Ketamin: Droge oder Medikament? Die ehrliche Antwort
Wenn das Wort fällt, kippt die Stimmung. Die einen sagen: lebensrettend. Die anderen sagen: Partydroge. Beide haben recht. Diese Doppelidentität ist nicht ein Skandal. Sie ist eine Lehre über die Macht des Settings und das Risiko des Stigmas.
Diese Frage begegnet mir in der Sprechstunde immer wieder: Ist das nicht das, was auf Festivals genommen wird? Die ehrliche Antwort ist ja. Und es ist gleichzeitig das, womit weltweit Narkosen gemacht werden, auch dort, wo es kaum Ausstattung gibt. Beides stimmt. Das ist kein Widerspruch. Das ist eine Substanz mit zwei Identitäten.
Dieser Spoke geht dieser Doppelidentität nach. Wo kommt der gleiche Wirkstoff in zwei Welten vor, was ist legal, was nicht, und warum das Stigma Behandlungschancen kosten kann. Ohne Lager-Denken, mit Geschichte und mit klinischer Klarheit.
Zwei Dinge, bevor du weiterliest. Setze eine laufende antidepressive Medikation niemals eigenmächtig ab, das kann dir schaden. Änderungen gehören in die Hände der Ärztin oder des Arztes, die sie verordnet haben.
Und wenn du gerade an Suizid denkst, warte damit nicht. Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei. In akuter Gefahr Notruf 112 oder die nächste psychiatrische Notaufnahme.
Dieser Text ist Information und keine Behandlungsempfehlung. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung.
Ein wiederkehrendes Muster: das Stigma als längster Therapiehinderer
Eine Konstellation, die mir regelmäßig begegnet: Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression, die eine ärztliche Ketamin-Empfehlung erhalten haben und über Wochen oder Monate ablehnen. Die Begründung ist selten klinisch. Sie ist meist eine Frage der Selbst-Wahrnehmung im sozialen Umfeld: Beruf, Familie, Verantwortung gegenüber anderen. Der Begriff „Droge" sitzt fest.
Was in der Aufklärung den Unterschied macht, sind drei Bausteine: die WHO-Liste essenzieller Medikamente, auf der Ketamin seit 1985 als Anästhetikum steht; die saubere Trennung zwischen subanästhetischer i.v.-Therapie und nasalem Konsum; die Spravato-Zulassungsdokumente, die Esketamin als Antidepressivum etabliert haben.
Was in der Aufklärung hilft, ist die Trennung zweier Fragen. Die eine Frage lautet: Was ist diese Substanz pharmakologisch? Die andere lautet: In welchem Rahmen wird sie angewendet? Erst wenn beide Fragen getrennt beantwortet sind, lässt sich überhaupt sachlich entscheiden. Ob eine Behandlung im Einzelfall in Frage kommt, gehört danach ins ärztliche Gespräch und nicht in einen Blogartikel.
Die Doppelidentität: zwei legitime Welten, eine Substanz
Wirkstoffe sind nicht moralisch. Settings sind es. Ein Skalpell rettet im OP Leben und tötet auf der Straße. Adrenalin rettet im Schockraum und kann im Sport-Doping schaden. Ketamin anästhesiert im Krankenhaus und kann auf dem Festival missbraucht werden. Die Pharmakologie ist neutral. Die Verantwortung liegt im Kontext.
Identität 1: Medikament
- Anwendungsformen
- i.v. Anästhesie, Notfallmedizin, i.v. bei TRD, Esketamin-Nasenspray (Spravato), oral/sublingual bei chronischen Schmerzen
- Rechtlicher Status
- Verschreibungspflichtig nach § 48 AMG in Verbindung mit der Arzneimittelverschreibungsverordnung. Esketamin-Nasenspray (Spravato) ist bei therapieresistenter Depression zugelassen, nur zusammen mit einem oralen Antidepressivum. Die Ketamin-Infusion bei Depression ist off-label
- Setting
- Arztpraxis oder Klinik mit Monitoring
- Dosis
- Deutlich niedriger als in der Narkose, individuell nach Körpergewicht, unter ärztlichem Monitoring. Konkrete Zahlen nenne ich hier bewusst nicht, die gehören in die ärztliche Untersuchung
- Qualität
- Apothekenqualität, GMP-Standard
- Risiken
- Nicht nebenwirkungsfrei. Blutdruck und Puls können ansteigen, Dissoziation, Übelkeit und Schwindel sind beschrieben, am Behandlungstag kein Autofahren. Bei wiederholter Anwendung werden auch hier Blasenschäden und ein Missbrauchspotenzial beschrieben
- Geschichte
- Entwickelt 1962, klinisch zugelassen 1970, WHO essenzielles Medikament seit 1985
Identität 2: Konsum-Substanz
- Anwendungsformen
- Nasal („Snort"), oral, in seltenen Fällen injiziert
- Rechtlicher Status
- Illegal ohne Rezept; Besitz und Handel strafbar
- Setting
- Festival, Club, Privatparty, Selbstmedikation zuhause
- Dosis
- Im Konsum-Setting werden regelmäßig um ein Vielfaches höhere Mengen verwendet als in der Medizin, ohne Kontrolle von Reinheit und Menge. Konkrete Zahlen nenne ich hier bewusst nicht
- Qualität
- Schwarzmarkt, Reinheit variabel, Verunreinigungs-Risiko
- Geschichte
- Rekreativ ab Mitte der 1970er, Mainstream-Partydroge ab 1990er („Special K")
Wichtig zur Einordnung: Zugelassen ist in Europa seit 2019 das Esketamin-Nasenspray (Spravato), und zwar nur zusammen mit einem oralen Antidepressivum und nur unter ärztlicher Überwachung. Die Behandlung mit klassischem Ketamin als Infusion bei Depression ist in Deutschland eine Anwendung außerhalb der Zulassung, also off-label. Das heißt nicht, dass sie unseriös ist. Es heißt, dass du darüber gesondert aufgeklärt werden musst, dass die ärztliche Begründungspflicht höher liegt und dass die Kosten in aller Regel nicht von der gesetzlichen Krankenkasse getragen werden.
Auch die ärztlich begleitete Anwendung ist nicht nebenwirkungsfrei. Blutdruck und Puls können ansteigen. Dissoziation, Übelkeit, Schwindel und Angstgefühle während der Anwendung sind beschrieben. Am Behandlungstag darfst du nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen. Bei wiederholter Anwendung werden auch im therapeutischen Rahmen Schäden an der Harnblase, Auffälligkeiten der Leberwerte und ein Missbrauchspotenzial beschrieben. Deshalb gehören Vordiagnostik, Monitoring und feste Abstände dazu.
Gegen eine Anwendung können unter anderem sprechen: ein nicht eingestellter Bluthochdruck, relevante Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein Aneurysma, ein erhöhter Hirndruck, psychotische Erkrankungen, schwere Leber- oder Nierenerkrankungen, Schwangerschaft und Stillzeit. Bei Kindern und Jugendlichen ist die antidepressive Anwendung nicht zugelassen. Wechselwirkungen sind unter anderem mit Benzodiazepinen, Opioiden, MAO-Hemmern, Alkohol und blutdrucksteigernden Mitteln möglich. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht. Ob eine Behandlung für dich in Frage kommt, gehört in die ärztliche Untersuchung.
Zur Sicherheitslage: Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9
Die Geschichte: wie eine Substanz zwei Welten betrat
Synthese bei Parke-Davis
Calvin Stevens synthetisiert Ketamin (CI-581) als Nachfolger des problematischen Phencyclidin (PCP). Das Ziel: ein sicheres Anästhetikum mit kurzer Wirkdauer.
Klinische Tests und Zulassung
Die ersten dokumentierten Anwendungen am Menschen beschreibt Edward Domino, der den Begriff „dissociative anesthetic" prägt. Zulassung in den USA 1970. Nach der Zulassung wurde Ketamin auch in der Militärmedizin eingesetzt, unter anderem in der Spätphase des Vietnamkriegs.
Erste rekreative Verwendung
Aus dem Anästhesie-Bereich gelangt Ketamin in die rekreative Szene. John Lilly experimentiert mit Bewusstseinsforschung. Erste Berichte über Konsum in alternativen Kreisen.
WHO essenzielles Medikament
Ketamin wird auf die WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel aufgenommen. Ein Grund für die Aufnahme kann sein, dass Ketamin auch ohne Beatmungsgerät und ohne durchgehende Sauerstoffversorgung eingesetzt werden kann. Das macht es in Regionen mit knapper Ausstattung zu einem der am häufigsten verwendeten Anästhetika.
Mainstream-Partydroge
„Special K" wird in der Club- und Rave-Szene populär. Erste Berichte über die später als Ketamin-Cystitis bezeichnete Schädigung tauchen auf.
Antidepressive Wirkung publiziert
Robert Berman und Kollegen publizieren die erste placebokontrollierte Studie zur antidepressiven Wirkung einer subanästhetischen Ketamin-Dosis bei Depression. Es waren sieben Betroffene. Ein Pilotversuch, kein Beweis, aber ein Startpunkt für ein neues Feld.
Spravato-Zulassung
Das Esketamin-Nasenspray erhält 2019 zuerst in den USA und im selben Jahr in Europa die Zulassung für therapieresistente Depression, jeweils nur in Kombination mit einem oralen Antidepressivum. Es ist der erste zugelassene Antidepressivum-Wirkstoff mit einem grundlegend anderen Wirkprinzip seit langer Zeit.
Boom der Ketamin-Therapie
In den USA und Europa entstehen spezialisierte Ketamin-Kliniken. Parallel debattiert die Öffentlichkeit über Elon Musks Konsum und die Grenzen zwischen Therapie und Konsum.
Was die WHO-Liste wirklich bedeutet
Die WHO-Liste essenzieller Arzneimittel umfasst über 500 Wirkstoffe, die als unverzichtbar für die Grundversorgung gelten. Ketamin steht darauf seit 1985, in der Kategorie Anästhetika und Analgetika.
Das WHO-Expertenkomitee für Arzneimittelabhängigkeit hat mehrfach, zuletzt 2015, empfohlen, Ketamin nicht unter die UN-Konvention von 1971 (psychotrope Substanzen) zu stellen. Die Begründung: Ketamin ist als Anästhetikum in vielen Ländern die einzige verfügbare Option für sichere Operationen. Eine Reklassifizierung könnte die globale chirurgische Versorgung gefährden.
Diese Entscheidung ist klinisch wichtig. Sie sagt: trotz Missbrauchspotenzial überwiegt der medizinische Nutzen so deutlich, dass eine pauschale Einschränkung global mehr Schaden anrichten würde als Nutzen.
Die vier KPNI-Linsen auf die Doppelidentität
1. Nervensystem
Der Angriffspunkt am NMDA-Rezeptor ist derselbe, egal ob im OP oder im Club. Unterschiedlich sind Dosis, Dauer und ob eine Person vorbereitet ist oder nicht. In einem beruhigten Nervensystem kann die gleiche Substanz anders wirken als in einem überstimulierten.
2. Immunsystem
In Studien wurden nach Ketamin akut entzündungsdämpfende Effekte beschrieben. Ob und wie stark sie zur antidepressiven Wirkung beitragen, ist noch nicht abschließend geklärt. Im Konsum-Setting mit Mischkonsum und Schlafmangel könnte ein solcher Effekt ohnehin von einer gegenläufigen, entzündungsfördernden Lebensstil-Last überlagert werden.
3. Stoffwechsel
Verstoffwechselt wird Ketamin in beiden Fällen über die Leber. Wie viel Wirkstoff tatsächlich ankommt, kann sich je nach Aufnahmeweg deutlich unterscheiden, eine Infusion umgeht die Leberpassage, die nasale oder orale Aufnahme nicht. Im chronischen Konsum-Setting kann sich zusätzlich eine kumulative Belastung von Leber und Gallenwegen entwickeln. Auch unter ärztlicher Anwendung werden die Leberwerte deshalb kontrolliert.
4. Hormonsystem
Eine Aktivierung der HPA-Achse kann in beiden Settings auftreten. Im therapeutischen Rahmen ist sie eingebettet in einen Plan mit Vor- und Nachgespräch. Im Konsum-Setting kann sie zu einer Stress-Spirale beitragen, die die Erschöpfung paradox verstärkt.
Warum das Stigma Behandlungschancen kosten kann
Das öffentliche Bild von Ketamin als Droge kann die Bereitschaft senken, eine ärztlich begleitete Behandlung überhaupt zu erwägen. Menschen mit therapieresistenter Depression zögern manchmal aus Angst vor Stigmatisierung. Die eigentliche Frage, ob eine Behandlung im Einzelfall überhaupt sinnvoll und sicher wäre, wird dabei gar nicht erst gestellt.
Damit du das richtig einordnen kannst: Belastbare deutsche Studien dazu kenne ich nicht, und systematische Zahlen, wie viele Menschen eine ärztlich begleitete Ketamin-Behandlung wegen des Stigmas ablehnen, auch nicht. Was ich beschreiben kann, ist meine eigene Beobachtung in der Sprechstunde. Das Wort ist häufig die größere Hürde als die Substanz. Und wenn der Unterschied zwischen Konsum und ärztlicher Anwendung sauber erklärt wird, verschiebt sich die Frage oft von „auf keinen Fall" zu „das würde ich mir genauer ansehen". Das ist Erfahrung, keine Studienlage. Eine Entscheidung fällt daraus nicht, die gehört ins ärztliche Gespräch.
Eine ärztlich begleitete Ketamin-Behandlung kann bei therapieresistenter Depression eine Option sein. Sie hilft nicht jedem, sie ist mit Risiken verbunden, und sie ersetzt weder Psychotherapie noch die Arbeit an den Ursachen. Zugelassen ist in Europa seit 2019 das Esketamin-Nasenspray, und zwar nur zusammen mit einem oralen Antidepressivum. Die Ketamin-Infusion bei Depression bleibt off-label. Wer das weiß, kann eine Behandlung aus sachlichen Gründen erwägen oder ablehnen, und nicht aus Angst vor einem Wort. Aufklärung ist hier nicht Werbung. Sie ist Patientenrecht.
Ein Wort ist noch keine Welt
Wahre Freiheit beginnt damit, ein Wort nicht mit einer Welt zu verwechseln. Ketamin ist beides. Was du daraus machst, hängt von Setting, Indikation und Rahmen ab. Ein Skalpell ist nicht ein Messer auf der Straße. Eine Therapie ist nicht ein Festivalkonsum. Du darfst beides unterscheiden.
Drei Hebel beim Umgang mit der Doppelidentität
Wenn du eine Therapie erwägst: trenne Substanz von Setting
Frage dich, was du genau ablehnst. Wenn es die Substanz selbst ist, dann lehnst du auch ihre Anwendung in der Notfall- und Unfallmedizin ab, in der sie seit über 50 Jahren zu den etablierten Anästhetika gehört. Wenn es das ungeschützte Konsum-Setting ist, dann ist die strukturierte Therapie ein ganz anderes Tier. Diese Unterscheidung erlaubt dir eine fundierte Entscheidung.
Wenn du im Umfeld Konsum siehst: trenne Information von Urteil
Nicht jeder Konsum ist gleich eine Abhängigkeit. Gleichzeitig gilt: Ketamin hat ein Abhängigkeitspotenzial, und regelmäßiger Konsum kann Blase, Leber und Gedächtnis schädigen. Im Tiermodell wurde unter Ketamin ein suchtartiges Verhalten beschrieben, beim Menschen ist die Datenlage dazu dünner (Bonaventura 2021, Tiermodell). Für Großbritannien wurden für die Jahre 1993 bis 2006 Todesfälle im Zusammenhang mit Ketamin-Missbrauch beschrieben (Schifano 2008). Wer im Umfeld regelmäßigen Konsum sieht, sollte das ernst nehmen. Eine informierte Frage („wie geht es dir wirklich?") kann mehr bewirken als ein Urteil, und der Hinweis auf ärztliche Hilfe gehört dazu.
Wenn dich das Stigma einer Therapie hindert: hol dir eine zweite Stimme
Sprich mit zwei unabhängigen Fachpersonen über deine Frage. Eine spezialisierte Praxis und einen Hausarzt. Beide können dir die Substanz nüchtern erklären. Wer zwei seriöse Quellen hört, kann das mediale Bild besser einordnen.
Häufige Fragen zur Ketamin-Doppelidentität
Ist Ketamin eine Droge oder ein Medikament?
Es ist beides, und das ist kein Widerspruch. Ketamin wurde 1962 als Anästhetikum entwickelt und steht seit 1985 auf der WHO-Liste essenzieller Medikamente. Parallel wird es seit den 1970ern auch rekreativ konsumiert. Die gleiche Substanz hat zwei legale Identitäten und eine illegale Verwendungsform. Was sie zu Therapie oder Droge macht, ist Setting, Dosis, Indikation und Rahmen.
Ist Ketamin in Deutschland legal?
Ketamin ist in Deutschland verschreibungspflichtig nach § 48 AMG in Verbindung mit der Arzneimittelverschreibungsverordnung. Es fällt derzeit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Ärztinnen und Ärzte dürfen es verschreiben und anwenden, der Bezug ohne Rezept ist strafbar. Als Antidepressivum ist in Europa Esketamin als Nasenspray (Spravato) zugelassen, nur zusammen mit einem oralen Antidepressivum und nur unter ärztlicher Überwachung. Die Gabe von klassischem Ketamin als Infusion bei Depression ist in Deutschland off-label. Mehr im Spoke zu Kosten und Krankenkasse.
Warum wird die gleiche Substanz zu Droge und Medizin?
Wirkstoffe sind nicht moralisch. Was eine Substanz zur Droge oder zum Medikament macht, ist Setting, Dosis, Indikation und Rahmen. Ketamin ist ein klares Beispiel dafür, dass die gleiche Pharmakologie in zwei Welten existiert. Adrenalin, Morphin, Amphetamin und viele andere Wirkstoffe zeigen das gleiche Phänomen.
Was ist Special K?
Szene-Bezeichnung für Ketamin in der Partyszene. In den 1990er-Jahren in der Club- und Festivalkultur populär geworden. Konsumiert wird meist nasal, in Mengen, die deutlich über therapeutischen Mengen liegen. Ohne ärztliche Kontrolle fehlen Vordiagnostik, Monitoring und die Kontrolle von Reinheit und Menge. Risikofrei ist aber auch die ärztlich begleitete Anwendung nicht, die Risiken stehen weiter oben im Text.
Hat das Stigma medizinische Folgen?
Belastbare deutsche Studien dazu kenne ich nicht. Ich beobachte in der Sprechstunde, dass das öffentliche Bild von Ketamin als Droge die Bereitschaft senken kann, eine ärztlich begleitete Behandlung überhaupt zu erwägen. Das ist eine klinische Beobachtung, keine Studienlage. Aufklärung kann diese Hürde senken. Sie sagt aber nichts darüber, ob eine Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist.
Ist die medizinische Anwendung neuere Forschung?
Die anästhetische Anwendung ist seit 1970 etabliert und steht auf der WHO-Liste. Die antidepressive Anwendung ist seit 2000 (Berman-Studie) wissenschaftlich publiziert, in Deutschland breiter ab 2019 mit der Spravato-Zulassung. Die medizinische Forschung ist nicht jung, die antidepressive Indikation ist jung.
Welcher Anteil ist medizinisch, welcher konsum?
Global werden Millionen Anästhesien pro Jahr mit Ketamin durchgeführt, besonders in Ländern mit weniger Ressourcen. Der konsumbezogene Anteil ist kleiner, aber medial sichtbarer. Die schlagzeilengetriebene Wahrnehmung verzerrt die Realität. Die WHO hat genau wegen dieser globalen medizinischen Bedeutung eine Reklassifizierung mehrfach abgelehnt.
Wie kann ich seriöse Therapie von Schwarzmarkt unterscheiden?
Seriöse Therapie: Arzt mit Approbation, Vorab-Diagnostik, Monitoring, Indikationsstellung, Apothekenqualität, transparente Aufklärung, psychotherapeutische Einbettung. Schwarzmarkt: kein Arzt, kein Setting, unklare Qualität, häufig Verunreinigung. Mehr im Pillar Ketamin-Therapie.
Mehr aus dem Cluster „Ketamin-Therapie"
- Pillar: Ketamin-Therapie im Überblick
- Ist Ketamin gefährlich?
- Ketamin vs. Spravato
- Therapieresistente Depression
- Macht Ketamin abhängig?
- Kosten und Krankenkasse
- Ketamin-assistierte Psychotherapie
- PTBS und Trauma
- Erfahrungen
- Burnout
- Elon Musk-Frame
- Was ist Ketamin?
- Wirkmechanismus im Gehirn
- Nachweisbarkeit
- Überdosis
- Mischkonsum
- K-Hole
- Chronische Schmerzen
- Angst und Zwang
- Microdosing
- Akute Suizidalität
- Gefahren im Überblick
- Halluzinationen und Trip
- Nebenwirkungen
- Droge vs. Medikament (du bist hier)
- Entzug und Rebound (in Vorbereitung)
- Tropfen und sublingual (in Vorbereitung)
- Dosierung (in Vorbereitung)
- Blase und Cystitis (in Vorbereitung)
- Wirkdauer und Halbwertszeit (in Vorbereitung)
- Kontraindikationen (in Vorbereitung)
Verbindungen zu anderen Themen
Wie ein einzelner prominenter Konsument die ganze Therapie diskreditieren kann.
Die pharmakologische Substanz unabhängig vom Setting erklärt.
Die offizielle europäische Zulassung des Esketamin als Antidepressivum.
Quellen und weiterführende Literatur
- Berman RM, Cappiello A, Anand A, et al. Antidepressant effects of ketamine in depressed patients. Biol Psychiatry. 2000;47(4):351-4. doi:10.1016/s0006-3223(99)00230-9 [Pilot-RCT, Human, sieben Teilnehmende]
- WHO Expert Committee on Drug Dependence. Critical Review of Ketamine. World Health Organization. 2015. who.int [Behördendokument]
- Domino EF. Taming the ketamine tiger. 1965. Anesthesiology. 2010;113(3):678-84. doi:10.1097/ALN.0b013e3181ed09a2 [Historische Originalarbeit, Human]
- Schifano F, Corkery J, Oyefeso A, Tonia T, Ghodse AH. Trapped in the K-hole: overview of deaths associated with ketamine misuse in the UK (1993-2006). J Clin Psychopharmacol. 2008;28(1):114-6. doi:10.1097/JCP.0b013e3181612cdc [Real-World, Brief an die Herausgeber]
- Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action. Neuropsychopharmacology. 2024. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
- Daly EJ, Singh JB, Fedgchin M, et al. Efficacy and Safety of Intranasal Esketamine Adjunctive to Oral Antidepressant Therapy in Treatment-Resistant Depression. JAMA Psychiatry. 2018;75(2):139-148. doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.3739 [RCT Phase 2, 67 randomisierte Teilnehmende, intranasales Esketamin zusätzlich zu einem oralen Antidepressivum. Durchgeführt und finanziert vom Zulassungsinhaber Janssen, die Erstautoren sind dort beschäftigt. Die Arbeit sagt nichts über die intravenöse Anwendung aus]
- Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9 [Systematische Übersichtsarbeit, Human]
- WHO Model List of Essential Medicines. 23rd Edition. World Health Organization. 2023. who.int [Behördendokument]
- Sassano-Higgins S, Baron D, Juarez G, et al. A Review of Ketamine Abuse and Diversion. Depress Anxiety. 2016. doi:10.1002/da.22536 [Übersichtsarbeit]
- Mion G, Villevieille T. Ketamine pharmacology: an update. CNS Neurosci Ther. 2013. doi:10.1111/cns.12099 [Übersichtsarbeit]
- Bonaventura J, Lam S, Carlton M, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [In vivo, Tiermodell]
- Federal Institute for Drugs and Medical Devices (BfArM). Ketamin und Esketamin Anwendungshinweise. 2020. bfarm.de [Behördendokument]