Ratgeber Ernährung · Fett, Kohlenhydrate und ein alter Irrtum

Macht Fett fett? Die Geschichte eines Irrtums

Woher der Satz kommt, wer 1967 die Rechnung dafür bezahlt hat und was die strengsten Experimente seitdem gezeigt haben. Auch dort, wo die Ergebnisse unbequem sind.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Ernährungsmedizin Evidenz-Check Makronährstoffe 35 Studien mit DOI
Warum ich das schreibe

Ich halte die Fettphobie für einen Irrtum. Und ich sehe gerade, wie die Gegenbewegung denselben Denkfehler in die andere Richtung wiederholt. Ein Makronährstoff ist keine Erklärung für einen Körper.

Du stehst vor dem Kühlregal. Links der fettarme Joghurt, 0,1 Prozent, in freundlichem Weiß. Rechts der griechische, 10 Prozent, im schweren Becher. Und irgendwo in dir sitzt ein Satz, den du nie überprüft hast, weil ihn alle sagen.

Fett macht fett.

Vielleicht hast du jahrelang Butter gemieden und dich gewundert, warum sich nichts bewegt. Und vielleicht hast du irgendwann gehört, dass alles andersherum sei: nicht das Fett sei schuld, sondern das Brot.

Beide Sätze sind zu einfach für den Körper, den du hast. Der erste lässt sich historisch genau aufarbeiten, und er trägt nicht. Der zweite ist populär, aber die strengsten Experimente stützen ihn nicht. Ich zeige dir beides. Auch dort, wo mir das Ergebnis nicht in den Kram passt.

Was dich hier erwartet

  • Wie aus einer Herz-Frage der 1950er Jahre eine Gewichtsregel wurde
  • Wer 1967 eine folgenreiche Übersichtsarbeit bezahlt hat
  • Was passierte, als man 48.835 Frauen wirklich fettarm essen ließ
  • Low Fat gegen Low Carb: was zwölf Monate direkter Vergleich ergeben
  • Was auf der Stoffwechselstation gemessen wurde, als niemand schummeln konnte
  • Wo das Kohlenhydrat-Insulin-Modell echte Stärke hat
  • Warum Nüsse und Kartoffelchips die ganze Frage neu stellen
  • Warum diese Debatte so viel Wut erzeugt
  • Vier Fragen, die mehr bringen als jede Makro-Verteilung
RCT / Meta randomisiert am Menschen Beobachtung Kohorte oder Dokumentenanalyse Tier in vivo, nicht übertragbar Modell Hypothese und Mechanismus

1. Der Satz, der nie so geprüft wurde

Frag dich kurz etwas anderes als sonst. Nicht, ob Fett dick macht. Sondern: woher weißt du das?

Die meisten können das nicht beantworten. Der Satz ist einfach da. Dabei ist er die Übersetzung einer ganz anderen Frage. In den 1950er Jahren ging es nicht um Gewicht, sondern um Herzinfarkte. Der Physiologe Ancel Keys aus Minnesota verdächtigte die Fette in der Nahrung. Daraus wurde die Sieben-Länder-Studie.

Kohorte, n=11.579

Keys verfolgte 11.579 gesunde Männer in sieben Ländern über 15 Jahre.

Von 2.288 Todesfällen hingen die Herztodesfälle mit dem Anteil gesättigter Fettsäuren zusammen. Zum Kohlenhydratanteil fand sich kein Zusammenhang. Und, das ist der Punkt: auch keiner zum Körpergewicht.

Für dich heißt das: die berühmteste Studie hinter der Fettangst hat die Gewichtsfrage nie beantwortet.

Keys A et al. Am J Epidemiol. 1986;124(6):903-915. PMID: 3776973 [Kohorte, n=11.579]

Ich will Keys nicht kleinreden. Sein Team dokumentierte sauber, dass es um Ländermittelwerte ging. Sein Mitarbeiter Henry Blackburn ordnete die Studie dreißig Jahre später offen als Hypothesen-Generator ein, nicht als Beweis.

Das Problem entstand später. Aus einer Herz-Hypothese über gesättigte Fettsäuren wurde in der öffentlichen Übersetzung eine Regel über Körperfett. Zwei verschiedene Fragen, in einen Satz geschoben.

1977 empfahl ein Ausschuss des US-Senats weniger Fett, 1983 zog Großbritannien nach. Zoë Harcombe stellte später die naheliegendste Frage: welche randomisierten Studien lagen damals auf dem Tisch?

Meta-Analyse, k=6, n=2.467

Harcombe suchte alle randomisierten Studien, die vor 1983 zu Nahrungsfett und Herzkrankheit erschienen waren.

Es waren sechs, mit 2.467 Männern und 370 Todesfällen. Das Cholesterin sank deutlich, die Sterblichkeit bewegte sich nicht.

Für dich heißt das: die Empfehlung kam vor der Prüfung, nicht danach.

Harcombe Z et al. Open Heart. 2015;2(1):e000196. DOI: 10.1136/openhrt-2014-000196 [Meta-Analyse, k=6, n=2.467]

Die Arbeit ist umstritten: wenige Studien, überwiegend Sekundärprävention. Dieselbe Gruppe legte 2016 mit 62.421 Menschen nach, mit demselben Muster. Christopher Ramsden fand dazu die verschollenen Rohdaten des Minnesota Coronary Experiment wieder. Das ist allerdings eine Frage der Fettqualität und gehört in den Artikel über den Cholesterin-Mythos.

Die Fett-Debatte auf einer Zeitleiste

1958

Die Sieben-Länder-Studie beginnt

Keys untersucht Herzsterblichkeit und Ernährung. Die Frage ist das Herz, nicht die Waage.

1965

Die Zuckerstiftung finanziert eine Übersicht

Ziel und Materialauswahl werden mitbestimmt, die Finanzierung nicht offengelegt.

1967

Die Übersicht erscheint im New England Journal of Medicine

Fett und Cholesterin stehen vorn, Belege zu Haushaltszucker werden heruntergestuft.

1977

Die fettarme Empfehlung wird Staatspolitik

Randomisierte Belege dafür gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.

1993

Die Women's Health Initiative rekrutiert

48.835 Frauen werden randomisiert.

2006

Das Ergebnis liegt vor

0,4 kg Unterschied nach 7,5 Jahren, keine Veränderung bei Herzinfarkt und Schlaganfall.

2015

Cochrane und die Stoffwechselstation

Cochrane beziffert die Fettreduktion auf 1,5 kg.

2016

Die Dokumente werden öffentlich

Kearns und Kollegen veröffentlichen die internen Papiere der Zuckerstiftung.

2018

DIETFITS

609 Menschen, zwölf Monate, Low Fat gegen Low Carb. Kein bedeutsamer Unterschied.

2021

Der direkteste Test

Hall misst 689 kcal pro Tag weniger Zufuhr auf der fettarmen Kost.

Reframe

Eine Empfehlung ist keine Messung. Sie ist eine Entscheidung unter Unsicherheit, getroffen von Menschen, die handeln mussten, bevor die Daten da waren. Das ist kein Vorwurf.

Und jetzt weißt du, warum dieser Satz so selbstverständlich klingt, obwohl er eine Frage beantwortet, die nie gestellt wurde.

2. Wer 1967 die Rechnung bezahlte

Es gibt einen Punkt in dieser Geschichte, an dem ich jedes Mal innehalte. Nicht, weil er skandalös ist. Weil er so unspektakulär abgelaufen ist. 2016 veröffentlichten drei Forschende aus San Francisco eine Analyse interner Dokumente der Sugar Research Foundation, der Forschungsstiftung der amerikanischen Zuckerindustrie.

Dokumentenanalyse

Cristin Kearns, Laura Schmidt und Stanton Glantz rekonstruierten aus internen Papieren die Chronologie eines Forschungsprojekts.

1965 finanzierte die Stiftung eine Literaturübersicht, die 1967 im New England Journal of Medicine erschien. Sie setzte das Ziel mit und erhielt Entwürfe. Die Übersicht stellte Fett und Cholesterin heraus und stufte die Belege zu Haushaltszucker herunter, ohne die Finanzierung zu nennen.

Für dich heißt das: ein Teil dessen, was als gesichert galt, entstand in einem Rahmen, den du nie sehen konntest.

Kearns CE, Schmidt LA, Glantz SA. JAMA Intern Med. 2016;176(11):1680-1685. DOI: 10.1001/jamainternmed.2016.5394 [Behördendokument]
Was hier belegt ist, und was nicht

Belegt sind Finanzierung, Mitwirkung an der Zielsetzung und fehlende Offenlegung. Nicht belegt sind gefälschte Daten. Der Effekt entsteht hier eher über die Auswahl der Frage. Das ist subtiler und deshalb wirksamer.

Dieselbe Gruppe rekonstruierte 2017 das Project 259, einen von der Stiftung finanzierten Versuch an keimfreien Ratten. Unter zuckerreicher Kost stieg dort ein Enzym an, das zuvor mit Blasenkrebs in Verbindung gebracht worden war. Das Projekt endete ohne Veröffentlichung. Tierdaten sind nicht übertragbar. Bemerkenswert ist der Umgang damit.

Reframe

Es geht nicht um Schuld und nicht um eine Verschwörung, sondern um Rahmensetzung. Wer die Frage bezahlt, kann die Antwort beeinflussen, ohne eine einzige Zahl anzufassen. Genau deshalb ist Offenlegung heute Standard.

Und jetzt weißt du, warum der Verdacht gegen den Zucker Jahrzehnte gebraucht hat, um gehört zu werden.

3. Die Probe aufs Exempel: fast 49.000 Frauen

An dieser Stelle erwartest du wahrscheinlich den nächsten Satz. Den, der überall steht: die fettarme Empfehlung habe uns dick gemacht.

Ich kann ihn nicht schreiben. Denn irgendwann hat jemand nachgesehen.

RCT, n=48.835

Barbara Howard randomisierte 48.835 Frauen nach der Menopause auf eine intensiv betreute fettarme Kost oder die gewohnte Ernährung. Ohne Abnehmziel, ohne Kalorienvorgabe.

Die Interventionsgruppe verlor im ersten Jahr 2,2 kg und blieb leichter: 1,9 kg Unterschied nach einem Jahr, 0,4 kg nach 7,5 Jahren. Keine Gruppe zeigte eine Tendenz zur Zunahme.

Für dich heißt das: die fettarme Kost hat diese Frauen nicht dick gemacht. Sie hat nach siebeneinhalb Jahren aber auch nur 400 Gramm bewegt.

Howard BV et al. JAMA. 2006;295(1):39-49. DOI: 10.1001/jama.295.1.39 [RCT, n=48.835]

Dieselbe Randomisierung wurde über 8,1 Jahre auf Herz und Kreislauf ausgewertet. Bei koronarer Herzkrankheit lag das Hazard Ratio bei 0,97, beim Schlaganfall bei 1,02. Acht Jahre fettarm essen, mit einer Betreuung, wie sie im Alltag niemand bekommt. Und die Kurve bewegt sich nicht.

0,4 kgGewichtsunterschied nach 7,5 Jahren fettarmer Kost
1,5 kgEffekt der Fettreduktion über 32 randomisierte Studien
0,98Hazard Ratio für Herz-Kreislauf-Ereignisse nach 8,1 Jahren

Die höchste Evidenzstufe sagt dasselbe. Ein Cochrane-Review von Lee Hooper wertete 32 randomisierte Studien mit rund 54.000 Menschen aus, alle ohne Abnehmabsicht. Ergebnis: minus 1,5 kg, über die Jahre stabil. In den Kohortenstudien fand sich meist gar kein Zusammenhang zwischen Fettzufuhr und späterem Körperfett. Hooper L et al. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(8):CD011834. PMID: 26250104 [Systematischer Review]

Der gefährlichste Satz dieses Themas

„Die fettarme Empfehlung hat uns dick gemacht" klingt gut und passt nicht zur Interventionsebene. Die Adipositasraten sind nach 1977 gestiegen. Das ist eine zeitliche Parallelität, keine geprüfte Ursache. Zeitgleich wurden Portionen größer, Bewegung weniger, und der Markt füllte sich mit fettreduzierten Produkten, in denen Geschmack durch Zucker und Stärke ersetzt wurde.

Reframe

Fettarm hat nicht dick gemacht. Fettarm hat fast nichts gemacht. Eine Regel, die vierzig Jahre Millionen Menschen beschäftigt hat, bewegt in ihrer größten Prüfung 400 Gramm.

Und jetzt weißt du, warum ich vorsichtig werde, wenn eine einzelne Stellschraube ein ganzes Zeitalter erklären soll.

4. Low Fat gegen Low Carb: das Duell ohne Sieger

Wenn du heute abnehmen willst, musst du dich scheinbar für ein Lager entscheiden. Team Butter oder Team Haferflocken. Die Frage ist längst eine Frage der Identität.

Zum Glück hat jemand beide Lager direkt gegeneinander antreten lassen.

RCT, n=609

Christopher Gardner randomisierte in Stanford 609 Erwachsene auf zwölf Monate gesunde fettarme oder gesunde kohlenhydratarme Kost, ohne Kalorienzählen.

Das Gewicht sank um 5,3 kg fettarm und um 6,0 kg kohlenhydratarm. Die Differenz war statistisch nicht bedeutsam. Weder Genmuster noch Insulinausschüttung sagten vorher, wer besser abschnitt.

Für dich heißt das: wenn beide Seiten echte Lebensmittel essen und aufhören zu zählen, landen sie nach einem Jahr fast am selben Punkt.

Gardner CD et al. JAMA. 2018;319(7):667-679. DOI: 10.1001/jama.2018.0245 [RCT, n=609]

DIETFITS steht nicht allein. In POUNDS Lost lagen 811 Menschen nach zwei Jahren auf vier verschiedenen Diäten alle zwischen minus 2,9 und minus 3,4 kg. Der stärkste Vorhersagewert war ein anderer und ziemlich entwaffnend: 0,2 kg pro besuchter Gruppensitzung. Nicht die Makroverteilung. Die Anwesenheit.

StudieMenschenDauerErgebnis
DIETFITS (Gardner 2018)60912 Monate5,3 gegen 6,0 kg, nicht bedeutsam
POUNDS Lost (Sacks 2009)81124 Monatealle vier Diäten 2,9 bis 3,4 kg
DIRECT (Shai 2008)32224 Monate2,9 / 4,4 / 4,7 kg für fettarm, mediterran, Low Carb
Meta-Analyse (Tobias 2015)68.128ab 12 Monaten1,15 kg Vorteil für Low Carb
Meta-Analyse (Bueno 2013)1.415ab 12 Monaten0,91 kg Vorteil für ketogene Kost

Die beiden Meta-Analysen sind die ehrlichste Zusammenfassung dieser Debatte. Ketogene Ernährung als Therapieform beschreibe ich getrennt im Artikel über ketogene Ernährung bei psychischen Erkrankungen.

Reframe

Der Vorteil für weniger Kohlenhydrate ist echt. Er ist nur klein: etwa ein Kilo nach einem Jahr. Das reicht für eine Schlagzeile, nicht für den Satz „Kohlenhydrate machen dick".

Und jetzt weißt du, warum beide Lager auf ihre Studien zeigen können und trotzdem beide übertreiben.

5. Was im Labor passiert, wenn niemand schummeln kann

Alle Studien bis hierher haben dasselbe Problem. Menschen essen nicht das, was auf dem Zettel steht.

Es gibt einen Ort, an dem das nicht passiert: die Stoffwechselstation. Menschen wohnen dort, jede Mahlzeit wird gewogen, der Energieverbrauch in einer Kammer gemessen. Der Stoffwechselforscher Kevin Hall hat dort mehrere Experimente durchgeführt. Ich schreibe die Ergebnisse so hin, wie sie sind. Auch weil sie meiner eigenen Neigung widersprechen.

RCT, n=19

Hall ließ 19 Menschen mit Adipositas stationär leben und gab ihnen sechs Tage lang weniger Kohlenhydrate oder weniger Fett, bei exakt gleicher Kalorienzahl.

Die Kohlenhydratreduktion führte zu 53 Gramm Körperfettverlust pro Tag, die Fettreduktion zu 89 Gramm, also deutlich mehr.

Für dich heißt das: bei gleicher Kalorienmenge verlor der Körper unter weniger Fett mehr Fett. Genau umgekehrt zur populären Erzählung.

Hall KD et al. Cell Metab. 2015;22(3):427-436. DOI: 10.1016/j.cmet.2015.07.021 [RCT, n=19]

Die Grenzen nennen die Autoren selbst: sechs Tage, 19 Menschen, isokalorisch. 2016 prüfte dieselbe Gruppe die ketogene Kost an 17 Männern. Der Energieverbrauch stieg um 57 bis 151 kcal pro Tag, der Körperfettverlust verlangsamte sich trotzdem.

RCT, n=20

2021 ließ Hall 20 Erwachsene stationär je zwei Wochen eine pflanzenbasierte Kost mit 75 Prozent Kohlenhydraten und eine ketogene Kost mit 76 Prozent Fett essen, beide Male nach Belieben.

Auf der fettarmen Kost mit der hohen glykämischen Last aßen dieselben Menschen 689 kcal pro Tag weniger. Die Autoren schreiben, dass sich die Vorhersagen des Kohlenhydrat-Insulin-Modells damit nicht vereinbaren lassen.

Für dich heißt das: bei freiem Essen aßen Menschen auf der kohlenhydratreichsten Kost am wenigsten.

Hall KD et al. Nat Med. 2021;27(2):344-353. DOI: 10.1038/s41591-020-01209-1 [RCT, n=20]

Was das Modell vorhersagt

  • Hohe glykämische Last treibt Insulin nach oben
  • Insulin schiebt Energie in die Fettzellen
  • Folge: mehr Hunger, mehr Zufuhr
  • Folge: niedrigerer Energieverbrauch

Was auf der Station gemessen wurde

  • 689 kcal pro Tag weniger Zufuhr bei hoher glykämischer Last
  • 89 gegen 53 Gramm Fettverlust pro Tag für die Fettreduktion
  • 26 kcal pro Tag Verbrauchsvorteil über 32 Fütterungsstudien, ebenfalls fettärmer
  • Ketogen: Verbrauch leicht höher, Fettverlust trotzdem langsamer

Die 26 Kilokalorien stammen aus einer Auswertung von Kevin Hall und Juen Guo über 32 Fütterungsstudien. Warum eine Kalorie im Körper trotzdem nicht gleich einer Kalorie ist, steht im Artikel über die Kalorie im Stoffwechsel. Sogar die Tierdaten stehen quer: in einer Studie an Mäusen ging ausgerechnet ein höherer Fettanteil mit mehr Zufuhr und mehr Körperfett einher. Auf dich übertragbar ist das nicht.

Reframe

Wenn ein Text nur Studien enthält, die die These des Autors stützen, hast du kein Wissen gelesen, sondern eine Auswahl. Diese Arbeiten haben Grenzen: zwei Wochen pro Phase, zwanzig Menschen, keine Alltagsreize. Sie sind trotzdem das Präziseste, was es gibt.

Und jetzt weißt du, warum ich den Satz „eher machen Kohlenhydrate fett" in dieser Pauschalität nicht schreiben kann, obwohl er sich gut anfühlt.

6. Wo das Kohlenhydrat-Insulin-Modell stark bleibt

Und trotzdem. In meiner Sprechstunde sitzt regelmäßig jemand, bei dem weniger Brot und weniger Süßes alles verändert hat. Nicht drei Kilo, deutlich mehr. Mit Mittelwerten lässt sich das nicht erklären.

Die Erklärung dafür heißt Kohlenhydrat-Insulin-Modell, von David Ludwig und Cara Ebbeling. Kohlenhydrate mit hoher glykämischer Last treiben den Blutzucker hoch, die Bauchspeicheldrüse antwortet mit Insulin, und Insulin ist ein Speichersignal. Nach diesem Modell kann es Energie in die Fettzellen lenken. Dem übrigen Körper könnte sie dann fehlen, sodass Hunger entsteht und der Verbrauch sinkt.

Bemerkenswert finde ich, dass die Autoren die Schwäche selbst benennen: die bisherigen Fütterungsstudien waren nicht streng genug, um das Modell zu prüfen. Diese Ehrlichkeit ist stärker als jede Fremdkritik. Ludwig DS, Ebbeling CB. JAMA Intern Med. 2018;178(8):1098-1103. PMID: 29971406 [Mechanismus-Review]

Der spannende Teil ist nicht das Ob. Es ist das Für wen.

RCT, n=73

Cara Ebbeling maß bei 73 jungen Erwachsenen mit Adipositas das Insulin nach einer Zuckerbelastung und randomisierte sie dann auf niedrige glykämische Last oder fettarme Kost.

Insgesamt kein Unterschied. Bei den 28 Personen mit Insulin über dem Median lag der Gewichtsverlust nach 18 Monaten aber bei 5,8 kg gegenüber 1,2 kg. Unter dem Median zeigte sich nichts.

Für dich heißt das: für manche ist die Kohlenhydratreduktion ein starker Hebel, für andere kaum.

Ebbeling CB et al. JAMA. 2007;297(19):2092-2102. DOI: 10.1001/jama.297.19.2092 [RCT, n=73]

Noch schärfer ist der Befund von Marc-André Cornier. Er teilte 21 adipöse Frauen nach ihrem Nüchterninsulin ein. Die insulinsensiblen verloren auf kohlenhydratreicher Kost 13,5 Prozent, die insulinresistenten umgekehrt 13,4 Prozent auf der kohlenhydratärmeren. Dieselbe Kost, gegensätzliches Ergebnis, bei 21 Teilnehmerinnen. Bitte halte beides im Kopf. Mehr dazu im Artikel über Insulinresistenz und Abnehmen.

Robuster ist die Auswertung von Mads Hjorth über drei randomisierte Studien. In einer davon nahmen Menschen im prädiabetischen Bereich auf hoher glykämischer Last 5,83 kg mehr wieder zu, Menschen mit normalen Werten nur 1,44 kg. In einer Studie an 164 Erwachsenen nach dem Abnehmen lag der Energieverbrauch im obersten Insulin-Drittel um 308 kcal pro Tag höher. Ghrelin und Leptin lagen niedriger, mehr dazu im Artikel über Leptin und Insulin.

Der Widerspruch bleibt offen

Diese Studie von 2018 wurde methodisch scharf kritisiert und steht im Gegensatz zu den 26 Kilokalorien von Hall und Guo. Und DIETFITS, mit 609 Menschen die größte Untersuchung dazu, fand keinen Zusammenhang zwischen Insulinausschüttung und Diäterfolg. Ich kann diesen Widerspruch nicht auflösen, nur sichtbar lassen.

Eine dritte Linse kommt dazu. In einer israelischen Untersuchung trugen 800 Menschen eine Woche lang einen Glukosesensor, 46.898 Mahlzeiten wurden erfasst. Die Antworten auf identische Mahlzeiten unterschieden sich erheblich. Mehr dazu in 14 Tage Glukosesensor.

Reframe

Belegt durch große randomisierte Studien: im Durchschnitt entscheidet die Makroverteilung wenig. Mechanistisch plausibel, Humanstudien uneinheitlich: Menschen mit hoher Insulinantwort könnten stärker ansprechen. Klinisch beobachte ich: genau diese Menschen berichten mir von großen Veränderungen. Beobachtung, kein Beweis.

Und jetzt weißt du, warum zwei Menschen mit demselben Frühstück zwei verschiedene Geschichten erzählen können, ohne dass einer lügt.

7. Warum Nüsse und Chips die Frage neu stellen

Nüsse bestehen etwa zur Hälfte aus Fett. Kartoffelchips aus Stärke und Fett. Nach der Makronährstoff-Logik müssten beide in dieselbe Richtung ziehen. Sie tun das Gegenteil.

Dariush Mozaffarian wertete drei US-Kohorten mit 120.877 anfangs schlanken Menschen über bis zu 20 Jahre aus. Pro zusätzlicher Tagesportion und Vier-Jahres-Zeitraum, umgerechnet aus Pfund: Kartoffelchips plus 0,77 kg, Süßgetränke plus 0,45 kg, Nüsse minus 0,26 kg, Joghurt minus 0,37 kg. Das fettreichste Lebensmittel der Liste steht ganz unten bei der Zunahme. Mozaffarian D et al. N Engl J Med. 2011;364(25):2392-2404. PMID: 21696306 [Kohorte, n=120.877]

Das sind Beobachtungsdaten, keine Ursachen. Aber es gibt ein Experiment zu genau dieser Frage.

RCT, n=20

Kevin Hall ließ 20 Erwachsene stationär je zwei Wochen hochverarbeitet und zwei Wochen unverarbeitet essen. Kalorienangebot, Energiedichte, Makronährstoffe, Zucker und Ballaststoffe waren angeglichen.

Auf der hochverarbeiteten Kost aßen dieselben Menschen 508 kcal pro Tag mehr. Sie nahmen 0,9 kg zu, auf der unverarbeiteten 0,9 kg ab.

Für dich heißt das: bei identischen Makronährstoffen entschied die Verarbeitung über gut 500 Kalorien am Tag.

Hall KD et al. Cell Metab. 2019;30(1):67-77.e3. DOI: 10.1016/j.cmet.2019.05.008 [RCT, n=20]

Warum das so ist, hängt an Kauzeit, Faserstruktur und Sättigungssignalen, ausführlich im Artikel über unverarbeitetes Essen und Sättigung. Zwölf Fachleute um Arne Astrup formulierten 2020 den Kernsatz: die Gesundheitswirkung eines Lebensmittels lässt sich nicht aus einer einzelnen Nährstoffgruppe ableiten. Was das für die Fettqualität bedeutet, steht in den Artikeln über Omega-3 und den Kalorien-Mythos.

Für die Kohlenhydratseite gibt es eine ähnlich klare Antwort. Andrew Reynolds wertete 185 prospektive und 58 klinische Studien aus. Bei hoher Ballaststoffzufuhr lag die Gesamtsterblichkeit 15 bis 30 Prozent niedriger, der größte Nutzen bei 25 bis 29 Gramm pro Tag.

Auch das gehört zur Redlichkeit

Dieselbe Arbeit stufte glykämischen Index und glykämische Last als schwach belegt ein. Also ausgerechnet die Kennzahl, auf der das Kohlenhydrat-Insulin-Modell aufbaut. Ballaststoffe und Vollkorn sind besser belegt, mehr dazu im Artikel über Ballaststoffe.

Bleibt PURE, auf fast jeder deutschen Seite der Kronzeuge gegen Kohlenhydrate: 135.335 Menschen, 18 Länder, im höchsten Kohlenhydrat-Fünftel 28 Prozent höhere Gesamtsterblichkeit. Drei Dinge stehen selten dabei. Der Endpunkt war Sterblichkeit, nicht Gewicht. Für Herz-Kreislauf-Erkrankungen fand sich kein erhöhtes Risiko. Und das oberste Fünftel lag bei über 70 Energieprozent, aus reis- und weizendominierter Kost in armen Ländern.

Vier Fragen an ein Lebensmittel, die mehr bringen als der Nährwertkasten

  • Wie viele Schritte liegen zwischen Feld und Teller? Je mehr Verarbeitung, desto eher isst du mehr, ohne es zu merken.
  • Musst du kauen? Kauzeit ist Sättigungszeit. Flüssige Kalorien umgehen fast alle Bremsen.
  • Wie viel Ballaststoff und Vollkorn steckt drin? Der am besten belegte Qualitätsmarker für Kohlenhydrate.
  • Wie viel Eiweiß bringt es mit? In der Verarbeitungsstudie blieb allein die Eiweißzufuhr konstant.
Reframe

Nicht der Nährstoff macht dich satt. Das Lebensmittel macht dich satt. Zwischen Nuss und Chip liegen dieselben Makronährstoffe und zwei verschiedene Signale an Darm, Nervensystem und Hormonachse.

Und jetzt weißt du, warum die Debatte Fett gegen Kohlenhydrat an der Kasse endet, aber nicht in deinem Körper.

8. Warum diese Debatte so aufgeladen ist

Wenn du unter einem Ernährungsvideo die Kommentare liest, wunderst du dich über den Ton. Kaum ein medizinisches Thema erzeugt so viel Wut. Dafür gibt es vier Gründe, und keiner hat mit Biochemie zu tun.

Erstens: es geht um Identität. Was du isst, hängt an Familie, Herkunft, Moral und oft an Scham. Wenn jemand deine Ernährung angreift, kann sich das für dein Nervensystem anfühlen wie ein Angriff auf dich.

Zweitens: es gab einen echten Vertrauensbruch. Die Dokumente von 1967 sind real. Wer das einmal erlebt hat, misstraut der nächsten Empfehlung oft schneller. Nachvollziehbar, und schnell eine Pauschale.

Drittens: beide Lager haben echte Daten. Kevin Hall misst sorgfältig. David Ludwig misst sorgfältig. Ihre Ergebnisse passen nicht zusammen. Dann entscheidet oft nicht das Argument, sondern die Zugehörigkeit.

Viertens: die Effekte sind klein, die Geschichten groß. Ein Kilo Unterschied nach einem Jahr trägt keinen Buchtitel. „Der geheime Dickmacher auf deinem Teller" schon. Aufmerksamkeit belohnt Eindeutigkeit. Der Körper ist nicht eindeutig.

Mein Zwischenstand

Wenn zwei kluge Lager sich dreißig Jahre lang mit guten Daten bekriegen, ist meistens die Frage falsch gestellt. Nicht die Antwort falsch gegeben.

Dass Verständigung möglich ist, zeigt eine Arbeit von 2018. David Ludwig, Walter Willett, Jeff Volek und Marian Neuhouser schrieben gemeinsam in Science, mit Positionen von pflanzenbetont bis ketogen. Einig waren sie sich in einem Punkt: die Prämisse, dass hohe Fettzufuhr Übergewicht und Herzkrankheit verursacht, trägt nicht mehr.

Reframe

Du musst dich nicht für ein Lager entscheiden. Die klassische Ernährungsmedizin hat mit Ballaststoffen, Vollkorn und Gemüse etwas sehr Robustes im Angebot. Was eine integrative Sicht ergänzt, ist die Frage nach dir: Insulinlage, Schlaf, Entzündungslast, Verdauung.

Und jetzt weißt du, warum du beim nächsten Streit nicht nach der lautesten Antwort suchen solltest, sondern nach der Frage dahinter.

9. Und was heißt das jetzt für deinen Teller?

Du willst wissen, was du morgen früh anders machst. Ich gebe dir bewusst keine Makro-Verteilung, weil die Daten sie nicht hergeben. Was sie hergeben, sind vier Fragen.

Wie verarbeitet ist es? Der am besten belegte Hebel dieses Textes. 508 Kilokalorien pro Tag, bei identischen Makronährstoffen. Kein Vergleich von Fett und Kohlenhydrat kommt in diese Größenordnung.

Wie viel Ballaststoff und Vollkorn steckt drin? Über 185 prospektive Studien hinweg der belastbarste Qualitätsmarker für Kohlenhydrate, deutlich belastbarer als der glykämische Index.

Wie ist deine eigene Zucker- und Insulinlage? Hier trennen sich die Wege. Liegt deine Nüchternglukose im prädiabetischen Bereich oder dein Nüchterninsulin hoch, zählt die Kohlenhydratqualität für dich womöglich mehr. Keine Gewissheit, aber eine Vermutung, die sich messen lässt. Praktische Wege stehen in Blutzuckerspitzen vermeiden.

Was hältst du zwölf Monate lang durch? In POUNDS Lost sagte die Teilnahme an den Sitzungen den Erfolg besser vorher als jede Makroverteilung. Eine Ernährung, die du nach sechs Wochen hasst, verliert am Ende gegen eine, die du magst. Mehr dazu im Artikel über das Kaloriendefizit.

Aus Sicht der klinischen Psychoneuroimmunologie kommt eine fünfte Ebene dazu. Dein Blutzucker hängt auch an Cortisol, also an Stress und Schlaf. Entzündungsbotenstoffe können die Insulinsignale in der Zelle stören. Und deine Darmflora kann mitentscheiden, wie viel aus einer Mahlzeit bei dir ankommt.

Der Satz zum Mitnehmen

Fett macht nicht fett. Kohlenhydrate machen nicht fett. Was dich nicht satt macht, kann dich zunehmen lassen. Und welche das für dich sind, hängt an deiner eigenen Biologie.

Was ich sehe, und was ich nicht weiß

Was ich in der Sprechstunde regelmäßig beobachte: Menschen mit hohem Nüchterninsulin, die auf weniger raffinierte Kohlenhydrate stark ansprechen. Menschen, bei denen sich nach der Umstellung auf unverarbeitete Kost das Nachmittagstief verändert. Und Menschen, bei denen beides wenig bringt, weil der Antrieb im Schlaf, im Stress oder in einer stillen Entzündung liegt.

Was ich nicht weiß: ob die Insulinantwort ein verlässlicher Wegweiser ist. Die größte Studie sagt nein, mehrere kleinere sagen ja.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du deine eigenen Werte gar nicht kennst, lässt sich darüber in Ruhe sprechen. Ein Termin ist unter diesem Artikel buchbar.

Und jetzt weißt du, warum ich dir keine Zahl auf den Teller schreibe, sondern vier Fragen mitgebe.

Häufige Fragen

Macht Fett wirklich fett?

Nicht in dem Sinne, wie der Satz gemeint war. Die Women's Health Initiative randomisierte 48.835 Frauen auf eine fettarme Kost ohne Abnehmziel. Nach 7,5 Jahren lagen sie 0,4 kg unter der Kontrollgruppe, sie nahmen also nicht zu. Ein Cochrane-Review über 32 Studien fand für eine Fettreduktion 1,5 kg weniger Gewicht. Fett an sich erklärt kein Übergewicht.

Machen Kohlenhydrate dick?

So pauschal nicht, und die strengsten Experimente sprechen dagegen. In einer stationären Studie am US-Forschungszentrum NIH aßen 20 Menschen auf sehr kohlenhydratreicher, fettarmer Kost 689 kcal pro Tag weniger als auf ketogener Kost. Gut belegt ist etwas anderes: stark verarbeitete, ballaststoffarme Kohlenhydrate gehen mit der stärksten Zunahme einher. Es geht um die Form.

Was macht mehr dick, Fett oder Zucker?

Die ehrlichste Antwort lautet: keiner von beiden allein. In einer stationären Studie mit angeglichenen Makronährstoffen aßen dieselben Menschen auf hochverarbeiteter Kost 508 kcal pro Tag mehr. Entscheidend war der Verarbeitungsgrad, nicht das Verhältnis von Fett zu Zucker. In großen Kohorten gehen Chips und Süßgetränke mit Zunahme einher, Nüsse und Joghurt mit Abnahme.

Warum wurde Fett jahrzehntelang verteufelt?

Die Frage der 1950er Jahre war eine Herz-Frage, keine Gewichts-Frage. Die Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys fand einen Zusammenhang zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzsterblichkeit, ausdrücklich aber keinen zum Körpergewicht. Aus einer Herz-Hypothese wurde über zwei Jahrzehnte eine Gewichtsregel. Eine Meta-Analyse zeigt, dass 1977 keine randomisierte Studie diese Empfehlung getragen hat.

Hat die Zuckerindustrie Studien bezahlt?

Das ist über Originaldokumente belegt. Cristin Kearns, Laura Schmidt und Stanton Glantz werteten 2016 interne Papiere der Sugar Research Foundation aus. 1965 finanzierte die Stiftung eine Literaturübersicht im New England Journal of Medicine, setzte deren Ziel mit und erhielt Entwürfe, ohne die Finanzierung offenzulegen. Das ist belegte Interessenverquickung, keine nachgewiesene Datenfälschung.

Ist Low Carb besser als Low Fat zum Abnehmen?

Im Mittel ein wenig, aber deutlich weniger, als beide Lager behaupten. Eine Meta-Analyse über 53 Studien mit 68.128 Menschen fand für kohlenhydratärmere Kost 1,15 kg mehr Gewichtsverlust nach mindestens einem Jahr, eine Meta-Analyse zu ketogenen Kostformen 0,91 kg. Für dich entscheidet eher, was du über Monate durchhältst.

Was sagt die DIETFITS-Studie über Low Carb und Low Fat?

Christopher Gardner randomisierte in Stanford 609 Erwachsene auf zwölf Monate gesunde fettarme oder gesunde kohlenhydratarme Kost, ohne Kalorienzählen. Das Ergebnis: minus 5,3 kg gegenüber minus 6,0 kg, statistisch nicht bedeutsam. Zusätzlich wurde geprüft, ob Genmuster oder Insulinausschüttung vorhersagen, wer besser anspricht. Beides tat es hier nicht.

Was ist das Kohlenhydrat-Insulin-Modell einfach erklärt?

Die Idee stammt vor allem von David Ludwig und Cara Ebbeling. Nach diesem Modell treiben Kohlenhydrate mit hoher glykämischer Last das Insulin nach oben, Insulin kann Energie in die Fettzellen lenken, dem übrigen Körper könnte sie dann fehlen, sodass Hunger entsteht und der Verbrauch sinkt. Die Autoren schreiben selbst, dass die bisherigen Fütterungsstudien das Modell nicht prüfen konnten.

Für wen ist eine kohlenhydratarme Ernährung sinnvoll?

Die Daten deuten auf Menschen mit gestörtem Zuckerstoffwechsel. In einer Auswertung dreier randomisierter Studien verloren Menschen im prädiabetischen Bereich auf ballaststoff- und vollkornreicher Kost 6,04 kg mehr als die Kontrollgruppe, Menschen mit normalen Werten nur 2,20 kg mehr. Die bisher größte Untersuchung fand diesen Effekt allerdings nicht.

Woran erkenne ich, ob ich auf Kohlenhydrate empfindlich reagiere?

Belastbare Anhaltspunkte sind Nüchternglukose, Nüchterninsulin und die Insulinantwort nach einer Zuckerbelastung. In der Studienlage machte die Kohlenhydratqualität bei Menschen im prädiabetischen Bereich den größten Unterschied. Dazu kommt die persönliche Blutzuckerantwort: bei 800 Menschen und 46.898 Mahlzeiten fielen die Reaktionen auf identisches Essen sehr unterschiedlich aus.

Ist eine fettarme Ernährung heute noch empfehlenswert?

Als pauschale Regel für alle hat sie ihre Grundlage weitgehend verloren. In der Women's Health Initiative senkte eine fettarme Kost über gut acht Jahre weder Herzinfarkte noch Schlaganfälle. Eine Neubewertung im Journal of the American College of Cardiology kommt zu dem Schluss, dass sich Gesundheitswirkungen nicht aus einer einzelnen Nährstoffgruppe ableiten lassen.

Warum machen Nüsse nicht dick, obwohl sie so viel Fett haben?

In drei US-Kohorten mit 120.877 Menschen ging jede zusätzliche Tagesportion Nüsse mit rund 0,26 kg weniger Zunahme pro Vier-Jahres-Zeitraum einher, Joghurt mit 0,37 kg weniger, Kartoffelchips dagegen mit 0,77 kg mehr. Nüsse bringen Ballaststoffe, Eiweiß und eine feste Matrix mit. Das sind Beobachtungsdaten, aber das Muster ist stabil.

Was sagt die PURE-Studie wirklich über Kohlenhydrate?

PURE verfolgte 135.335 Menschen in 18 Ländern über im Mittel 7,4 Jahre. Im höchsten Kohlenhydrat-Fünftel lag die Gesamtsterblichkeit 28 Prozent höher, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen fand sich kein erhöhtes Risiko. Das oberste Fünftel lag bei über 70 Energieprozent, überwiegend aus Reis und Weizen in Ländern mit niedrigem Einkommen. Der Endpunkt war Sterblichkeit, nicht Körpergewicht.

Diese Frage im größeren Zusammenhang

Die Makronährstoff-Debatte ist nur eine Tür. Dahinter liegen die Fragen, die für dein Gewicht meistens mehr entscheiden: wie dein Hunger reguliert wird, wie stark deine stille Entzündungslast ist, wie dein Blutzucker im Alltag reagiert und was passiert, wenn du Essenspausen einbaust.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Ernährungsfragen interessiert mich weniger, welches Lager gerade recht bekommt, und mehr, was bei dir messbar passiert. Deshalb stehen in diesem Text auch die Studien, die meiner eigenen Vermutung widersprechen.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, bessere Fragen zu stellen, bevor du dein Essen umstellst.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz Am besten belegt ist in diesem Text der historische Teil und die Aussage, dass eine Fettreduktion das Gewicht nur wenig bewegt. Dahinter stehen eine randomisierte Studie mit 48.835 Frauen und ein Cochrane-Review über 32 Studien. Ebenfalls solide belegt ist der Effekt des Verarbeitungsgrades, gemessen unter stationären Bedingungen, allerdings an nur 20 Menschen über vier Wochen. Deutlich dünner ist die Datenlage bei der Frage, ob sich aus der Insulinantwort vorhersagen lässt, wer von weniger Kohlenhydraten stärker profitiert. Die Studien dazu haben 21, 73 und 164 Teilnehmende, und die bisher größte Untersuchung mit 609 Menschen fand diesen Zusammenhang nicht. Die Ergebnisse von der Stoffwechselstation stammen aus sehr kurzen Phasen unter Laborbedingungen und lassen sich nicht ungeprüft auf deinen Alltag übertragen. Die Daten aus der Mausstudie sind nicht auf den Menschen übertragbar und stehen hier nur, weil sie der populären Erzählung widersprechen. Alles, was ich als klinische Beobachtung beschrieben habe, ist genau das: Beobachtung aus meiner Sprechstunde, ohne Kontrollgruppe und ohne Anspruch auf Kausalität.

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