Ratgeber Schilddrüse · Haare und Hormone

Haarausfall durch die Schilddrüse: warum oft mehr als eine Ursache dahintersteckt

Die Bürste ist voll, obwohl deine Schilddrüse behandelt ist. Oft greifen mehrere Glieder ineinander: das Hormon, der Eisenspeicher und die Umwandlung von T4 in T3. Hier liest du, wie diese Kette zusammenhängen kann und wo du ansetzen kannst.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Telogen-Effluvium Ferritin und Schilddrüse T3 in der Haarwurzel Hashimoto und kreisrunder Haarausfall 31 Quellen mit DOI
Mein Ausgangspunkt

Haare sind ein Messinstrument mit Verzögerung. Was heute in deiner Bürste liegt, hat oft schon vor Wochen oder Monaten begonnen. Wer an der Wurzel ansetzen will, muss die Kette dahinter lesen und nicht nur ihr letztes Glied.

„Meine Schilddrüse ist doch eingestellt. Warum fallen mir trotzdem die Haare aus?“

Ich kenne dieses Muster sehr gut. Eine Frau lebt seit Jahren mit Hashimoto und nimmt jeden Morgen ihr L-Thyroxin. Ihr TSH liegt bei jeder Kontrolle im Zielbereich.

„Morgens ist die Bürste voll. Nach dem Duschen sammle ich Haare aus dem Abfluss. Und alle sagen mir, meine Werte seien gut.“

Hinter ihr lagen mehrere Shampoos, ein Haarwasser und eine Biotinkapsel. Beim gemeinsamen Durchsehen der Befunde fiel eine Lücke auf. Ihr Ferritin, also der Eisenspeicher, war über Jahre kaum bestimmt worden. Der letzte Wert lag knapp über der Laborgrenze. Ihre starken Regelblutungen hatte sie lange für normal gehalten.

Der Wendepunkt war eine andere Frage. Nicht mehr: Was kommt auf die Kopfhaut? Sondern: Welches Glied der Kette fehlt? Wir haben den Eisenspeicher ärztlich begleitet aufgefüllt und die Ursache der Verluste gynäkologisch abklären lassen. Ihre Schilddrüsentherapie blieb unverändert in der Hand ihrer behandelnden Praxis.

Einige Monate später erzählte sie, dass deutlich weniger Haare in der Bürste lagen. Am Scheitel zeigten sich kurze, neue Haare.

Ich kann keine Kausalität behaupten, aber ich dokumentiere den zeitlichen Zusammenhang. Diffuser Haarausfall kann auch von selbst nachlassen, und in dieser Zeit hat sich mehr als ein Faktor verändert. Ein einzelner Verlauf erlaubt keine Aussage über dich.

Die Lehre: Eine gut eingestellte Schilddrüse ist eine Voraussetzung für kräftige Haare. Sie ist aber nicht die einzige.

Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Du hast Fotos verglichen, den Scheitel im Spiegel gemustert und Haare im Waschbecken gezählt. Und irgendwann kam der Satz: Ihre Schilddrüse ist gut eingestellt.

Das kann stimmen. Trotzdem können deine Haare weiter ausfallen. Das ist kein Widerspruch und keine Einbildung. Haare hängen an mehreren Fäden gleichzeitig, und die Schilddrüse ist nur einer davon.

Viele verbinden Haarausfall schnell mit Eitelkeit. Ich sehe das anders. Wenn du jeden Morgen die Bürste ausleerst, verlierst du mehr als Haare. Du verlierst ein Stück Vertrauen in deinen eigenen Körper.

Haarausfall bei behandelter Schilddrüse ist oft nicht das Problem eines einzelnen Werts. Hormon, Eisenspeicher, die Umwandlung von T4 zu T3 und das Immunsystem können wie Glieder einer Kette ineinandergreifen.

In diesem Artikel gehen wir diese Kette Glied für Glied durch. Wie ein Telogen-Effluvium entsteht. Was Schilddrüsenhormone direkt in der Haarwurzel tun. Warum der Eisenspeicher so oft mitspielt und was die Umwandlung von T4 zu T3 damit zu tun hat. Am Ende stehen drei Schritte, die du in dein nächstes Arztgespräch mitnehmen kannst.

Die Frage, welcher Ferritin-Wert für die Haare genug ist, habe ich ausführlich in Eisenmangel und Haarausfall beschrieben. Hier geht es um das Zusammenspiel mit der Schilddrüse.

Was du in diesem Artikel erfährst

  • Warum Haare erst Monate später ausfallen
  • Was T3 und T4 direkt in der Haarwurzel tun
  • Warum ein normales Ferritin für Haare knapp sein kann
  • Wie Schilddrüse und Eisen sich gegenseitig bremsen
  • Was die Umwandlung von T4 zu T3 damit zu tun hat
  • Zink und Selen: Mangel und Zuviel
  • Hashimoto und kreisrunder Haarausfall
  • Ob L-Thyroxin selbst Haare kosten kann
  • Stress als vierte Linse
  • Drei Schritte für dein nächstes Arztgespräch
2 bis 3 Monateliegen beim Telogen-Effluvium typischerweise zwischen Auslöser und Haarausfall
150 von 500Frauen mit Telogen-Effluvium hatten in einer Klinikauswertung eine Unterfunktion
4,31Odds Ratio für Hashimoto bei kreisrundem Haarausfall in einer Meta-Analyse aus 102 Studien
255 µgSelen pro Tag als Höchstmenge der EFSA, festgemacht am Haarausfall
KlinischRCT und Meta-Analysen am Menschen HumanKohorte, Fall-Kontrolle, Übersicht, Behörde TiermodellStudien an Mäusen LaborGewebe und Zellen im Labor

Warum fallen die Haare erst Monate später aus?

Der Moment, in dem es dir auffällt, ist selten der Moment, in dem es anfängt. Genau das macht Haarausfall so verwirrend. Du suchst die Ursache in der letzten Woche und findest nichts.

Haarausfall ist meist ein Echo. Er zeigt dir heute, was deine Haarwurzeln vor Wochen oder Monaten erlebt haben.

Jedes Haar lebt in einem eigenen Rhythmus. Stell dir deinen Kopf wie einen großen Garten vor, in dem nie alle Pflanzen gleichzeitig blühen. Der größte Teil wächst gerade. Ein kleiner Teil macht Pause. Und ein paar Haare verabschieden sich jeden Tag, damit an derselben Stelle ein neues nachwachsen kann. Diesen Kreislauf aus Wachsen, Umbauen und Ruhen haben Ralf Paus und George Cotsarelis 1999 im New England Journal of Medicine als Grundlage der Haarbiologie beschrieben.

Anagen

Wachsen

Die Zellen der Haarwurzel teilen sich pausenlos. Bei Kopfhaaren dauert diese Phase normalerweise mehrere Jahre. Hier entsteht die Länge.

Katagen

Umbauen

Die Wurzel stellt die Produktion ein und zieht sich zurück. Ein kurzer Übergang von wenigen Wochen.

Telogen

Ruhen

Das Haar sitzt nur noch locker als Kolbenhaar in der Haut. Nach einigen Monaten fällt es aus, oft weil darunter schon ein neues Haar nachschiebt.

Beim Telogen-Effluvium, der häufigsten Ursache von diffusem Haarausfall bei Frauen, gerät dieser Rhythmus durcheinander. Ein Auslöser schickt viele Haare auf einmal in die Ruhephase. Sie fallen aber nicht sofort aus. Sie warten, bis ihre Ruhezeit vorbei ist.

ÜbersichtDie Verzögerung hat ein Muster

Der Dermatologe Shyam Behari Shrivastava aus Delhi hat 2009 zusammengefasst, wie sich diffuser Haarausfall bei Frauen einordnen lässt.

Typisch für ein Telogen-Effluvium ist ein plötzlicher, verstärkter Ausfall zwei bis drei Monate nach einem Auslöser, etwa einer Geburt, hohem Fieber oder einer großen Operation. Bei jedem diffusen Haarausfall ohne erkennbare Ursache sollten laut der Übersicht neben Blutbild und Urin auch Ferritin sowie T3, T4 und TSH bestimmt werden. Eisenmangel und Schilddrüsenstörungen seien die zwei häufigen Begleiter, und meist zeigten sie keine äußeren Zeichen. Fällt der Auslöser weg oder wird er behandelt, klingt ein Telogen-Effluvium nach der Arbeit meist innerhalb von drei bis sechs Monaten ab.

Für dich heißt das: Such die Ursache nicht in der letzten Woche, sondern in den Monaten davor. Und lass Eisen und Schilddrüse gemeinsam prüfen, nicht nacheinander.

Shrivastava SB. Indian J Dermatol Venereol Leprol. 2009;75(1):20-7. DOI: 10.4103/0378-6323.45215

Schon 1993 hat Headington von der University of Michigan fünf verschiedene Wege beschrieben, auf denen der Haarzyklus kippen kann. Bei manchen verlassen wachsende Haare ihre Wachstumsphase zu früh. Bei anderen werden ruhende Haare früher abgestoßen als sonst, oder die Wachstumsphase bleibt dauerhaft verkürzt. Auch Medikamente gehörten zu den Auslösern, die er ausdrücklich durchging.

Telogen-Effluvium ist deshalb ein Sammelbegriff und keine Erklärung. Die Dermatologen Grover und Khurana aus Delhi schreiben in ihrer Übersicht von 2013, die Diagnose werde oft wie ein Papierkorb benutzt. Viele Auslöser würden genannt, klare Belege fehlten jedoch häufig.

Ein weiterer Satz aus der Forschung ist mir wichtig. Alfredo Rebora aus Genua betont in seiner Übersicht, wie sehr übermäßiger Haarausfall die Psyche treffen kann. Die Beschwerde verdiene Aufmerksamkeit, Zeit und Empathie, statt kleingeredet zu werden.

Der Reframe

Die Haare in deiner Bürste sind Haare von gestern. Sie erzählen, was vor Wochen oder Monaten in deinem Körper los war. Das ist frustrierend, weil die Antwort hinterherhinkt.

Es ist aber auch entlastend. Ein Telogen-Effluvium führt laut der Übersicht aus Delhi nicht zur Glatze. Und wenn ein Auslöser wegfällt, braucht auch das Nachlassen seine Zeit. Ein schlechter Tag in der Bürste heißt dann nicht, dass dein Weg falsch ist.

Ein kleiner Schritt für heute: Schreib dir eine Zeitleiste der letzten sechs Monate. Infekte und Fieber, eine Geburt, eine Diät, neue Medikamente oder Dosisänderungen, starke Blutungen, belastende Phasen. Mit dieser Liste wird das Gespräch in der Praxis konkreter.

Und jetzt weißt du, warum die Ursache selten in der letzten Woche liegt und warum ein Telogen-Effluvium allein noch keine Erklärung ist.

Was tun Schilddrüsenhormone direkt in der Haarwurzel?

Vielleicht hast du gehört, dass eine Unterfunktion die Haare dünner machen kann. Meist bleibt es bei diesem einen Satz. Dahinter steckt eine der spannendsten Entdeckungen der Haarforschung, und sie kommt aus Lübeck.

Die Haarwurzel ist ein direkter Empfänger von Schilddrüsenhormon. Sie ist kein passives Röhrchen, sondern ein Mini-Organ mit eigener Uhr, eigenem Stoffwechsel und eigenem Kraftwerk.

Organkultur menschlicher HaarfollikelDie Haarwurzel hört auf T3 und T4

Ein Team um Nina van Beek und Ralf Paus von der Universität Lübeck hat 2008 menschliche Kopfhaarfollikel im Labor weiterkultiviert. Sie stammten aus Hautproben von Frauen mit normaler Schilddrüsenfunktion, die bei Gesichtsoperationen anfielen.

Unter T4 teilten sich die Zellen der Haarmatrix stärker, unter T3 und T4 starben weniger von ihnen ab. T4 verlängerte im Labor die Wachstumsphase, möglicherweise über eine Drosselung von TGF-beta2, einem Signal, das das Wachstum bremst. Die Follikel lasen außerdem die Gene der Deiodinasen D2 und D3 ab und könnten T4 damit selbst in T3 umwandeln. Auch die Pigmentbildung im Haar stieg.

Für dich heißt das: Fehlt Hormon, kann das Wachstum deiner Haarwurzeln ins Stocken geraten. Wichtig ist die Einschränkung: Das sind Laborbefunde an Gewebe, keine Studie an lebenden Menschen.

van Beek N et al. J Clin Endocrinol Metab. 2008;93(11):4381-8. DOI: 10.1210/jc.2008-0283

Fünf Jahre später ging dieselbe Lübecker Arbeitsgruppe einen Schritt weiter. Silvia Vidali und Kollegen zeigten an kultivierten menschlichen Haarfollikeln, dass alle Hormone der Schilddrüsenachse die Kraftwerke der Zellen anregten, also TRH, TSH, T4 und T3. Die Mitochondrien wurden zahlreicher und aktiver. T3, T4 und TRH steigerten in Haarfollikel-Zellen die Bildung von ATP, dem Energieträger der Zelle. T3 und T4 senkten zugleich die Bildung aggressiver Sauerstoffverbindungen.

Das ist die Stoffwechsel-Linse der KPNI. Ein Haar zu bauen, ist Schwerstarbeit, denn die Haarmatrix teilt sich während der Wachstumsphase ohne Pause. Wird der Strom knapp, gerät diese Baustelle früh ins Stocken. So lässt sich erklären, warum ein Hormonmangel gerade an den Haaren sichtbar werden kann.

Retrospektive Kohorte, n=500Unter- und Überfunktion in der Klinik

Salman Bin Dayel und Kollegen von der Prince Sattam Bin Abdulaziz University in Saudi-Arabien haben 2024 die Akten von 500 Frauen mit Telogen-Effluvium ausgewertet. Aufgenommen wurde nur, wer innerhalb von drei Monaten nach der Diagnose Schilddrüsenwerte hatte.

248 Frauen hatten eine normale Schilddrüsenfunktion, 150 eine Unterfunktion und 102 eine Überfunktion. Der Schweregrad, gemessen mit dem SALT-Score, war bei Unterfunktion am höchsten, und schwere Verläufe kamen dort häufiger vor. Zwischen normaler Funktion und Überfunktion unterschied sich der mittlere Score nicht.

Für dich heißt das: Zu wenig wie zu viel Hormon kommt bei Haarausfall vor, und die Unterfunktion war hier mit dem stärkeren Verlust verbunden. Die Zahlen stammen aus einer einzelnen Klinik. Sie sagen nichts darüber, wie häufig Schilddrüsenstörungen bei allen Frauen mit Haarausfall sind.

Bin Dayel S et al. Medicine (Baltimore). 2024;103(1):e36803. DOI: 10.1097/MD.0000000000036803

Dass auch zu viel Hormon Haare kosten kann, steht bereits im ersten Satz der Lübecker Arbeit von 2008: Ein Mangel wie ein Überschuss an Schilddrüsenhormon kann Haar und Haut verändern, bis hin zum verstärkten Ausfall. Bei einer Überfunktion, etwa bei Morbus Basedow, gehört Haarausfall deshalb ebenfalls zu den möglichen Zeichen. Mehr dazu steht in Morbus Basedow und Überfunktion.

Der Reframe

Die Schilddrüse spricht nicht nur über einen Blutwert mit deinem Körper. Ihre Hormone kommen direkt in der Haarwurzel an, und die Wurzel rechnet offenbar selbst mit: Sie kann T4 möglicherweise in T3 umwandeln.

Daraus folgt eine Hypothese, keine bewiesene Tatsache. Ein Blutwert kann im Zielbereich liegen, während die Wurzel trotzdem knapp versorgt ist. Genau deshalb lohnt es sich, nach den anderen Gliedern der Kette zu suchen.

Was du daraus mitnehmen kannst: Bitte in der Praxis darum, dass TSH, freies T4 und freies T3 aus derselben Blutabnahme bestimmt werden. Das TSH allein beschreibt die Steuerzentrale, nicht die Versorgung im Gewebe. Mehr dazu in Der TSH-Wert allein reicht nicht.

Ein Detail, das viele nicht kennen: Biotin

Biotin steckt in vielen Haarkapseln. Der Labormediziner Amitava Dasgupta von der University of Kansas hält in seiner Übersicht fest, dass gesunde Menschen von Biotin in der Regel nicht profitieren. Trotzdem wird es weit verbreitet für Haare und Nägel genommen. Hohe Biotinspiegel können manche Labortests stören. Bei Schilddrüsentests können fT3 und fT4 dadurch falsch hoch und das TSH falsch niedrig erscheinen, sodass das Bild einer Überfunktion entsteht.

Ein Laborteam aus Calgary um Jessica Gifford empfiehlt deshalb, Biotin 48 Stunden vor der Blutabnahme wegzulassen. Sprich das vorher mit deiner Praxis ab, damit deine Werte zeigen, was in deinem Körper los ist.

Und jetzt weißt du, warum die Schilddrüse nicht nur das Tempo deines Stoffwechsels mitbestimmt, sondern auch den Takt deiner Haarwurzeln.

Warum kann ein normaler Ferritin-Wert für die Haare knapp sein?

Ferritin im Normbereich, steht im Befund. Daneben ein Häkchen. Vielleicht hast du dich gefragt, wie ein Wert normal sein kann, wenn sich dein Körper gar nicht normal anfühlt.

Normal beschreibt eine Verteilung, nicht deinen Bedarf. Bei Haarausfall mit Schilddrüsenbezug ist der Eisenspeicher eines der Glieder, die ich in der Sprechstunde am häufigsten knapp sehe. Das ist meine Beobachtung, kein Studienergebnis.

Ferritin ist das Eiweiß, in dem dein Körper Eisen einlagert. Stell es dir wie einen Vorratskeller vor. Solange der Keller voll ist, merkt niemand etwas. Wird er knapp, verteilt der Körper das Eisen nach Dringlichkeit, so lautet eine verbreitete und biologisch plausible Erklärung. Blutbildung und Sauerstofftransport kommen zuerst. Eine Haarwurzel ist für das Überleben nicht entscheidend und steht weiter hinten in der Schlange.

Fall-Kontroll-Studie, n=120Ferritin und Vitamin D bei Haarausfall

Ein Team der Universität Kairo um Rasheed hat 2013 bei 80 Frauen zwischen 18 und 45 Jahren mit chronischem Telogen-Effluvium oder Haarausfall vom weiblichen Muster Ferritin und Vitamin D gemessen. Verglichen wurde mit 40 gleichaltrigen Frauen ohne Haarausfall.

Das mittlere Ferritin lag bei Telogen-Effluvium bei 14,7 und beim weiblichen Muster bei 23,9 µg/l, in der Vergleichsgruppe bei 43,5 µg/l. Je stärker der Haarausfall, desto niedriger lagen die Werte. Als Trennwerte für Ferritin errechneten die Autoren 27,5 und 29,4 µg/l.

Für dich heißt das: Die klassische Grenze für Eisenmangel liegt bei 15 µg/l, so auch in der Duke-Studie weiter unten. Ein Ferritin kann also unauffällig wirken und trotzdem in dem Bereich liegen, in dem in dieser Studie gehäuft Haarausfall auftrat.

Rasheed H et al. Skin Pharmacol Physiol. 2013;26(2):101-7. DOI: 10.1159/000346698

Ein ähnliches Bild hatte schon 2003 ein Team der University of Pennsylvania um Jonathan Kantor und George Cotsarelis beschrieben. Frauen mit erblich bedingtem Haarausfall und mit kreisrundem Haarausfall hatten niedrigere Ferritinwerte als Frauen ohne Haarausfall, im Mittel 37,3 und 24,9 gegenüber 59,5 ng/ml. Beim Telogen-Effluvium war der Unterschied in dieser kleinen Studie nicht statistisch bedeutsam.

Fall-Kontroll-Studie, n=457Die Gegenstimme

Elise Olsen und ihr Team von der Duke University haben 2010 die Daten von 381 Frauen mit Haarausfall vom weiblichen Muster oder chronischem Telogen-Effluvium mit 76 Frauen ohne Haarausfall verglichen.

Mit der Grenze von 15 µg/l hatten vor den Wechseljahren 12,4 und 12,1 Prozent der Frauen mit Haarausfall einen Eisenmangel, in der Vergleichsgruppe sogar 29,8 Prozent. Mit der Grenze von 40 µg/l waren es 58,8, 63,8 und 72,3 Prozent. Häufiger war der Eisenmangel bei Haarausfall in dieser Studie nicht, und ob das Auffüllen die Haare verändert, blieb ausdrücklich offen.

Für dich heißt das: Ein knappes Ferritin ist bei Frauen sehr verbreitet, mit und ohne Haarausfall. Es ist ein wichtiges Glied der Kette, aber nicht automatisch die ganze Erklärung.

Olsen EA et al. J Am Acad Dermatol. 2010;63(6):991-9. DOI: 10.1016/j.jaad.2009.12.006

Eine Übersichtsarbeit der Cleveland Clinic um Leonid Trost und Wilma Bergfeld kam 2006 zu einem vorsichtigen Fazit. Für ein generelles Eisen-Screening bei Haarausfall und für Eisen ohne Blutarmut reiche die Evidenz nicht aus. In ihrer eigenen Klinik untersuchen die Autoren trotzdem bei allen Menschen mit Haarausfall den Eisenstatus. Nach eigener Aussage ist das nicht streng evidenzbasiert. Sie sind aber überzeugt, dass die Behandlung des Haarausfalls profitiert, wenn ein Eisenmangel mit oder ohne Anämie mitbehandelt wird. Gleichzeitig warnen sie vor zu viel Eisen, besonders bei der erblichen Eisenspeicherkrankheit.

Meine Haltung zum Ferritin

Ich orientiere mich bei Haarausfall mit Schilddrüsenbezug an einem Ferritin deutlich oberhalb der Laborgrenze, häufig über 100 µg/l. Werte zwischen 30 und 80 µg/l sind im Labor unauffällig. Für Haare und Schilddrüse halte ich sie oft für knapp. Das ist eine klinische Haltung und keine Leitlinienempfehlung, und für die Haare allein ist dieser Zielwert nicht bewiesen.

Ein Grund dafür kommt aus der Schilddrüsenforschung. Die Ernährungswissenschaftlerin Margaret Rayman von der University of Surrey berichtet in einer Übersichtsarbeit von 2019 Folgendes. Bei zwei Dritteln der Frauen, die trotz passender L-Thyroxin-Therapie weiter Beschwerden einer Unterfunktion hatten, besserten sich diese, nachdem ihr Ferritin über 100 µg/l angehoben worden war. Das ist eine Angabe aus einer Übersicht und keine eigene kontrollierte Studie. Es ging um Beschwerden allgemein, nicht speziell um Haare.

Wichtig ist der Zusammenhang, in dem ein Ferritin steht. Ferritin kann bei Infekten, Entzündungen und manchen Erkrankungen ansteigen, auch wenn der Speicher knapp ist. Deshalb gehören Transferrinsättigung und ein Entzündungswert wie CRP mit auf den Befund. Warum Entzündung das Eisen zusätzlich blockieren kann, steht in Eisen und Entzündung. Die Debatte um den Zielwert findest du in Ferritin über 100 als Ziel und in Eisenmangel trotz normalem Ferritin.

Der Reframe

Normal ist nicht dasselbe wie genug. Ein Referenzbereich beschreibt, wo die Werte vieler Menschen liegen. Er beschreibt nicht, wie viel Eisen deine Haarwurzel braucht, während deine Schilddrüse für ihre Hormonbildung ebenfalls Eisen anfordert.

Frag beim nächsten Befund nicht nur: Ist mein Ferritin normal? Frag: Wo genau liegt es, und wie hat es sich über die Jahre entwickelt? Ein Verlauf sagt oft mehr als ein einzelner Wert.

Und jetzt weißt du, warum ein Häkchen hinter dem Ferritin noch nicht heißt, dass dieses Glied der Kette hält.

Wie können sich Schilddrüse und Eisen gegenseitig bremsen?

Vielleicht nimmst du seit Monaten Eisen, und der Wert steigt kaum. Oder deine Schilddrüse ist eingestellt, und du bist trotzdem erschöpft. Beides kann zusammenhängen, und zwar in beide Richtungen.

Schilddrüse und Eisen können sich wie zwei Zahnräder gegenseitig ausbremsen. Aus Sicht der KPNI ist das ein Paradebeispiel dafür, wie Hormonsystem, Immunsystem und Stoffwechsel ineinandergreifen.

Die Ursachenkette

Wie Schilddrüse, Eisen und Haarwurzel zusammenhängen können

  1. HormonsystemDie Unterfunktion verändert den Zyklus. Bei einem Teil der Frauen werden die Blutungen unregelmäßiger, manchmal auch stärker. Mit jeder starken Blutung geht Eisen verloren.
  2. ImmunsystemDer Magen nimmt weniger auf. Hashimoto tritt gehäuft zusammen mit einer Autoimmungastritis auf. Der Magen bildet dann weniger Säure, und Eisen wird schlechter aufgenommen.
  3. StoffwechselDer Speicher leert sich. Das Ferritin sinkt. Die Haarwurzel, die sich in der Wachstumsphase pausenlos teilt, kann davon früh etwas merken.
  4. HormonbildungDas Schlüsselenzym verliert seinen Kern. Die Thyreoperoxidase braucht Häm und damit Eisen. Bei ausgeprägtem Eisenmangel lagen die Schilddrüsenhormone in einer Studie niedriger.
  5. RückkopplungDer Kreis schließt sich. Bei gleichzeitiger Unterfunktion schlug Eisen allein in Studien schlechter an. Weniger Hormon und weniger Eisen können sich so gegenseitig verstärken.

Nicht jedes Glied betrifft jede Person. Die Kette ist ein Denkmodell, das ich aus mehreren Einzelbefunden zusammensetze. Als Ganzes ist sie in keiner Studie geprüft.

Das erste Glied klingt banal und wird trotzdem oft übersehen. Ein Team um Krassas aus Thessaloniki hat 1999 die Regelblutungen von 171 Frauen mit Unterfunktion vor den Wechseljahren ausgewertet. 23,4 Prozent hatten unregelmäßige Blutungen, in der Vergleichsgruppe 8,4 Prozent. Am häufigsten waren zu seltene und zu starke Blutungen. Fair ist der Zusatz der Autoren: Solche Störungen kamen seltener vor, als ältere Lehrbücher beschrieben. Wie sich starke Blutungen auf den Eisenspeicher auswirken, steht in Eisenmangel bei Frauen.

ÜbersichtWenn Schilddrüse und Magen gemeinsam betroffen sind

Miriam Cellini und das Team um Marco Centanni an der Sapienza-Universität haben 2017 zusammengefasst, was über das thyreogastrale Syndrom bekannt ist. Gemeint ist das gemeinsame Auftreten von Autoimmunthyreoiditis und chronischer Autoimmungastritis.

Hashimoto ist demnach bei 10 bis 40 Prozent der Menschen mit Magenveränderungen verbunden. Umgekehrt haben etwa 40 Prozent der Menschen mit Autoimmungastritis auch eine Hashimoto-Thyreoiditis. Weil die säurebildenden Zellen des Magens schwinden, kann ein Eisenmangel mit Blutarmut entstehen, später auch eine perniziöse Anämie durch Vitamin-B12-Mangel. Auch L-Thyroxin kann dann schlechter aufgenommen werden.

Für dich heißt das: Wenn du Hashimoto hast und dein Eisen trotz Tabletten nicht steigt, ist der Magen eine Frage wert. Das gehört in eine gastroenterologische Abklärung.

Cellini M et al. Front Endocrinol (Lausanne). 2017;8:92. DOI: 10.3389/fendo.2017.00092

Das vierte Glied sitzt in der Schilddrüse selbst. Josef Köhrle vom Institut für Experimentelle Endokrinologie der Charité beschreibt die Thyreoperoxidase als Hämoprotein, also als Enzym mit einem eisenhaltigen Kern. Sie baut Jod in das Thyreoglobulin ein, die Vorstufe der Hormone. Fehlt Eisen, fehlt ihr das Herzstück.

Fall-Kontroll-Studie mit Eisengabe, n=30Eisenmangel dämpft die Hormone

Ein Team um Beard von der Pennsylvania State University hat 1990 zehn Frauen mit Eisenmangelanämie, acht Frauen mit leerem Eisenspeicher ohne Anämie und zwölf gesunde Frauen untersucht. Alle lagen eine Zeit lang in kühlem Wasser, um die Wärmeregulation zu prüfen.

Die Frauen mit Anämie hatten niedrigere T4- und T3-Spiegel und kühlten stärker aus. Nach der Eisengabe besserte sich die Wärmeregulation, und die Schilddrüsenhormone näherten sich teilweise den Werten der Gesunden an. Die Frauen mit leerem Speicher ohne Anämie verhielten sich dagegen ähnlich wie die Gesunden.

Für dich heißt das: Ein ausgeprägter Eisenmangel kann den Schilddrüsenhaushalt messbar dämpfen. Ob schon ein leerer Speicher ohne Anämie dasselbe tut, ließ diese kleine Studie offen.

Beard JL et al. Am J Clin Nutr. 1990;52(5):813-9. DOI: 10.1093/ajcn/52.5.813
RCT, n=51 und n=60Eisen allein reicht manchmal nicht

Hakan Cinemre und Kollegen von der Universität Düzce haben 51 Menschen mit Eisenmangelanämie und gleichzeitig subklinischer Unterfunktion doppelblind randomisiert. Die eine Gruppe bekam nur Eisen, die andere Eisen und zusätzlich L-Thyroxin.

Unter Eisen allein stieg das Hämoglobin im Mittel um 0,4 g/dl, mit L-Thyroxin dazu um 1,9 g/dl. Auch Serumeisen und Ferritin stiegen in der Kombinationsgruppe deutlich stärker. Eine zweite randomisierte Studie um Mohammadreza Ravanbod aus Buschehr mit 60 Menschen kam 2013 zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Kombination war beiden Einzelbehandlungen überlegen.

Für dich heißt das: Wenn Eisen und Schilddrüse beide schwächeln, kommt das eine ohne das andere womöglich schlecht voran. Ob eine subklinische Unterfunktion behandelt wird, ist eine ärztliche Entscheidung, die vom Gesamtbild abhängt. Mehr dazu in Subklinische Hypothyreose: behandeln oder abwarten.

Cinemre H et al. J Clin Endocrinol Metab. 2009;94(1):151-6. DOI: 10.1210/jc.2008-1440 · Ravanbod M et al. Am J Med. 2013;126(5):420-4. DOI: 10.1016/j.amjmed.2012.12.009
Eisen und L-Thyroxin: zeitlich trennen

Ein praktischer Punkt, der oft untergeht. Ein Team der University of Calgary um Campbell ließ 1992 14 gut eingestellte Menschen mit Unterfunktion zwölf Wochen lang eine Eisensulfat-Tablette gleichzeitig mit ihrem L-Thyroxin nehmen. Das TSH stieg im Mittel von 1,6 auf 5,4 mU/l, und neun der 14 bekamen wieder mehr Zeichen einer Unterfunktion. Im Reagenzglas bildeten Eisen und Thyroxin einen schwer löslichen Komplex.

Für dich heißt das: Wenn du Eisen nimmst, dann zeitlich getrennt von deinem L-Thyroxin. Den passenden Abstand legst du mit deiner Praxis fest. Was Kaffee, Frühstück und Uhrzeit ausmachen, steht in L-Thyroxin richtig einnehmen.

Der Reframe

Die Frage lautet nicht: Schilddrüse oder Eisen? Sie lautet: Wie beeinflussen sich die beiden bei dir? Wer nur ein Zahnrad ölt, wundert sich, warum das Getriebe weiter hakt.

Wenn dein Eisen trotz Einnahme nicht steigt, bring drei Fragen mit in die Praxis. Woher kommt der Verlust? Wird das Eisen überhaupt aufgenommen? Und ist die Schilddrüse so eingestellt, dass das Eisen eine Chance hat? Mögliche Ursachen im Darm beschreibt Eisenmangel durch Aufnahmestörungen.

Wenn Eisen über den Magen schlecht ankommt, etwa bei einer Autoimmungastritis, kann eine Eiseninfusion eine sinnvolle Option sein. Gut gemacht heißt: Indikation geprüft, Eisenüberladung ausgeschlossen, modernes Präparat und Überwachung während der Gabe. Worauf es dabei ankommt, steht in Gut gemachte Eiseninfusion.

Und jetzt weißt du, warum Eisen und Schilddrüse sich gegenseitig ausbremsen können und warum es sich lohnt, beide gemeinsam anzuschauen.

Was hat die Umwandlung von T4 zu T3 mit deinen Haaren zu tun?

Dein TSH ist gut, dein freies T4 vielleicht sogar hoch. Und trotzdem fühlt sich alles verlangsamt an, auch das Haarwachstum.

T4 ist der Rohling, T3 der fertige Schlüssel. Den Feinschliff übernehmen Enzyme, die Deiodinasen. Diese Werkstätten sitzen in vielen Geweben, und nach den Lübecker Befunden wohl auch in der Haarwurzel.

Die Deiodinasen tragen Selen in ihrem aktiven Zentrum. Köhrle beschreibt für die selenhaltigen Eiweiße eine Doppelrolle: Sie schützen die Zellen und steuern über die Deiodinasen, wann Hormon aktiviert oder abgeschaltet wird.

Stockt die Umwandlung, kann viel T4 im Blut stehen, während in den Geweben wenig T3 ankommt. Bremsen können Energiemangel und strenge Diäten sein, Dauerstress, Entzündung und fehlende Bausteine. Das habe ich ausführlich in T4 wird nicht zu T3: Konversionsstörung und in Von T4 zu T3: die Umwandlung beschrieben.

Was das für die Haare bedeutet, ist beim Menschen nicht direkt untersucht. Mechanistisch plausibel ist es aber. Wenn die Haarwurzel ihr T3 zum Teil selbst aus T4 herstellt, hängt sie an denselben Bausteinen und Bremsen wie andere Gewebe. Belegt ist dieser Schritt für Haare bisher nicht, und ich möchte ihn auch nicht größer machen, als er ist.

Zink: ein Baustein in beide Richtungen

Ein Team um Min Seong Kil aus Seoul hat 2013 bei 312 Menschen mit verschiedenen Formen von Haarausfall und 30 Gesunden Zink und Kupfer im Blut gemessen. Das Zink lag bei Haarausfall im Mittel bei 84,3 µg/dl, bei den Gesunden bei 97,9 µg/dl. Kupfer unterschied sich nicht. Werte unter 70 µg/dl waren vor allem beim kreisrunden Haarausfall und beim Telogen-Effluvium gehäuft.

Fallbericht, n=1Wenn L-Thyroxin allein nicht reichte

Ein Team um Ambooken Betsy vom Government Medical College in Calicut im indischen Kerala beschreibt einen Fall von Unterfunktion mit schwerem Haarausfall. Unter L-Thyroxin allein besserte sich der Haarausfall nicht, erst als zusätzlich Zink gegeben wurde.

Die Erklärung der Autoren ist eine Wechselwirkung. Zink wird für die Bildung von Schilddrüsenhormon gebraucht. Umgekehrt braucht der Körper Schilddrüsenhormon, um Zink aufzunehmen, sodass eine Unterfunktion einen Zinkmangel nach sich ziehen kann.

Für dich heißt das: Ein einzelner Fall ist kein Beweis. Er zeigt aber, warum ein Glied, das niemand misst, die Kette offen halten kann.

Betsy A et al. Int J Trichology. 2013;5(1):40-2. DOI: 10.4103/0974-7753.114714

Warum bei Zink auch das Verhältnis zu Kupfer zählt, steht in Selen, Zink, Eisen und Vitamin D.

Selen: wenn mehr nicht besser ist

Bei Selen ist die Lage besonders lehrreich. Hier steht Haarausfall auf der anderen Seite der Waage.

Behördliche BewertungHaarausfall als Grenzmarke

Das Ernährungsgremium der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat 2023 die tolerierbare Höchstmenge für Selen neu bewertet und dafür die Literatur systematisch ausgewertet.

Als kritischen Endpunkt wählte das Gremium Haarausfall, ein frühes und gut belegtes Zeichen einer Selen-Überdosierung. Aus der großen SELECT-Studie leitete es eine niedrigste Menge mit beobachteter Schadwirkung von 330 Mikrogramm pro Tag ab. Die tolerierbare Höchstmenge für Erwachsene legte es auf 255 Mikrogramm pro Tag fest. Überschritten wird sie nach EFSA vor allem bei regelmäßiger Einnahme hoch dosierter Präparate oder bei regelmäßigem Verzehr von Paranüssen.

Für dich heißt das: Wer gegen Haarausfall zu immer mehr Selen greift, kann genau das Gegenteil erreichen.

EFSA NDA Panel, Turck D et al. EFSA J. 2023;21(1):e07704. DOI: 10.2903/j.efsa.2023.7704

Wie deutlich das werden kann, zeigt ein Ausbruch in den USA, den die Gesundheitsbehörde CDC aufgearbeitet hat. Jennifer MacFarquhar und Kollegen fanden als Quelle ein flüssiges Nahrungsergänzungsmittel, das das 200-Fache der angegebenen Selenmenge enthielt. 201 Menschen in zehn Bundesstaaten erkrankten. 72 Prozent berichteten über Haarausfall, und bei 29 Prozent hielt er 90 Tage oder länger an.

Das ist ein Extremfall, weit jenseits üblicher Mengen. Er zeigt aber, wie empfindlich die Haarwurzel auf ein Zuviel reagieren kann. Wann Selen bei Hashimoto sinnvoll sein kann, steht in Selen und die Schilddrüse.

Der Reframe

Bausteine funktionieren nicht wie eine Treppe, auf der mehr immer höher führt. Zu wenig kann bremsen, zu viel kann schaden. Bei Selen ist ausgerechnet Haarausfall das Zeichen, an dem die europäische Behörde das Zuviel festmacht.

Wenn du Selen oder Zink nimmst, schreib dir die genauen Mengen aus allen Präparaten auf, auch aus Kombiprodukten und Haarkapseln. Diese Liste gehört zur Laborbesprechung dazu.

Und jetzt weißt du, warum die Umwandlung ein unsichtbares Glied der Kette sein kann und warum beim Nachfüllen die Menge zählt.

Ist kreisrunder Haarausfall ein Schilddrüsenthema?

Es gibt einen Moment, der sich ganz anders anfühlt als diffuses Dünnerwerden. Beim Haareschneiden zeigt dir jemand eine runde, glatte Stelle am Hinterkopf. So groß wie eine Münze.

Runde kahle Stellen sind meist ein Thema des Immunsystems. Dahinter steckt häufig die Alopecia areata, der kreisrunde Haarausfall. Sie ist eine komplexe Autoimmunerkrankung, die zu Haarausfall ohne Narben führt. Und das Immunsystem zielt bei manchen Menschen mehrfach, zum Beispiel auch auf die Schilddrüse.

Meta-Analyse, k=102Was mit kreisrundem Haarausfall gemeinsam auftritt

Ein Team um Sophia Ly und Arash Mostaghimi vom Brigham and Women's Hospital in Boston hat 2023 die Begleiterkrankungen bei kreisrundem Haarausfall aus 102 Studien zusammengetragen. Darin waren 680.823 Menschen mit Alopecia areata und mehr als 72 Millionen Vergleichspersonen.

Hashimoto-Thyreoiditis kam bei kreisrundem Haarausfall deutlich häufiger vor, mit einer Odds Ratio von 4,31. Unter den Begleiterkrankungen mit Daten aus mehreren Studien zeigte der Vitamin-D-Mangel den stärksten Zusammenhang, mit einer Odds Ratio von 10,13.

Für dich heißt das: Kreisrunder Haarausfall und Hashimoto treten gehäuft gemeinsam auf. Über Ursache und Wirkung sagt eine solche Auswertung nichts. Sie zeigt aber, worauf zu achten sich lohnt.

Ly S et al. Am J Clin Dermatol. 2023;24(6):875-893. DOI: 10.1007/s40257-023-00805-4

Eine Meta-Analyse um Solam Lee von der Yonsei University aus 50 Studien kam 2019 zu einem ähnlichen Ergebnis. Menschen mit kreisrundem Haarausfall hatten häufiger auffällige Schilddrüsenwerte, positive Schilddrüsen-Antikörper und Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse als die Allgemeinbevölkerung.

Ein Team aus Toronto um Misaki Kinoshita-Ise hat genauer hingeschaut. In ihrer Meta-Analyse aus 17 Studien betraf der Zusammenhang vor allem die Antikörper gegen TPO und Thyreoglobulin, nicht aber eine diagnostizierte Über- oder Unterfunktion. Die Autoren sehen deshalb keinen Grund für ein routinemäßiges Schilddrüsen-Screening ohne Beschwerden. Bei schweren und hartnäckigen Verläufen raten sie aber zur Aufmerksamkeit für ein späteres Schilddrüsenrisiko.

Diffus

Telogen-Effluvium

Haare fallen überall verstärkt aus, oft schubweise und zwei bis drei Monate nach einem Auslöser. Die Kopfhaut sieht gesund aus. Mögliche Glieder: Schilddrüse, Eisen, Fieber, Geburt, Operation.

Muster

Weibliches Muster

Das Haar wird allmählich dünner, vor allem in der Mitte des Kopfes, und der Scheitel erscheint breiter. Häufig spielt eine erbliche Veranlagung mit.

Kreisrund

Alopecia areata

Runde, glatte, kahle Stellen, manchmal plötzlich. Das Immunsystem ist beteiligt. Das gehört in dermatologische Hände.

Mischformen kommen vor. Ein Telogen-Effluvium tritt laut Rebora oft zusammen mit dem erblich bedingten Haarausfall auf.

Und Vitamin D? In der Kairoer Studie lag das gemessene Vitamin D bei Frauen mit Telogen-Effluvium im Mittel bei 28,8 nmol/l, in der Vergleichsgruppe bei 118,2 nmol/l. Beim kreisrunden Haarausfall war der Vitamin-D-Mangel in der Bostoner Meta-Analyse die am stärksten gehäufte Begleiterkrankung. Ob ein niedriger Spiegel Ursache oder Folge ist, ist offen. Ein Messwert ist trotzdem leicht zu bekommen und gehört ins Gesamtbild.

Der Reframe

Runde kahle Stellen sind keine Pflegefrage und kein Zeichen, dass du etwas falsch gemacht hast. Sie sind ein Signal des Immunsystems. Das verdient eine dermatologische Abklärung und einen Blick auf das ganze Immunsystem, auch auf die Schilddrüse. Wie Autoimmunität bei Hashimoto entsteht, steht in Hashimoto: Ursachen im Immunsystem.

Wenn du runde kahle Stellen entdeckst, stell dich zeitnah dermatologisch vor und erwähne dort deine Hashimoto-Diagnose. Hast du kreisrunden Haarausfall und Beschwerden wie Müdigkeit, Frieren oder Herzrasen, sind TSH und Schilddrüsen-Antikörper eine sinnvolle Ergänzung.

Und jetzt weißt du, warum kreisrunder Haarausfall und Hashimoto zwei Ausdrucksformen derselben Neigung des Immunsystems sein können.

Kann L-Thyroxin selbst Haarausfall auslösen?

Die Diagnose steht, du nimmst seit ein paar Wochen deine Tablette. Und ausgerechnet jetzt liegen mehr Haare im Waschbecken als vorher.

L-Thyroxin kostet nach der Fachinformation nur selten Haare, und dann meist vorübergehend. Dosis und Einnahme gehören trotzdem zur Kette.

Dazu gibt es eine nüchterne Information aus der Zulassung. In der US-amerikanischen Fachinformation eines Levothyroxin-Präparats steht Haarausfall in der Liste der Nebenwirkungen. Im Abschnitt zur Aufklärung heißt es außerdem, ein teilweiser Haarausfall könne in den ersten Behandlungsmonaten selten auftreten und sei meist vorübergehend.

Warum das so sein könnte, ist nicht abschließend untersucht. Eine plausible Erklärung liefert der Haarzyklus. Wenn Haarwurzeln nach einer langen Flaute wieder in die Wachstumsphase starten, können neue Haare die alten, ruhenden Haare hinausschieben. Headington beschrieb Muster, bei denen ruhende Haare früher abgestoßen werden als sonst. Für L-Thyroxin ist dieser Weg allerdings nicht direkt belegt.

Ein zweiter Weg ist besser verstanden: zu viel Hormon. Liegt die Dosis höher als nötig, entsteht eine Überfunktion von außen. Und eine Überfunktion kann, wie oben beschrieben, selbst Haarausfall begünstigen.

Medikation: bitte nichts allein verändern

L-Thyroxin wird wegen Haarausfall nicht eigenmächtig abgesetzt, reduziert oder erhöht. Eine unbehandelte Unterfunktion ist selbst ein bekannter Auslöser von diffusem Haarausfall. Wenn dir in den ersten Monaten verstärkter Haarausfall auffällt, sprich deine Praxis darauf an. Dann lässt sich prüfen, ob die Dosis passt und ob andere Glieder der Kette fehlen.

Der Reframe

Haarausfall in den ersten Behandlungsmonaten kann Teil eines Umbaus sein und muss kein Rückschritt sein. Ob das bei dir so ist, entscheidet nicht die Hoffnung, sondern das Gespräch mit deiner Praxis und ein Blick auf die Werte.

Notiere dir, wann du mit L-Thyroxin begonnen hast und wann die Dosis zuletzt verändert wurde. Leg dieses Datum neben den Beginn des Haarausfalls. Liegen dazwischen wenige Wochen bis Monate, ist das ein wichtiger Hinweis für das Gespräch. Wenn trotz guter Werte Beschwerden bleiben, findest du weitere mögliche Gründe in Symptome trotz L-Thyroxin.

Und jetzt weißt du, warum die Tablette nur selten selbst Haare kostet und warum ihre Dosis und ihre Einnahme trotzdem zur Kette gehören.

Welche Rolle spielt Stress für Haare und Schilddrüse?

Eine Prüfung, eine Trennung, die Pflege eines Angehörigen, ein Jahr im Dauerlauf. Viele Menschen erzählen mir, dass ihr Haarausfall in einer Zeit begann, die ohnehin zu viel war.

Stress kann über Nervensystem und Immunsystem an der Haarwurzel ziehen. Hier kommt die vierte Linse der KPNI ins Spiel, das Nervensystem.

Pilotstudie, n=33Prüfungsstress und Haarwachstum

Eva Peters und ihr Team aus der Psycho-Neuro-Immunologie der Charité Berlin und der Universität Gießen haben Medizinstudentinnen durch ihre Abschlussprüfung begleitet. 18 Frauen standen vor dem Examen, 15 dienten als Vergleich. Gemessen wurde an drei Zeitpunkten im Abstand von zwölf Wochen.

In der Prüfungsgruppe stieg das Stresserleben, und die Balance der Botenstoffe des Immunsystems verschob sich in Richtung einer TH1-Antwort. Zugleich veränderten sich die Haarparameter im Trichogramm. Die Veränderungen blieben im physiologischen Rahmen, und zum Prüfungszeitpunkt unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant.

Für dich heißt das: Starker Stress kann über das Immunsystem das Haarwachstum vorübergehend bremsen. Dramatisch muss das nicht sein. Es kann aber ein zusätzliches Glied in einer Kette sein, die ohnehin schon gespannt ist.

Peters EMJ et al. PLoS One. 2017;12(4):e0175904. DOI: 10.1371/journal.pone.0175904
Tiermodell, MausDas Stresshormon hält die Wurzel in Ruhe

Eine Gruppe um Ya-Chieh Hsu an der Harvard University hat an Mäusen untersucht, wie Stress auf die Stammzellen der Haarfollikel trifft.

Unter chronischem Stress hielt das Stresshormon Corticosteron, das Gegenstück zum menschlichen Cortisol, die Stammzellen länger in Ruhe. Die Follikel blieben in einer verlängerten Ruhephase. Der Weg führte über ein Signal namens GAS6 in der dermalen Papille, dem Steuerzentrum an der Basis des Haares.

Für dich heißt das: Hier zeigt sich ein möglicher Mechanismus. Ob es beim Menschen genauso abläuft, ist nicht belegt.

Choi S et al. Nature. 2021;592(7854):428-432. DOI: 10.1038/s41586-021-03417-2

Stress berührt außerdem die Schilddrüse selbst. Hohe Cortisolspiegel können die Umwandlung von T4 in T3 verschieben, wie in T4 wird nicht zu T3 beschrieben. Haarwurzel und Schilddrüse hören also auf dasselbe Stresssignal.

Der Reframe

Stress ist kein Vorwurf. Niemand hat seinen Haarausfall durch falsches Denken verdient. Stress ist ein biologisches Signal, das Haarwurzel, Immunsystem und Schilddrüse gleichzeitig erreicht.

Ihn ernst zu nehmen heißt nicht, die Psyche statt des Körpers zu behandeln. Es heißt, beides zusammen zu sehen.

Ein realistischer Anfang ist eine feste Erholungsinsel pro Tag, die nicht verhandelbar ist. Zehn Minuten ohne Bildschirm, ein Spaziergang, ein ruhiger Atemrhythmus. Klein genug, damit du sie jeden Tag einhalten kannst.

Und jetzt weißt du, warum dieselbe Phase, die dich erschöpft, auch an deinen Haaren und an deiner Schilddrüse ziehen kann.

Was kannst du jetzt konkret tun?

Vielleicht fühlt sich das alles nach viel an. Hormon, Eisen, Umwandlung, Immunsystem, Stress. Die gute Nachricht: Du musst nicht alles auf einmal angehen.

Es geht nicht um Eitelkeit. Es geht darum, morgens in den Spiegel zu schauen und dich wiederzuerkennen. Kräftige Haare sind kein Luxus. Sie können ein Zeichen sein, dass die Kette dahinter wieder trägt.

Hier sind drei Schritte, die du sofort angehen kannst.

1

Zeitleiste statt Zufall

Schreib auf, wann der Haarausfall begann und was in den drei bis vier Monaten davor geschah: Fieber, Geburt, Operation, Diät, neue Medikamente, Dosisänderungen, starke Blutungen, belastende Phasen. Notiere auch, ob die Haare überall, am Scheitel oder an runden Stellen ausfallen. Fotos vom Scheitel im gleichen Licht machen Veränderungen vergleichbar.

2

Das Labor als Kette lesen

Bitte um TSH, freies T4, freies T3 und Schilddrüsen-Antikörper aus derselben Blutabnahme. Dazu Ferritin, Transferrinsättigung, CRP und ein Blutbild. Je nach Situation können Vitamin D, Zink und Vitamin B12 sinnvoll sein. Nimmst du Biotin, sprich vor der Blutabnahme darüber.

3

Eisen und Hormon zeitlich trennen

Nimm Eisen nicht zusammen mit L-Thyroxin. Den Abstand legst du mit deiner Praxis fest. Steigt der Speicher trotz Einnahme nicht, frag nach dem Warum: Blutung, Magen, Darm oder eine Schilddrüse, die noch nicht passend eingestellt ist.

Wann du zeitnah ärztlich abklären lassen solltest

  • Runde, kahle Stellen oder Haarverlust an Augenbrauen, Wimpern oder am Körper. Das gehört dermatologisch abgeklärt.
  • Gerötete, schuppende, schmerzende oder vernarbende Kopfhaut. Hier sind andere Ursachen als ein Telogen-Effluvium möglich.
  • Haarausfall mit Herzrasen, Zittern, innerer Unruhe und Gewichtsverlust. Das kann auf eine Überfunktion hinweisen, auch auf eine zu hohe L-Thyroxin-Dosis.
  • Haarausfall mit ausgeprägter Müdigkeit, Kälteempfindlichkeit und Gewichtszunahme. Das kann auf eine Unterfunktion hinweisen.
  • Sehr starke oder neue Blutungen, auch Blut im Stuhl. Die Ursache des Eisenverlusts gehört gefunden, nicht nur der Speicher aufgefüllt.
  • Haarausfall nach Beginn eines neuen Medikaments oder nach einer Dosisänderung. Bitte nichts eigenmächtig absetzen, sondern das Gespräch suchen.
Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt

Eine Geburt ist ein bekannter Auslöser eines Telogen-Effluviums. In dieser Zeit kann sich zudem die Schilddrüse verändern. In Schwangerschaft und Stillzeit gelten für Schilddrüse und Eisen eigene Regeln. Das gehört in eine engmaschige ärztliche Betreuung.

Gut belegt

Unter- und Überfunktion können diffusen Haarausfall begünstigen. Ferritin und Schilddrüsenwerte gehören zur Abklärung. Hashimoto tritt bei kreisrundem Haarausfall gehäuft auf. Eisen stört die Aufnahme von L-Thyroxin. Sehr hohe Selenmengen können Haarausfall auslösen.

Mechanistisch plausibel

Schilddrüsenhormone steuern die Haarwurzel direkt, gezeigt an Organkulturen. Die Haarwurzel kann T4 vermutlich selbst in T3 umwandeln. Eisenmangel dämpft die Hormonbildung über die Thyreoperoxidase. Stress verlängert im Tiermodell die Ruhephase.

Offen

Welcher Ferritin-Wert für Haare optimal ist. Ob das Auffüllen eines Speichers ohne Anämie den Haarausfall verändert. Ob eine gestörte Umwandlung beim Menschen Haare kostet. Ob ein niedriges Vitamin D Ursache oder Folge ist.

Klinische Beobachtung

Dass bei Haarausfall mit behandelter Schilddrüse häufig der Eisenspeicher die Lücke ist, sehe ich in meiner Sprechstunde immer wieder. Das ist Erfahrung und kein Studienergebnis.

Der Reframe zum Schluss

Shampoo pflegt das Haar, das schon gewachsen ist. Die Wurzel braucht etwas anderes: Hormon, Eisen, Bausteine und Ruhe. Das ist kein Argument gegen Pflege. Es ist ein Argument dafür, die Reihenfolge zu kennen.

Und jetzt weißt du, warum es sich lohnt, deine Haare nicht als Pflegeproblem zu lesen, sondern als Nachricht aus deinen Wurzeln.

Häufige Fragen zu Haarausfall und Schilddrüse

Kann eine Schilddrüsenunterfunktion Haarausfall verursachen?

Ja, eine Unterfunktion gilt als bekannte Ursache von diffusem Haarausfall. In Laborversuchen an menschlichen Haarfollikeln verlängerte T4 die Wachstumsphase, und T3 und T4 senkten das Absterben der Zellen in der Haarmatrix. Fehlt Hormon, kann die Haarwurzel also früher in die Ruhephase wechseln. In einer Klinikauswertung von 500 Frauen mit Telogen-Effluvium hatten 150 eine Unterfunktion, und bei ihnen war der Haarausfall am stärksten. Sichtbar wird der Ausfall oft erst Wochen bis Monate nach Beginn der Störung.

Kann auch eine Überfunktion zu Haarausfall führen?

Ja. Ein Mangel wie ein Überschuss an Schilddrüsenhormon kann den Haarzyklus stören und ein Telogen-Effluvium begünstigen. In derselben Auswertung von 500 Frauen hatten 102 eine Überfunktion. Auch eine zu hohe Dosis L-Thyroxin kann eine Überfunktion von außen erzeugen. Herzrasen, Zittern, innere Unruhe und Gewichtsverlust sind Gründe für eine zeitnahe ärztliche Kontrolle.

Warum fallen meine Haare aus, obwohl meine Schilddrüse gut eingestellt ist?

Weil Haare an mehreren Fäden hängen. Mögliche weitere Glieder sind ein knapper Eisenspeicher, eine verzögerte Reaktion auf einen früheren Auslöser, kreisrunder Haarausfall als Autoimmunerkrankung, Stress oder ein erblich bedingtes Dünnerwerden. Bei Hashimoto tritt gehäuft eine Autoimmungastritis auf, die die Eisenaufnahme verschlechtern kann. Und Eisen, das zusammen mit L-Thyroxin eingenommen wird, kann die Aufnahme des Hormons stören. Ein TSH im Zielbereich ist deshalb eine Voraussetzung, aber nicht die ganze Antwort.

Wie lange dauert es, bis die Haare wieder nachwachsen?

Geduld gehört dazu. Ein Telogen-Effluvium klingt nach einer Übersichtsarbeit meist innerhalb von drei bis sechs Monaten ab, wenn der Auslöser wegfällt oder behandelt wird. Bis nachwachsende Haare sichtbar Länge haben, braucht es zusätzlich Zeit. Ein chronisches Telogen-Effluvium kann nach derselben Arbeit drei bis zehn Jahre bis zur spontanen Besserung brauchen. Bleibt nach einem halben Jahr jede Besserung aus, lohnt sich ein zweiter Blick auf die übrigen Glieder der Kette.

Welche Blutwerte sind bei Haarausfall und Schilddrüse sinnvoll?

Eine Übersichtsarbeit empfiehlt bei diffusem Haarausfall ohne erkennbare Ursache Ferritin sowie T3, T4 und TSH, dazu Blutbild und Urin. Bei Hashimoto oder einem Verdacht darauf kommen die Schilddrüsen-Antikörper hinzu. Weil Ferritin bei Entzündungen ansteigen kann, sind Transferrinsättigung und CRP für die Einordnung nützlich. Je nach Situation können Vitamin D, Zink und Vitamin B12 sinnvoll sein. Wenn du Biotin nimmst, sprich vor der Blutabnahme darüber, weil es manche Schilddrüsentests verfälschen kann.

Welcher Ferritin-Wert ist bei Haarausfall wichtig?

Einen eindeutig belegten Zielwert für die Haare gibt es nicht, die Studien widersprechen sich. In einer Studie aus Kairo lagen die Trennwerte für Ferritin bei Haarausfall bei 27,5 und 29,4 µg/l, also über der klassischen Mangelgrenze von 15 µg/l. Eine Studie der Duke University fand dagegen bei Haarausfall keinen häufigeren Eisenmangel als bei Frauen ohne Haarausfall. In meiner Praxis orientiere ich mich bei Haarausfall mit Schilddrüsenbezug an einem deutlich höheren Ferritin, häufig über 100 µg/l. Das ist eine klinische Haltung und keine Leitlinienempfehlung.

Warum steigt mein Ferritin trotz Eisentabletten nicht?

Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe. Bei Hashimoto tritt gehäuft eine Autoimmungastritis auf, bei der der Magen weniger Säure bildet und Eisen schlechter aufgenommen wird. Laufende Verluste, etwa durch starke Regelblutungen, können die Zufuhr übersteigen. Bei gleichzeitiger subklinischer Unterfunktion stiegen Hämoglobin und Ferritin in zwei randomisierten Studien unter Eisen plus L-Thyroxin deutlich stärker als unter Eisen allein. Was davon bei dir zutrifft, gehört in eine ärztliche Abklärung.

Darf ich Eisen und L-Thyroxin gleichzeitig einnehmen?

Besser nicht. In einer Studie mit 14 Menschen stieg das TSH im Mittel von 1,6 auf 5,4 mU/l, als sie zwölf Wochen lang Eisensulfat zusammen mit ihrem L-Thyroxin nahmen. Neun von ihnen bekamen wieder mehr Zeichen einer Unterfunktion. Eisen bindet Thyroxin und kann so dessen Aufnahme verringern. Den passenden zeitlichen Abstand legst du mit deiner Praxis fest.

Kann L-Thyroxin selbst Haarausfall auslösen?

Selten und meist vorübergehend. Die US-Fachinformation eines Levothyroxin-Präparats nennt Haarausfall unter den Nebenwirkungen und erwähnt einen seltenen, teilweisen Haarausfall in den ersten Behandlungsmonaten, der meist vorübergeht. Eine zu hohe Dosis kann über eine Überfunktion ebenfalls Haare kosten. L-Thyroxin wird deshalb nicht eigenmächtig abgesetzt oder verändert. Wenn dir Haarausfall nach Beginn der Behandlung oder nach einer Dosisänderung auffällt, sprich deine Praxis an.

Bringt Selen etwas gegen Haarausfall bei Hashimoto?

Belastbare Studien dazu, dass Selen den Haarausfall bei Hashimoto verändert, habe ich nicht gefunden. Selen ist ein Baustein der Enzyme, die T4 in T3 umwandeln. Gleichzeitig ist Haarausfall genau das Zeichen, an dem die EFSA 2023 die tolerierbare Höchstmenge von 255 Mikrogramm pro Tag für Erwachsene festgemacht hat. Bei einem Ausbruch durch ein Präparat mit dem 200-Fachen der angegebenen Selenmenge berichteten 72 Prozent der Erkrankten über Haarausfall. Mehr Selen ist für die Haare also nicht automatisch besser.

Hängen Hashimoto und kreisrunder Haarausfall zusammen?

Ja, beide treten gehäuft gemeinsam auf. In einer Meta-Analyse aus 102 Studien lag die Odds Ratio für Hashimoto bei Menschen mit kreisrundem Haarausfall bei 4,31. Eine weitere Meta-Analyse fand vor allem häufiger Schilddrüsen-Antikörper, aber nicht häufiger eine diagnostizierte Über- oder Unterfunktion. Runde, kahle Stellen gehören in eine dermatologische Abklärung, und bei Hashimoto lohnt es sich, das dort zu erwähnen.

Spielt Vitamin D eine Rolle beim Haarausfall?

Es gibt deutliche Zusammenhänge, aber keine geklärte Ursache. In einer Studie aus Kairo lag das gemessene Vitamin D bei Frauen mit Telogen-Effluvium im Mittel bei 28,8 nmol/l, in der Vergleichsgruppe bei 118,2 nmol/l. Bei kreisrundem Haarausfall war ein Vitamin-D-Mangel in einer großen Meta-Analyse besonders stark gehäuft. Ob ein niedriger Spiegel Ursache oder Folge ist, ist offen. Ein Messwert ist leicht zu bekommen und gehört ins Gesamtbild.

Welche Rolle spielt Zink bei Haarausfall und Schilddrüse?

Zink und Schilddrüse beeinflussen sich gegenseitig. Zink wird für die Bildung von Schilddrüsenhormon gebraucht, und Schilddrüsenhormon ist für die Zinkaufnahme wichtig. In einer koreanischen Studie lag das Zink bei Haarausfall im Mittel bei 84,3 µg/dl, bei Gesunden bei 97,9 µg/dl. Ein Fallbericht beschreibt Haarausfall bei Unterfunktion, der sich erst nach zusätzlichem Zink besserte. Zink gehört gemessen und ärztlich besprochen, bevor du es dauerhaft nimmst.

Kann Stress den Haarausfall verstärken?

Das ist plausibel und teilweise belegt. In einer Pilotstudie der Charité verschob Prüfungsstress bei Medizinstudentinnen die Immunantwort und bremste vorübergehend das Haarwachstum, allerdings im physiologischen Rahmen. Im Mausmodell hielt das Stresshormon Corticosteron die Haarfollikel länger in der Ruhephase. Stress kann außerdem die Umwandlung von T4 in T3 beeinflussen. Er kann damit ein zusätzliches Glied der Kette sein.

Wo das Thema weitergeht

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Approbierter Arzt mit Schwerpunkt Integrative Medizin und Klinische Psychoneuroimmunologie. Bei Haarausfall interessiert mich weniger, welches Mittel auf die Kopfhaut kommt, sondern welches Glied der Kette darunter fehlt. Dabei trenne ich sichtbar, was Studien belegen und was Erfahrung ist.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Er soll dir helfen, die richtigen Fragen zu stellen, wenn du das nächste Mal mit einem Befund und einer vollen Bürste in der Praxis sitzt.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli · Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin · vivecura.com

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Transparenz zur Evidenz Gut belegt ist, dass Unter- und Überfunktion der Schilddrüse diffusen Haarausfall begünstigen können und dass Eisen die Aufnahme von L-Thyroxin stört. Das gehäufte gemeinsame Auftreten von Hashimoto und kreisrundem Haarausfall stützen mehrere Meta-Analysen. Die direkten Effekte von T3 und T4 auf die Haarwurzel stammen aus Organkulturen menschlicher Haarfollikel im Labor, nicht aus Studien an lebenden Menschen. Der Stressmechanismus über GAS6 ist ein Mausmodell. Die Zinkdaten stammen aus einer Fall-Kontroll-Studie und einem einzelnen Fallbericht. Die Studien zu Ferritin und Haarausfall widersprechen sich, und ob das Auffüllen eines Eisenspeichers ohne Anämie den Haarausfall verändert, ist offen. Die beiden randomisierten Studien zu Eisen und L-Thyroxin maßen Blutwerte, keine Haare. Die Angabe zu Ferritin über 100 µg/l stammt aus einer Übersichtsarbeit und betrifft Beschwerden einer Unterfunktion allgemein. Eine Studie, die Haarausfall bei behandelter Schilddrüse gezielt nach Ferritin, Umwandlung und Autoimmunität aufschlüsselt, habe ich nicht gefunden. Die Angaben zu L-Thyroxin und Haarausfall stammen aus einer US-Fachinformation. Für dieses Thema existieren bisher wenige große Humanstudien. Die hier präsentierten Zusammenhänge stützen sich teilweise auf physiologische Grundlagen, mechanistische Studien an menschlichem Gewebe und Tiermodelle. Das ist biologisch plausibel, aber noch nicht mit der gleichen Sicherheit belegt wie durch große randomisierte Studien. Die Patientengeschichte ist zusammengesetzt und anonymisiert und beschreibt einen zeitlichen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Therapieentscheidung.

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