanzliche Ernährung war mit mehr Angst und mehr Depression verbunden.

Für dich heißt das: Diese Trennlinie gehört zu den am besten belegten Aussagen im Themenfeld, belastbarer als jede Zahl zum Etikett.

Bizzozero-Peroni B et al. Nutrition Reviews. 2025;83(12):2282-2295. DOI: 10.1093/nutrit/nuaf080

Was zählt als ungesunde pflanzliche Kost? Weißmehl, Zucker, gesüßte Getränke, Süßigkeiten, stark verarbeitete Produkte. Alles pflanzlich, alles vegetarisch, und in diesen Daten ungünstig. Eine Metaanalyse zu ultraverarbeiteten Lebensmitteln fand für den höchsten Konsum ein relatives Risiko von 1,20 für Depression, allerdings aus nur zwei Kohorten.

Und ein Detail aus den Constances-Daten passt genau hierher: Der Zusammenhang mit depressiven Symptomen war besonders ausgeprägt bei niedriger Hülsenfruchtaufnahme.

Hülsenfrüchte sind der Punkt, an dem sich die beiden Teller unterscheiden. Sie liefern Protein, Ballaststoffe, Eisen, Zink und Folat. Einweichen, Keimen und Fermentieren können zusätzlich das Phytat senken, das Eisen und Zink bindet.

Der Satz, den ich mir merken würde

Nicht das fehlende Fleisch ist die Frage, sondern was an seiner Stelle steht. Eine gewachsene Küche hat darauf über Generationen geantwortet. Ein Ersatzprodukt antwortet auf die Form.

Das ist keine Kritik am Verzicht, sondern eine Beobachtung über Handwerk. Mehr dazu im Ratgeber zu unverarbeitetem Essen und Sättigung und im Text zum Kalorien-Mythos.

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Vegetarisch ist keine Ernährungsform. Es ist eine Auslassung, und was daraus wird, entscheidet sich erst danach. Die interessante Frage ist deshalb weniger, was du weglässt, als das, was du dafür gelernt hast.

Und jetzt weißt du, warum zwei Menschen mit demselben Etikett zwei verschiedene Ernährungen essen können.

Die vier Stellschrauben, an denen Stimmung hängen kann

Kennst du dieses Gefühl, wenn du weißt, dass etwas fehlt, aber nicht sagen kannst was? Bei Nährstoffen ist das der Normalfall. Man merkt keine Lücke, nur dass weniger geht als früher.

Die ganze Nährstoffkunde steht im Ratgeber zu veganer Ernährung, Chancen und Grenzen. Hier geht es nur um die vier Achsen mit belegtem Bezug zu Stimmung oder Leistungsfähigkeit.

1

EPA und DHA

Ein Scoping Review über dreizehn randomisierte Studien verglich pflanzliche Omega-3-Quellen anhand des Omega-3-Index, also EPA plus DHA in der roten Blutzelle. Hochdosiertes Leinöl und Echiumöl hoben ihn nicht an, in einzelnen Studien sank er sogar. Mikroalgenöl hob ihn in allen Studien an.

In einer Metaanalyse über 26 doppelblinde Studien mit 2.160 Menschen zeigten vor allem EPA-betonte Präparate einen Effekt auf Depressionssymptome, mit einer Mittelwertdifferenz von 0,50 für reines EPA. Reine DHA-Formeln zeigten das nicht. In einer gematchten Untersuchung an 47 Menschen waren die langkettigen Omega-3-Anteile bei Veganern zudem signifikant niedriger.

2

Eisen und Ferritin

Eine Metaanalyse über 24 Querschnittsstudien fand bei erwachsenen Vegetariern ein um 29,71 Mikrogramm pro Liter niedrigeres Serumferritin, bei Männern sogar 61,88.

Fair bleibt: Auch hohe Eisenspeicher sind ein Risiko, die Autoren empfehlen Kontrollen für beide Gruppen. Was ein niedriger Speicher psychisch bedeuten kann, steht im Ratgeber zu Eisenmangel und Psyche und zu Eisenmangel bei veganer und vegetarischer Ernährung.

3

Vitamin B12 und Homocystein

Ein systematischer Review über 18 Studien bestimmte den B12-Status über funktionelle Marker wie Methylmalonsäure oder Holotranscobalamin. Die Mangelraten lagen bei Schwangeren bei 62 Prozent, bei Kindern zwischen 25 und knapp 86 Prozent, bei Jugendlichen zwischen 21 und 41 Prozent, unabhängig von Alter, Wohnort und Art der vegetarischen Kost.

Eine Übersichtsarbeit fand in 32 von 34 Berichten mittlere Homocysteinwerte über 10 Mikromol pro Liter. Daran wird eine funktionelle Lücke sichtbar, bevor das Blutbild reagiert.

4

Kreatin und Zink

Der eleganteste Befund stammt aus einem randomisierten, doppelblinden Versuch mit 128 jungen Frauen. Fünf Tage Kreatin oder Placebo, danach kognitive Tests. Bei den Vegetarierinnen verbesserte sich die Gedächtnisleistung, bei den Fleischesserinnen nicht. Ein Review über sechs randomisierte Studien mit zusammen 281 Menschen fand dasselbe Muster, allerdings begrenzt auf eng umgrenzte Gedächtnisaufgaben.

Bei Zink ist die Lage schwächer. Eine Metaanalyse über 17 Studien fand bei depressiven Menschen um 1,85 Mikromol pro Liter niedrigere Zinkwerte, allerdings bei Depressiven allgemein und nicht bei Vegetariern. Ich stelle das nebeneinander, ausdrücklich nicht als Kette.

Der rote Faden hinter allen vier Punkten ist derselbe: nicht prophylaktisch Kapseln schlucken, sondern den eigenen Status kennen, bevor man etwas ändert.

Werte, die eine Einordnung erlauben

  • Ferritin zusammen mit CRP und Blutbild. Entzündung kann Ferritin anheben und damit eine leere Speicherlage verdecken.
  • Holotranscobalamin oder Methylmalonsäure statt nur Serum-B12, dazu Homocystein als funktioneller Gegencheck.
  • Zink und Vitamin D, bei pflanzlicher Kost und in nördlichen Breiten häufig knapp.
  • Omega-3-Index aus der Erythrozytenmembran. Wie der Wert zu lesen ist, steht im Ratgeber zum Omega-3-Index.
  • Schilddrüsenwerte, weil Müdigkeit und Antriebslosigkeit auch dort herkommen können.

Welche Werte für dich sinnvoll sind, gehört ins ärztliche Gespräch. Eine Zahl allein ergibt selten ein Bild.

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Messen ist nicht das Gegenteil von Vertrauen in den eigenen Körper. Es ist die Bedingung dafür. Wer rät, nimmt oft das Falsche.

Und jetzt weißt du, warum Eisen und B12 allein oft nicht reichen.

Was das praktisch heißt, ohne dir dein Essen auszureden

Vielleicht hast du beim Lesen gedacht: Sagt er mir gleich, ich soll wieder Fleisch essen? Nein. Das sage ich nicht.

Nach der Längsschnittdatenlage sieht eine gut geführte pflanzenbetonte Ernährung eher schützend aus. Die belastbarste Aussage ist nicht die Zahl zum Etikett, sondern die Trennlinie zwischen guter und schlechter pflanzlicher Kost. Und die verläuft durch jede Ernährungsform, auch durch die mit Fleisch.

Was ich vorschlagen würde, sind vier Richtungen. Keine Rezepte, keine Dosierungen.

Die ersten drei folgen direkt aus den Studien oben. Die vierte ist das, was ich in der Sprechstunde beobachte, und ausdrücklich keine Studienaussage.

Vier Richtungen, die aus den Daten folgen

  • Status kennen statt raten. Eine Blutabnahme vor dem ersten Präparat kann Monate sparen.
  • Hülsenfrüchte vor Ersatzprodukten. Linsen, Kichererbsen, Bohnen, gerne eingeweicht oder fermentiert. Genau diese Gruppe fehlte dort, wo der Zusammenhang am deutlichsten war.
  • Bei Omega-3 die Quelle prüfen. Leinöl liefert die Vorstufe, nicht das Endprodukt. Bei niedrigem Index kommt nach den vorliegenden Studien Mikroalgenöl infrage. Mehr im Ratgeber zu Omega-3 aus Pflanzen, Tier oder Algen.
  • Stimmung als Messgröße ernst nehmen. Wenn dein Antrieb seit Monaten flach ist, ist das ein Befund und keine Charakterfrage.

Und noch etwas. Wenn du dich unter deiner Ernährung nicht wohlfühlst, musst du deine Werte nicht aufgeben. Es heißt nur, dass etwas nachjustiert werden darf.

Wenn du das nicht allein sortieren willst: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.

Die Botschaft dieses Textes in einem Satz

Wenn du vegetarisch isst, dann iss vegetarisch. Achte dabei auf deine Marker und auf deine Stimmung, so aufmerksam wie bei einem geliebten Menschen.

Und jetzt weißt du, warum die Antwort auf die Frage vom Anfang weder ja noch nein lautet. Es kommt darauf an, und du kannst herausfinden, worauf.

Häufige Fragen zu vegetarischer Ernährung und Psyche

Macht vegetarische Ernährung wirklich depressiv?

So lässt sich das nach heutiger Datenlage nicht sagen. Es gibt eine Assoziation: Eine Metaanalyse von Beobachtungsstudien aus dem Jahr 2022 fand bei Vegetariern ein um 53 Prozent höheres Depressionsrisiko. Eine Metaanalyse von 2025, die ausschließlich zwanzig Längsschnittstudien zusammenfasste, fand das Gegenteil, nämlich ein um 26 Prozent niedrigeres Risiko. Assoziation ist keine Ursache, und gerade hier gibt es gute Gründe, an eine umgekehrte Richtung zu denken. Die Ernährungsumstellung folgt in deutschen Daten dem Beginn der psychischen Störung, sie geht ihm nicht voraus.

Warum sagt eine Studie 53 Prozent mehr Depression und die nächste 26 Prozent weniger?

Weil sie unterschiedliche Studientypen zusammenfassen. Die Analyse mit den 53 Prozent poolt überwiegend Querschnittsdaten, also Momentaufnahmen, in denen Ernährung und Stimmung gleichzeitig erhoben wurden. Die Analyse mit den 26 Prozent weniger poolt ausschließlich Längsschnittstudien, in denen die Ernährung vor dem Auftreten der Depression erfasst wurde. Genau diese Verschiebung erwartet man, wenn ein großer Teil des Querschnittsbefunds durch umgekehrte Kausalität entsteht. Beide Zahlen können also stimmen und trotzdem Verschiedenes messen.

Stimmt es, dass der Zusammenhang nur in Europa und den USA auftritt, aber nicht in Asien?

In einer Subgruppenanalyse sieht es so aus. In Studien aus Europa und den USA lag die Odds Ratio bei 1,45, in Studien aus asiatischen Ländern zeigte sich kein Zusammenhang. Dieser Befund stammt allerdings aus genau einer Metaanalyse, die Heterogenität in der westlichen Gruppe war hoch, und eine andere Arbeitsgruppe weist ausdrücklich darauf hin, dass fast alle Studien aus westlichen Ländern stammen. Ein regionaler Unterschied ist plausibel, aber die Datenbasis dafür ist dünn. Eine Subgruppe ist ein Hinweis, kein eigenständiger Beleg.

Ich bin seit Kurzem Vegetarier und ständig müde. Woran kann das liegen?

Dafür kommen mehrere Gründe infrage, und raten bringt hier wenig. Häufig sind ein niedriger Eisenspeicher, ein funktioneller Vitamin-B12-Mangel, eine knappe Zinkversorgung, ein niedriger Omega-3-Index oder schlicht zu wenig Protein und zu wenig Energie insgesamt. Bei Vegetariern liegt das Serumferritin im Mittel deutlich niedriger als bei Nichtvegetariern, bei Männern besonders ausgeprägt. Sinnvoll ist eine Blutabnahme, bevor du irgendetwas einnimmst. Anhaltende Müdigkeit hat außerdem viele Ursachen jenseits der Ernährung und gehört ärztlich abgeklärt.

Ich nehme schon Eisen und B12 und es wird nicht besser. Was jetzt?

Drei Möglichkeiten sind häufig. Erstens: Der Speicher braucht Zeit, Ferritin steigt meist über Monate und nicht über Wochen. Zweitens: Die Aufnahme klappt nicht, etwa bei entzündeter Darmschleimhaut oder ungünstiger Einnahme. Drittens: Es fehlt an einer ganz anderen Stelle, etwa bei EPA, Zink, Vitamin D, der Schilddrüse oder beim Schlaf. Statt die Dosis zu erhöhen, ist eine Kontrolle der Werte der klarere Weg, und zwar mit ärztlicher Einordnung.

Welche Blutwerte sollte ich als Vegetarier kennen?

Als Orientierung: Ferritin zusammen mit CRP, weil Entzündung den Ferritinwert nach oben verschieben kann, dazu ein Blutbild. Für Vitamin B12 ist ein funktioneller Marker aussagekräftiger als Serum-B12, also Holotranscobalamin oder Methylmalonsäure, ergänzt um Homocystein. Dazu Zink, Vitamin D und, wenn dich die Fettsäureachse interessiert, der Omega-3-Index aus der Erythrozytenmembran. Welche Werte für dich sinnvoll sind und wie sie zu deuten sind, gehört ins ärztliche Gespräch.

Reicht Leinöl als Omega-3-Quelle, wenn ich keinen Fisch esse?

Nach der bisher besten Übersicht dazu eher nicht. Ein Scoping Review über dreizehn randomisierte Studien verglich pflanzliche Omega-3-Quellen anhand des Omega-3-Index, also EPA und DHA in der roten Blutzelle. Hochdosiertes Leinöl und Echiumöl hoben diesen Index nicht an, in einzelnen Studien sank er sogar. Mikroalgenöl hob ihn in allen Studien an. Wenn dich der Stimmungsaspekt interessiert, ist außerdem relevant, dass in Metaanalysen vor allem EPA-betonte Präparate einen Effekt zeigten und reine DHA-Formeln nicht.

Ist eine vegetarische Ernährung für Kinder und Jugendliche riskant für die Psyche?

Belastbare Daten zur Psyche gibt es für diese Altersgruppe kaum, deshalb wäre eine klare Aussage in die eine wie in die andere Richtung nicht gedeckt. Gut belegt ist dagegen der Versorgungsaspekt: In einem systematischen Review lagen die Raten eines Vitamin-B12-Mangels bei vegetarischen Kindern zwischen 25 und knapp 86 Prozent und bei Jugendlichen zwischen 21 und 41 Prozent, jeweils über funktionelle Marker bestimmt. Eine vegetarische Ernährung im Wachstum ist möglich, sie braucht aber Begleitung, regelmäßige Kontrolle und eine kinderärztliche Einordnung.

Was ist der Unterschied zwischen vegetarisch und semivegetarisch, und warum ist das für Studien wichtig?

Semivegetarisch bedeutet, dass gelegentlich Fleisch oder Fisch gegessen wird, oft in einer Übergangsphase. In der Metaanalyse von 2022 war ausgerechnet diese Gruppe am stärksten mit Depression assoziiert, mit einer Odds Ratio von 1,86, während sich bei Lakto-Ovo-Vegetariern kein Zusammenhang zeigte. Das passt schlecht zu einem einfachen Mangelmodell, denn wer noch Fisch und Fleisch isst, hat weniger Versorgungslücken. Es passt besser dazu, dass in Übergangsgruppen viele Menschen mitten in einer Veränderung stecken, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Sollte ich wieder Fleisch essen, wenn es mir psychisch schlecht geht?

Diesen Rat gebe ich dir nicht, und die Datenlage gibt ihn auch nicht her. Sinnvoller ist die Reihenfolge: erst messen, dann gezielt schließen, was tatsächlich offen ist. Wenn depressive Symptome länger als zwei Wochen anhalten, den Alltag beeinträchtigen oder mit Hoffnungslosigkeit einhergehen, gehört das unabhängig von jeder Ernährungsform in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Ernährung ist einer von mehreren Faktoren und nie der einzige.

Warum sind Vegetarier in Studien zu Essstörungen häufiger vertreten?

Weil eine restriktive Ernährungsform für manche Menschen ein Weg ist, Kontrolle über das Essen zu behalten. In einer Untersuchung an drei Gruppen stieg der Anteil derjenigen, die jemals vegetarisch gelebt hatten, von 6,8 Prozent ohne Essstörung auf 17,6 Prozent bei gestörtem Essverhalten und 34,8 Prozent in stationärer Behandlung. In einer Fall-Kontroll-Studie waren 52 Prozent der Frauen mit Essstörungsanamnese jemals vegetarisch gegenüber 12 Prozent der Kontrollen, und der Anteil sank mit dem Genesungsgrad von 33 auf 5 Prozent. Das verzerrt Statistiken über Vegetarier insgesamt. Über dich als einzelne Leserin sagt es nichts.

Was macht eine vegetarische Ernährung eigentlich zu einer guten vegetarischen Ernährung?

Die Studien, die pflanzliche Kost nach Qualität trennen, geben darauf die klarste Antwort. In der UK Biobank mit 180.532 Menschen war eine gesunde pflanzliche Ernährung mit einer Hazard Ratio von 0,92 für Depression assoziiert, eine ungesunde pflanzliche Ernährung mit 1,15. Gesund hieß dabei: viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen. Ungesund hieß: viel Weißmehl, Zucker, gesüßte Getränke und stark verarbeitete Produkte. Der Unterschied liegt also nicht am Etikett vegetarisch, sondern daran, womit du das Fleisch ersetzt.

Vegetarisch essen im größeren Zusammenhang

Stimmung entsteht nie an einer einzigen Stelle. Sie hängt an Eisen, an Entzündung, an Schlaf und an Mitochondrien. Von hier führen Wege in andere Bereiche der Praxis.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Ernährungsfragen interessiert mich weniger das Etikett als das, was im Blut ankommt.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz Alle 33 zitierten Arbeiten sind Humandaten, es ist keine Tier- oder Zellkulturstudie darunter. Gut belegt sind die Statuslücken bei Ferritin, Vitamin B12 und Omega-3-Index, die Häufigkeiten der FADS-Genvarianten und die Trennlinie zwischen gesunder und ungesunder pflanzlicher Kost. Deutlich schwächer belegt ist der regionale Unterschied selbst: Er stammt aus einer einzigen Subgruppenanalyse mit hoher Heterogenität, und eine unabhängige Metaanalyse weist ausdrücklich auf die geringe geografische Streuung der Studienorte hin. Die Brücke von den FADS-Varianten zur Stimmung ist eine mechanistische Hypothese, weil die zugrunde liegende Arbeit Arachidonsäure misst und nicht Depression. Der Zusammenhang zwischen ultraverarbeiteter Kost und Depression stützt sich auf nur zwei Kohorten. Zink ist bei depressiven Menschen allgemein untersucht, nicht bei Vegetariern, deshalb steht es hier bewusst nebeneinander und nicht als Kette. Und die These von der gewachsenen Küche ist eine Interpretation: Ernährungstradition hat bisher niemand als Variable gemessen. Offen lasse ich außerdem, wie sich Menschen mit südasiatischer Herkunft in westlichen Ländern verhalten, dazu fehlen mir belastbare eigene Daten.

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