Ratgeber Ketamin · Spoke 25

Ketamin-Entzug und Rebound: Was wirklich passiert

Beim Wort Entzug denken viele an heroin-artige Symptome: Zittern, Schmerzen, Tage in Agonie. Bei Ketamin sieht das anders aus. Der körperliche Anteil ist meist mild. Was häufig dominiert, ist eine andere Dimension: Craving, Stimmungseinbruch, Schlaf wird zur Wüste. Wer das versteht, kann den Ausstieg besser planen, egal ob nach Therapie oder nach Konsum.

Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Wenn ich in der Sprechstunde nach Ketamin-Entzug gefragt werde, kommen die Fragen aus zwei Welten. Manche Patienten beenden eine therapeutische Serie und fragen: „Was passiert jetzt mit mir?" Andere kommen aus jahrelangem Konsum und fragen: „Komme ich da überhaupt wieder raus?" Beide Fragen sind berechtigt. Beide haben unterschiedliche Antworten. Dieser Spoke gibt sie systematisch.

Was in der Fachliteratur beschrieben wird

In der Fachliteratur wird immer wieder beschrieben, dass die ersten Tage nach dem Absetzen körperlich unauffälliger verlaufen als erwartet und dass die psychisch schwerste Phase erst später kommt. Wer das vorher weiß, kann diese Wochen anders planen und ist weniger überrascht, wenn es nicht linear bergauf geht.

Das ist eine Beobachtung, kein belegtes Verlaufsschema. Ein publizierter, validierter Ketamin-Entzugsverlauf mit festen Phasen existiert bislang nicht.

Zwei Welten des Entzugs: Therapie versus Konsum

Reframe

Ein Ketamin-Entzug ist nicht eins. Der Verlauf nach einer ärztlichen Therapie-Serie unterscheidet sich grundlegend vom Verlauf nach chronischem Konsum. Der erste verläuft nach heutigem Kenntnisstand meist deutlich milder, ohne Risiko ist er deshalb nicht. Der zweite kann eine vollständige Sucht-Therapie verlangen. Diese Unterscheidung ist nicht akademisch, sie bestimmt, was du brauchst.

Variante 1: Nach ärztlich strukturierter Anwendung

Nach einer ärztlich strukturierten Serie ist ein klassisches Entzugssyndrom nach heutigem Kenntnisstand selten. Sicher ist das nicht. Es gibt dokumentierte Einzelfälle, in denen sich auch aus einer anfangs therapeutisch gedachten Anwendung eine Abhängigkeit mit Toleranzentwicklung, Craving und Absetzsymptomen entwickelt hat. Genau deshalb gehören Frequenz, Dosis und Verlauf in ärztliche Hand und nicht in Eigenregie. Was auftreten kann:

  • Rebound-Phase einige Tage nach einer Sitzung: vorübergehende Stimmungsverschlechterung
  • Erwartung der nächsten Sitzung: kann sich anfühlen wie Vorfreude oder Sorge
  • Stimmungswelle: nach der Induktionsphase, beim Übergang in eine Erhaltungsphase
  • Toleranz und Verlangen: in Einzelfällen beschrieben, gerade wenn die Abstände kürzer werden
Warum ich das nicht verharmlose Fallberichte

Zwei publizierte Fallberichte beschreiben genau das, was der beruhigende Satz „nach Therapie kein Entzug" ausblendet. Bonnet dokumentiert eine Person, die Ketamin zunächst gegen eine schwere Depression anwendete, eine Toleranz gegenüber der stimmungsaufhellenden Wirkung entwickelte, Dosis und Frequenz über Monate steigerte und in eine Abhängigkeit mit starkem Craving in der Entgiftung geriet. Critchlow beschreibt eine Ketaminabhängigkeit mit Absetzsymptomen. Beides sind Einzelfälle und erlauben keine Häufigkeitsaussage. Sie zeigen aber, dass die Grenze zwischen Anwendung und Abhängigkeit durchlässig sein kann.

Bonnet U. J Psychoactive Drugs. 2015. doi:10.1080/02791072.2015.1072653 · Critchlow DG. Addiction. 2006. doi:10.1111/j.1360-0443.2006.01494.x

Variante 2: Nach chronischem Konsum

Hier kann ein ausgeprägtes Entzugssyndrom auftreten. Die Schwere hängt ab von Dauer, Frequenz, Dosis und Mischkonsum-Profil. Häufige Symptome:

  • Craving (intensives Verlangen): der dominierende psychische Anteil
  • Stimmungsverschlechterung bis depressive Episoden
  • Angst und innere Unruhe
  • Schlafstörungen, Insomnie, fragmentierter Schlaf
  • Kognitive Verlangsamung in den ersten Wochen. Solange Konzentration, Reaktion und Schlaf beeinträchtigt sind, sind Autofahren, Maschinenarbeit und andere sicherheitsrelevante Tätigkeiten ein echtes Risiko. Das gehört ärztlich eingeschätzt und nicht im Selbstversuch
  • Körperlich: meist mild, etwa Übelkeit, leichter Tremor, Schwitzen

Die Phasen des Konsum-Entzugs

Diese Zeitangaben sind eine grobe Orientierung aus klinischer Beobachtung und aus Fallbeschreibungen, kein belegtes Verlaufsschema. Ein validiertes Phasenmodell für den Ketamin-Entzug gibt es in der Literatur nicht. Dein Verlauf kann deutlich anders aussehen.

Tag 1-3

Akute Entzugs-Phase

Mögliche körperliche Symptome: Schlafstörungen, leichtes Schwitzen, Unruhe, Übelkeit. Bei Hochdosis-Konsum kann eine ausgeprägte „Crash"-Phase mit starker Müdigkeit auftreten. Der körperliche Anteil fällt bei Ketamin oft geringer aus als bei Opiaten oder Alkohol. Unbedenklich ist er damit nicht, vor allem nicht bei Begleitkonsum.

Woche 1-2

Initialer Tiefpunkt

Die Stimmung kann jetzt deutlich absacken. Kognitive Klarheit kann anfangs überraschend sein, dann folgt oft eine Phase der Ernüchterung. Erste starke Craving-Wellen sind möglich.

Woche 3-4

Die unterschätzte Phase

Viele beschreiben die dritte bis vierte Woche als psychisch schwerste Zeit: Tiefe, Leere, intensiviertes Craving. Genau in dieser Phase kann Begleitung den Unterschied machen. Wie häufig Menschen gerade hier abbrechen, ist nicht in Zahlen belegt.

Monat 2-3

Stabilisierung

Der Schlaf kann zurückkehren, die Stimmung sich stabilisieren. Auch kognitive Funktionen können sich in dieser Zeit erholen. Craving kann seltener werden, in Triggersituationen aber wieder auftreten. Ein solcher Verlauf ist möglich, sicher ist er nicht.

Monat 4-12

Langfristige Erholung

Kognitive Erholung weiter im Verlauf. Soziale und berufliche Reintegration. Bei einer ketamin-assoziierten Cystitis kann sich die Blasenfunktion teilweise erholen. Sie muss es aber nicht: Bei fortgeschrittenen Veränderungen der Blasenwand können Schäden bleiben. Deshalb gehört das urologisch kontrolliert und nicht abgewartet. Erkennen und Vermeiden der eigenen Trigger wird zur Hauptarbeit.

Was die Forschung zur Ketamin-Abhängigkeit zeigt

Studien-Befund Systematische Übersichtsarbeit

Morgan und Curran haben in einer systematischen Übersichtsarbeit die Literatur zu den körperlichen, psychischen und sozialen Folgen des Ketaminkonsums zusammengetragen. Viele häufige Konsumentinnen und Konsumenten berichten dort, dass sie sich Sorgen um eine Abhängigkeit machen und dass sie aufhören wollten und es nicht geschafft haben. Als besonders relevante körperliche Folge beschreibt die Arbeit die ketamin-induzierte ulzerative Cystitis, dazu Beeinträchtigungen von Arbeits- und episodischem Gedächtnis bei häufigem täglichem Gebrauch. Ein schweres körperliches Entzugssyndrom wie beim Opiatentzug beschreibt die Übersicht nicht als typisches Bild. Eine eigene Stichprobe und damit eine Häufigkeitszahl enthält die Arbeit nicht.

Morgan CJ, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012. doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x
Studien-Befund Übersichtsarbeit

Liu und Kollegen fassen in einer Übersichtsarbeit zusammen, dass Ketamin neben seiner rasch stimmungsaufhellenden Eigenschaft ein relevantes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial hat und dass Lern- und Gedächtnisprozesse unter chronischem Gebrauch beeinträchtigt sein können. Die Autoren halten zugleich fest, dass es derzeit keine spezifische etablierte Behandlung für die körperlichen Folgeschäden des Ketaminmissbrauchs gibt. Wie hoch die Rückfallquote mit oder ohne Begleitung ist, lässt sich aus dieser Arbeit nicht ableiten.

Liu Y, Lin D, Wu B, Zhou W. Ketamine abuse potential and use disorder. Brain Res Bull. 2016. doi:10.1016/j.brainresbull.2016.05.016

Die vier KPNI-Linsen auf den Entzug

1. Nervensystem

Der NMDA-Rezeptor kann sich an eine chronisch erhöhte Blockade anpassen. Nach dem Absetzen kann es zu einer Hochregulation und vorübergehend hyperaktiven glutamatergen Signalen kommen. Das könnte mit Angst und Schlafstörungen zusammenhängen. Die Erholung kann Wochen bis Monate brauchen. Das ist eine physiologische Überlegung, kein beim Menschen belegter Entzugsmechanismus.

2. Immunsystem

Bei chronischer Cystitis lokale Inflammation. Allgemeine stressbedingte Inflammation kann während des Entzugs steigen. Schlaf, Bewegung und eine ruhige Ernährung können den Körper in dieser Phase entlasten. Ein gezielter Effekt auf den Entzugsverlauf ist dafür nicht belegt.

3. Stoffwechsel

Leber- und Gallenfunktion können sich nach Absetzen erholen, wenn keine fortgeschrittenen Schäden vorliegen. Eine ausreichende Grundversorgung mit Nährstoffen ist in dieser Phase ohnehin sinnvoll, weil Schlaf, Appetit und Ernährung oft durcheinander sind. Ein gezielter Effekt einzelner Nährstoffe auf die Erholung des Nervensystems ist nicht belegt.

4. Hormonsystem

HPA-Achse kann während des Entzugs hyperaktiv sein, mit erhöhtem Cortisol und verändertem Tagesrhythmus. Schlaf-Wach-Regulation kann Monate brauchen, um sich zu stabilisieren.

Der strukturierte Ausstieg: was helfen kann

Bitte zuerst lesen: Begleitkonsum

Wenn du zusätzlich Alkohol, Benzodiazepine, Z-Substanzen wie Zolpidem oder Zopiclon, oder GHB konsumierst, darfst du auf keinen Fall abrupt aufhören. Bei diesen Substanzen kann ein plötzlicher Entzug Krampfanfälle oder ein Delir auslösen und lebensgefährlich sein. Diese Kombination gehört vorher ärztlich abgeklärt, im Zweifel in einer Klinik. Alles, was weiter unten steht, gilt erst nach dieser Abklärung.

Was in der Fachliteratur und in der klinischen Erfahrung als hilfreich beschrieben wird:

  • Klare Entscheidung: bei psychischer Abhängigkeit kann eine vollständige Abstinenz sinnvoller sein als eine schleichende Reduktion, weil Trigger das Craving reaktivieren können. Voraussetzung ist, dass kein Begleitkonsum vorliegt, bei dem ein abrupter Stopp gefährlich wäre, siehe Kasten oben
  • Psychotherapeutische Begleitung: verhaltenstherapeutisch orientierte Suchttherapie ist der am besten untersuchte Weg, auch wenn es für Ketamin selbst keine eigene Leitlinie gibt
  • Soziales Netz: Familie, Freunde, gegebenenfalls Selbsthilfegruppen
  • Strukturierter Tagesplan: Bewegung, Schlaf, gute Ernährung, sinnstiftende Aktivität
  • Medikamente nur als Nebenrolle: eine zugelassene spezifische Entzugstherapie für Ketamin gibt es nicht. Alle hier genannten Gruppen sind verschreibungspflichtig und gehören ausschließlich in ärztliche Hand. Details im Absatz darunter
  • Urologische Verlaufskontrollen: wenn eine Cystitis bestand
  • Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung: oft wurde Ketamin als Selbstmedikation für eine unbehandelte Depression, Angst oder Traumafolgestörung konsumiert

Was zu den Medikamenten zu sagen ist

Ich nenne die Substanzgruppen bewusst, statt sie wegzulassen, weil du wissen sollst, worüber im ärztlichen Gespräch überhaupt geredet wird. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht, das gehört in die Untersuchung.

  • Benzodiazepine wie Diazepam oder Lorazepam und die verwandten Z-Substanzen wie Zolpidem und Zopiclon sind verschreibungspflichtig. Bei einer Suchterkrankung sind sie besonders heikel, weil sich die Abhängigkeit verlagern kann. Sie können außerdem Tagesmüdigkeit, Sturzneigung und Gedächtnisstörungen auslösen und in Kombination mit Alkohol oder Opioiden die Atmung dämpfen. Wenn sie überhaupt eingesetzt werden, dann ärztlich verordnet, streng befristet und mit geplantem Ausschleichen.
  • Antidepressiva, etwa aus der Gruppe der SSRI, sind verschreibungspflichtig und können in Frage kommen, wenn tatsächlich eine Depression zugrunde liegt. In den ersten Wochen brauchen sie eine engmaschige Begleitung, weil Unruhe, Schlafstörungen und Suizidgedanken zu Beginn zunehmen können, besonders bei jungen Menschen. Nebenwirkungen können Übelkeit, sexuelle Funktionsstörungen und Schlafstörungen sein.
  • Wechselwirkungen sind ein eigenes Thema. Ketamin und serotonerg wirkende Antidepressiva können sich gegenseitig beeinflussen, ebenso Ketamin und blutdrucksteigernde Substanzen. Wer mehrere Mittel nimmt, sollte die vollständige Liste ärztlich prüfen lassen, auch die frei verkäuflichen.
Wichtige Warnung

Bei Suizidgedanken während des Entzugs, bei schwerer Psychose oder bei körperlicher Verschlechterung sofort ärztliche Hilfe suchen. Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Bei akuter Krise 112 oder nächste psychiatrische Klinik. Niemand muss diese Phase allein durchstehen.

Was nach dem Entzug kommt: zugrunde liegende Behandlung

Eine häufige Beobachtung: Wer chronisch Ketamin konsumiert hat, hat oft eine unbehandelte zugrunde liegende Erkrankung. Depression, Angststörung, Trauma-Folgestörung, ADHS, chronischer Schmerz. Wenn diese nicht mitbehandelt wird, kann das Rückfallrisiko hoch bleiben.

Ob nach einem abgeschlossenen Entzug später eine ketamingestützte Behandlung überhaupt in Frage kommt, ist eine sehr individuelle und fachlich umstrittene Entscheidung. Bei einer vorbestehenden Ketaminabhängigkeit sprechen gute Gründe dagegen, weil das Rückfallrisiko steigen kann. Wichtig zu wissen: Racemisches Ketamin ist bei Depression in Deutschland nicht zugelassen, die Anwendung wäre off label. Das bedeutet eine gesonderte Aufklärung, eine besondere ärztliche Begründungspflicht und in aller Regel keine Kostenübernahme durch die Kasse. Esketamin als Nasenspray (in Deutschland als Spravato zugelassen) ist bei therapieresistenter Depression zugelassen, aber ebenfalls verschreibungspflichtig, an eine ärztliche Überwachung nach der Gabe gebunden und bei einer Suchtvorgeschichte besonders sorgfältig abzuwägen. Beide Formen können dissoziative Zustände, einen Anstieg von Blutdruck und Puls sowie Übelkeit auslösen, bei wiederholter Anwendung sind Blasenschäden und ein Missbrauchspotenzial beschrieben. Gegenanzeigen bestehen unter anderem bei bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei unbehandelter arterieller Hypertonie, bei schwerer Leber- oder Nierenerkrankung, bei psychotischen Störungen, in Schwangerschaft und Stillzeit. Für Kinder und Jugendliche ist keine der beiden Anwendungsformen bei Depression zugelassen. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht. Diese Abwägung gehört in die Hand einer suchtmedizinisch und psychiatrisch erfahrenen Behandlerin oder eines entsprechend erfahrenen Behandlers, und zwar im persönlichen Gespräch, nicht in einem Blogartikel.

Der Moment wahrer Freiheit

Wenn das eigene Erleben nicht mehr an eine Substanz gebunden ist

Wahre Freiheit beginnt, wenn der Entzug nicht mehr nur das Fehlen der Substanz ist, sondern das Wiedergewinnen von eigener Stabilität. Diese Phase ist anstrengend, aber sie ist nicht endlos. Wer durchhält, gewinnt nicht nur Abstinenz zurück, sondern kann auch ein neues Verhältnis zu sich selbst finden.

Drei Hebel beim Entzug

1

Wenn du absetzen willst: plane die dritte Woche

Die ersten Tage sind selten die schwersten. Viele beschreiben die dritte Woche als die härteste Zeit. Belegt ist diese Reihenfolge nicht, sie stammt aus klinischer Beobachtung und aus Fallbeschreibungen. Plane in dieser Phase trotzdem weniger Verpflichtungen, mehr Begleitung, mehr Selbstfürsorge. Wenn du weißt, dass eine schwere Phase kommen kann, überrascht sie dich weniger.

2

Hol dir Begleitung, egal wie selbstständig du bist

Suchtberatungsstellen wie die von Caritas oder Diakonie beraten anonym und kostenfrei. Psychotherapeutische Begleitung gilt in der Suchtbehandlung als wichtigster Baustein. Für Ketamin speziell ist die Datenlage dünn und beruht auf kleinen, offenen Studien. Eine Zahl zur Rückfallquote kann ich dir seriös nicht nennen. Selbsthilfegruppen können in einer Phase, in der man sich allein fühlt, einen Anker bieten.

3

Adressiere die zugrunde liegende Erkrankung

Frage dich ehrlich: wofür war Ketamin meine Selbstmedikation? Für die Stimmung? Für die Angst? Für den Schlaf? Für das Schmerzgefühl? Diese Frage zu beantworten und sich der zugrunde liegenden Diagnose zu stellen, kann der entscheidende Schritt zu einer dauerhaften Abstinenz sein.

Häufige Fragen zu Ketamin-Entzug und Rebound

Gibt es einen Ketamin-Entzug?

Ja, allerdings unterscheidet er sich deutlich vom Entzug bei Opiaten oder Alkohol. Der körperliche Entzug ist meist mild. Die psychischen Symptome wie Craving, Stimmungsverschlechterung und Schlafstörungen können dominieren. Die Schwere hängt stark von Dauer, Dosis und Konsum-Muster ab.

Was passiert beim Absetzen nach einer ärztlich strukturierten Anwendung?

Nach einer ärztlich strukturierten Serie mit begrenzter Frequenz ist ein klassisches Entzugssyndrom nach heutigem Kenntnisstand selten. Sicher ist das nicht: Es gibt dokumentierte Einzelfälle, in denen sich auch aus einer anfangs therapeutisch gedachten Anwendung eine Abhängigkeit entwickelt hat. Manche Menschen berichten von einer Rebound-Phase mit vorübergehender Stimmungsverschlechterung einige Tage nach einer Sitzung. Genau deshalb gehören Frequenz, Dosis und Verlauf in ärztliche Hand und nicht in Eigenregie.

Was passiert beim Absetzen nach chronischem Konsum?

Hier kann ein ausgeprägtes Entzugssyndrom auftreten: starkes Craving, Depression, Angst, Schlafstörungen, manchmal Übelkeit und Tremor. Die psychischen Symptome können Wochen anhalten und brauchen oft professionelle Begleitung. Viele beschreiben die dritte Woche als die schwerste Phase. Wenn zusätzlich Alkohol, Benzodiazepine, Z-Substanzen oder GHB im Spiel sind, ist ein abrupter Stopp gefährlich und gehört vorher ärztlich abgeklärt.

Wie lange dauert ein Ketamin-Entzug?

Akute Phase der körperlichen Symptome meist wenige Tage. Psychische Symptome wie Stimmungsverschlechterung, Schlafstörungen und Craving können mehrere Wochen anhalten. Die Erholung kognitiver Funktionen nach chronischem Konsum kann Monate brauchen. Diese Zeitangaben sind Orientierung aus klinischer Beobachtung, kein belegtes Verlaufsschema. Praktisch wichtig: Solange Konzentration, Reaktion und Schlaf beeinträchtigt sind, sind Autofahren und sicherheitsrelevante Tätigkeiten ein echtes Risiko. Sprich das ärztlich an, statt es selbst einzuschätzen.

Kann ich Ketamin allein absetzen?

Wie riskant das Absetzen ist, hängt stark von Dauer, Dosis, Begleitkonsum und Vorerkrankungen ab. Auch bei scheinbar geringem Konsum ist es sinnvoll, das einmal ärztlich einordnen zu lassen, statt es allein zu entscheiden. Bei chronischem Hochdosis-Konsum oder Verdacht auf Abhängigkeit ist ärztliche Begleitung wichtig. Bei zusätzlichem Konsum von Alkohol, Benzodiazepinen, Z-Substanzen oder GHB darfst du nicht abrupt aufhören, dort kann ein plötzlicher Entzug lebensgefährlich sein. Suchtberatungsstellen beraten anonym und kostenfrei. Mit Begleitung fällt vielen der Ausstieg leichter, vor allem in den schweren Wochen. Belastbare Zahlen zur Erfolgsquote gibt es für Ketamin nicht.

Was ist Rebound-Depression nach Ketamin?

Eine vorübergehende Verschlechterung der Stimmung einige Tage nach einer Ketamin-Sitzung. Sie kann Teil des pharmakologischen Verlaufs sein und muss nicht bedeuten, dass die Depression zurück ist. Sicher unterscheiden lässt sich das im Einzelfall nicht. In strukturierten Protokollen ist die nächste Sitzung so getaktet, dass diese Phase mitgedacht wird. Ob sie sich damit abfangen lässt, ist individuell verschieden. Wichtig: Wenn es dir in dieser Phase deutlich schlechter geht oder Suizidgedanken auftreten, ist das kein Grund zu warten, sondern ein Grund, sofort mit deiner Behandlerin oder deinem Behandler zu sprechen. Bei akuter Krise Notruf 112.

Welche Medikamente kommen beim Entzug in Frage?

Eine zugelassene spezifische Entzugstherapie für Ketamin gibt es nicht. Medikamente spielen hier nur eine Nebenrolle und gehören ausschließlich in ärztliche Hand, alle infrage kommenden Gruppen sind verschreibungspflichtig. Beruhigungsmittel aus der Benzodiazepin-Gruppe sind bei einer Suchterkrankung besonders heikel, weil sich die Abhängigkeit verlagern kann. Wenn eine Depression zugrunde liegt, kann eine antidepressive Behandlung sinnvoll sein, in den ersten Wochen aber engmaschig begleitet, weil Unruhe und Suizidgedanken zu Beginn zunehmen können. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht. Der Schwerpunkt liegt ohnehin auf der psychotherapeutischen Begleitung.

Wann ist eine Klinik nötig?

Bei schwerem Hochdosis-Konsum mit körperlichen Begleiterkrankungen (Cystitis, Leberbelastung), bei akuter Suizidalität im Entzug, bei psychotischen Symptomen, bei fehlender sozialer Stabilität und immer bei zusätzlichem Konsum von Alkohol, Benzodiazepinen, Z-Substanzen oder GHB. Im Zweifel: psychiatrische Erstaufnahme oder Suchtklinik kontaktieren. Wenn der Konsum schwer war oder körperliche Folgen dazukommen, kann eine stationäre Behandlung den Übergang deutlich stabiler machen. Wie lange sie dauert, entscheidet die aufnehmende Klinik nach dem individuellen Befund.

Verbindungen zu anderen Themen

Abhängigkeits-Frage Macht Ketamin abhängig?

Die Grundfrage zur psychischen Abhängigkeit, der dieser Spoke folgt.

Wenn Konsum aus Selbstmedikation Depression ganzheitlich

Hinter chronischem Ketamin-Konsum steckt häufig eine unbehandelte Erkrankung, oft eine Depression, eine Angststörung oder eine Traumafolgestörung.

Körperlicher Schaden Cystitis

Die häufigste somatische Folge chronischen Konsums, die Hauptmotivation für Entzug.

Beim Microdosing Microdosing

Tägliche niedrige Dosen können einen schleichenden Entzugsbedarf erzeugen.

SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt in Berlin. Tätigkeitsschwerpunkte: integrative Medizin, klinische Psychoneuroimmunologie. ViveCura, Skalitzer Straße 137. Dieser Text ist allgemeine Gesundheitsinformation und kein Behandlungsangebot. Wenn du aus einem Ketamin-Konsum aussteigen willst, sind die Suchtberatungsstellen vor Ort, deine Hausärztin oder dein Hausarzt oder eine psychiatrische Ambulanz die richtige erste Adresse.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text ist allgemeine Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Beratung. Er ist kein Behandlungsangebot und keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Ketamin und Esketamin sind verschreibungspflichtig, Ketamin unterliegt in Deutschland zusätzlich betäubungsmittelrechtlichen Regelungen. Bei Suizidgedanken, schwerer Unruhe, Verwirrtheit, Krampfanfällen oder körperlicher Verschlechterung gilt: sofort Notruf 112 oder die nächste psychiatrische Klinik, nicht auf einen Praxistermin warten. Telefonseelsorge rund um die Uhr: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Morgan CJ, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012. doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit]
  2. Sassano-Higgins S, Baron D, Juarez G, et al. A Review of Ketamine Abuse and Diversion. Depress Anxiety. 2016. doi:10.1002/da.22536 [Übersichtsarbeit]
  3. Schifano F, Corkery J, Oyefeso A, et al. Trapped in the K-hole: overview of deaths associated with ketamine misuse in the UK. J Clin Psychopharmacol. 2008. doi:10.1097/JCP.0b013e3181612cdc [Real-World]
  4. Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action. Neuropsychopharmacology. 2024. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
  5. Bonnet U. Long-Term Ketamine Self-Injections in Major Depressive Disorder. J Psychoactive Drugs. 2015. doi:10.1080/02791072.2015.1072653 [Case]
  6. Liu Y, Lin D, Wu B, Zhou W. Ketamine abuse potential and use disorder. Brain Res Bull. 2016. doi:10.1016/j.brainresbull.2016.05.016 [Übersichtsarbeit]
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  8. Wilkinson ST, Wright D, Fasula MK, et al. Cognitive Behavior Therapy May Sustain Antidepressant Effects of Intravenous Ketamine in Treatment-Resistant Depression. Psychother Psychosom. 2017;86(3):162-167. doi:10.1159/000457960 [offene Pilotstudie, nicht randomisiert, n=16]
  9. Phillips JL, Norris S, Talbot J, et al. Single and repeated ketamine infusions for reduction of suicidal ideation. Neuropsychopharmacology. 2020. doi:10.1038/s41386-019-0570-x [RCT]
  10. Riggs LM, Gould TD. Ketamine and the Future of Rapid-Acting Antidepressants. Annu Rev Clin Psychol. 2021. doi:10.1146/annurev-clinpsy-072120-014126 [Übersichtsarbeit]
  11. Bonaventura J, Lam S, Carlton M, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [Tierstudie, In vivo]
  12. Federal Institute for Drugs and Medical Devices (BfArM). Ketamin und Esketamin Risikobewertung. 2020. bfarm.de [Behördendokument]

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