Ketamin-Dosierung: Was die Medizin wirklich versteht
„Welche Dosis?" ist die häufigste Frage, die ich höre. Die Antwort hängt davon ab, was erreicht werden soll. Eine Dosis für die Stimmung ist nicht die für die Narkose, und die für den Schmerz wieder anders. Hier ist die Einordnung der Dosisbereiche, ohne Zahlen zum Nachmachen.
Wenn du gerade akut an Suizid denkst, ist das ein Notfall und kein Thema für eine Terminplanung. Wähle die 112, geh in die nächste psychiatrische Notaufnahme oder ruf die Telefonseelsorge an, unter 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei.
Dieser Text informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ketamin und Esketamin sind verschreibungspflichtig. Du findest hier bewusst keine Anleitung zum Dosieren, sondern nur die Einordnung, warum sich Dosisbereiche qualitativ unterscheiden. Welche Dosis in welcher Form für einen einzelnen Menschen in Frage kommt, legt ein Behandlungsteam individuell fest, nach Anamnese, Vorerkrankungen und Begleitmedikation.
Dosiere Ketamin niemals selbst. Nicht nasal, nicht oral, nicht sublingual. Die Anwendung gehört in ein ärztliches Setting mit Kreislauf-Überwachung, Notfallausrüstung und Nachbeobachtung. Ketamin aus nicht ärztlicher Quelle ist in Reinheit und Menge nicht kontrollierbar. Wenn du unter Depression oder Schmerzen leidest und über einen Selbstversuch nachdenkst, sprich bitte vorher mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Ketamin hat eine ungewöhnliche pharmakologische Eigenschaft: dieselbe Substanz wirkt in verschiedenen Dosisbereichen qualitativ unterschiedlich. Das ist nicht „mehr macht stärker". Das ist „mehr macht etwas anderes". Wer das versteht, kann den klinischen Einsatz besser einordnen.
Ein wiederkehrendes Muster: ist das die gleiche Dosis wie die Narkose?
Eine Konstellation, die im Aufklärungsgespräch vor der ersten i.v.-Sitzung häufig auftaucht: Patientinnen und Patienten, die im Bekanntenkreis jemanden mit Ketamin-Anästhesie erlebt haben und sich fragen, ob es sich um die gleiche Dosis handelt.
Die Antwort ist nein. Die Dosis, die für eine Narkose gebraucht wird, liegt um ein Vielfaches über der Dosis, die in der psychiatrischen Anwendung untersucht wird. Konkrete Zahlen nenne ich hier bewusst nicht, die gehören in das Aufklärungsgespräch. Wichtig ist der qualitative Unterschied: anästhetisch heißt Bewusstlosigkeit. Subanästhetisch heißt, das Bewusstsein bleibt erhalten, dissoziative Phänomene sind möglich, und eine antidepressive Wirkung über die NMDA-vermittelte Plastizität wird diskutiert.
Wenn diese Trennung verstanden ist, fällt es leichter, die therapeutische Anwendung als eigene Behandlung mit eigener Dosis-Logik einzuordnen, nicht als „kleine Narkose".
Die Dosis-Wirkungs-Pyramide
Bei Ketamin gilt nicht „mehr ist stärker". Es gilt „mehr ist anders". Die niedrige Dosis kann antidepressiv wirken über synaptische Plastizität. Die mittlere kann dissoziativ wirken. Die hohe kann anästhetisch wirken. Diese qualitative Veränderung über die Dosis ist pharmakologisch ungewöhnlich und macht Ketamin therapeutisch so vielseitig.
Sub-subanästhetisch
Sehr milde Effekte, kaum dissoziativ. Wird in einzelnen Schmerz-Protokollen und im experimentellen Microdosing diskutiert. Für eine verlässliche antidepressive Wirkung sprechen die vorliegenden Studien in diesem Bereich eher nicht. Der Rahmen der Sitzung kann hier eine große Rolle spielen.
Psychiatrischer Untersuchungsbereich
Unterhalb der Schwelle, ab der Bewusstlosigkeit eintritt. In diesem Bereich liegen die meisten Studien zu therapieresistenter Depression, zu akuter Suizidalität und ein Teil der Schmerzforschung. Dissoziative Phänomene können auftreten, in der Regel bleibt die Person ansprechbar und atmet eigenständig. Nebenwirkungsfrei ist auch dieser Bereich nicht, deshalb wird während und nach der Anwendung überwacht.
Dissoziativer Bereich (KAP)
Tiefere dissoziative Erlebnisse, Phänomene nahe am sogenannten K-Hole sind möglich. Dieser Bereich wird in der ketamin-assistierten Psychotherapie für ein gezielt begleitetes Erleben diskutiert. Er verlangt ein geschultes Team, einen strukturierten Rahmen und Überwachung. Mehr im Spoke zur KAP.
Narkose (Operation, Notfall)
In diesem Bereich tritt Bewusstlosigkeit ein. Schutzreflexe und Spontanatmung bleiben häufig erhalten, verlassen darf man sich darauf nicht. Ketamin ist als Narkosemittel seit den 1970er Jahren etabliert. Diese Anwendung gehört in die Hände von Ärztinnen und Ärzten, die in Narkoseführung und Atemwegssicherung geschult sind und die entsprechende Ausstattung zur Verfügung haben, etwa in der Anästhesie, der Intensivmedizin oder der Notfallmedizin.
Narkose ohne venösen Zugang
Intramuskulär wird Ketamin in der Notfall- und Katastrophenmedizin eingesetzt, weil es eine Narkose ermöglichen kann, ohne dass zwingend beatmet werden muss. Das macht es unter einfachen Bedingungen wertvoll. Risikofrei ist es deshalb nicht. Atemdepression, Laryngospasmus und Aspiration können auch hier auftreten, weshalb Überwachung und Notfallausrüstung dazugehören.
Ein Punkt, der oft untergeht: Ketamin als Infusion ist in Deutschland für die Narkose und für die Schmerztherapie zugelassen, nicht für die Depression. Die Anwendung bei therapieresistenter Depression läuft damit als Off-Label-Anwendung, mit eigener Aufklärung und eigener Haftung. Zugelassen für die therapieresistente Depression ist bisher nur der Wirkstoff Esketamin als Nasenspray, im Handel als Spravato, unter definierten Bedingungen. Off-Label heißt nicht unseriös. Es heißt: du musst darüber aufgeklärt werden und selbst zustimmen. Beide Substanzen sind verschreibungspflichtig.
Auch die therapeutische Dosis ist nicht nebenwirkungsfrei. Eine systematische Übersicht zur Sicherheit von Ketamin bei Depression fand nach akuter Gabe häufiger psychiatrische, psychotomimetische, kardiovaskuläre und neurologische Nebenwirkungen als unter Placebo. Beschrieben werden unter anderem Blutdruck- und Pulsanstieg, Übelkeit, Schwindel, Benommenheit und dissoziative Zustände, die als unangenehm erlebt werden können. Deshalb wird während und nach der Sitzung überwacht, deshalb darfst du danach kein Fahrzeug führen.
Für die wiederholte Anwendung ist die Datenlage dünner. Dieselbe Arbeit weist ausdrücklich darauf hin, dass belastbare Langzeitdaten fehlen, obwohl Blasenbeschwerden, kognitive Effekte und ein Gewöhnungspotenzial aus anderen Gruppen bekannt sind. Das ist kein Grund gegen die Behandlung. Es ist ein Grund für Kontrolle und für ehrliche Aufklärung.
Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9
Die Dosisbereiche nach Anwendungsgebiet
Therapieresistente Depression
Die Studien zur therapieresistenten Depression liegen fast alle im subanästhetischen Bereich, als Infusion über etwa vierzig Minuten. In der Anfangsphase werden mehrere Sitzungen pro Woche untersucht, danach größere Abstände. Wie oft, wie lange und in welcher Menge, das legt ein Behandlungsteam individuell fest und überprüft es regelmäßig. Diese Anwendung erfolgt off-label.
Wie viele Menschen darauf ansprechen, lässt sich seriös nur mit Spannen und mit Vorbehalt sagen. In der Meta-Analyse von Xu und Kollegen lag die Remissionsrate nach einer Woche bei etwa einem Fünftel der Behandelten, gegenüber deutlich weniger unter Placebo [2]. Andere Auswertungen berichten höhere kurzfristige Ansprechraten, oft aber mit kurzer Wirkdauer. Zu den Wirkmechanismen gibt es eine gute Übersicht von Krystal und Kollegen [1]. Was das alles für einen einzelnen Menschen bedeutet, kann niemand vorhersagen.
Die Dosisfrage ist offener, als sie oft dargestellt wird. Die Meta-Analyse von Xu und Kollegen schloss neun Studien mit 201 Patientinnen und Patienten ein und verglich ausschließlich Dosen bis 0,5 mg/kg. Sehr niedrige Dosen wirkten dort schwächer als 0,5 mg/kg. Am Tag 7 lag die Remissionsrate bei 24 Prozent gegenüber 6 Prozent unter Placebo, mit erheblicher Streuung zwischen den einzelnen Studien.
Die Dosis-Findungsstudie von Fava und Kollegen prüfte zusätzlich 1,0 mg/kg gegen ein aktives Placebo. Dort waren sowohl 0,5 mg/kg als auch 1,0 mg/kg überlegen, allerdings zeigten sich bei den höheren Dosen mehr Dissoziation und vorübergehende Blutdruckanstiege. Eine optimale Dosis ist damit nicht abschließend geklärt. Die hier genannten Zahlen sind Studienangaben und ausdrücklich keine Anwendungsempfehlung.
Akute Suizidalität
Wenn du gerade akut an Suizid denkst, ist das ein Notfall. Wähle die 112, geh in die nächste psychiatrische Notaufnahme oder ruf die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 an, rund um die Uhr und kostenfrei. Das ist keine Frage der Terminplanung, und nichts in diesem Abschnitt ist ein Grund zu warten.
In der französischen Studie von Abbar und Kollegen erhielten 156 stationär aufgenommene Teilnehmende zwei Infusionen von je 40 Minuten, die zweite nach 24 Stunden. Nach drei Tagen war ein größerer Anteil in Remission der suizidalen Gedanken als unter Placebo. Wichtig für die Einordnung: der Effekt zeigte sich vor allem bei Menschen mit bipolarer Störung. In der Gruppe mit depressiver Störung war der Unterschied statistisch nicht bedeutsam. Menschen mit Psychose oder Substanzabhängigkeit waren ausgeschlossen. Die Anwendung fand innerhalb einer stationären Behandlung statt, nicht als ambulanter Einzeltermin [9].
Chronische Schmerzen
Hier ist das Bild variabler. Beschrieben sind Dauerinfusionen über mehrere Stunden bis Tage in spezialisierten Schmerzkliniken sowie niedrigere orale Erhaltungsformen. Untersucht wurde das vor allem bei neuropathischen Schmerzen und beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom. Auch hier gilt: Setting, Überwachung und Menge legt das behandelnde Team fest, abhängig von Vorerkrankungen und Begleitmedikation. Auch diese Anwendung bei chronischem Schmerz kann je nach Präparat und Indikation off-label sein.
Esketamin als Nasenspray (Spravato)
Der Wirkstoff Esketamin wird als Nasenspray in einer Fixdosis angewendet, nicht nach Körpergewicht. Das hat pharmakokinetische und praktische Gründe. Die zugelassenen Stärken, die Anwendungsbedingungen und die Gegenanzeigen stehen in der Fachinformation des Präparats, deshalb stehen sie hier nicht. Das Arzneimittel ist verschreibungspflichtig und wird unter ärztlicher Aufsicht mit Nachbeobachtung angewendet, weil Blutdruckanstieg, Dissoziation und Sedierung auftreten können. Am Anwendungstag darfst du kein Fahrzeug führen. Die Zulassungsstudien untersuchten die Anwendung bei therapieresistenter Depression in Kombination mit einem oralen Antidepressivum [5].
Sublinguale Anwendung (Off-Label)
Hier gibt es keinen einheitlichen Standard. Die sublinguale Gabe läuft off-label und ist bisher vor allem in Beobachtungsserien dokumentiert, nicht in großen kontrollierten Studien. Die dort eingesetzten Mengen und Frequenzen unterscheiden sich stark von Programm zu Programm [10]. Sublingual und oral gelangt deutlich weniger Wirkstoff ins Blut als über die Vene, und die Schwankung zwischen einzelnen Menschen ist groß. Deshalb lässt sich eine Milligramm-Angabe nicht von einer Anwendungsform auf die andere übertragen. Genau deshalb wird sublingual ärztlich titriert und nicht selbst umgerechnet. Belastbare Dosis-Wirkungs-Studien fehlen bisher. Zur Einordnung der genannten Beobachtungsstudie gehört, dass zwei der Autoren bei einem kommerziellen Anbieter für die Anwendung zu Hause beschäftigt waren. Mehr im Spoke zu Tropfen und Sublingual.
Was „pro Kilogramm" überhaupt bedeutet
Bei intravenöser und intramuskulärer Gabe wird in Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht gerechnet. Der Grund ist einfach: in einem Körper mit mehr Gewebe verteilt sich eine Substanz anders als in einem mit weniger. Ein Rechenbeispiel findest du hier bewusst nicht. Eine Zahl auf einer Webseite ersetzt keine ärztliche Verordnung, und eine falsch verstandene Umrechnung kann gefährlich werden.
Was in die Wahl außerdem einfließen kann: Bei sehr hohem Körpergewicht kann statt des tatsächlichen ein rechnerisches Idealgewicht herangezogen werden, weil sich Ketamin nicht gleichmäßig im Fettgewebe verteilt. Bei sehr niedrigem Körpergewicht und bei geschwächtem Allgemeinzustand wird eher vorsichtig begonnen und langsam angepasst. Auch Alter, Leberfunktion, Herz-Kreislauf-Situation und Begleitmedikation können eine Rolle spielen.
Sublingual und oral funktioniert diese Logik nicht. Es gelangt deutlich weniger Wirkstoff ins Blut als über die Vene, und die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen sind groß. Eine Menge lässt sich deshalb nicht von einer Anwendungsform auf die andere umrechnen. Wer es doch versucht, kann sich um ein Vielfaches verschätzen.
Die vier KPNI-Linsen auf die Dosis
1. Nervensystem
NMDA-Blockade ist dosisabhängig. Niedrige Dosen blockieren weniger Rezeptoren, höhere mehr. Bei subanästhetischer Dosis bleibt genug Restfunktion erhalten, dass Bewusstsein und Atmung funktionieren. Bei anästhetischer Dosis kippt das System in Bewusstlosigkeit.
2. Immunsystem
Entzündungsdämpfende Effekte werden diskutiert, vor allem aus perioperativen Untersuchungen und aus Tiermodellen. Ob das für eine antidepressive Wirkung beim Menschen eine Rolle spielt, ist nicht geklärt. Bei sehr hohen Dosen über mehrere Stunden kann die Wirkrichtung anders sein.
3. Stoffwechsel
Hepatische Verstoffwechselung über CYP3A4/2B6 ist dosisabhängig. Bei höheren Dosen mehr Norketamin-Metabolit, der eigene Wirkung hat. Pharmakogenetische Unterschiede können die individuelle Wirkdauer und -intensität beeinflussen.
4. Hormonsystem
Eine Aktivierung der HPA-Achse mit Cortisol-Anstieg wird beschrieben, die Befunde sind aber uneinheitlich. Gut belegt und praktisch relevant ist dagegen der Anstieg von Blutdruck und Puls, der bei höheren Dosen stärker ausfallen kann und der bei Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen berücksichtigt werden muss.
Warum Konsumdosen so problematisch sind
Im rekreativen Konsum liegen die aufgenommenen Mengen typischerweise um ein Vielfaches über dem, was in therapeutischen Studien untersucht wird, oft mehrfach an einem Abend und ohne jede Überwachung. Konkrete Mengen und Umrechnungsfaktoren nenne ich hier bewusst nicht. Aus dieser Gruppe stammen die deutlichsten Daten zu Blasenschädigung, kognitiven Defiziten und Abhängigkeit. Für die wiederholte therapeutische Anwendung ist die Datenlage dünner, entwarnt ist damit aber nichts. Blasenbeschwerden, kognitive Effekte und ein Gewöhnungspotenzial werden auch im therapeutischen Rahmen diskutiert und gehören deshalb in die Verlaufskontrolle.
„Eine therapeutische Dosis ist nicht eine reduzierte Dose. Sie ist eine andere Pharmakologie."
Wer das versteht, sieht das Wort „Ketamin" mit anderen Augen. Es ist nicht eine Substanz mit einer Wirkung, die man stärker oder schwächer macht. Es ist eine Substanz, die in verschiedenen Dosisbereichen verschiedene Dinge tut. Das ist nicht Esoterik. Das ist Pharmakologie.
Drei Hebel beim Umgang mit Dosis-Fragen
Vor einer Therapie: lass dir das geplante Vorgehen erklären
Frag im Aufklärungsgespräch nach, in welcher Form, in welchem Rahmen und mit welcher Überwachung behandelt wird und warum diese Wahl getroffen wurde. Frag auch, ob es sich um eine Off-Label-Anwendung handelt, welche Nebenwirkungen und Gegenanzeigen es gibt und wie deine übrigen Medikamente hineinspielen. Aufklärung ist nicht Bürokratie, sondern dein Recht.
Bei sublingualer Erhaltung: rechne nichts selbst um
Eine sublinguale Menge ist nicht „die gleiche wie i.v.". Die Aufnahme ins Blut ist anders und schwankt stark zwischen einzelnen Menschen. Wer die Menge eigenmächtig verändert, riskiert Gewöhnung, Eskalation oder eine wirkungslose Anwendung. Jede Änderung gehört ins ärztliche Gespräch.
Bei Vorerkrankungen: dokumentiere die Anpassung
Bei kardiovaskulären, hepatischen oder neurologischen Vorerkrankungen kann die Standarddosis angepasst werden müssen. Sprich vor Beginn mit deinem Behandlungsteam über alle relevanten Vorerkrankungen, damit die Dosis individuell justiert wird.
Häufige Fragen zur Ketamin-Dosierung
Welche Ketamin-Dosis ist therapeutisch?
Die bei therapieresistenter Depression am besten untersuchten Anwendungen liegen im subanästhetischen Bereich, also unterhalb der Schwelle für Bewusstlosigkeit. Konkrete Zahlen gehören in das ärztliche Gespräch und nicht auf eine öffentliche Seite. Ketamin ist verschreibungspflichtig, die Dosis wird individuell festgelegt, nach Anamnese, Vorerkrankungen und Begleitmedikation.
Was ist subanästhetisch?
Eine Dosis unterhalb der Schwelle, ab der Bewusstlosigkeit eintritt. In diesem Bereich können dissoziative Phänomene auftreten, in der Regel bleibt die Person ansprechbar und atmet eigenständig. Nebenwirkungsfrei ist auch dieser Bereich nicht, deshalb wird während und nach der Anwendung überwacht.
Wie wird die Dosis berechnet?
Bei intravenöser und intramuskulärer Gabe in Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Sublingual und oral gelangt deutlich weniger Wirkstoff ins Blut, und die Schwankung zwischen einzelnen Menschen ist groß. Deshalb lässt sich eine Menge nicht von einer Anwendungsform auf die andere umrechnen, sondern wird ärztlich titriert.
Was ist die Anästhesiedosis?
Sie liegt deutlich über der Dosis, die in der psychiatrischen Anwendung untersucht wird. In diesem Bereich verliert die Person das Bewusstsein, Schutzreflexe und Spontanatmung bleiben häufig erhalten. Diese Anwendung gehört in die Hände von Ärztinnen und Ärzten, die in Narkoseführung und Atemwegssicherung geschult sind und die entsprechende Ausstattung haben, etwa in der Anästhesie, der Intensivmedizin oder der Notfallmedizin.
Welche Dosis ist gefährlich?
Eine pauschale Zahl gibt es nicht, und hier steht bewusst keine. Kritisch wird es vor allem außerhalb eines überwachten ärztlichen Settings, weil dort Kreislaufüberwachung, Atemwegssicherung und Notfallausrüstung fehlen. Bei Substanzen aus nicht ärztlicher Quelle kommt hinzu, dass Reinheit und Menge unbekannt sind.
Warum Spravato in mg statt mg/kg?
Der Wirkstoff Esketamin wird als Nasenspray in einer Fixdosis angewendet, nicht nach Körpergewicht. Das hat pharmakokinetische und praktische Gründe. Die zugelassenen Stärken und Anwendungsbedingungen stehen in der Fachinformation. Das Präparat ist verschreibungspflichtig und wird unter ärztlicher Aufsicht mit Nachbeobachtung angewendet.
Spielt das Körpergewicht immer eine Rolle?
Bei intravenöser Gabe ja, weil die Verteilung im Körper dosisabhängig ist. Bei oraler oder sublingualer Gabe weniger streng, weil ohnehin individuell titriert wird. Neben dem Gewicht können Alter, Leberfunktion, Herz-Kreislauf-Situation und Begleitmedikation eine Rolle spielen.
Was ist die Erhaltungsdosis?
Nach einer erfolgreichen Anfangsserie wird bei therapieresistenter Depression häufig zu größeren Abständen übergegangen. Wie oft und wie lange, wird individuell nach dem klinischen Verlauf entschieden und regelmäßig überprüft. Eine feste Frequenz für alle gibt es nicht.
Mehr aus dem Cluster „Ketamin-Therapie"
- Pillar: Ketamin-Therapie im Überblick
- Ist Ketamin gefährlich?
- Ketamin vs. Spravato
- Therapieresistente Depression
- Macht Ketamin abhängig?
- Kosten und Krankenkasse
- Ketamin-assistierte Psychotherapie
- PTBS und Trauma
- Erfahrungen
- Burnout
- Elon Musk-Frame
- Was ist Ketamin?
- Wirkmechanismus im Gehirn
- Nachweisbarkeit
- Überdosis
- Mischkonsum
- K-Hole
- Chronische Schmerzen
- Angst und Zwang
- Microdosing
- Akute Suizidalität
- Gefahren im Überblick
- Halluzinationen und Trip
- Nebenwirkungen
- Droge vs. Medikament
- Entzug und Rebound
- Tropfen und Sublingual
- Dosierung (du bist hier)
- Blase und Cystitis (in Vorbereitung)
- Wirkdauer und Halbwertszeit (in Vorbereitung)
- Kontraindikationen (in Vorbereitung)
Verbindungen zu anderen Themen
Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ketamin und Esketamin sind verschreibungspflichtig. Die Anwendung als Infusion bei Depression erfolgt in Deutschland off-label.
Gegenanzeigen und besondere Vorsicht: unter anderem bei unbehandeltem oder schlecht eingestelltem Bluthochdruck, schwerer Herzerkrankung, Gefäßaussackungen, erhöhtem Hirndruck, Glaukom, schwerer Lebererkrankung, Schilddrüsenüberfunktion, Präeklampsie, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei psychotischen Erkrankungen ist eine Anwendung nicht oder nur unter besonderen Bedingungen möglich. Für Kinder und Jugendliche gilt die psychiatrische Anwendung als nicht etabliert. Was im Einzelfall gilt, steht in der Fachinformation des jeweiligen Präparats und klärt ein ärztliches Gespräch.
Wechselwirkungen: Beruhigungsmittel vom Benzodiazepin-Typ, Opioide und Alkohol können die dämpfende Wirkung verstärken. Medikamente, die die Leberenzyme CYP3A4 und CYP2B6 hemmen oder anregen, können den Abbau verändern. Auch blutdrucksteigernde Substanzen und Theophyllin sind zu beachten. Nenne dem Behandlungsteam vorher alle Mittel, die du nimmst, auch frei verkäufliche.
Rund um eine Sitzung: Kreislaufüberwachung, Nachbeobachtung und Nüchternheitsregeln gehören dazu, weil auch Erbrechen und Aspiration möglich sind. Danach darfst du für mindestens 24 Stunden kein Fahrzeug führen, keine Maschinen bedienen und keine rechtsverbindlichen Entscheidungen treffen. Eine Begleitung nach Hause ist sinnvoll.
Bei akuter Suizidalität gilt: Notruf 112, nächste psychiatrische Notaufnahme oder Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei.
Quellen und weiterführende Literatur
- Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
- Xu Y, et al. Effects of Low-Dose and Very Low-Dose Ketamine among Patients with Major Depression. Int J Neuropsychopharmacol. 2016. doi:10.1093/ijnp/pyv124 [Meta-Analyse]
- Berman RM, et al. Antidepressant effects of ketamine in depressed patients. Biol Psychiatry. 2000. doi:10.1016/s0006-3223(99)00230-9 [RCT, Human]
- Fava M, et al. Double-blind, placebo-controlled, dose-ranging trial of intravenous ketamine. Mol Psychiatry. 2020. doi:10.1038/s41380-018-0256-5 [RCT]
- Daly EJ, et al. Efficacy and Safety of Intranasal Esketamine. JAMA Psychiatry. 2018. doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.3739 [RCT]
- Mion G, Villevieille T. Ketamine pharmacology: an update. CNS Neurosci Ther. 2013. doi:10.1111/cns.12099 [Übersichtsarbeit]
- Peltoniemi MA, et al. Ketamine: A Review of Clinical Pharmacokinetics and Pharmacodynamics in Anesthesia and Pain Therapy. Clin Pharmacokinet. 2016;55(9):1059-1077. doi:10.1007/s40262-016-0383-6 [Pharmakokinetik-Übersichtsarbeit]
- Niesters M, Martini C, Dahan A. Ketamine for chronic pain: risks and benefits. Br J Clin Pharmacol. 2014. doi:10.1111/bcp.12094 [Übersichtsarbeit]
- Abbar M, et al. Ketamine for the acute treatment of severe suicidal ideation. BMJ. 2022. doi:10.1136/bmj-2021-067194 [RCT]
- Hassan K, Struthers WM, Sankarabhotla A, Davis P. Safety, effectiveness and tolerability of sublingual ketamine in depression and anxiety: A retrospective study of off-label, at-home use. Front Psychiatry. 2022;13:992624. doi:10.3389/fpsyt.2022.992624 [Retrospektive Beobachtungsstudie, Human]
- Wilkinson ST, et al. The effect of a single dose of intravenous ketamine on suicidal ideation. Am J Psychiatry. 2018. doi:10.1176/appi.ajp.2017.17040472 [Meta-Analyse]
- Short B, Fong J, Galvez V, Shelker W, Loo CK. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. doi:10.1016/S2215-0366(17)30272-9 [Systematische Übersichtsarbeit, Human]
- Für die zugelassenen Stärken, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen der einzelnen Präparate gilt jeweils die aktuelle deutsche Fachinformation des Herstellers. Sie ist die verbindliche Quelle, dieser Artikel ist es nicht.