Ratgeber Ketamin · Spoke 21

Ketamin-Gefahren: Die ehrliche Übersicht ohne Schwarz-Weiß-Malerei

„Ist Ketamin gefährlich?" ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Welche Risiken hat es in welchem Setting, mit welcher Dosis, bei welchem Menschen? Die Antwort darauf ist nicht ein Gefühl, sondern eine Liste. Hier ist sie, sortiert, ehrlich und ohne Lager-Denken.

Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Wenn das Wort „Ketamin" fällt, geht eine Tür auf, hinter der zwei Lager warten. Das eine ruft: „Wunderdroge gegen Depression". Das andere ruft: „Gefährliche Partydroge, Blasenschäden, Sucht". Beide haben Recht, und beide haben Unrecht. Denn Ketamin ist nicht ein Ding mit einer Wahrheit. Es ist eine Substanz, deren Risikoprofil sich dramatisch ändert, je nachdem wer sie wie nimmt.

Dieser Spoke ist die ehrliche systematische Übersicht. Keine Schreckens-Geschichten, keine Verharmlosung. Stattdessen eine saubere Tabelle: was kann akut passieren, was mittelfristig, was chronisch. Und zwei getrennte Spalten dafür: für den ärztlich begleiteten Einsatz und für den Konsum ohne Rahmen.

Ein wiederkehrendes Muster: Festival-Konsum trifft auf urologische Realität

Eine Konstellation, die mir in der Sprechstunde häufiger begegnet: Patientinnen und Patienten in den Dreißigern, die über Jahre auf Festivals und in Clubs Ketamin konsumiert haben, in Mengen, die in keinem therapeutischen Setting vorkommen. Die Überweisung kommt typischerweise vom Urologen wegen rezidivierender Harnwegsbeschwerden mit Druck beim Wasserlassen, manchmal sichtbarem Blut und krampfartigen Bauchschmerzen.

Was klinisch dahinterstehen kann, ist eine beginnende ketamin-assoziierte Cystitis mit entzündlichen Veränderungen der Blasenwand. Sicher sagen lässt sich das erst nach urologischer Abklärung, denn dieselben Beschwerden können viele andere Ursachen haben. Wenn du solche Symptome bei dir bemerkst, ist der Weg nicht die Selbstdiagnose, sondern die Untersuchung.

Was im Gespräch nicht weiterhilft, ist „Ketamin ist böse". Was helfen kann: die saubere Unterscheidung zwischen einer Konsum-Dosis und einer ärztlich kontrollierten therapeutischen Dosis. Die Substanz ist dieselbe, das Risikoprofil ist nicht.

Hinweis: In Beobachtungsstudien wird ein zeitlicher Zusammenhang zwischen chronischem Hochdosis-Konsum und urologischer Symptomatik beschrieben. Eine isolierte Kausalität im Einzelfall lässt sich daraus nicht ableiten.

Die wichtigste Unterscheidung: Setting verändert das Risiko

Bevor wir in die Risiko-Liste gehen, ein Reframe, der alles andere ordnet.

Reframe

Ketamin ist nicht eine Substanz mit einem Risikoprofil. Es ist eine Substanz mit zwei Risikoprofilen. Im therapeutischen Setting bewegt sie sich in Dosen, Frequenzen und unter Bedingungen, die seit Jahrzehnten klinisch evaluiert sind. Im Konsum-Setting bewegt sie sich in Dosen und Frequenzen, die teilweise um den Faktor 5 bis 20 darüber liegen, ohne Monitoring, ohne Diagnostik, ohne Anschluss.

Therapeutisches Setting

  • Ärztlich festgelegte Dosis, deutlich unterhalb der Narkosedosis
  • Festgelegte Frequenz mit Pausen, ärztlich kontrolliert
  • Arzt anwesend, Monitoring von Puls, Blutdruck, Sauerstoff
  • Indikation wird ärztlich im Einzelfall geprüft und begründet
  • Aufklärung, Anamnese, Kontraindikations-Check vorher
  • Psychotherapeutische Integration nach der Sitzung
  • Apotheken-Qualität, exakte Dosierung

Konsum-Setting

  • Dosis oft ein Vielfaches der therapeutischen Dosis, mehrfach pro Abend
  • Frequenz wechselt von Gelegenheit bis täglich
  • Niemand monitort, niemand interveniert bei Komplikation
  • Keine Indikation, oft Selbstmedikation oder Spaß
  • Keine Vorab-Diagnostik, keine Kontraindikations-Prüfung
  • Keine Integration, keine Reflexion
  • Schwarzmarkt-Qualität, Verunreinigungs-Risiko
Wichtig: Off-Label-Status

Razemisches Ketamin ist in Deutschland als Narkose- und Schmerzmittel zugelassen, nicht zur Behandlung von Depression, Suizidalität oder psychischen Erkrankungen. Wird es dafür eingesetzt, geschieht das im sogenannten Off-Label-Use. Das bedeutet: erweiterte Aufklärung, schriftliche Einwilligung und in aller Regel keine Kostenerstattung durch die Krankenkasse. Konkrete Dosis und Frequenz gehören deshalb in das ärztliche Gespräch und nicht in einen Blogartikel.

Was zu einer ärztlichen Ketamin-Sitzung dazugehört

Auch wenn es unbequem ist: Du kommst nüchtern. Du fährst danach mindestens 24 Stunden kein Fahrzeug, bedienst keine Maschinen und triffst keine rechtsverbindlichen Entscheidungen. Und du gehst nicht allein nach Hause, sondern in Begleitung.

Vorher gehen wir Vorerkrankungen durch: schwere Hypertonie, instabile Herzerkrankung, erhöhter Hirndruck, Glaukom, unbehandelte Schilddrüsenüberfunktion, schwere Leberinsuffizienz, Psychose-Vorgeschichte, Schwangerschaft und Stillzeit. Bei Minderjährigen ist die Datenlage besonders dünn. Wir gehen auch deine Medikamente durch, weil Beruhigungsmittel, Lamotrigin, Theophyllin, Blutdruckmittel und Schilddrüsenhormone die Wirkung verändern können.

Und unter einer länger laufenden Therapie kontrolliere ich mit: Blasensymptome, Leberwerte und Kognition. Die Cystitis ist zwar vor allem aus dem Hochdosis-Konsum beschrieben, ausschließen lässt sie sich unter wiederholter Gabe aber nicht.

Mit dieser Unterscheidung im Kopf gehen wir jetzt durch die Risiko-Liste. Bei jeder Gefahr nennen wir, wo sie besonders relevant ist.

Akute Risiken (Stunden bis Tage nach der Anwendung)

1. Kreislaufeffekte

Ketamin kann Blutdruck und Puls anheben. In subanästhetischen Dosen ist dieser Anstieg meist vorübergehend und bildet sich in der Regel innerhalb von ein bis zwei Stunden zurück. Belastbare Zahlen zur Häufigkeit schwerer kardialer Ereignisse fehlen bislang. Bei Vorerkrankungen wie schwerer Hypertonie oder instabiler koronarer Herzkrankheit kann das problematisch sein. Im therapeutischen Setting wird das überwacht und lässt sich in aller Regel gut steuern. Im Konsum-Setting kann es bei gleichzeitigem Alkohol- oder Stimulanzien-Konsum gefährlich werden.

Studien-Befund Systematischer Review, 60 Arbeiten

Der bislang umfangreichste systematische Review zu Nebenwirkungen von Ketamin bei Depression wertete 60 Arbeiten aus. Nach akuter Gabe wurden kardiovaskuläre Nebenwirkungen unter Ketamin häufiger berichtet als unter Placebo, ebenso psychiatrische, psychotomimetische und neurologische Effekte. Die Autoren weisen zugleich auf eine selektive Berichterstattung hin: Daten zu wiederholter Gabe und zur Langzeitsicherheit fehlen weitgehend. Eine Häufigkeit schwerer kardialer Ereignisse lässt sich daraus nicht ableiten.

Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9

2. Dissoziative Erlebnisse

Das berühmte „K-Hole" oder mildere dissoziative Phänomene sind beim therapeutischen Setting teilweise erwünscht (psychotherapeutisches Fenster), beim Konsum-Setting oft unkontrolliert. Risiko: psychische Belastung bei vulnerablen Personen, in seltenen Fällen panik-artige Reaktionen oder psychotische Reaktivierung. Mehr im Spoke zum K-Hole.

3. Übelkeit und Erbrechen

Häufig bei höheren Dosen oder bei Mischkonsum. Im Konsum-Setting auf Festivals ist Aspiration ein reales Risiko, wenn die Person in K-Hole-artigem Zustand auf dem Rücken liegt und erbricht. In der Therapie wird das durch Nüchternheit vor der Sitzung minimiert.

4. Akute psychotische Reaktion

Bei Personen mit Psychose-Vorgeschichte oder bipolarer Störung kann Ketamin akute Symptome auslösen oder verstärken. Im therapeutischen Setting versuche ich dieses Risiko durch eine sorgfältige Anamnese und einen Kontraindikations-Check vorher so weit wie möglich zu senken. Ganz ausschließen lässt es sich nicht, auch Erstmanifestationen ohne Vorgeschichte sind beschrieben. Deshalb gehören Beobachtung und ein Krisenplan dazu. Im Konsum-Setting fehlt beides.

Mittelfristige Risiken (Wochen bis Monate)

5. Toleranzentwicklung

Bei regelmäßigem Konsum nimmt die Wirkung pro Dosis ab. Die Person braucht mehr, um den gleichen Effekt zu erzielen. Das ist die pharmakologische Grundlage für Eskalation in Konsum-Settings. Im therapeutischen Setting wird Toleranz durch begrenzte Frequenz und Pausen kontrolliert.

6. Psychische Abhängigkeit

Ketamin ist nicht klassisch körperlich abhängig wie Opiate, kann aber starke psychische Abhängigkeit auslösen. Der Wunsch nach erneutem Konsum, dissoziativen Erlebnissen oder Stimmungsanhebung kann sich verfestigen. Mehr im Spoke zur Abhängigkeit.

7. Kognitive Beeinträchtigung

Chronische Konsumenten zeigen in Studien Defizite im Arbeitsgedächtnis und in Aufmerksamkeitsleistungen. Diese können sich nach Abstinenz teilweise zurückbilden. Im therapeutischen Setting mit niedriger Frequenz wurden bisher keine relevanten kognitiven Defizite konsistent dokumentiert. Das ist allerdings keine Entwarnung: belastbare Langzeitdaten zu wiederholter Gabe fehlen, wie der Review von Short und Kollegen ausdrücklich anmerkt.

Studien-Befund Systematischer Review

In ihrem Übersichtsartikel fassen Morgan und Curran die Literatur zu Ketamin-Schäden zusammen. Am robustesten belegt sind Defizite im Arbeitsgedächtnis und im episodischen Gedächtnis bei häufigem, teils täglichem Konsum. Die Arbeit ist eine Literaturübersicht, keine eigene Kohorte, eine Fallzahl lässt sich daraus nicht ableiten.

Morgan CJA, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012;107(1):27-38 (systematischer Review). doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x

Chronische Risiken (Monate bis Jahre)

8. Ketamin-Cystitis (urologischer Schaden)

Der wohl spezifischste und am besten dokumentierte Schaden chronischen Konsums. Die Blasenwand entwickelt eine entzündliche Schädigung, die zu schmerzhaftem Wasserlassen, Blut im Urin, reduzierter Blasenkapazität und in fortgeschrittenen Fällen zu irreversiblen Schäden führen kann. Dosisabhängig: bei sehr hohen kumulativen Mengen häufiger.

Studien-Befund Fallserie, n=9

In einer der ersten urologischen Fallserien beschrieben Shahani und Kollegen neun Patientinnen und Patienten mit täglichem Ketamin-Konsum und schwerer ulzerativer Cystitis. Symptome waren Dysurie, Drang und sichtbares Blut im Urin. Nach Beenden des Konsums, ergänzt durch Pentosanpolysulfat, beschrieben die Autoren eine teilweise Symptomlinderung. Aus neun Fällen lässt sich keine Häufigkeit ableiten.

Shahani R, Streutker C, Dickson B, Stewart RJ. Ketamine-associated ulcerative cystitis: a new clinical entity. Urology. 2007;69(5):810-2. doi:10.1016/j.urology.2007.01.038

9. Leberbelastung

Bei chronisch hohem Konsum sind Leberenzym-Erhöhungen und in seltenen Fällen Gallengangsveränderungen beschrieben. Die klinische Bedeutung dieser Veränderungen wird in der Forschung diskutiert. Bei begrenzter therapeutischer Frequenz und normaler Leberfunktion scheint die Belastung nach bisheriger Datenlage klein zu sein. Niesters und Kollegen beschreiben Hepatotoxizität allerdings ausdrücklich als Nebenwirkung bei einem Teil der Patienten und empfehlen, Leberwerte unter Ketamin zu kontrollieren. Genau das mache ich.

10. Soziale und berufliche Folgen

Dieses Risiko ist kein pharmakologisches, aber ein reales. Chronische Konsumenten verlieren häufig Arbeitsfähigkeit, soziale Bindungen und Lebensstruktur. Im therapeutischen Setting ist genau das Gegenteil das Ziel: Stabilisierung dieser Dimensionen.

Die vier KPNI-Linsen auf das Risikoprofil

Wenn ich in der Sprechstunde Ketamin-Risiken bewerte, schaue ich nicht nur auf das Gehirn. Klinische Psychoneuroimmunologie hat vier Linsen, die zusammen ein vollständigeres Bild geben.

1. Nervensystem

Akute Dissoziation und Bewusstseinsveränderung sind direkter NMDA-Effekt. Bei Personen mit Psychose-Anfälligkeit oder Trauma-Geschichte kann das destabilisierend sein. Im strukturierten Setting kann es therapeutisch genutzt werden, im Chaos-Setting kann es verletzen.

2. Immunsystem

Ketamin könnte akut anti-inflammatorisch wirken, was bei Depression mit inflammatorischer Komponente Teil der Wirkung ist. Bei chronischer Cystitis dreht sich das Bild: lokale chronische Entzündung in der Blase. Setting entscheidet erneut über die Richtung.

3. Stoffwechsel

Hepatisch über CYP3A4 und CYP2B6 verstoffwechselt. Bei chronisch hoher Last möglicherweise Leberbelastung. Bei begrenzter therapeutischer Frequenz und normaler Leberfunktion scheint die Belastung kleiner zu sein. Leberwerte gehören trotzdem in die Kontrolle.

4. Hormon- und Urogenitalsystem

Die Ketamin-Cystitis ist der spezifischste Schaden des Urogenitalsystems. Außerdem mögliche Effekte auf die HPA-Achse mit Cortisol-Schwankungen. Im therapeutischen Setting mit begrenzter Dosis und Frequenz ist dazu wenig beschrieben. Ausschließen lässt es sich damit nicht, deshalb frage ich bei jedem Termin nach Blasensymptomen.

Was die Gesamt-Risiko-Bilanz wirklich sagt

Wenn man alle Risiken im Setting-Kontext einordnet, ergibt sich folgendes Bild:

Kernpunkt

Für eine Person mit therapieresistenter Depression, die in einem strukturierten Setting behandelt wird, sieht das Risikoprofil nach heutigem Kenntnisstand anders aus als beim Konsum. Die akuten Hauptthemen sind Kreislaufreaktionen und Dissoziation, beide werden überwacht. Zu den Risiken wiederholter Gaben über längere Zeit fehlen belastbare Daten, deshalb kontrolliere ich Blase, Leberwerte und Kognition mit.

Für eine Person, die regelmäßig hohe Dosen ohne Setting konsumiert, ist das Risikoprofil deutlich höher. Hauptgefahren sind Cystitis, kognitive Defizite, psychische Abhängigkeit und soziale Erosion.

Die Substanz ist dieselbe. Was sie zu einer Therapie oder zu einer Gefahr macht, ist das Setting drumherum.

Wichtige Notfall-Information

Wenn du oder jemand in deiner Nähe nach Ketamin-Konsum starke Atemdepression, anhaltende Bewusstlosigkeit, schwere Atemnot oder Brustschmerzen zeigt: sofort 112 rufen. Bei akuter psychotischer Reaktion, akuten Suizidgedanken oder Selbstgefährdung gilt dasselbe: Notruf 112 oder die nächste psychiatrische Klinik. Für ein Gespräch in der Krise: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei.

Wichtig: Ketamin ist keine Notfallversorgung. Es ersetzt weder den Rettungsdienst noch eine stationäre Krisenintervention.

Der Moment wahrer Freiheit

„Ich entscheide selbst, was ich mit meinem Körper mache. Und ich entscheide informiert."

Ehrliche Risiko-Information ist keine Verbots-Predigt. Sie ist das Werkzeug, mit dem du eine informierte Entscheidung treffen kannst. Meine ärztliche Position dazu ist eindeutig: Ketamin gehört in einen ärztlichen Rahmen. Und du sollst wissen, warum ich das sage.

Drei Hebel, wenn du dich mit Ketamin auseinandersetzt

1

Wenn du eine Therapie erwägst: Frage nach dem Monitoring-Protokoll

Eine seriöse Praxis monitort Puls und Blutdruck, hat einen Notfallplan, kennt deine Vorerkrankungen und integriert die Sitzung psychotherapeutisch. Wenn das fehlt, ist das Risikoprofil deutlich höher als nötig. Frag nach, bevor du buchst.

2

Wenn du konsumierst: Was ich dir sagen kann und was nicht

Ketamin ist verschreibungspflichtig. Der Besitz ohne ärztliche Verordnung ist nach dem Arzneimittelgesetz strafbar. Eine Anwendungsanleitung kann und darf ich dir hier deshalb nicht geben, das wäre weder mein Job noch zulässig. Was ich dir sagen kann: Mischkonsum mit Alkohol oder anderen Substanzen erhöht das Risiko deutlich. Druck oder Brennen beim Wasserlassen und dunkler Urin gehören sofort zum Urologen. Und für alles Weitere ist eine anonyme Drogen- oder Suchtberatung die bessere Adresse als ein Blogartikel.

3

Wenn du regelmäßig konsumierst: Hol dir Unterstützung

Regelmäßiger Konsum kann ein Hinweis auf etwas Unbehandeltes darunter sein, etwa eine Depression, eine Angststörung oder eine Trauma-Geschichte. Wenn du das bei dir vermutest, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll. Anlaufstellen sind deine Hausarztpraxis, eine psychiatrische Ambulanz oder eine Suchtberatungsstelle wie suchthilfeberlin.de, die anonym und kostenfrei berät.

Häufige Fragen zu Ketamin-Gefahren

Ist Ketamin gefährlich?

Ketamin ist eine starke Substanz mit echtem Risikoprofil. Im ärztlichen Setting ist es seit Jahrzehnten als Anästhetikum und Antidepressivum bei therapieresistenter Depression im Einsatz und gilt bei sachgemäßer Anwendung als gut überwacht. Bei rekreativem Konsum und Selbstmedikation kann das Risiko deutlich steigen. Die Substanz selbst ist nicht „gut" oder „böse", das Setting drumherum entscheidet über das Risikoprofil.

Was sind die größten Gefahren in der Therapie?

Akute Risiken sind Blutdruck- und Pulsanstieg, dissoziative Erlebnisse, in seltenen Fällen psychotische Reaktivierung. Mittelfristig kann eine Toleranzentwicklung eintreten. Zu den Langzeitrisiken im therapeutischen Setting ist die Datenlage bislang dünn. Der systematische Review von Short und Kollegen (Lancet Psychiatry 2018) kritisiert genau das: Studien zu wiederholter Gabe und zur Langzeitsicherheit fehlen weitgehend. Das heißt nicht, dass die Risiken hoch sind. Es heißt, dass wir sie noch nicht gut kennen. Deshalb begrenze ich Dosis und Frequenz und kontrolliere regelmäßig. Die akuten Effekte lassen sich durch engmaschiges Monitoring von Puls, Blutdruck und Wachheitsgrad früh erkennen und meist gut steuern. Eine vollständige Sicherheit kann kein Setting garantieren.

Was sind die größten Gefahren beim Konsum?

Chronischer Konsum kann zu schweren körperlichen Schäden führen: Ketamine Cystitis (Blasenschädigung, oft irreversibel), Leberenzymerhöhungen, kognitive Defizite, Toleranz und psychische Abhängigkeit. Die illegale Beschaffung birgt zusätzliche Risiken durch Verunreinigungen. Soziale und berufliche Konsequenzen sind häufig.

Wie unterscheiden sich Therapie und Konsum?

In der Therapie kontrolliert ein Arzt Dosis, Frequenz, Setting und Begleitung. Es gibt klare Indikation, Aufklärung, Monitoring und Krisenplan. Beim Konsum entfallen alle diese Schutzmechanismen. Die gleiche Substanz hat damit in zwei Settings sehr unterschiedliche Risikoprofile. Mehr im Spoke „Ketamin: Droge vs. Medikament".

Kann Ketamin abhängig machen?

Ketamin kann psychische Abhängigkeit auslösen, körperliche Abhängigkeit ist seltener. Im therapeutischen Setting ist das Risiko durch strukturierte Anwendung deutlich reduziert. Bei regelmäßigem Eigenkonsum steigt es signifikant. Mehr im Spoke „Macht Ketamin abhängig?".

Welche Vorerkrankungen sind problematisch?

Schwere Hypertonie, instabile Herzerkrankungen, schwere Leberinsuffizienz, akute Psychose oder Psychose-Vorgeschichte, erhöhter Hirndruck, Glaukom, unbehandelte Schilddrüsenüberfunktion, Schwangerschaft und Stillzeit. Bei Minderjährigen ist die Datenlage besonders dünn. Auch Medikamente spielen eine Rolle, weil Beruhigungsmittel, Lamotrigin, Theophyllin, Blutdruckmittel und Schilddrüsenhormone die Wirkung verändern können. Aufklärung und Vorab-Diagnostik klären im Einzelfall, ob eine Therapie vertretbar ist. Ein Restrisiko bleibt immer. Mehr im kommenden Spoke „Kontraindikationen".

Sind die Risiken dosis-abhängig?

Ja. Subanästhetische Dosen, also Dosen deutlich unterhalb der Narkosedosis, haben ein anderes Risikoprofil als anästhetische Dosen. Konsum außerhalb eines ärztlichen Rahmens überschreitet die therapeutische Dosis häufig um ein Vielfaches und löst dissoziative Phänomene aus, die im therapeutischen Setting bewusst niedriger gehalten werden. Auch die kumulative Lebensdosis dürfte eine Rolle für chronische Schäden wie die Cystitis spielen. Konkrete Zahlen gehören in das ärztliche Gespräch, nicht in einen Blogartikel.

Was tun bei Verdacht auf eine Ketamin-Schädigung?

Bei Druck beim Wasserlassen, Bauchschmerzen, Konzentrationsstörungen oder anderen körperlichen Beschwerden nach Ketamin-Anwendung: sofort ärztliche Abklärung. Bei psychischer Krise: Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Eine frühe Abklärung kann helfen, bleibende Schäden zu begrenzen. Eine ehrliche Schilderung des Konsums gegenüber dem Arzt ist entscheidend, der Arzt ist zur Schweigepflicht verpflichtet.

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Hinweis

Dieser Artikel ist allgemeine Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine individuelle Beratung. Er ist keine Anleitung zur Selbstbehandlung und keine Aufforderung, Ketamin einzunehmen. Ob eine Behandlung im Einzelfall infrage kommt, lässt sich nur im persönlichen ärztlichen Gespräch klären. In einer akuten Krise: Notruf 112, Telefonseelsorge 0800 111 0 111.

SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Klinische Psychoneuroimmunologie und integrative Medizin · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Tätigkeitsschwerpunkte: ketamin-assistierte Therapie, Tiefen-Diagnostik, Burnout, therapieresistente Depression. Ich glaube, dass die Frage „ist es gefährlich?" fast immer schlechter ist als die Frage „in welchem Setting, mit welcher Dosis, bei welchem Menschen?". Das gilt für Ketamin wie für Alkohol, Cannabis und SSRI.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Riggs LM, Gould TD. Ketamine and the Future of Rapid-Acting Antidepressants. Annu Rev Clin Psychol. 2021. doi:10.1146/annurev-clinpsy-072120-014126 [Übersichtsarbeit]
  2. Morgan CJ, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012. doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit]
  3. Shahani R, Streutker C, Dickson B, Stewart RJ. Ketamine-associated ulcerative cystitis: a new clinical entity. Urology. 2007. doi:10.1016/j.urology.2007.01.038 [Real-World, Beobachtungsstudie]
  4. Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
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  6. Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9 [Systematischer Review]
  7. Schoevers RA, Chaves TV, Balukova SM, et al. Oral ketamine for the treatment of pain and treatment-resistant depression. Br J Psychiatry. 2016. doi:10.1192/bjp.bp.115.165498 [Übersichtsarbeit]
  8. Bonaventura J, Lam S, Carlton M, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [In vivo, Ratte und Maus]
  9. Schifano F, Corkery J, Oyefeso A, Tonia T, Ghodse AH. Trapped in the „K-hole": overview of deaths associated with ketamine misuse in the UK (1993-2006). J Clin Psychopharmacol. 2008;28(1):114-116. doi:10.1097/JCP.0b013e3181612cdc [Real-World, retrospektive Auswertung von Todesfällen 1993-2006]
  10. Niesters M, et al. Ketamine for chronic pain: risks and benefits. Br J Clin Pharmacol. 2014. doi:10.1111/bcp.12094 [Übersichtsarbeit]
  11. Liu KM, Chuang SM, Long CY, et al. Ketamine-induced ulcerative cystitis and bladder apoptosis involve oxidative stress mediated by mitochondria and the endoplasmic reticulum. Am J Physiol Renal Physiol. 2015;309(4):F318-F331. doi:10.1152/ajprenal.00607.2014 [In vivo, Ratte, mechanistisch]
  12. Fachinformation (Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels) des jeweils eingesetzten Ketamin-Präparats in der aktuell gültigen Fassung. [Behördlich genehmigte Produktinformation]

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