Ketamin-Tropfen und sublinguale Lozenges: Was sie wirklich tun
Wenn das Wort „Tropfen" fällt, klingt es nach niedrigschwellig und harmlos. Pharmakologisch ist die orale und sublinguale Anwendung von Ketamin aber eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Hier ist die Übersicht: Bioverfügbarkeit, Indikation, was funktionieren kann und was missverstanden wird.
Wer „Ketamin" hört, denkt meist an Infusion. An den Tropf, an die Klinik. Aber daneben gibt es eine wachsende Welt von oralen, sublingualen und nasalen Darreichungsformen. Sie sind nicht eine schwächere Version der i.v.-Therapie. Sie haben ihre eigene Pharmakologie, ihre eigenen Indikationen und ihre eigenen Tücken. Dieser Spoke macht das saubere Bild.
Lozenges sind weder Globuli noch Tablette
Eine Frage, die im Übergang von der intravenösen Behandlung zur Erhaltungsphase häufig gestellt wird, lautet sinngemäß: ist das eher ein Tröpfchen oder eher eine Tablette? Ich beschreibe hier keinen konkreten Fall, sondern eine typische Wissenslücke.
Die Antwort ist: weder noch. Sublinguale Formen können mehr Wirkstoff in den Kreislauf bringen als geschluckte Formen und deutlich weniger als eine intravenöse Gabe. Die Zahlen dazu schwanken in der Literatur erheblich. Genau diese Schwankung ist der eigentliche Befund: die wirksame Menge lässt sich schlecht vorhersagen.
Daraus folgt ein eigenes Setting: ruhige Umgebung, jemand erreichbar, keine Verantwortung für andere. Nach einer sublingualen oder oralen Anwendung bist du für den Rest des Tages nicht fahrtüchtig. Plane so, dass du danach nicht fährst, keine Maschinen bedienst und keine verantwortliche Tätigkeit übernimmst. Erst nach einer vollen Nachtruhe kannst du wieder am Verkehr teilnehmen. Das gilt auch dann, wenn du dich subjektiv völlig klar fühlst.
Ob eine Erhaltungsphase nach einer Induktion stabilisierend wirken kann, ist im direkten Vergleich nicht untersucht. Ich beschreibe hier eine Beobachtung aus der Praxis, keine belegte Wirkung, und ich kann daraus keine Prognose für dich ableiten.
Die Übersicht: alle Darreichungsformen
Intravenös (i.v.)
Die am besten untersuchte Form bei therapieresistenter Depression, angewendet unter voller ärztlicher Kontrolle. In der Studienliteratur wird als Bezugsgröße überwiegend eine Dosis von 0,5 mg/kg genannt, langsam als Infusion gegeben. Das ist eine Angabe aus der Literatur und keine Anwendungsempfehlung. Direkte Vergleichsstudien zwischen den Darreichungsformen fehlen bisher. Deshalb lässt sich nicht sagen, welche Form die stärkste Wirkung hat.
Intramuskulär (i.m.)
Kürzere Vorbereitung als i.v. Ob die Wirkstärke der intravenösen Gabe entspricht, ist durch Vergleichsstudien bisher nicht geklärt. Wird in einigen Praxen als Alternative eingesetzt, besonders bei schwierigem Venenzugang.
Intranasal (Wirkstoff Esketamin, im Handel als Spravato)
Esketamin ist das S-Enantiomer des Ketamins. Als Nasenspray ist es in der EU seit 2019 bei therapieresistenter Depression zugelassen. Es ist verschreibungspflichtig und wird nach der Zulassung ausschließlich in der Praxis unter ärztlicher Aufsicht angewendet, mit anschließender Beobachtungszeit. Zu den bekannten Nebenwirkungen zählen Dissoziation, Schwindel, Übelkeit, Sedierung und ein vorübergehender Blutdruckanstieg. Vorsicht ist unter anderem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erhöhtem Hirndruck, Psychose und in Schwangerschaft und Stillzeit geboten. Das ist allgemeine Information und keine Empfehlung für ein bestimmtes Präparat. Ob und welche Form überhaupt infrage kommt, kann nur ein persönliches Gespräch klären. Mehr im Spoke zu Spravato.
Sublinguale Lozenge/Pastille
Wird unter die Zunge gelegt und langsam aufgelöst. Ein Teil des Wirkstoffs kann direkt über die Schleimhaut aufgenommen werden und den ersten Leberdurchgang umgehen. Ein anderer Teil wird trotzdem geschluckt. Deshalb schwanken die Werte zwischen einzelnen Menschen stark. Für Depression und Schmerz ist diese Form in Deutschland nicht zugelassen, sie wird im Off-Label-Use eingesetzt.
Sublinguale Tropfen
Flüssige Form, sublingual eingenommen. Ähnliche Pharmakologie wie Lozenges. Magistralrezeptur in spezialisierten Apotheken.
Oral (geschluckt)
Niedrige und stark schwankende Bioverfügbarkeit durch den hohen First-Pass-Effekt. Wird zunehmend durch die sublinguale Form ersetzt. Der Hauptmetabolit Norketamin kann zur Wirkung beitragen. Für Depression und Schmerz nicht zugelassen, Off-Label-Use.
Zu den Zahlen: die genannten Größenordnungen stammen aus pharmakologischen Übersichtsarbeiten und unterscheiden sich je nach Quelle. Andrade nennt für die orale Gabe etwa 20 bis 25 Prozent, Lara und Kollegen berichten für die sublinguale Gabe etwa 30 Prozent. Direkte Vergleichsstudien zwischen den Darreichungsformen gibt es bisher nicht. Nimm die Werte deshalb als grobe Spanne, nicht als feste Größe.
Alle hier beschriebenen oralen und sublingualen Formen sind in Deutschland für Depression oder Schmerz nicht zugelassen. Sie werden im Off-Label-Use eingesetzt. Das heißt konkret: die Wirksamkeit ist für diese Anwendung behördlich nicht geprüft, die Verantwortung liegt bei der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt, die Kosten trägt in der Regel niemand außer dir, und du musst darüber gesondert aufgeklärt werden und zustimmen. Ich beschreibe hier den Stand der Diskussion. Das ist keine Empfehlung für eine bestimmte Anwendung.
Die wichtigste Unterscheidung: Setting bestimmt das Profil
Eine niedrigere Bioverfügbarkeit ist nicht automatisch niedrigeres Risiko. Tropfen und Lozenges werden zuhause eingenommen, ohne ärztliche Aufsicht. Das ist bequem, kann aber das Risiko paradox erhöhen, weil keine Reaktion auf Komplikationen möglich ist. „Klein" und „sublingual" klingt harmlos. Harmlos ist es auch in einem strukturierten Programm nicht. Dort lassen sich Probleme nur früher bemerken.
Wann Tropfen und Lozenges sinnvoll sein können
In meiner klinischen Erfahrung und nach der bisherigen Studienlage werden vor allem drei Kontexte beschrieben:
1. Erhaltungstherapie nach i.v.-Induktion bei TRD
Nach einer abgeschlossenen intravenösen Behandlungsserie wird in strukturierten Programmen manchmal eine Erhaltungsphase mit sublingualen Formen angeschlossen. Welche Dosis, welche Frequenz und wie viele Sitzungen sinnvoll sein können, hängt vom Einzelfall ab und gehört in die Sprechstunde. Ich nenne hier bewusst keine Zahlen. Jede Dosisangabe im Netz kann dazu verleiten, selbst zu titrieren, und genau das kann bei Ketamin gefährlich werden.
Belastbare Vergleichsstudien zu diesem Ablauf fehlen bisher. Ich beschreibe eine Beobachtung aus der Praxis, keine studiengesicherte Standardtherapie.
Andrade fasst in seiner Übersicht zur oralen Ketamin-Anwendung zusammen: Von einer oral eingenommenen Dosis erreichen vermutlich nur etwa 20 bis 25 Prozent den Blutkreislauf, und die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen sind bisher kaum untersucht. Die Evidenz stammt überwiegend aus Fallberichten, Fallserien und Aktenauswertungen, dazu kommen drei kleinere randomisierte Studien, die antidepressive Effekte beschreiben. Wie orale Formen im direkten Vergleich zur i.v.-Gabe abschneiden, ist damit nicht geklärt. Im zweiten Teil derselben Arbeit zieht Andrade ausdrücklich den Schluss, dass die Anwendung von oralem Ketamin bei Depression als experimentell anzusehen ist, solange keine ausreichend hochwertigen Studien vorliegen. Diesen Satz halte ich hier bewusst fest.
2. Chronische Schmerztherapie
Bei neuropathischen Schmerzen werden orale Ketamin-Formen Off-Label im Rahmen multimodaler Schmerzkonzepte eingesetzt. Schoevers und Kollegen haben dazu die Literatur zu den verschiedenen Anwendungswegen gesichtet. Ihr Fazit gehört mit dazu: die methodische Qualität der Arbeiten wurde unabhängig vom Anwendungsweg als niedrig bewertet, und die längerfristigen negativen Folgen sind bisher kaum systematisch untersucht. Peltoniemi und Kollegen halten in ihrer pharmakologischen Übersicht ergänzend fest, dass eine langfristige schmerzlindernde Wirkung bei chronischem Schmerz nicht belegt ist und die Sicherheitsfragen der Langzeitanwendung offen sind. Mehr im Spoke zu chronischen Schmerzen.
3. In Studien: andere Indikationen
In Forschungsprogrammen werden orale und sublinguale Formen bei weiteren Krankheitsbildern untersucht, unter anderem bei posttraumatischen Belastungsstörungen und Angststörungen. Zu einigen weiteren Krankheitsbildern darf ich mich hier öffentlich nicht äußern, weil das Heilmittelwerbegesetz die öffentliche Darstellung bestimmter Krankheitsbilder nicht erlaubt. Sprich mich im persönlichen Gespräch darauf an. Die Datenlage ist in all diesen Bereichen dünn und trägt keine Eigeninitiative.
Was NICHT zu empfehlen ist
Tägliche Selbstmedikation mit Ketamin-Tropfen ohne ärztliche Begleitung, sogenanntes „Microdosing", ist nicht durch belastbare Studien gestützt. Beschrieben sind Toleranz, Dosis-Eskalation und eine ketaminassoziierte Blasenentzündung. Eine niedrige Einzeldosis macht die Anwendung nicht harmlos. Mehr im Spoke zum Microdosing.
Versandmodelle ohne persönliche Untersuchung sehe ich kritisch. Anamnese, körperliche Untersuchung und psychiatrische Einschätzung gehören aus meiner Sicht dazu. Ohne sie kann eine zugrunde liegende Erkrankung übersehen werden, die eine andere Behandlung braucht. Das ist meine Position, keine Bewertung einzelner Anbieter.
Wann diese Formen nicht infrage kommen oder nur mit besonderer Vorsicht: schlecht eingestellter Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzschwäche, Aneurysma, erhöhter Hirn- oder Augeninnendruck, Psychose oder Psychose in der Familie, Manie, akute Suizidalität ohne engmaschige Begleitung, Leber- und Nierenerkrankungen, Schilddrüsenüberfunktion, Schwangerschaft und Stillzeit, Kinder und Jugendliche, frühere oder aktuelle Abhängigkeitserkrankung.
Wechselwirkungen sind möglich mit Alkohol, Benzodiazepinen, Opioiden, Schlafmitteln, Cannabis, blutdruckwirksamen Mitteln und Medikamenten, die über CYP3A4 abgebaut werden. Ketamin wird nach der pharmakologischen Übersicht von Peltoniemi und Kollegen vor allem über CYP3A und CYP2B6 verstoffwechselt. Das macht es anfällig für Wechselwirkungen.
Warnzeichen, bei denen du dich ärztlich melden solltest: häufiger Harndrang, Brennen beim Wasserlassen, Blut im Urin, anhaltende Benommenheit oder Dissoziation, Blutdruckanstieg, wiederkehrende Übelkeit, oder das Gefühl, dass die gewohnte Menge nicht mehr reicht. Das letzte kann ein Zeichen beginnender Toleranz sein.
Aufbewahrung: ein verschreibungspflichtiges Rezepturarzneimittel gehört verschlossen und für andere unzugänglich aufbewahrt, besonders wenn Kinder im Haushalt leben. Übelkeit und Erbrechen sind möglich. Wie du dich vor einer Anwendung verhältst, gehört ins ärztliche Gespräch.
Wenn du an Suizid denkst, warte nicht auf einen Termin. Notruf 112. Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, jederzeit und kostenfrei.
Dieser Text ist allgemeine Information. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Beratung und keine Behandlung.
Die vier KPNI-Linsen auf orale Formen
1. Nervensystem
Niedrigere Spitzenkonzentrationen können schwächere und länger andauernde Effekte bedeuten. Der dissoziative Anteil kann milder ausfallen, die Stimmungseffekte können dann aber ebenfalls weniger eindrücklich sein. Setting und Erwartungshaltung können die Wirkung stark beeinflussen.
2. Immunsystem
Daten zu entzündungsbezogenen Akut-Effekten stammen vor allem aus der intravenösen Anwendung, überwiegend aus der Anästhesie und aus Tiermodellen. Ob sich das auf niedrig dosierte orale oder sublinguale Formen übertragen lässt, ist bisher nicht untersucht. Bei häufiger Anwendung über längere Zeit kann sich das Bild dagegen zu einer chronischen Entzündung der Harnblase verschieben.
3. Stoffwechsel
Oral kann der First-Pass-Effekt hoch sein, entsprechend kann viel Norketamin als Metabolit entstehen. Sublingual kann ein Teil davon umgangen werden, dann kann mehr Mutterstoff die Zirkulation erreichen. Bei eingeschränkter Leberfunktion können die Wirkstoffkonzentrationen besonders stark schwanken.
4. Hormonsystem
Auch die Daten zu hormonellen Akut-Effekten stammen überwiegend aus der intravenösen Anwendung. Eine Übertragung auf niedrig dosierte orale Formen ist nicht belegt. Die Möglichkeit, die Anwendung zuhause zu erleben, kann die Regelmäßigkeit erleichtern, gleichzeitig aber die Gefahr einer Eskalation erhöhen.
„Niedrigschwellig heißt nicht risikofrei. Niedrigschwellig heißt: ich brauche meine eigene Disziplin."
Wer sublinguale Lozenges in der Erhaltungsphase nimmt, hat ein Werkzeug. Werkzeuge sind so gut wie der Mensch, der sie benutzt. Ein klarer Therapierahmen kann helfen, den Unterschied zwischen einer begleiteten Erhaltungstherapie und einer schleichenden Selbstmedikation überhaupt sichtbar zu halten.
Drei Hebel beim Umgang mit Tropfen und Lozenges
Wenn du Lozenges verschrieben bekommst: frage nach dem Setting
Ein seriöses Programm legt schriftlich fest, was in welchen Abständen kontrolliert wird, mindestens Blasenbeschwerden, Urin, Leberwerte, Blutdruck und Stimmung. Dazu gehören ein ruhiges, sicheres Setting mit Pause danach und ein klarer Abbruchsplan, falls Toleranz oder Nebenwirkungen auftreten. Verbindliche Leitlinienvorgaben für diese Intervalle gibt es bisher nicht. Frage deshalb nach, wie deine Praxis das konkret regelt und warum. Diese Struktur ist nicht Bürokratie. Sie kann den Unterschied zwischen Therapie und Selbstmedikation ausmachen.
Wenn dir jemand Tropfen ohne Vorab-Diagnostik anbietet: Vorsicht
Ein Angebot, das nach einem kurzen Videocall ohne persönliche Untersuchung zustande kommt, sehe ich kritisch. Ohne Anamnese, Labordiagnostik und psychiatrische Einschätzung kann eine zugrunde liegende Erkrankung übersehen werden, die eine andere Behandlung braucht. Das ist meine Position, keine Bewertung einzelner Anbieter.
Wenn du selbst überlegst, ob das für dich passt: rede mit zwei Ärzten
Eine spezialisierte Praxis und dein Hausarzt sollten beide einbezogen werden. Diese Doppel-Konsultation kann helfen, eine realistische Indikationsstellung zu treffen und das Risiko der Eigeninitiative zu reduzieren.
Häufige Fragen zu Tropfen und Lozenges
Was sind Ketamin-Tropfen?
Apothekenrezepturen, in denen der Wirkstoff Ketamin in flüssiger Form vorliegt. Ketamin ist verschreibungspflichtig. Die Tropfen werden sublingual (unter die Zunge) oder oral eingenommen. Für Depression und Schmerz sind diese Formen in Deutschland nicht zugelassen, sie werden im Off-Label-Use eingesetzt. Hergestellt werden sie als Magistralrezeptur in spezialisierten Apotheken.
Was sind Ketamin-Lozenges?
Sublinguale Pastillen mit dem verschreibungspflichtigen Wirkstoff Ketamin, in spezialisierten Apotheken hergestellt. Werden unter der Zunge langsam aufgelöst. Ein Teil des Wirkstoffs kann direkt über die Schleimhaut aufgenommen werden und den ersten Leberdurchgang umgehen, ein anderer Teil wird trotzdem geschluckt. Die Angaben zur Bioverfügbarkeit schwanken in der Literatur, sublingual werden etwa 30 Prozent berichtet, oral etwa 15 bis 25 Prozent. Dosisangaben nenne ich hier bewusst nicht, das gehört in die Sprechstunde.
Wie hoch ist die Bioverfügbarkeit?
Die in Übersichtsarbeiten genannten Größenordnungen: intravenös 100 Prozent, intramuskulär etwa 93 Prozent, intranasal etwa 25 bis 50 Prozent, sublingual etwa 30 Prozent, oral etwa 15 bis 25 Prozent. Die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle, direkte Vergleichsstudien fehlen. Diese Spanne ist selbst schon der Befund: die wirksame Menge lässt sich schlecht vorhersagen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen können besonders bei oraler Anwendung groß sein.
Wofür werden Tropfen und Lozenges verwendet?
Hauptanwendung außerhalb der Zulassung: Erhaltung nach abgeschlossener intravenöser Behandlungsserie bei therapieresistenter Depression sowie chronische Schmerzen im multimodalen Konzept. Zu weiteren Krankheitsbildern läuft Forschung. Dazu äußere ich mich auf einer öffentlichen Seite bewusst nicht, weil das Heilmittelwerbegesetz die öffentliche Darstellung bestimmter Krankheitsbilder nicht erlaubt. Niemals als Erstanwendung ohne vorherige Diagnostik und ohne ärztliche Begleitung. Mehr im Spoke zur therapieresistenten Depression.
Sind orale Tropfen in Deutschland legal?
Ketamin ist verschreibungspflichtig. Das ergibt sich aus § 48 AMG in Verbindung mit der Arzneimittelverschreibungsverordnung. Es unterliegt in Deutschland nicht dem Betäubungsmittelgesetz, ist aber deshalb nicht harmloser. Ärztinnen und Ärzte können es Off-Label verordnen, hergestellt wird es dann als Rezeptur in spezialisierten Apotheken. Der Bezug ohne Rezept ist illegal, ebenso der Import aus dem Ausland ohne Rezept.
Wie unterscheiden sie sich von Spravato?
Esketamin, das S-Enantiomer des Ketamins, ist als Nasenspray (Handelsname Spravato) in der EU bei therapieresistenter Depression zugelassen. Es ist verschreibungspflichtig und wird nach der Zulassung ausschließlich in der Praxis unter ärztlicher Aufsicht angewendet, mit anschließender Beobachtungszeit. Bekannte Nebenwirkungen sind unter anderem Dissoziation, Schwindel, Übelkeit, Sedierung und ein vorübergehender Blutdruckanstieg. Tropfen und Lozenges enthalten in der Regel racemisches Ketamin, sind nicht zugelassen und werden Off-Label eingesetzt. Das ist allgemeine Information und keine Empfehlung für ein bestimmtes Präparat. Mehr im Spoke zu Spravato.
Welche Risiken haben Tropfen und Lozenges?
Beschrieben sind Toleranz-Entwicklung bei regelmäßiger Anwendung, Dosis-Eskalation, psychische Abhängigkeit und das Risiko, dass eine unbehandelte zugrunde liegende Erkrankung übersehen wird. Bei wiederholter Anwendung über längere Zeit kann sich eine ketaminassoziierte Blasenentzündung entwickeln, die bis zur bleibenden Schrumpfblase und im Extremfall bis zu einer Operation führen kann. Beschrieben sind außerdem Leber- und Gallengangsschäden. Diese Schäden können auch dann auftreten, wenn die Einzeldosis niedrig ist, und sie bilden sich nicht immer zurück. Wie hoch das Risiko bei niedrig dosierter, ärztlich begleiteter Anwendung ist, ist nicht gut untersucht, ausschließen lässt es sich nicht. Nach einer Anwendung besteht für den Rest des Tages keine Fahrtüchtigkeit. Die Heim-Anwendung ohne Monitoring kann die Risiken paradox erhöhen.
Wann ist die Anwendung sinnvoll?
Ob eine Anwendung sinnvoll sein kann, lässt sich nur individuell klären. Beschrieben wird sie in strukturierten Programmen nach abgeschlossener intravenöser Behandlungsserie, bei chronischen Schmerzen als Teil eines multimodalen Konzepts oder wenn eine intravenöse Behandlung nicht möglich ist. Immer mit ärztlicher Begleitung und Monitoring, immer nach gesonderter Off-Label-Aufklärung.
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Warum tägliche niedrige Dosen oft ein Hype-Begriff für strukturlose Selbstmedikation sind.
Die einzige in Europa zugelassene nasale Form mit klarem Setting.
Wo orale Formen Off-Label im multimodalen Schmerzkonzept Platz haben.
Quellen und weiterführende Literatur
- Andrade C. Oral Ketamine for Depression, 1: Pharmacologic Considerations and Clinical Evidence. J Clin Psychiatry. 2019;80(2):19f12820. doi:10.4088/JCP.19f12820 [Übersichtsarbeit]
- Andrade C. Oral Ketamine for Depression, 2: Practical Considerations. J Clin Psychiatry. 2019;80(2):19f12838. doi:10.4088/JCP.19f12838 [Übersichtsarbeit. Fazit der Arbeit: solange keine ausreichend hochwertigen Studien vorliegen, ist die Anwendung von oralem Ketamin bei Depression als experimentell anzusehen]
- Schoevers RA, Chaves TV, Balukova SM, aan het Rot M, Kortekaas R. Oral ketamine for the treatment of pain and treatment-resistant depression. Br J Psychiatry. 2016;208(2):108-113. doi:10.1192/bjp.bp.115.165498 [Übersichtsarbeit. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Arbeiten wurde unabhängig vom Anwendungsweg als niedrig bewertet, längerfristige negative Folgen sind kaum systematisch untersucht]
- Peltoniemi MA, Hagelberg NM, Olkkola KT, Saari TI. Ketamine: A Review of Clinical Pharmacokinetics and Pharmacodynamics in Anesthesia and Pain Therapy. Clin Pharmacokinet. 2016;55(9):1059-1077. doi:10.1007/s40262-016-0383-6 [Übersichtsarbeit zur Pharmakokinetik. Nennt keine Prozentzahlen zur oralen Bioverfügbarkeit, sondern beschreibt sie als gering. Hält fest, dass eine langfristige schmerzlindernde Wirkung bei chronischem Schmerz nicht belegt ist und Sicherheitsfragen der Langzeitanwendung offen sind]
- Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
- Lara DR, Bisol LW, Munari LR. Antidepressant, mood stabilizing and procognitive effects of very low dose sublingual ketamine in refractory unipolar and bipolar depression. Int J Neuropsychopharmacol. 2013;16(9):2111-2117. doi:10.1017/S1461145713000485 [Real-World: offene, unkontrollierte Fallserie mit 26 ambulanten Patientinnen und Patienten, Wirksamkeit nach Selbstauskunft, ohne Kontrollgruppe. Untersucht wurde eine sehr niedrige sublinguale Dosis. Die Arbeit berichtet eine sublinguale Bioverfügbarkeit von etwa 30 Prozent]
- Iglewicz A, Morrison K, Nelesen RA, Zhan T, Iglewicz B, Fairman N, Hirst JM, Irwin SA. Ketamine for the treatment of depression in patients receiving hospice care: a retrospective medical record review of thirty-one cases. Psychosomatics. 2015;56(4):329-337. doi:10.1016/j.psym.2014.05.005 [Real-World, retrospektive Aktenauswertung von 31 Fällen]
- Daly EJ, Singh JB, Fedgchin M, et al. Efficacy and Safety of Intranasal Esketamine. JAMA Psychiatry. 2018. doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.3739 [RCT]
- Bonaventura J, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [Tierstudie, in vivo, Ratte und Maus]
- Wilkinson ST, Toprak M, Turner MS, et al. A Survey of the Clinical, Off-Label Use of Ketamine. Am J Psychiatry. 2017. doi:10.1176/appi.ajp.2017.17020239 [Real-World]
- Mion G, Villevieille T. Ketamine pharmacology: an update. CNS Neurosci Ther. 2013. doi:10.1111/cns.12099 [Übersichtsarbeit]
- Riggs LM, Gould TD. Ketamine and the Future of Rapid-Acting Antidepressants. Annu Rev Clin Psychol. 2021. doi:10.1146/annurev-clinpsy-072120-014126 [Übersichtsarbeit]