Ratgeber Ketamin · Spoke 26

Ketamin-Tropfen und sublinguale Lozenges: Was sie wirklich tun

Wenn das Wort „Tropfen" fällt, klingt es nach niedrigschwellig und harmlos. In Wahrheit ist die orale und sublinguale Anwendung von Ketamin eine eigene pharmakologische Welt mit eigenen Regeln. Hier ist die Übersicht: Bioverfügbarkeit, Indikation, was funktionieren kann und was missverstanden wird.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Wer „Ketamin" hört, denkt meist an Infusion. An den Tropf, an die Klinik. Aber daneben gibt es eine wachsende Welt von oralen, sublingualen und nasalen Darreichungsformen. Sie sind nicht eine schwächere Version der i.v.-Therapie. Sie haben ihre eigene Pharmakologie, ihre eigenen Indikationen und ihre eigenen Tücken. Dieser Spoke macht das saubere Bild.

Ein wiederkehrendes Muster: Lozenges sind weder Globuli noch Tablette

Eine Konstellation, die im Übergang von der i.v.-Induktion zur Erhaltungsphase regelmäßig auftaucht: Patientinnen und Patienten, die für die Erhaltung sublinguale Lozenges verschrieben bekommen und nicht wissen, wie sie diese Form pharmakologisch einordnen sollen. Die typische Frage: „Ist das wie ein homöopathisches Tröpfchen oder wie eine Tablette?"

Die Antwort ist klar: weder noch. Sublinguale Lozenges erreichen eine Bioverfügbarkeit von etwa 25 bis 30 Prozent, deutlich mehr als orale (16 bis 20 Prozent), aber weniger als i.v. (100 Prozent). Sie haben eine eigene Pharmakologie, die ein eigenes Setting verlangt: ruhige Umgebung, keine Tätigkeiten mit Verantwortung in der Stunde danach, kein Autofahren, keine wichtigen Entscheidungen.

Wenn dieses Setting konsequent eingehalten wird, kann die Erhaltungsphase nach erfolgreicher Induktion stabilisierend wirken. Die Form ist nicht die i.v.-Therapie. Aber sie ist auch nicht harmlos.

Die Übersicht: alle Darreichungsformen

Intravenös (i.v.)

Bioverfügbarkeit 100%Praxis/KlinikStandard für Induktion

Die best-untersuchte Form bei TRD. Dosis 0,5 mg/kg über 40 Minuten. Volle ärztliche Kontrolle. Höchste Effektstärke in Studien.

Intramuskulär (i.m.)

Bioverfügbarkeit ~93%PraxisAlternative zu i.v.

Kürzere Vorbereitung als i.v., ähnliche Effektstärke. Wird in einigen Praxen als praktische Alternative angeboten, besonders bei schwierigem Venenzugang.

Intranasal (Spravato/Esketamin)

Bioverfügbarkeit ~25-50%Praxis unter AufsichtEinzige zugelassene Form bei TRD

Esketamin-Spray, in der EU seit 2019 zugelassen. Wird in der Praxis appliziert, danach 2 Stunden Beobachtung. Mehr im Spoke zu Spravato.

Sublinguale Lozenge/Pastille

Bioverfügbarkeit ~25-30%Zuhause nach RezeptOff-Label

Wird unter die Zunge gelegt, langsam aufgelöst. Umgeht First-Pass-Metabolismus. Bei richtigem Setting und nach erfolgreicher Induktion in der Erhaltungsphase möglich.

Sublinguale Tropfen

Bioverfügbarkeit ~25-30%Zuhause nach RezeptOff-Label, Magistralrezeptur

Flüssige Form, sublingual eingenommen. Ähnliche Pharmakologie wie Lozenges. Magistralrezeptur in spezialisierten Apotheken.

Oral (geschluckt)

Bioverfügbarkeit 16-20%ZuhauseOff-Label

Niedrige und variable Bioverfügbarkeit durch hohen First-Pass-Effekt. Wird zunehmend durch sublinguale Form ersetzt. Hauptmetabolit Norketamin trägt zur Wirkung bei.

Die wichtigste Unterscheidung: Setting bestimmt das Profil

Reframe

Eine niedrigere Bioverfügbarkeit ist nicht automatisch niedrigeres Risiko. Tropfen und Lozenges werden zuhause eingenommen, ohne ärztliche Aufsicht. Das ist bequem, kann aber das Risiko paradox erhöhen, weil keine Reaktion auf Komplikationen möglich ist. „Klein" und „sublingual" klingt harmlos, ist es aber nur in einem strukturierten Programm.

Wann Tropfen und Lozenges sinnvoll sein können

In meiner klinischen Erfahrung und nach aktueller Studienlage gibt es drei Hauptkontexte:

1. Erhaltungstherapie nach i.v.-Induktion bei TRD

Nach 4-8 erfolgreichen i.v.-Sitzungen, wenn die Remission erreicht ist, kann die Stabilisierungsphase mit sublingualen Lozenges (meist 50-100 mg, 1-2 mal pro Woche) fortgesetzt werden. Dies ist das am besten untersuchte Setting für orale Formen.

Studien-Befund Übersichtsarbeit

Andrade beschreibt in seiner Übersicht, dass orales und sublinguales Ketamin in Studien mit kleinen Stichproben antidepressive Effekte zeigen konnte, allerdings in der Regel schwächer und mit höherer interindividueller Variabilität als i.v.-Therapie. Die Hauptrolle könnte in der Erhaltungsphase nach erfolgreicher Induktion liegen.

Andrade C. Oral Ketamine for Depression: An Updated Review of Available Literature. Front Psychiatry. 2022. doi:10.3389/fpsyt.2022.1024266

2. Chronische Schmerztherapie

Bei neuropathischen Schmerzen und CRPS werden orale Ketamin-Formen Off-Label im Rahmen multimodaler Schmerzkonzepte eingesetzt. Schoevers und Kollegen beschreiben dies in einer Übersicht. Mehr im Spoke zu chronischen Schmerzen.

3. In Studien: andere Indikationen

In Forschungsprogrammen werden orale Formen bei Sucht-Erkrankungen, PTBS und Angststörungen getestet. Die Datenlage ist hier noch dünn und sollte nicht zu Eigeninitiative ermutigen.

Was NICHT zu empfehlen ist

Klare Abgrenzung

Tägliche Selbstmedikation mit Ketamin-Tropfen ohne ärztliche Begleitung, sogenanntes „Microdosing", ist nicht durch belastbare Studien gestützt und birgt ein signifikantes Risiko für Toleranz, Eskalation und Cystitis. Sie ist nicht harmlos, weil die Einzeldosis niedrig ist. Mehr im Spoke zum Microdosing.

Insbesondere problematisch sind Telehealth-Programme aus dem Ausland, die ohne persönliche Diagnostik Ketamin-Lozenges per Post versenden. Diese Modelle umgehen das deutsche Aufsichtssystem und können die Risiken einer chronischen Selbstmedikation verstärken.

Die vier KPNI-Linsen auf orale Formen

1. Nervensystem

Niedrigere Spitzenkonzentrationen bedeuten oft schwächere und länger andauernde Effekte. Der dissoziative Anteil ist meist milder, die Stimmungseffekte aber auch weniger eindrücklich. Setting und Erwartungshaltung beeinflussen die Wirkung stark.

2. Immunsystem

Anti-inflammatorische Akut-Effekte ähnlich wie i.v., aber abgeschwächt. Bei chronisch hoher Frequenz oraler Anwendung könnte sich das Bild zu chronischer urologischer Inflammation verschieben.

3. Stoffwechsel

Oral hoher First-Pass-Effekt, daher viel Norketamin als Metabolit. Sublingual umgeht das, mehr Mutterstoff erreicht die Zirkulation. Bei eingeschränkter Leberfunktion variieren die Wirkstoffkonzentrationen besonders stark.

4. Hormonsystem

HPA-Achsen-Effekte ähnlich wie i.v., aber meist milder. Die Möglichkeit, die Pharmakologie zuhause zu erleben, kann die Compliance erhöhen, gleichzeitig aber auch die Eskalations-Gefahr.

Der Moment wahrer Freiheit

„Niedrigschwellig heißt nicht risikofrei. Niedrigschwellig heißt: ich brauche meine eigene Disziplin."

Wer sublinguale Lozenges in der Erhaltungsphase nimmt, hat ein Werkzeug. Werkzeuge sind so gut wie der Mensch, der sie benutzt. Ein guter Therapierahmen macht den Unterschied zwischen einer wirksamen Erhaltungstherapie und einer schleichenden Selbstmedikation.

Drei Hebel beim Umgang mit Tropfen und Lozenges

1

Wenn du Lozenges verschrieben bekommst: frage nach dem Setting

Ein seriöses Programm definiert Dosis, Frequenz, Setting (ruhig, sicher, mit Pause danach), Monitoring-Intervalle (Urinstatus, Leberwerte alle 3-6 Monate) und einen klaren Abbruchsplan, falls Toleranz oder Nebenwirkungen auftreten. Diese Struktur ist nicht Bürokratie. Sie ist der Unterschied zwischen Therapie und Selbstmedikation.

2

Wenn dir jemand Tropfen ohne Vorab-Diagnostik anbietet: vorsicht

Telehealth-Anbieter, die nach einem 15-Minuten-Videocall Ketamin-Tropfen verschicken, umgehen die kompetente klinische Beurteilung. Ohne Anamnese, Labordiagnostik und psychiatrische Bewertung kann eine zugrunde liegende Erkrankung übersehen werden, die andere Behandlung verdient.

3

Wenn du selbst überlegst, ob das für dich passt: rede mit zwei Ärzten

Eine spezialisierte Praxis und dein Hausarzt sollten beide einbezogen werden. Diese Doppel-Konsultation kann helfen, eine realistische Indikationsstellung zu treffen und das Risiko der Eigeninitiative zu reduzieren.

Häufige Fragen zu Tropfen und Lozenges

Was sind Ketamin-Tropfen?

Apothekenrezepturen, in denen Ketamin in flüssiger Form vorliegt. Werden sublingual (unter die Zunge) oder oral eingenommen. Off-Label-Anwendung außerhalb der Spravato-Zulassung, meist zur Erhaltung nach erfolgreicher i.v.-Therapie oder bei chronischen Schmerzen. In Deutschland als Magistralrezeptur in spezialisierten Apotheken hergestellt.

Was sind Ketamin-Lozenges?

Sublinguale Pastillen mit Ketamin, in spezialisierten Apotheken hergestellt. Werden unter der Zunge langsam aufgelöst. Bioverfügbarkeit etwa 25-30 Prozent, deutlich höher als oral (16-20 Prozent), da die First-Pass-Metabolisierung umgangen wird. Übliche Dosen 25-150 mg pro Anwendung.

Wie hoch ist die Bioverfügbarkeit?

i.v. 100 Prozent, intramuskulär ~93 Prozent, intranasal ~25-50 Prozent (formulierungsabhängig), sublingual ~25-30 Prozent, oral 16-20 Prozent. Die niedrigere Bioverfügbarkeit der oralen Form bedeutet, dass die wirksame Dosis schwerer vorherzusagen ist. Interindividuelle Unterschiede sind besonders bei oraler Anwendung groß.

Wofür werden Tropfen und Lozenges verwendet?

Hauptindikationen Off-Label: Erhaltungstherapie nach erfolgreicher i.v.-Induktion bei TRD, chronische Schmerzen, in Studien Suchterkrankungen und PTBS. Niemals als Erstanwendung ohne vorherige Diagnostik und ohne ärztliche Begleitung. Mehr im Spoke zur therapieresistenten Depression.

Sind orale Tropfen in Deutschland legal?

Verschreibungspflichtig nach §1 AMG. Können von Ärzten Off-Label rezeptiert und in spezialisierten Apotheken (zum Beispiel als Magistralrezeptur) hergestellt werden. Der direkte Bezug ohne Rezept ist illegal. Importe aus dem Ausland ohne Rezept sind ebenfalls illegal.

Wie unterscheiden sie sich von Spravato?

Spravato ist Esketamin (das S-Enantiomer) als zugelassener Nasenspray bei TRD, mit Anwendung unter ärztlicher Aufsicht in der Praxis. Tropfen und Lozenges sind in der Regel racemisches Ketamin (R/S-Mischung), Off-Label, und werden zuhause eingenommen. Mehr im Spoke zu Spravato.

Welche Risiken haben Tropfen und Lozenges?

Toleranz-Entwicklung bei regelmäßiger Anwendung, Dosis-Eskalation, Blasen- und Leberbelastung bei chronischer Anwendung, psychische Abhängigkeit, Risiko der Maskierung einer unbehandelten zugrunde liegenden Erkrankung. Die Heim-Anwendung ohne Monitoring kann die Risiken paradox erhöhen.

Wann ist die Anwendung sinnvoll?

In strukturierten Programmen nach abgeschlossener i.v.-Induktion zur Erhaltung der Remission, bei chronischen Schmerzpatienten als Teil eines multimodalen Konzepts, oder bei Patienten die nicht zur i.v.-Therapie kommen können. Immer mit ärztlicher Begleitung und Monitoring von Urinstatus, Leberwerten und Stimmung.

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Spezialisierung: Ketamin-Erhaltungstherapie, integrative Tiefen-Diagnostik, Pharmakologie psychotroper Substanzen. Ich glaube, dass die Form weniger wichtig ist als der Rahmen. Sublingual oder i.v. ist eine Frage der Logistik. Setting, Indikation und Monitoring sind die Frage der Therapie.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Andrade C. Oral Ketamine for Depression: An Updated Review of Available Literature. Front Psychiatry. 2022. doi:10.3389/fpsyt.2022.1024266 [Übersichtsarbeit]
  2. Schoevers RA, Chaves TV, Balukova SM, et al. Oral ketamine for the treatment of pain and treatment-resistant depression. Br J Psychiatry. 2016. doi:10.1192/bjp.bp.115.165498 [Übersichtsarbeit]
  3. Peltoniemi MA, et al. Ketamine: A Review of Clinical Pharmacokinetics and Pharmacodynamics. Clin Pharmacokinet. 2016. doi:10.1007/s40262-016-0479-z [Pharmakokinetik-Übersichtsarbeit]
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  9. Wilkinson ST, Toprak M, Turner MS, et al. A Survey of the Clinical, Off-Label Use of Ketamine. Am J Psychiatry. 2017. doi:10.1176/appi.ajp.2017.17020239 [Real-World]
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  11. Riggs LM, Gould TD. Ketamine and the Future of Rapid-Acting Antidepressants. Annu Rev Clin Psychol. 2021. doi:10.1146/annurev-clinpsy-072120-014126 [Übersichtsarbeit]
  12. Federal Institute for Drugs and Medical Devices (BfArM). Esketamin und Anwendungshinweise. 2020. bfarm.de [Behördendokument]

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