Ketamin-Nebenwirkungen: Akut und Langzeit, systematisch erklärt
Jede starke Substanz hat Nebenwirkungen. Bei Ketamin ist es genauso, mit dem Unterschied: die Liste sieht völlig anders aus, je nachdem ob es eine ärztliche Therapie ist oder ein Konsum am Wochenende. Hier ist die vollständige Systematik, sortiert nach Zeit und System. Ehrlich, präzise, ohne Lager-Denken.
Wenn ich mit Patienten über Ketamin spreche, kommt diese Frage immer zuerst: „Was sind die Nebenwirkungen?" Ich antworte darauf nie mit einer Zahl. Ich antworte mit einer Tabelle. Denn Nebenwirkungen sind keine Liste, die für jeden gleich aussieht. Sie sind ein Profil, das sich aus Dosis, Frequenz, Konstitution und Setting zusammensetzt.
Dieser Spoke ist die vollständige, systematische Übersicht. Akut, mittelfristig, chronisch. Häufig, gelegentlich, selten. KPNI-System für System. Wenn du das gelesen hast, hast du das Werkzeug, mit deinem Arzt oder deiner Ärztin auf Augenhöhe zu sprechen.
Ketamin als Infusion ist in Deutschland für die Behandlung einer Depression nicht zugelassen. Der Einsatz erfolgt als individueller Heilversuch im sogenannten Off-Label-Use, nach ausführlicher Aufklärung und schriftlicher Einwilligung. Zugelassen ist für die therapieresistente Depression bisher nur Esketamin als Nasenspray, unter festgelegten Anwendungsbedingungen. Ketamin ist verschreibungspflichtig und gehört in ärztliche Hand. Die Kosten einer Ketamin-Infusion trägt die gesetzliche Krankenkasse im Regelfall nicht.
Ein wiederkehrendes Muster: Angst vor dem Falschen
Eine Konstellation, die im Vorgespräch häufig auftaucht: Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression, die nach einer ärztlichen Empfehlung selbst recherchiert haben. Was sie online finden, ist eine Mischung aus „Blasenschäden", „Sucht", „Tod" und Geschichten von täglichem Hochdosis-Konsum mit gestrecktem Schwarzmarkt-Pulver. Die Angst ist groß, ein „Wrack" zu werden.
Was im Aufklärungsgespräch wichtig ist, ist die saubere Unterscheidung. Für eine therapeutische Serie wird eine niedrige, weit unter der Narkosedosis liegende Menge verwendet, in klar begrenzter Frequenz über wenige Wochen. Die häufigen akuten Nebenwirkungen sind dort dissoziative Erlebnisse, kurzfristiger Blutdruckanstieg, manchmal Übelkeit. Die online gefundenen schweren Langzeitschäden sind bisher fast ausschließlich aus dem Konsum-Setting mit täglichen Hochdosen beschrieben. Die konkrete Dosis legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt individuell nach Gewicht, Vorerkrankungen und Verlauf fest. Sie gehört in das persönliche Aufklärungsgespräch, nicht in einen Ratgebertext.
Wenn diese Unterscheidung einmal sitzt, verschiebt sich in solchen Gesprächen oft etwas. Die Angst wird nicht kleiner, aber sie richtet sich auf das, was tatsächlich relevant ist. Und darüber lässt sich dann sachlich entscheiden.
Die wichtigste Unterscheidung: Setting prägt das Nebenwirkungsprofil
Eine Ketamin-Nebenwirkung ist nicht einfach „eine Nebenwirkung". Sie hat einen Zeithorizont (akut, mittelfristig, chronisch), eine Häufigkeit (häufig, gelegentlich, selten), eine Reversibilität (vollständig, teilweise, irreversibel) und eine Setting-Abhängigkeit (Therapie versus Konsum). Wer alle vier Dimensionen liest, sieht ein anderes Bild als wer nur den Namen kennt.
Akute Nebenwirkungen (Minuten bis Stunden nach Anwendung)
Ein Hinweis vorweg zu den Häufigkeitsangaben in den folgenden Karten: Es sind Orientierungswerte aus Übersichtsarbeiten zur subanästhetischen Anwendung. Sie schwanken je nach Dosis, Studienpopulation und Erhebungsmethode erheblich und sind keine Wahrscheinlichkeit für deinen persönlichen Verlauf.
Dissoziative Erlebnisse
Veränderte Wahrnehmung, Out-of-Body-Gefühl, Zeitverzerrung. Im therapeutischen Setting werden sie als Teil des Wirkerlebens verstanden, sie klingen meist innerhalb von 45 bis 90 Minuten ab. Mehr im Spoke zu Trip-Phänomenen.
Blutdruck- und Pulsanstieg
In Studien werden häufig Anstiege im Bereich von etwa 10 bis 25 mmHg systolisch und 10 bis 20 Schlägen pro Minute während der Sitzung beschrieben, mit erheblicher Streuung zwischen einzelnen Personen. Deine eigenen Werte können davon abweichen. Der Anstieg bildet sich meist innerhalb von 60 bis 90 Minuten zurück. Deshalb wird der Blutdruck während der Sitzung engmaschig gemessen.
Übelkeit und Erbrechen
Häufiger bei höheren Dosen oder bei nicht nüchterner Anwendung. Nüchternheit vor der Sitzung ist deshalb keine Empfehlung, sondern eine Auflage, üblicherweise mehrere Stunden ohne feste Nahrung nach Anweisung der Praxis. Bei tieferer Dissoziation besteht sonst ein Aspirationsrisiko.
Schwindel und leichte Verwirrung
In den ersten Stunden nach der Sitzung. Du darfst an diesem Tag kein Fahrzeug führen und keine Maschinen bedienen, als Faustregel für mindestens 24 Stunden. Das gilt auch für berufliche Tätigkeiten mit Verantwortung für andere. Eine Begleitung für den Heimweg ist Pflicht, nicht Empfehlung. Die Beschwerden klingen in der Regel innerhalb weniger Stunden vollständig ab.
Atemdepression
Bei therapeutischer subanästhetischer Dosis selten. Höheres Risiko bei Hochdosis oder Mischkonsum mit Opioiden, Benzodiazepinen oder Alkohol. Im überwachten Setting wird die Atmung kontinuierlich beobachtet, unter anderem mit Pulsoximetrie. Notfallausrüstung zur Atemwegssicherung und eine ärztliche Person müssen währenddessen im Raum sein.
Akute psychotische Reaktion
Bei Personen mit Psychose in der Vorgeschichte oder entsprechender Anfälligkeit. Eine sorgfältige Anamnese kann das Risiko deutlich senken, weil solche Personen dann in der Regel keine Ketamin-Therapie erhalten. Ganz ausschließen lässt sich eine psychotische Reaktion nicht. Im rekreativen Konsum oder bei Schlafentzug ist das Risiko höher.
Mittelfristige Nebenwirkungen (Tage bis Wochen)
Toleranzentwicklung
Bei wiederholter Anwendung kann die Wirkung pro Dosis abnehmen. Im therapeutischen Setting wird sie über begrenzte Frequenz und Pausen im Blick behalten. Im Konsum-Setting kann die Toleranz ein wesentlicher Treiber der Dosis-Eskalation sein.
Stimmungsverschlechterung 2-3 Tage nach Sitzung
Manche Patientinnen und Patienten berichten von einer „Rebound-Phase" nach der initialen Stimmungsanhebung. In strukturierten Protokollen kann sie durch die nachfolgenden Sitzungen aufgefangen werden. Wenn die Stimmung nach einer Sitzung deutlich absackt, gehört das ins Behandlungsteam und nicht in ein Abwarten.
Schlafstörungen
Nach Konsum häufige Beschwerden über fragmentierten Schlaf, Albträume oder Insomnie. Sie klingen meist über Wochen ab. Im therapeutischen Setting sind sie selten anhaltend.
Langzeit-Nebenwirkungen (Monate bis Jahre)
Diese Sektion ist besonders wichtig, weil sie der am häufigsten gegoogelte Bereich ist und gleichzeitig der, in dem die meisten Missverständnisse stecken. Fast alle Langzeit-Risiken sind bisher vor allem bei chronischem Hochdosis-Konsum dokumentiert. Für das therapeutische Setting mit begrenzter Frequenz gibt es dazu kaum systematische Langzeitdaten. Diesen Unterschied will ich hier deutlich machen: wenig Daten ist nicht dasselbe wie wenig Risiko.
Short und Kollegen werteten 60 Studien zu Ketamin bei Depression aus. Nach akuter Gabe wurden psychiatrische, psychotomimetische, kardiovaskuläre und neurologische Nebenwirkungen häufiger berichtet als unter Placebo. Die Autorinnen und Autoren beschreiben ausdrücklich einen selektiven Berichts-Bias und halten fest, dass Langzeit- und Wiederholungsanwendung bisher kaum systematisch untersucht sind. Sie fordern große Studien mit langem Follow-up. Das heißt für dich: hier steht keine Entwarnung, hier stehen zu wenig Daten. Genau deshalb arbeiten wir mit begrenzter Frequenz und mit Verlaufskontrollen.
Ketamin-induzierte Cystitis
Entzündliche Veränderungen der Blasenwand mit Schmerzen beim Wasserlassen, Drangsymptomatik, Hämaturie. Bei chronischem Konsum gut dokumentiert und dosisabhängig. Ein systematischer Review beschreibt bei langjährigem Konsum auch Schrumpfblase, Harnleiterengen, Blasenfibrose und Harnstau der Nieren, im Endstadium kann eine operative Blasenerweiterung nötig werden (Castellani et al., Neurourol Urodyn 2020). Ein früher Stopp und eine urologische Abklärung können das Risiko bleibender Schäden senken. Mehr im kommenden Cystitis-Spoke.
Kognitive Defizite
Episodisches Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis und verbales Lernen können bei chronischen Konsumenten dauerhaft beeinträchtigt sein. Teilweise reversibel bei längerer Abstinenz. Für das therapeutische Setting mit niedriger Frequenz liegen bisher keine Hinweise auf dauerhafte Defizite vor, es gibt dazu aber kaum Langzeituntersuchungen. Deshalb gehört eine kognitive Verlaufskontrolle aus meiner Sicht in jede Erhaltungstherapie.
Leberenzymerhöhungen und Gallengangsveränderungen
Bei chronisch hoher Last beschrieben. In seltenen Fällen sklerosierende Cholangitis-ähnliche Bilder. Im therapeutischen Setting bei normaler Leberfunktion selten relevant.
Psychische Abhängigkeit
Wunsch nach erneutem Konsum, Toleranz-Eskalation, sozialer Rückzug. Bei regelmäßigem Konsum kann das Risiko erheblich sein. Mehr im Spoke zur Abhängigkeit.
Morgan, Muetzelfeldt und Curran untersuchten 150 Personen in fünf Gruppen über ein Jahr, darunter häufige, seltene und abstinente Ketamin-Konsumenten sowie zwei Kontrollgruppen. Kognitive Einbußen zeigten sich vor allem bei den häufigen Konsumenten. Eine Zunahme des Konsums über das Jahr ging mit schlechteren Leistungen im räumlichen Arbeitsgedächtnis und im Wiedererkennungsgedächtnis einher. Auffällig war außerdem, dass auch die abstinenten Nutzerinnen und Nutzer über die zwölf Monate steigende Depressionswerte zeigten. Das ist ein Hinweis darauf, wie eng Konsum und Stimmung zusammenhängen können.
Die vier KPNI-Linsen auf das Nebenwirkungs-Profil
1. Nervensystem
Akut: Dissoziation, Schwindel, kognitive Verlangsamung. Chronisch: kognitive Defizite bei Konsum. Für das therapeutische Setting fehlen dazu bisher belastbare Langzeitdaten. Eine vulnerable Person mit Psychose-Anfälligkeit hat hier das größte Risiko.
2. Immunsystem
Akute anti-inflammatorische Effekte könnten Teil der antidepressiven Wirkung sein. Chronische Cystitis ist eine lokale entzündliche Schädigung. Vorbestehende systemische Inflammation (CRP-Erhöhung, Autoimmun-Erkrankungen) kann die Effekt-Richtung modifizieren.
3. Stoffwechsel
Hepatisch via CYP3A4 und CYP2B6. Bei chronisch hoher Last ist eine Leberbelastung möglich. Eine geschwächte Leber- oder Nierenfunktion vor Beginn ist ein Risikofaktor und gehört in die Vorab-Diagnostik. Über dieselben Enzymwege sind Wechselwirkungen möglich, deshalb gehört die vollständige Medikamentenliste ins Vorgespräch.
4. Hormon- und Urogenitalsystem
HPA-Achsen-Aktivierung mit Cortisol-Anstieg während der Sitzung, kann bei sensiblen Personen Angst verstärken. Urogenital: Cystitis bei chronischer Anwendung. Schwangerschaft und Stillzeit sind Kontraindikationen. Mehr im Spoke zu Kontraindikationen.
Was wir tun, um Nebenwirkungen zu minimieren
Im therapeutischen Setting gibt es eine Reihe von etablierten Maßnahmen, die das Nebenwirkungs-Risiko deutlich senken können:
- Vorab-Diagnostik: Blutdruck, Puls, Herzfunktion, Leberwerte, psychiatrische Anamnese
- Ausschluss- und Vorsichtskriterien: schwere oder unbehandelte Hypertonie, instabile Herzerkrankung und unbehandelte koronare Herzkrankheit, Aortenaneurysma, erhöhter Hirndruck, Glaukom oder erhöhter Augeninnendruck, unbehandelte Hyperthyreose, Psychose in der Vorgeschichte, schwere Leber- oder Niereninsuffizienz, Suchtanamnese, Schwangerschaft und Stillzeit. Für Kinder und Jugendliche gibt es zur Anwendung bei Depression keine belastbaren Daten
- Medikamenten- und Substanz-Check: Opioide, Benzodiazepine, Alkohol und Cannabis können die dämpfende Wirkung verstärken. Über CYP3A4 und CYP2B6 können Hemmer und Induktoren, zum Beispiel bestimmte Antibiotika, Antimykotika, Antiepileptika oder Johanniskraut, den Ketaminspiegel verschieben. Auch MAO-Hemmer, Blutdruckmedikamente, Theophyllin und Sympathomimetika gehören besprochen. Bring deine vollständige Medikamentenliste mit
- Setting-Vorbereitung: Nüchternheit nach ärztlicher Anweisung, üblicherweise mehrere Stunden ohne feste Nahrung, Begleitung für den Heimweg, Augenmaske, ruhige Umgebung
- Dosis-Begrenzung: eine niedrige, weit unter der Narkosedosis liegende Menge. Die konkrete Dosis legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt individuell fest, sie gehört in das persönliche Aufklärungsgespräch
- Frequenz-Begrenzung: eine klar begrenzte Zahl von Sitzungen in der Anfangsphase, danach Erhaltung mit deutlich niedrigerer Frequenz
- Monitoring während Sitzung: kontinuierliche Beobachtung von Atmung und Kreislauf, unter anderem mit Pulsoximetrie, Blutdruck und Herzfrequenz, ärztliche Präsenz und Notfallausrüstung zur Atemwegssicherung im Raum
- Integration nach Sitzung: psychotherapeutische Verarbeitung
- Verlaufskontrollen: Bei Erhaltungstherapie regelmäßig Urinstatus, Leberwerte, kognitive Selbsteinschätzung
Wer Ketamin therapeutisch erwägt, sollte explizit nach diesen Schutzmaßnahmen fragen. Ein strukturiertes Monitoring gehört aus meiner Sicht zum Standard einer solchen Behandlung. Frag nach, lass dir den Ablauf erklären und entscheide dann, ob du dich dort gut aufgehoben fühlst. Wer Ketamin außerhalb eines ärztlichen Settings nimmt, hat keinen dieser Schutzfaktoren und sollte sich der Risiken bewusst sein.
„Ich entscheide informiert, ob das Risiko zum Nutzen passt."
Eine ehrliche Nebenwirkungs-Liste ist nicht eine Liste der Schrecken. Sie ist das Werkzeug, mit dem ein Mensch eine fundierte Entscheidung treffen kann. Was er dann entscheidet, ist seine Sache. Aber er soll es mit klarem Blick tun.
Drei Hebel beim Umgang mit Nebenwirkungen
Vor einer Therapie: Frage explizit nach den ersten 30 Minuten
„Was passiert in den ersten 30 Minuten? Wer ist anwesend? Wie wird mein Blutdruck überwacht? Was passiert, wenn ich Übelkeit habe?" Eine gute Praxis kann diese Fragen souverän beantworten. Wenn nicht, ist das ein Hinweis.
Während einer Therapieserie: Führe ein einfaches Symptomtagebuch
Jeden Tag drei Zeilen: Wie ist meine Stimmung (1-10)? Habe ich körperliche Beschwerden? Wie schlafe ich? Diese Selbst-Beobachtung gibt dir und deinem Team die Daten, um frühe Hinweise auf Nebenwirkungen zu erkennen, bevor sie chronisch werden.
Bei rekreativem Konsum: Kenne die Warnzeichen für eine Blasenschädigung
Druck beim Wasserlassen, Schmerz in der Blase, Blut im Urin, häufiger Harndrang. Diese Symptome können erste Hinweise auf eine beginnende Ketamin-Cystitis sein. Wenn du das bei dir bemerkst, wende dich bitte an eine urologische Praxis oder an eine Suchtberatungsstelle in deiner Nähe. Ein früher Stopp und eine urologische Abklärung können das Risiko bleibender Schäden senken. Eine Behandlung von Ketaminabhängigkeit bieten wir hier nicht an.
Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Beratung. Triff bitte keine Entscheidung über Medikamente allein auf Basis dieses Artikels, sondern sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Bei akuten schweren Symptomen wie Atemnot, Brustschmerz oder anhaltender Verwirrung: sofort den Notruf 112 wählen. Wenn du in einer seelischen Krise bist oder an Suizid denkst: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenfrei, oder der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei akuter Gefahr immer 112.
Häufige Fragen zu Ketamin-Nebenwirkungen
Was sind die häufigsten Ketamin-Nebenwirkungen?
Am häufigsten sind dissoziative Erlebnisse, Übelkeit, Blutdruck- und Pulsanstieg, leichte Verwirrung in den ersten Stunden nach Anwendung. Diese akuten Effekte klingen meist innerhalb von 90 Minuten bis 4 Stunden ab und werden im überwachten Setting engmaschig kontrolliert. Im rekreativen Setting können sie durch fehlendes Monitoring problematischer werden.
Welche Langzeit-Nebenwirkungen gibt es?
Bei chronischem Hochdosis-Konsum sind dokumentiert: Ketamin-induzierte Cystitis (Blasenschädigung), kognitive Defizite (besonders Gedächtnis), Leberenzymerhöhungen, psychische Abhängigkeit, in seltenen Fällen Gallengangsveränderungen. Für das therapeutische Setting mit begrenzter Frequenz liegen bisher kaum systematische Langzeituntersuchungen vor. Fehlende Hinweise sind kein Beweis für Unbedenklichkeit.
Wie unterscheiden sich Nebenwirkungen in Therapie und Konsum?
Therapie: kontrollierte Einzeldosis, klar definierte Frequenz, Monitoring, schnelles Eingreifen bei Komplikationen. Konsum: oft Hochdosis, wiederholte Anwendungen pro Abend, kein Monitoring, häufige Eskalation. Das Nebenwirkungs-Spektrum dürfte im Konsum-Setting breiter und schwerwiegender ausfallen. Mehr im Spoke „Droge vs. Medikament".
Sind die Nebenwirkungen reversibel?
Akute Nebenwirkungen sind in der Regel vollständig reversibel innerhalb weniger Stunden. Chronische Schäden wie Cystitis können in frühen Stadien zurückgehen, in fortgeschrittenen Fällen können bleibende Veränderungen auftreten. Kognitive Defizite bei chronischen Konsumenten erholen sich nach längerer Abstinenz teilweise. Eine frühe Intervention kann die Chance auf eine vollständige Erholung erhöhen.
Was tun bei Verdacht auf Nebenwirkung?
Bei akuten schweren Symptomen (Atemnot, Brustschmerzen, anhaltende Verwirrung): sofort den Notruf 112 wählen, nicht auf einen Praxistermin warten. Bei körperlichen Beschwerden nach therapeutischer Sitzung: das Behandlungsteam informieren. Bei Verdacht auf chronische Schäden nach Konsum: urologische und psychiatrische Abklärung, ehrlich über den Konsum sprechen. Der Arzt unterliegt der Schweigepflicht. Wenn du in einer seelischen Krise bist oder an Suizid denkst: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenfrei. Bei akuter Gefahr 112.
Welche Nebenwirkungen sind besonders zu beachten?
Drei klinisch besonders relevante: Ketamin-induzierte Cystitis (potenziell irreversibel), psychotische Reaktivierung bei vulnerablen Personen (selten aber ernst), und psychische Abhängigkeit mit Toleranz-Eskalation. Diese drei rechtfertigen die strenge Indikations- und Frequenz-Steuerung im therapeutischen Setting.
Macht Ketamin die Leber kaputt?
Ketamin wird hepatisch über CYP3A4 und CYP2B6 verstoffwechselt. Bei chronisch hoher Last sind Leberenzym-Erhöhungen und in seltenen Fällen Gallengangsveränderungen beschrieben. Im therapeutischen Setting mit begrenzter Frequenz ist die Leberbelastung bei normaler Vorfunktion gering. Eine geschwächte Leberfunktion vor Beginn sollte abgeklärt werden.
Beeinträchtigt Ketamin das Gedächtnis?
Akute Beeinträchtigung des Arbeitsgedächtnisses während und kurz nach der Sitzung ist normal. Chronische kognitive Defizite, besonders im episodischen Gedächtnis, sind bei regelmäßigen Konsumenten dokumentiert. Für das therapeutische Setting mit niedriger Frequenz liegen bisher keine Hinweise auf dauerhafte kognitive Defizite vor. Wichtig ist der Unterschied: es gibt dazu bisher schlicht kaum Langzeituntersuchungen. Fehlende Hinweise sind kein Beweis für Unbedenklichkeit. Dies bleibt Gegenstand aktiver Forschung.
Mehr aus dem Cluster „Ketamin-Therapie"
- Pillar: Ketamin-Therapie im Überblick
- Ist Ketamin gefährlich?
- Ketamin vs. Esketamin-Nasenspray
- Therapieresistente Depression
- Macht Ketamin abhängig?
- Kosten und Krankenkasse
- Ketamin-assistierte Psychotherapie
- PTBS und Trauma
- Erfahrungen
- Burnout
- Elon Musk-Frame
- Was ist Ketamin?
- Wirkmechanismus im Gehirn
- Nachweisbarkeit
- Überdosis
- Mischkonsum
- K-Hole
- Chronische Schmerzen
- Angst und Zwang
- Microdosing
- Akute Suizidalität
- Gefahren im Überblick
- Halluzinationen und Trip
- Nebenwirkungen akut und langzeit (du bist hier)
- Droge vs. Medikament (in Vorbereitung)
- Entzug und Rebound (in Vorbereitung)
- Tropfen und sublingual (in Vorbereitung)
- Dosierung (in Vorbereitung)
- Blase und Cystitis (in Vorbereitung)
- Wirkdauer und Halbwertszeit (in Vorbereitung)
- Kontraindikationen (in Vorbereitung)
Verbindungen zu anderen Themen
Die wichtigste chronische Nebenwirkung vertieft, mit Warnzeichen und Therapie.
Quellen und weiterführende Literatur
- Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9 [Systematischer Review]
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- Morgan CJ, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012. doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit]
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- Fachinformation des jeweils eingesetzten ketaminhaltigen Arzneimittels in der aktuell gültigen Fassung, insbesondere zu Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Verkehrstüchtigkeit. [Fachinformation des Herstellers]