Ratgeber Ketamin · Spoke 29

Ketamin-Wirkdauer und Halbwertszeit: Was die Pharmakokinetik wirklich sagt

Wie lange kann Ketamin wirken? Die Antwort hat zwei Schichten. Die eine ist die Pharmakokinetik der Substanz, gemessen in Plasmahalbwertszeiten und Verteilungsvolumen. Die andere ist die klinische Wirkdauer, die bei Antidepression deutlich länger sein kann als die Substanz im Blut. Hier ist die saubere Trennung.

Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Patienten fragen mich oft: „Wie lange wirkt eine Ketamin-Infusion?“ Eine ehrliche Antwort verlangt eine Klarstellung. Die psychoaktive Akut-Wirkung ist meist nach etwa 90 Minuten vorbei. Die antidepressive Nachwirkung kann Tage bis Wochen anhalten. Das sind nicht widersprüchliche Aussagen, sondern zwei verschiedene Schichten der Pharmakologie. Wer das versteht, kann eine Therapie besser planen.

Wichtig zur Einordnung

Ketamin ist in Deutschland verschreibungspflichtig und für Narkose und Schmerztherapie zugelassen, nicht für Depression. Wenn Ketamin bei einer therapieresistenten Depression eingesetzt wird, geschieht das off-label, also außerhalb der Zulassung. Das bedeutet eine gesonderte Aufklärung, eine besondere ärztliche Begründungspflicht und in aller Regel keine Kostenübernahme durch die Kasse.

Alle Zeitangaben in diesem Text stammen aus Studien und Übersichtsarbeiten. Sie beschreiben Pharmakologie. Sie sind keine Behandlungsempfehlung und keine Anleitung für eine Anwendung außerhalb ärztlicher Begleitung. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung.

Die Lücke zwischen Akut-Erleben und antidepressiver Antwort

In der Literatur wird ein Muster immer wieder beschrieben. Menschen bereiten sich auf ein starkes Akut-Erlebnis vor, durchlaufen die intensive Phase und sind nach etwa 90 Minuten überrascht, wie normal sie sich fühlen. Dann kommt die Frage, ob das jetzt schon alles war.

Was in einem Aufklärungsgespräch wichtig sein kann: Die Substanz selbst ist nach etwa 24 Stunden weitgehend abgebaut. Was in den Tagen danach beschrieben wird, hängt nicht mehr am Ketaminspiegel im Blut. Erklärt wird es mit angestoßenen neuroplastischen Prozessen. Diese Erklärung stützt sich vor allem auf Tiermodelle.

In Studien ist die antidepressive Antwort nicht an die Intensität des Akut-Erlebens gekoppelt. Sie kann sich erst in den Tagen danach zeigen. Bei einem Teil der Behandelten zeigt sie sich gar nicht.

Die zwei Wirkdauer-Schichten

Reframe

Ketamin hat zwei Wirkdauern, nicht eine. Die Akut-Wirkung ist substanzbasiert und folgt der Pharmakokinetik. Die antidepressive Nachwirkung wird dagegen überwiegend mit neuroplastischen Prozessen erklärt und kann einem eigenen, längeren Zeithorizont folgen. Wer beide Schichten unterscheiden kann, missdeutet die erste Stunde nicht als „die ganze Therapie".

Bevor es um Wirkdauer geht: die andere Seite

Ein Text über Wirkdauer klingt schnell so, als ginge es nur um Zeitfenster. Zur Pharmakologie von Ketamin gehört die Risikoseite genauso.

Ketamin kann Blutdruck und Herzfrequenz steigern. Es kann Übelkeit, Schwindel, Angst und intensive dissoziative Zustände auslösen. Bei wiederholter oder unkontrollierter Anwendung werden Schäden an der Harnblase beschrieben, bis hin zu einer Ketamin-assoziierten Zystitis. Auch Veränderungen von Leberwerten sind beschrieben. Zur Langzeitsicherheit ist die Datenlage weiterhin offen. Darauf weist auch die pharmakokinetische Übersichtsarbeit ausdrücklich hin, die weiter unten zitiert wird.

Studien-Befund Tierstudie und In-vitro-Pharmakologie, keine Humandaten

Bonaventura und Kollegen verglichen die beiden Spiegelbild-Formen von Ketamin im Tiermodell. Ratten verabreichten sich die S-Form selbst, die R-Form nicht. Selbstverabreichung gilt als Standardmodell, um ein Missbrauchspotenzial abzuschätzen. Die Autoren leiten daraus ab, dass das Missbrauchspotenzial von racemischem Ketamin beim Menschen überwiegend auf die S-Form zurückgehen könnte. Eins zu eins übertragbar ist das nicht. Es unterstreicht aber, dass Ketamin ein eigenes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial hat.

Bonaventura J, Lam S, Carlton M, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2
Gegenanzeigen, Wechselwirkungen, Sicherheit

Gegen eine Anwendung können unter anderem sprechen: eine nicht eingestellte arterielle Hypertonie, eine relevante koronare Herzkrankheit oder andere schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein erhöhter Hirndruck, eine floride Psychose sowie eine unbehandelte Schilddrüsenüberfunktion. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen gelten besondere Einschränkungen. Eine eingeschränkte Leber- oder Nierenfunktion ist nicht nur eine Frage der Halbwertszeit, sondern auch ein Sicherheitsthema.

Wechselwirkungen sind relevant. Die Kombination mit Alkohol, Benzodiazepinen oder Opioiden kann die Atmung dämpfen. Medikamente und Stoffe, die CYP-Enzyme anregen oder hemmen, können den Ketaminspiegel verschieben. Für Benzodiazepine gibt es zusätzlich Hinweise auf eine abgeschwächte antidepressive Antwort.

Ein Punkt folgt direkt aus den Zeitangaben weiter unten und kann lebenswichtig sein. Je langsamer der Wirkeintritt, desto größer die Gefahr des Nachlegens. Wer eine langsam anflutende Form anwendet und nach 30 Minuten nichts spürt, befindet sich in der gefährlichsten Phase, weil die erste Menge noch anflutet. Nachdosieren kann hier zu einer unkontrollierten Überdosierung führen.

Ob eine Ketamin-Behandlung für dich überhaupt in Frage kommt, lässt sich nur in einer ärztlichen Untersuchung klären, nicht über einen Text im Internet.

Die Pharmakokinetik im Detail

Studien-Befund Pharmakokinetik-Übersicht

Peltoniemi und Kollegen beschreiben in ihrer Übersicht die zentralen pharmakokinetischen Parameter: Eliminationshalbwertszeit von Ketamin etwa 2-3 Stunden, Norketamin 5-12 Stunden, Verteilungsvolumen 1,8-3 L/kg, Plasmaproteinbindung etwa 12%. Hepatische Verstoffwechselung zu Norketamin über die Enzyme CYP3A4 und CYP2B6. Welches der beiden Enzyme im klinisch relevanten Konzentrationsbereich überwiegt, wird in der Literatur unterschiedlich beurteilt. Dieselbe Arbeit weist ausdrücklich auf psychotomimetische und kognitive Nebenwirkungen hin und hält die Langzeitsicherheit für ungeklärt.

Peltoniemi MA, Hagelberg NM, Olkkola KT, Saari TI. Ketamine: A Review of Clinical Pharmacokinetics and Pharmacodynamics in Anesthesia and Pain Therapy. Clin Pharmacokinet. 2016;55(9):1059-1077. doi:10.1007/s40262-016-0383-6

Halbwertszeiten

  • Ketamin im Plasma: Eliminationshalbwertszeit etwa 2 bis 3 Stunden. Bedeutet: nach 2 bis 3 Stunden ist die Konzentration etwa halbiert, nach ungefähr einem Tag ist Ketamin selbst weitgehend abgebaut.
  • Norketamin (aktiver Metabolit): Eliminationshalbwertszeit 5-12 Stunden. Kann die Wirkdauer verlängern und zu Nachwirkungen beitragen.
  • Hydroxynorketamin (HNK): Untergeordneter Metabolit, in Tierstudien als möglicherweise wichtig für die antidepressive Wirkung diskutiert.

Wirkungseintritt nach Verabreichungsform

i.v.
1-3 Min

Schnellster Wirkungseintritt

Wirkungseintritt innerhalb von 1-3 Minuten. Plasmaspiegel-Maximum während der Infusion. In der Anästhesie und in Studien der übliche Weg, wenn die Anflutung gut steuerbar sein soll.

i.m.
3-5 Min

Notfallmedizin und Feld

Wirkungseintritt 3-5 Minuten. Praktisch in Notfall-Settings ohne Venenzugang. Bioverfügbarkeit ~93%, fast i.v.-äquivalent.

Nasal
5-10 Min

Intranasale Anwendung

Wirkungseintritt 5-10 Minuten, Plasmaspitze nach etwa 20-40 Minuten. Bioverfügbarkeit 25-50%, je nach Formulierung. Für diesen Weg gibt es in Europa ein zugelassenes, verschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel mit dem Wirkstoff Esketamin (Handelsname Spravato). Wegen der akuten Effekte auf Blutdruck, Wachheit und Erleben sieht dessen Zulassung eine mehrstündige Nachbeobachtung unter ärztlicher Aufsicht vor.

Sublingual
10-15 Min

Lozenges und Tropfen

Wirkungseintritt 10-15 Minuten, langsam ansteigend. Bioverfügbarkeit ~25-30%. Plasmaspitze nach 30-60 Minuten.

Oral
30-60 Min

Geschluckt

Wirkungseintritt 30-60 Minuten. Der First-Pass-Effekt kann die Bioverfügbarkeit stark senken, Schätzungen liegen bei etwa 20 bis 25%. Die Datenlage dazu ist dünn und die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen können erheblich sein. Im Plasma findet sich mehr Norketamin als Ketamin.

Akute Wirkdauer nach Verabreichung

Die akute psychoaktive Wirkdauer ist dosisabhängig, aber typische Bereiche sehen so aus:

  • i.v.-Infusion über etwa 40 Minuten (in Studien zur therapieresistenten Depression das übliche Vorgehen, in Deutschland off-label): psychoaktive Effekte während der Infusion und etwa 30 bis 60 Minuten danach. Die meisten Menschen sind nach 1 bis 2 Stunden wieder ansprechbar und orientiert. Wie schnell die kognitive Erholung vollständig ist, kann individuell unterschiedlich sein.
  • i.v.-Bolus (Anästhesie): 10-15 Minuten Bewusstlosigkeit, Wachphase nach weiteren 30-60 Minuten
  • Esketamin als Nasenspray (Handelsname Spravato, verschreibungspflichtig): dissoziative Effekte über etwa 40 bis 60 Minuten. Die Zulassung sieht deshalb eine mehrstündige Nachbeobachtung in ärztlicher Umgebung vor. Blutdruckanstieg, Schwindel und Übelkeit gehören zu den häufig beschriebenen Nebenwirkungen. Ob und für wen das in Frage kommt, klärt eine ärztliche Untersuchung.
  • Sublingual: 60-90 Minuten Wirkphase
  • Oral: 2-4 Stunden Wirkphase, teilweise länger durch Norketamin

Die antidepressive Nachwirkung: ein eigener Zeithorizont

Was Ketamin in der TRD-Behandlung so besonders macht, ist die Diskrepanz zwischen pharmakokinetischer und klinischer Wirkdauer. Während die Substanz nach 24 Stunden im Plasma kaum noch nachweisbar ist, kann die antidepressive Wirkung Tage bis Wochen anhalten.

Studien-Befund Mechanismus-Review

Krystal und Kollegen diskutieren in ihrer Übersicht synaptische Mechanismen als Erklärung für die schnelle antidepressive Wirkung. Der Kern des Modells: Ketamin könnte Umbauprozesse an Synapsen anstoßen, die nicht mehr von der weiteren Anwesenheit der Substanz abhängen. Die mechanistische Kernevidenz dazu stammt überwiegend aus Tiermodellen. Beim Menschen ist dieses Modell plausibel, aber nicht abschließend belegt.

Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024. doi:10.1038/s41386-023-01629-w

Klinische Wirkdauer bei TRD

  • Effekt-Beginn: in Studien meist innerhalb von 24 Stunden, manchmal in den ersten Stunden, manchmal erst am 3. bis 7. Tag
  • Maximum: meist um den 1. bis 7. Tag nach der Infusion
  • Abklingen ohne Folgesitzung: meist über 1 bis 2 Wochen
  • Nach einer Serie von etwa sechs bis acht Sitzungen berichten Studien und Fallserien über Stabilisierungsphasen von mehreren Wochen. Wie lange das im Einzelfall anhält, ist sehr unterschiedlich, und belastbare Langzeitdaten fehlen bislang. Bei einem Teil der Behandelten kommt es innerhalb weniger Wochen zu einem Rückfall.
  • Ob und in welchem Abstand Auffrischungen sinnvoll sein können, lässt sich nicht pauschal sagen. Das hängt vom Verlauf, von der Begleitbehandlung und von den Kontrollbefunden ab und gehört in die ärztliche Verlaufsbeurteilung.

Was die Pharmakokinetik individuell beeinflusst

  • Genetische Unterschiede der abbauenden Enzyme, vor allem CYP2B6: sie könnten erklären, warum manche Menschen Ketamin deutlich schneller oder langsamer abbauen als andere. Wie groß dieser Effekt auf die tatsächliche Wirkdauer ist, ist noch nicht ausreichend untersucht.
  • Lebensstil-Faktoren: Alkohol, Rauchen und andere Medikamente können CYP-Enzyme anregen oder hemmen
  • Lebererkrankungen: bei einer Leberzirrhose kann die Halbwertszeit verlängert sein
  • Niereninsuffizienz: bei schwerer Form Norketamin-Akkumulation möglich
  • Alter: bei älteren Patienten meist verlängerte Wirkdauer durch reduzierte hepatische Clearance
  • Körperkomposition: eine höhere Fettmasse kann das Verteilungsvolumen erhöhen

Die vier KPNI-Linsen auf die Pharmakokinetik

1. Nervensystem

NMDA-Rezeptor-Bindung folgt der Plasmakonzentration. Die durch Ketamin angestoßene synaptische Plastizität könnte eigenständig weiterlaufen, auch wenn die Substanz längst metabolisiert ist. Das ist die derzeit führende Erklärung für die lange antidepressive Wirkung. Sie stützt sich vor allem auf Tiermodelle und ist beim Menschen nicht abschließend belegt.

2. Immunsystem

Akute anti-inflammatorische Effekte scheinen kürzer anzuhalten als die antidepressive Wirkung. Die immunmodulatorische Komponente könnte zur akuten Stimmungswirkung beitragen, ist aber nicht die Hauptursache der Wochen-Wirkung.

3. Stoffwechsel

Der hepatische Stoffwechsel über CYP3A4 und CYP2B6 kann die individuelle Halbwertszeit maßgeblich mitbestimmen. Norketamin als aktiver Metabolit hat eigene NMDA-Wirkung. Bei oraler Anwendung ist Norketamin der dominante Wirkstoff im Plasma.

4. Hormonsystem

Ob zyklische Hormonschwankungen die Verstoffwechselung von Ketamin relevant verändern, ist bislang nicht gut untersucht. Sexualhormone und die Enzyme der CYP-Familie beeinflussen sich wechselseitig, belastbare Daten speziell für Ketamin liegen mir nicht vor. Ich benenne das hier als offene Frage, nicht als gesicherten Zusammenhang.

Was das praktisch bedeutet

Wer am Tag nach einer Ketamin-Sitzung keine sofortige Stimmungsverbesserung spürt, hat deshalb nicht „nichts erlebt“. Eine Veränderung kann sich in Studien erst am 3. bis 7. Tag zeigen. Bei einem Teil der Behandelten zeigt sie sich gar nicht.

Eine ausbleibende Wirkung ist trotzdem kein Grund, einfach zu warten. Melde dich bei deiner Ärztin oder deinem Arzt. Wenn es dir akut schlecht geht oder du an Suizid denkst, warte nicht auf einen Termin: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenlos. Im Notfall wähle die 112.

Der Moment wahrer Freiheit

„Die Substanz ist weg. Die Veränderung kann bleiben."

Ein Gedanke, der mir wichtig ist: Eine Behandlung muss nicht dauerhaft im Blut sein, um etwas anzustoßen. Ketamin zeigt das in seiner ungewöhnlichen Diskrepanz zwischen Pharmakokinetik und klinischer Wirkdauer. Was daraus im Einzelfall wird, entscheidet sich nicht an der Substanz allein.

Drei Hebel beim Umgang mit der Wirkdauer

1

Erwarte die Wirkung nicht in der ersten Stunde

Die psychoaktiven Effekte sind meist nach etwa 90 Minuten vorbei. Das ist nicht die antidepressive Wirkung. Sie kann erst Tage später kommen, bei manchen Menschen gar nicht. Wer in der ersten Stunde urteilt, urteilt zu früh.

2

Plane 24 Stunden Pause nach jeder Sitzung

Auch wenn du nach 2 Stunden wieder ansprechbar bist: nicht fahren, keine wichtigen Entscheidungen, kein Alkohol und keine Beruhigungsmittel. Die kognitive Restwirkung kann noch Stunden subtil anhalten. Diese Pause ist Sicherheit, nicht Übervorsicht.

3

Führe ein Stimmungstagebuch über 7-14 Tage nach jeder Sitzung

Die antidepressive Wirkung lässt sich oft nur in der Tagesverlauf-Betrachtung erkennen. Eine kurze Notiz jeden Abend (Stimmung 1-10, Schlaf, drei Worte zur Tagesform) gibt dir und deinem Team die Daten, um die individuelle Wirkdauer zu erkennen.

Häufige Fragen zur Ketamin-Wirkdauer

Wie lange kann Ketamin wirken?

Die akute psychoaktive Wirkung dauert je nach Dosis und Verabreichungsform meist 30-90 Minuten. Die antidepressive Nachwirkung nach einer subanästhetischen Infusion kann mehrere Tage bis Wochen anhalten. Die Pharmakokinetik der Substanz und die klinische Wirkdauer sind nicht identisch.

Was ist die Halbwertszeit?

Ketamin hat im Plasma eine Eliminationshalbwertszeit von etwa 2-3 Stunden. Der aktive Metabolit Norketamin hat eine längere Halbwertszeit von etwa 5-12 Stunden. Beide spielen für die Wirkdauer und für Nachwirkungen eine Rolle. Nach ungefähr einem Tag ist Ketamin selbst weitgehend abgebaut. Der aktive Metabolit Norketamin kann deutlich länger nachweisbar bleiben.

Warum kann Ketamin antidepressiv länger wirken als pharmakokinetisch?

Die antidepressive Wirkung beruht vermutlich nicht primär auf der Anwesenheit der Substanz, sondern auf einer angestoßenen synaptischen Plastizität. Diese Erklärung stützt sich vor allem auf Tiermodelle. Beim Menschen ist sie mechanistisch plausibel, aber nicht abschließend belegt. Die Substanz selbst ist innerhalb von etwa 24 Stunden weitgehend abgebaut. Mehr im Spoke zum Wirkmechanismus.

Was ist Norketamin?

Der wichtigste aktive Metabolit von Ketamin, entsteht in der Leber via CYP3A4 und CYP2B6. Hat eigene NMDA-Rezeptor-Aktivität und kann zur verlängerten dissoziativen Wirkung beitragen. Bei oraler Anwendung dominiert Norketamin durch hohen First-Pass-Effekt.

Wie schnell setzt die Wirkung ein?

i.v.: innerhalb von 1-3 Minuten. Intramuskulär: 3-5 Minuten. Intranasal: 5-10 Minuten. Sublingual: 10-15 Minuten. Oral: 30-60 Minuten. Diese Unterschiede sind für Setting und Sicherheit wichtig. Je später die Wirkung einsetzt, desto größer ist die Gefahr, zu früh nachzulegen und dadurch zu überdosieren.

Wie lange ist Ketamin nachweisbar?

Die Angaben zur Nachweisbarkeit schwanken je nach Testverfahren, Grenzwert und Anwendungsmuster stark. Orientierend werden für den Urin einige Tage genannt, für das Blut kürzere Zeiträume, für die Haaranalyse deutlich längere. Verlässlich ist nur der konkret verwendete Labortest. Für rechtlich relevante Fragen, etwa zur Fahreignung, ist eine individuelle Begutachtung nötig. Mehr im Spoke „Ketamin-Nachweisbarkeit“.

Was beeinflusst die individuelle Wirkdauer?

CYP3A4/2B6-Polymorphismen, Leberfunktion, gleichzeitig eingenommene Medikamente (CYP-Induktoren oder -Inhibitoren), Körpergewicht und Verteilungsvolumen, Verabreichungsform. Die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen können erheblich sein. Wie groß sie im Einzelfall ausfallen, ist noch nicht ausreichend untersucht.

Wie lange dauert die Erholung nach einer Sitzung?

Nach einer therapeutischen i.v.-Sitzung sind Patienten nach etwa 1-2 Stunden ansprechbar und orientiert, sollten aber 24 Stunden nicht fahren oder wichtige Entscheidungen treffen. Die meisten Menschen fühlen sich nach etwa 24 Stunden wieder klar. Wie schnell die kognitive Erholung im Einzelfall verläuft, ist unterschiedlich. Zur Langzeitwirkung wiederholter Anwendungen auf Gedächtnis und Konzentration ist die Datenlage noch offen. Die antidepressive Wirkung kann sich erst Tage später voll manifestieren.

Verbindungen zu anderen Themen

MechanismusWirkmechanismus im Gehirn

Warum die antidepressive Wirkung neuroplastisch und nicht pharmakokinetisch ist.

Dosis-WirkungDosierung

Wie sich Wirkdauer und Dosis pharmakologisch verschränken.

DrogentestNachweisbarkeit

Wie lange Ketamin im Urin, Blut, Haar nachweisbar bleibt.

Form-VergleichTropfen und Sublingual

Wie sich die Wirkdauer zwischen den Verabreichungsformen unterscheidet.

Sicherheitshinweis

Dieser Text ist eine allgemeine pharmakologische Einordnung. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung. Ketamin ist verschreibungspflichtig, der Einsatz bei Depression erfolgt in Deutschland off-label und gehört in ärztliche Hände. Wenn es dir akut schlecht geht oder du an Suizid denkst: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenlos. Im Notfall wähle die 112.

SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkte Integrative Medizin und Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Spezialisierung: Ketamin-assistierte Therapie, integrative Tiefen-Diagnostik, Pharmakologie psychotroper Substanzen. Ich glaube, dass ein Patient, der die Pharmakokinetik seiner Behandlung versteht, geduldiger und gleichzeitig kritischer ist. Beide Eigenschaften sind heilsam.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Peltoniemi MA, Hagelberg NM, Olkkola KT, Saari TI. Ketamine: A Review of Clinical Pharmacokinetics and Pharmacodynamics in Anesthesia and Pain Therapy. Clin Pharmacokinet. 2016;55(9):1059-1077. doi:10.1007/s40262-016-0383-6 [Pharmakokinetik-Übersichtsarbeit]
  2. Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action. Neuropsychopharmacology. 2024. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
  3. Bonaventura J, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [Tierstudie und In-vitro-Pharmakologie, keine Humandaten]
  4. Mion G, Villevieille T. Ketamine pharmacology: an update. CNS Neurosci Ther. 2013. doi:10.1111/cns.12099 [Übersichtsarbeit]
  5. Zanos P, et al. Ketamine and Ketamine Metabolite Pharmacology. Pharmacol Rev. 2018. doi:10.1124/pr.117.015198 [Mechanismus-Review]
  6. Berman RM, et al. Antidepressant effects of ketamine in depressed patients. Biol Psychiatry. 2000. doi:10.1016/s0006-3223(99)00230-9 [RCT, Human]
  7. Daly EJ, et al. Efficacy and Safety of Intranasal Esketamine. JAMA Psychiatry. 2018. doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.3739 [RCT]
  8. Andrade C. Oral Ketamine for Depression, 1: Pharmacologic Considerations and Clinical Evidence. J Clin Psychiatry. 2019;80(2):19f12820. doi:10.4088/JCP.19f12820 [Übersichtsarbeit]
  9. Riggs LM, Gould TD. Ketamine and the Future of Rapid-Acting Antidepressants. Annu Rev Clin Psychol. 2021. doi:10.1146/annurev-clinpsy-072120-014126 [Übersichtsarbeit]
  10. Schoevers RA, et al. Oral ketamine for the treatment of pain and treatment-resistant depression. Br J Psychiatry. 2016. doi:10.1192/bjp.bp.115.165498 [Übersichtsarbeit]
  11. Wilkinson ST, et al. The effect of a single dose of intravenous ketamine on suicidal ideation. Am J Psychiatry. 2018. doi:10.1176/appi.ajp.2017.17040472 [Meta-Analyse]

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