Ratgeber Ketamin · Spoke 22

Ketamin-Halluzinationen: Was im Trip wirklich passiert

„Halluzination" ist ein zu plumpes Wort für das, was Ketamin im Bewusstsein anstellt. Was Menschen erleben, ist ein abgestuftes Spektrum von Wahrnehmungs-Veränderungen, das von leichter Verzerrung bis zum vollständigen Ego-Loss reicht. Dieses Spoke erklärt jede Stufe, was sie für die Person bedeutet, und warum die gleiche Substanz im begleiteten Setting als hilfreich und im ungeschützten Setting als bedrohlich erlebt werden kann.

Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Wer noch nie Ketamin erlebt hat, denkt bei „Halluzinationen" meist an Filmszenen: rosa Elefanten, sprechende Wände, Stimmen, die Befehle geben. Das ist nicht, was Ketamin tut. Was es tut, ist subtiler und gleichzeitig tiefer. Die Wahrnehmung wird neu konfiguriert. Der Körper wird zur Hülle, Zeit wird flüssig, das Ich wird durchlässig.

In diesem Spoke gehe ich systematisch die Stufen durch, die Patienten in meiner Praxis beschreiben und die in der phänomenologischen Forschung dokumentiert sind. Wenn du verstehen willst, was deine Tante in der Klinik oder dein Freund auf dem Festival erlebt hat, hier ist die Landkarte.

Bevor du weiterliest

Ketamin ist kein harmloses Mittel. Es kann Blutdruck und Puls steigern, Aufmerksamkeit und Gedächtnis für Stunden beeinträchtigen, und bei häufigem Konsum können Blase und Gedächtnis dauerhaft Schaden nehmen. Nicht geeignet ist es unter anderem bei unbehandeltem Bluthochdruck, Herz- und Gefäßerkrankungen, erhöhtem Hirn- oder Augeninnendruck, schwerer Leber- oder Nierenerkrankung, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Suchterkrankung in der Vorgeschichte und bei Psychose in der Vorgeschichte. Nach einer Sitzung darfst du 24 Stunden nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen. Zusammen mit Alkohol, Opioiden, Benzodiazepinen oder Stimulanzien steigt das Risiko deutlich, unter anderem für eine gefährlich flache Atmung.

Ketamin ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Für Ketamin-Infusionen bei Depression gibt es keine Zulassung, das ist ein Off-Label-Einsatz. Zugelassen ist bisher nur Esketamin als Nasenspray, und zwar unter engen Bedingungen. Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht. Ob eine Behandlung für dich überhaupt in Frage kommt, kann nur im persönlichen Gespräch nach sorgfältiger Anamnese geklärt werden. Eine laufende antidepressive Medikation setzt du bitte nie eigenmächtig ab.

Wenn du an Suizid denkst, hol dir bitte sofort Hilfe: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenlos. Im Notfall 112.

Was beschrieben wird

Was Menschen unter Ketamin erleben, ist in der phänomenologischen Literatur beschrieben. Häufig genannt werden geometrische Muster hinter geschlossenen Augen, ein verändertes Körpergefühl und der Eindruck, sich selbst von außen zu betrachten. Manche berichten danach nicht, dass die Schwere weg sei, sondern dass ein Abstand zu ihr entstanden sei.

Wie stark das auftritt und ob überhaupt, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Aus solchen Beschreibungen lässt sich weder ein Behandlungserfolg noch eine Ursache-Wirkung-Beziehung ableiten.

Was passiert pharmakologisch im Gehirn

Ketamin blockiert den NMDA-Rezeptor. Das ist der gut belegte Kern seiner Wirkung [1]. Wie daraus die veränderte Wahrnehmung entsteht, ist deutlich weniger klar. Ein verbreitetes Modell ist, dass die normale Verarbeitung sensorischer Information gestört wird und dass der Thalamus, der Sinnesreize filtert und integriert, dabei anders arbeiten könnte. Das ist eine Erklärung, kein gemessener Befund. Was sich sagen lässt: was die Person erlebt, ist nicht Einbildung.

Drei Mechanismen werden dafür diskutiert:

  • Sensorische Disintegration: Visuelle, auditive und propriozeptive Reize werden möglicherweise nicht mehr zu einem einheitlichen Bild zusammengeführt.
  • Default Mode Network: Diskutiert wird, dass das Netzwerk, das unser Selbst-Bezugs-Erleben mit erzeugt, unter Ketamin anders arbeitet. Ob dieser Befund das Gefühl der Ich-Auflösung erklärt, ist offen. Die bildgebenden Daten sind uneinheitlich, und ein Teil der Modelle stammt aus der Forschung an klassischen Psychedelika.
  • Glutamat-Spitze in präfrontalen Bereichen: Was nach der Sitzung als BDNF-vermittelte Neuroplastizität wirken könnte, könnte während der Sitzung zum intensiven subjektiven Erleben beitragen. Auch das ist ein Modell und kein gemessener Befund.
Reframe

Ketamin-Phänomene sind keine Halluzinationen im klassischen Sinn. Eine echte Halluzination bei Psychose wird als Realität bewertet, nicht als Substanzeffekt. Was Ketamin auslöst, ist eine veränderte Wahrnehmungs-Konfiguration, die in der Regel als substanzinduziert erkannt bleibt. Diese Unterscheidung ist nicht nur akademisch, sie ist therapeutisch wichtig. Harmlos macht sie die Erfahrung aber nicht. Ketamin kann auch Phänomene erzeugen, die psychotischen Symptomen ähneln, dazu weiter unten mehr.

Die fünf Stufen des Ketamin-Erlebens

Ich beschreibe hier, was Menschen erleben, nicht wie man es herstellt. Deshalb findest du keine Dosis-Angaben und keine Hinweise, wie eine bestimmte Tiefe erreicht wird. Wie tief das Erleben geht, ist individuell sehr verschieden. Welche Tiefe im therapeutischen Rahmen sinnvoll sein kann, wird individuell entschieden, gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Die folgende Stufung ist eine Beschreibungshilfe aus der Erfahrungsliteratur, kein validiertes klinisches Modell.

1
Leichteste Ebene

Stufe 1: Leichte Wahrnehmungs-Anhebung

Stimmung kann sich leicht heben. Sinneseindrücke wirken etwas intensiver. Manche beschreiben „Watte um den Kopf". Die Realitätswahrnehmung bleibt weitgehend unverändert.

2
Mild dissoziativ

Stufe 2: Visuelle und körperliche Veränderung

Geometrische Muster mit geschlossenen Augen, fließende Farben. Der Körper kann „schwer" oder „leicht" wirken. Geräusche scheinen verändert. Die Person weiß in der Regel, wer sie ist und wo sie ist. Die Orientierung bleibt in dieser Ebene meist erhalten, verlässlich vorhersagen lässt sich das aber nicht.

3
Deutlich dissoziativ

Stufe 3: Verändertes Selbst-Erleben, Out-of-Body

Diese Ebene wird in der Literatur zur ketamin-assistierten Psychotherapie häufig beschrieben. Die Person kann sich „neben sich" oder „über sich" sehen. Erinnerungen oder Bilder können ungefiltert hochkommen. Die Zeitwahrnehmung kann sich strecken. Reflexion bleibt meist möglich. Wie stark das auftritt, ist individuell sehr verschieden.

4
Tiefe Dissoziation

Stufe 4: Ego-Loss und mystisches Erleben

Die Selbst-Grenzen lösen sich. Die Person kann sich als „Teil von allem" oder als „nichts mehr" erleben. Manche berichten kosmische oder spirituelle Eindrücke. Verbale Kommunikation wird schwierig. In einem begleiteten Setting kann das als bedeutsam erlebt werden. Allein erlebt ist es häufig angstauslösend.

5
Vollständige Dissoziation

Stufe 5: Vollständige Dissoziation (K-Hole)

Komplette Trennung vom Körper und der Umgebung. Bewusstsein ist da, aber nicht mehr in der gewohnten Form. Die Person kann sich nicht bewegen, oft auch nicht sprechen. Wie lange dieser Zustand anhält, ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von Substanz, Menge und Aufnahmeweg ab. Verlass dich deshalb nicht auf eine Uhrzeit. Außerhalb einer Behandlung wird dieser Zustand teilweise gezielt gesucht. Das ist besonders gefährlich, unter anderem weil die Person an Erbrochenem ersticken kann. Wenn jemand nicht ansprechbar ist, schwer atmet oder erbricht: sofort 112. Mehr im Spoke zum K-Hole.

Was im Detail erlebt wird

Visuelle Phänomene

Geschlossene Augen: geometrische Muster, oft mandala-artig, fließend, in Farben die als „intensiver als echt" beschrieben werden. Offene Augen: Verzerrungen von Raum und Tiefe, Objekte können näher oder ferner wirken, manchmal „atmen" Oberflächen oder scheinen sich zu bewegen. Echte Halluzinationen, also Gegenstände, die nicht da sind, werden im therapeutischen Rahmen seltener beschrieben. Ausschließen lässt sich das nicht.

Auditive Phänomene

Eigene Stimme kann fremd klingen. Musik wird oft als intensiv emotional erlebt. Manche beschreiben „Klangwelten" mit geschlossenen Augen. Stimmen mit klarem Inhalt, wie sie bei einer Psychose auftreten, werden unter Ketamin seltener beschrieben. Das heißt nicht, dass Ketamin keine psychosenahen Phänomene erzeugen kann. Dazu weiter unten mehr.

Körperliche Phänomene

Schwere- oder Leichtigkeitsgefühl. Verlust der Propriozeption. Manche beschreiben „Schweben". Häufig wird der Körper als „nicht meiner" erlebt.

Zeit-Phänomene

Zeit kann sich strecken oder zusammenziehen. Drei Minuten können wie dreißig erlebt werden, oder umgekehrt. Bei den meisten Menschen klingt die veränderte Zeitwahrnehmung mit der Substanzwirkung wieder ab. In seltenen Fällen können Wahrnehmungs-Veränderungen länger nachwirken. Wenn bei dir etwas nicht zurückgeht, sprich das ärztlich an, statt abzuwarten.

Ich-Phänomene

Die Selbst-Grenzen werden durchlässig. Bei tieferen Stufen die berühmte „Ego dissolution". Diese Erfahrung wird in der Psychedelika-Forschung als möglicher Wirkfaktor diskutiert [2].

Studien-Befund Systematische Übersichtsarbeit, 8 Studien

Eine systematische Übersichtsarbeit hat 8 von 556 gesichteten Arbeiten ausgewertet. Alle verglichen das dissoziative Erleben unter Ketamin mit dem Behandlungsergebnis bei Depression. In 3 der 8 Studien, also 37,5 Prozent, zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der Stärke des dissoziativen Erlebens und der Veränderung der Depressions-Werte. Von fünf Studien mit der CADSS-Skala fanden zwei einen solchen Zusammenhang, von sechs Studien mit der BPRS-Skala eine. Die Autoren halten fest, dass die meisten Arbeiten diese Frage gar nicht untersucht haben. Ein Zusammenhang kann also bestehen. Belegt ist er nicht.

Mathai DS, Meyer MJ, Storch EA, Kosten TR. The relationship between subjective effects induced by a single dose of ketamine and treatment response in patients with major depressive disorder: a systematic review. J Affect Disord. 2020;264:123-129. doi:10.1016/j.jad.2019.12.023 [Systematischer Review, Human]

Die vier KPNI-Linsen auf das Trip-Erleben

1. Nervensystem

Belegt ist die Blockade des NMDA-Rezeptors. Diskutiert werden darüber hinaus eine veränderte Aktivität im Default Mode Network und in thalamischen Verschaltungen. Ob sich die Wahrnehmungs-Veränderung daraus erklärt, ist ein Modell und kein gesicherter Befund.

2. Immunsystem

Eine akute neuroinflammatorische Modulation wird als Beitrag zu den länger anhaltenden Effekten diskutiert. Belegt ist das nicht. Für das unmittelbare Erleben während der Sitzung ist eine direkte Rolle des Immunsystems bisher nicht beschrieben.

3. Stoffwechsel

Hepatische Verstoffwechselung über CYP3A4 und CYP2B6. Der aktive Metabolit Norketamin könnte zur längeren Wirkdauer beitragen. Stoffwechsel-Unterschiede könnten mit erklären, warum manche Menschen länger oder tiefer im veränderten Zustand bleiben. Weil dieselben Enzyme viele Medikamente abbauen, sind Wechselwirkungen möglich.

4. Hormonsystem

In einer kontrollierten Untersuchung an gesunden Freiwilligen stiegen unter Ketamin Cortisol und Prolaktin dosisabhängig an, ebenso leicht der Blutdruck [9]. Ob das die emotionale Intensität des Erlebens mit beeinflusst, ist eine naheliegende Überlegung, belegt ist sie nicht.

Warum das Setting alles ändert

Das gleiche Phänomen, etwa Ego-Loss in Stufe 4, kann in zwei Settings völlig unterschiedlich erlebt werden.

Setting-Effekt

In einem geschützten Rahmen mit ärztlicher Begleitung, vorbereiteter Person, ruhiger Musik und einer klaren Intention wird ein Ego-Loss in der Literatur häufiger als tragfähig beschrieben. Aus solchen Beschreibungen lässt sich kein Behandlungserfolg ableiten.

Im Festival-Setting mit lauter Musik, unbekannten Menschen und ohne Vorbereitung: das gleiche Phänomen kann als bedrohlich erlebt werden. Angst, Verwirrung, in seltenen Fällen panik-artige Reaktionen oder Psychose-Reaktivierung.

Die Substanz ist die gleiche. Was die Erfahrung verändert, ist Set (innere Verfassung der Person) und Setting (äußere Umgebung).

Worum es eigentlich geht

Ein Perspektivwechsel ist noch keine Veränderung

Was in solchen Zuständen beschrieben wird, ist selten die Auflösung eines Problems. Häufiger ist es ein veränderter Blickwinkel darauf. Dieser Blickwinkel ist noch nicht die Behandlung. Er kann höchstens ein Fenster sein, in das die eigentliche Arbeit hineingehen kann. Ob daraus etwas Bleibendes wird, entscheidet sich danach, nicht währenddessen.

Was bei häufigem Konsum dokumentiert ist

Dieser Text beschreibt Erleben. Zum vollständigen Bild gehört, was an Schäden beschrieben ist. Das gehört hierher, auch wenn es die Faszination stört.

Studien-Befund Übersichtsarbeit, Human

Eine Übersichtsarbeit hat die Literatur zu den körperlichen, psychischen und sozialen Folgen des Ketaminkonsums zusammengetragen. Beschrieben wird vor allem eine Entzündung der Blase, die sehr schmerzhaft werden kann und besonders mit häufigem Konsum in Verbindung gebracht wird. Dazu kommen Einbußen der Denkleistung, am deutlichsten im Arbeits- und Episodengedächtnis. Viele häufige Konsumierende gaben außerdem an, dass sie aufhören wollten und es nicht geschafft haben.

Morgan CJA, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012;107(1):27-38. doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit, Human]

Auch die akute Seite ist untersucht. In einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Untersuchung an neunzehn gesunden Freiwilligen traten unter subanästhetischer Gabe Verhaltensweisen auf, die den positiven und negativen Symptomen einer Schizophrenie ähnelten. Dazu kamen Wahrnehmungs-Veränderungen und Einbußen bei Aufmerksamkeit, Wortflüssigkeit und verzögertem Erinnern [9]. Dass die meisten Menschen dabei wissen, dass es die Substanz ist, macht die Erfahrung nicht harmlos.

Zum Suchtpotenzial gibt es Hinweise aus dem Tiermodell. Dort verabreichten sich Ratten S-Ketamin selbst, R-Ketamin dagegen nicht. Die Arbeit schließt daraus, dass das Missbrauchspotenzial des racemischen Ketamins vor allem auf dem S-Anteil beruhen könnte [4]. Das sind Tierdaten. Beim Menschen ist das so noch nicht belegt.

Drei Hebel, wenn du mit Ketamin-Phänomenen umgehst

1

Wenn du eine Ketamin-Therapie vorbereitest: Set und Setting klären

Mit deinem Behandlungsteam eine Intention besprechen. Eine ruhige, geschützte Umgebung. Augenmaske, Musik, vertraute Begleitung. Eine solche Vorbereitung kann die Erfahrung erträglicher machen, ohne dass sich an der Pharmakologie etwas ändert. Kontrollierte Studien, die das belegen, kenne ich nicht, es ist eine Erfahrung aus der Praxis und aus der Literatur zu Set und Setting.

2

Wenn ein Zustand angstauslösend wird: ruhig begleiten, im Zweifel den Notruf wählen

Wahrnehmungs-Veränderungen können in den tieferen Ebenen angstauslösend werden, besonders ohne Vorbereitung. Was der Begleitung helfen kann: ruhige Umgebung, wenig Reize, eine vertraute Person daneben, gemeinsam den Atem zählen. Wie lange so ein Zustand anhält, ist sehr unterschiedlich. Das hängt von der Substanz, der Menge, dem Aufnahmeweg und davon ab, was sonst noch im Spiel ist. Verlass dich deshalb nicht auf eine Uhrzeit. Wenn jemand nicht ansprechbar ist, erbricht, schwer atmet, verwirrt bleibt oder du dir unsicher bist: 112 rufen. Ein Notruf ist nie falsch.

3

Nach dem Trip: die Integration nicht überspringen

Was du im veränderten Bewusstseinszustand wahrgenommen hast, kann nur dann Veränderung bringen, wenn du es danach übersetzt. Notiere am gleichen oder nächsten Tag drei Dinge: Was habe ich gespürt? Was habe ich verstanden? Was möchte ich anders machen? Meine Erfahrung ist, dass die Integration mindestens so wichtig sein kann wie die Sitzung selbst. Belegt ist das nicht. Eine kleine offene Studie ohne Kontrollgruppe deutet darauf hin, dass eine begleitende Psychotherapie die Wirkung länger halten könnte. Auch dort wurde ein Teil der Teilnehmenden wieder rückfällig [5].

Häufige Fragen zu Ketamin-Phänomenen

Hat Ketamin Halluzinationen?

Ja, Ketamin kann eine Reihe von dissoziativen und Wahrnehmungs-Phänomenen auslösen. Das Spektrum reicht von milden visuellen Veränderungen über veränderte Zeitwahrnehmung und Out-of-Body-Erleben bis zum tiefen K-Hole. Die Intensität hängt von Dosis, Setting und individueller Reaktion ab. Im Unterschied zu psychotischen Halluzinationen bleibt das Wissen erhalten, dass es substanzinduziert ist.

Was sieht man unter Ketamin?

Häufig beschrieben werden geometrische Muster mit geschlossenen Augen, fließende Farben, Verzerrungen von Raum und Tiefe, manchmal Gesichter oder Landschaften. Die Phänomene sind meist visuell-abstrakt und unterscheiden sich von psychotischen Halluzinationen durch ihre erkennbare Substanzbedingung. Echte „Halluzinationen" im klassischen Sinn, also Gegenstände, die nicht da sind, werden im therapeutischen Rahmen seltener beschrieben. Ausschließen lässt sich das nicht.

Was ist der Unterschied zu Halluzinationen bei Psychose?

Bei psychotischen Halluzinationen wird das Erlebte als real bewertet, oft mit Wahn-Inhalten. Unter Ketamin bleibt in der Regel das Wissen erhalten, dass es eine substanzinduzierte Erfahrung ist. Die Wahrnehmungs-Veränderungen sind zeitlich begrenzt und klingen meist mit der Substanzwirkung ab. In seltenen Fällen können sie länger nachwirken. Diese Reflexionsfähigkeit gilt in der ketamin-assistierten Psychotherapie als wichtig.

Kann Ketamin echte Psychosen auslösen?

Bei Menschen mit Psychose-Vorgeschichte oder Anfälligkeit kann Ketamin eine psychotische Episode reaktivieren oder verlängern. Eine Psychose in der Vorgeschichte gilt deshalb als Gegenanzeige, und eine sorgfältige ärztliche Anamnese vor jeder Behandlung ist Pflicht. Auch bei Gesunden kann Ketamin Phänomene erzeugen, die psychotischen Symptomen ähneln: in einer kontrollierten Untersuchung an gesunden Freiwilligen traten unter subanästhetischer Gabe Symptome auf, die den positiven und negativen Zeichen einer Schizophrenie ähnelten. Bei hoher Dosis und bei Mischkonsum steigt das Risiko deutlich.

Was ist Out-of-Body-Erleben unter Ketamin?

Eine Erfahrung, in der die Person sich außerhalb ihres Körpers wahrnimmt, oft mit einem Gefühl des Schwebens oder von oben Schauens. Diskutiert wird, dass dabei propriozeptive und visuelle Verarbeitung auseinanderlaufen könnten. Ketamin blockiert den NMDA-Rezeptor, was diese Trennung erklären könnte. Bewiesen ist dieser Zusammenhang nicht, es ist ein Modell, kein Befund.

Was ist Ego-Loss?

Der Eindruck, dass die eigene Identität sich auflöst oder mit etwas Größerem verschmilzt. Wird in der Psychedelika-Forschung als „ego dissolution" beschrieben. Kann therapeutisch genutzt werden, kann aber bei unvorbereiteten Personen angstauslösend sein. Ob die Intensität dieser Erfahrung mit der antidepressiven Antwort zusammenhängt, ist offen. In einer systematischen Übersichtsarbeit zeigte sich ein solcher Zusammenhang nur in 3 von 8 untersuchten Studien.

Sind die Phänomene therapeutisch nützlich?

In der ketamin-assistierten Psychotherapie werden dissoziative Phänomene als Fenster für neue Perspektiven genutzt. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass das Erleben eines Ego-Loss mit der antidepressiven Antwort zusammenhängen könnte. Andere Studien fanden diesen Zusammenhang nicht. Dies ist Gegenstand aktiver Forschung. Mehr im Spoke zur Ketamin-assistierten Psychotherapie.

Was tun bei einem unangenehmen Trip?

Im therapeutischen Setting begleitet das Behandlungsteam die Person, achtet auf Kreislauf und Atmung und gibt Orientierung. Bei Konsum außerhalb einer Behandlung: Person in stabile Seitenlage, ruhige Umgebung, eine vertraute Person daneben, kein weiterer Konsum. Verlass dich nicht darauf, dass es nach einer bestimmten Zeit vorbei ist, die Wirkdauer hängt von Substanz, Menge und Aufnahmeweg ab. Wenn jemand nicht ansprechbar ist, erbricht, schwer atmet oder verwirrt bleibt: sofort 112 rufen. Ein Notruf ist nie falsch.

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Verbindungen zu anderen Themen

Tiefste Stufe K-Hole im Detail

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Tätigkeitsschwerpunkte: integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie. Keine Gebietsbezeichnung Psychiatrie. Was Menschen unter Ketamin erleben, ist für mich nicht ein Symptom, das man verstecken muss. Es ist eine Information, die wir gemeinsam lesen lernen.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
  2. Letheby C, Gerrans P. Self unbound: ego dissolution in psychedelic experience. Neurosci Conscious. 2017;2017(1):nix016. doi:10.1093/nc/nix016 [Theoriearbeit]
  3. Mathai DS, Meyer MJ, Storch EA, Kosten TR. The relationship between subjective effects induced by a single dose of ketamine and treatment response in patients with major depressive disorder: a systematic review. J Affect Disord. 2020;264:123-129. doi:10.1016/j.jad.2019.12.023 [Systematischer Review, Human]
  4. Bonaventura J, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [In vivo, Tierstudie: Ratte und Maus]
  5. Wilkinson ST, Wright D, Fasula MK, et al. Cognitive Behavior Therapy May Sustain Antidepressant Effects of Intravenous Ketamine in Treatment-Resistant Depression. Psychother Psychosom. 2017;86(3):162-167. doi:10.1159/000457960 [Offene Studie ohne Kontrollgruppe, Human, n=16]
  6. Morgan CJA, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012;107(1):27-38. doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit, Human]
  7. Stocker K, Hartmann M, Reissmann S, Kist A, Liechti ME. Buddhist-like opposite diminishing and non-judging during ketamine infusion are associated with antidepressant response: an open-label personalized-dosing study. Front Pharmacol. 2022;13:916641. doi:10.3389/fphar.2022.916641 [Offene Studie, Human, n=11]
  8. Carhart-Harris RL, Friston KJ. The default-mode, ego-functions and free-energy: a neurobiological account of Freudian ideas. Brain. 2010;133(Pt 4):1265-1283. doi:10.1093/brain/awq010 [Mechanismus-Review]
  9. Krystal JH, Karper LP, Seibyl JP, et al. Subanesthetic effects of the noncompetitive NMDA antagonist, ketamine, in humans. Psychotomimetic, perceptual, cognitive, and neuroendocrine responses. Arch Gen Psychiatry. 1994;51(3):199-214. doi:10.1001/archpsyc.1994.03950030035004 [RCT, doppelblind, placebokontrolliert, Human, n=19]
  10. Vollenweider FX, Kometer M. The neurobiology of psychedelic drugs: implications for the treatment of mood disorders. Nat Rev Neurosci. 2010;11(9):642-651. doi:10.1038/nrn2884 [Übersichtsarbeit]
  11. Mathew SJ, Shah A, Lapidus K, et al. Ketamine for treatment-resistant unipolar depression: current evidence. CNS Drugs. 2012;26(3):189-204. doi:10.2165/11599770-000000000-00000 [Übersichtsarbeit]
Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine Behandlung. Er ist keine Anleitung zur Anwendung und keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel. Ketamin ist verschreibungspflichtig, der Einsatz bei Depression erfolgt off label. Ob etwas davon für dich in Frage kommt, lässt sich nur im persönlichen Gespräch nach sorgfältiger Anamnese klären. Verordnete Medikamente setzt du bitte nie eigenmächtig ab.

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