Was Patienten unter Ketamin erleben: Tiefe, Auflösung und Rückkehr
Wenn ich in der Sprechstunde nach der Sitzung zuhöre, höre ich nicht eine Geschichte. Ich höre Schichten. Ein leichtes Schweben am Anfang, dann innere Bilder, dann eine Auflösung, die manche als Punkt im Universum beschreiben. Und am Ende eine Rückkehr in den Körper, die sich anfühlt wie eine neue Inkarnation. Hier ist, was ich nach Jahren in der Begleitung sehe.
Dieser Text beschreibt Beobachtungen aus der ärztlich begleiteten Behandlung. Er ist keine Werbung für ein Arzneimittel und keine Empfehlung zur Anwendung. Ketamin ist verschreibungspflichtig und darf ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden.
Wichtig zur Einordnung: Ketamin als Infusion ist für die Behandlung von Depression in Deutschland nicht zugelassen. Die Anwendung erfolgt off label, also außerhalb der Zulassung, auf Grundlage der Studienlage und nach ausführlicher Aufklärung. Zugelassen ist bisher nur der Wirkstoff Esketamin als Nasenspray unter engen Bedingungen. Die Kosten trägt die gesetzliche Krankenkasse in der Regel nicht.
Weiter unten steht ein eigener Abschnitt zu Risiken, Wechselwirkungen und Gegenanzeigen. Bitte lies ihn mit. Ob eine Behandlung für dich infrage kommen kann, lässt sich über einen Artikel ohnehin nicht klären, sondern nur im persönlichen Gespräch.
Es gibt eine Tiefe in jedem Menschen, die wir mit Worten allein selten erreichen. Verstehen ist kognitiv. Fühlen ist emotional. Erleben ist alles zusammen. Was Ketamin im therapeutischen Setting öffnen kann, ist eine Form von Erleben, die das normale Bewusstsein nicht zulässt. Das ist nicht Esoterik. Das ist eine pharmakologisch bedingte Wahrnehmungs-Verschiebung, die für manche Patientinnen und Patienten zu einer Möglichkeit werden kann, sich selbst neu zu begegnen.
Dieser Beitrag ist anders als die anderen. Er ist nicht primär pharmakologisch. Er ist phänomenologisch. Ich beschreibe hier, was ich nach Jahren als Begleiter von Ketamin-Sitzungen in meiner Berliner Praxis sehe. Aus meiner Perspektive, mit Respekt vor der Privatsphäre meiner Patienten, ohne Anspruch auf universelle Gültigkeit, aber mit der Erfahrung, dass diese Beobachtungen vielen Menschen helfen können, ihre eigene Erfahrung einzuordnen.
Die vier Stufen der Tiefe
Mit steigender Dosis erlebt man nicht mehr von derselben Sache. Man erlebt etwas qualitativ anderes. Das Bewusstsein bewegt sich durch Stufen, die qualitativ verschieden sind. Wer das versteht, kann sich auf die Tiefe einlassen, ohne sie zu fürchten. Und wer sie nicht erreicht, hat trotzdem etwas Wertvolles erlebt, weil schon die niedrigeren Stufen therapeutisch tragend sein können.
Das angenehme Schweben am Anfang
Die ersten 5-10 Minuten der Infusion. Ein Gefühl von Leichtigkeit, manchmal eine warme Welle im Körper. Stimmung kann sich leicht heben. Die Wahrnehmung verändert sich subtil, Farben können intensiver wirken, Geräusche weicher. Viele beschreiben diese Phase als überraschend angenehm. Hier ist noch alles vertraut, aber leichter. Nicht bei allen ist das so. Manche erleben schon hier Übelkeit, Schwindel oder Unruhe.
Visuelle und körperliche Veränderung
Geometrische Muster mit geschlossenen Augen, fließende Farben, manchmal Landschaften, manchmal Erinnerungen, die plötzlich nah sind. Der Körper kann sich „schwer" oder „leicht" anfühlen. Die Person weiß noch klar, wer sie ist, aber das Selbst-Erleben wird durchlässiger. Diese Phase ist häufig die Mehrheit der Sitzung, sie ist therapeutisch oft sehr wertvoll.
Selbst-Beobachtung und Distanz
Die Person erlebt sich „neben sich" oder „über sich". Sie kann sich selbst betrachten, oft mit einer Distanz, die im normalen Wachzustand nicht möglich ist. In Nachbesprechungen höre ich immer wieder, dass Menschen ihr eigenes Leben von außen betrachtet haben und es dabei milder ansehen konnten als sonst. Nach meiner Beobachtung ist das oft das therapeutische Kernfenster. Diese Distanz wird aber nicht von allen als angenehm erlebt.
Der Punkt im Universum
Hier löst sich das Ich-Erleben ganz auf. Manche Patienten beschreiben es als Punkt im Weltall, andere als Verschmelzung mit etwas Größerem, manche schweigen einfach nach der Sitzung über diese Phase. Diese tiefste Stufe wird im therapeutischen Setting nicht aktiv angestrebt, kann aber spontan auftreten. Für manche ist sie der eindrücklichste Teil der Erfahrung, andere erleben genau hier Angst oder Verwirrung. Beides kommt vor.
Diese Stufen beschreiben ausschließlich, was im ärztlich überwachten Setting geschieht, mit Kreislaufüberwachung, Notfallausstattung und einer Person im Raum. Ketamin außerhalb dieses Rahmens anzuwenden, ist gefährlich und kann lebensbedrohliche Situationen auslösen. Bitte versuche das niemals allein.
Die Rückkehr: wie eine neue Inkarnation
Das, was nach der tiefsten Stufe geschieht, ist klinisch unterschätzt. Patienten beschreiben es nicht als Aufwachen. Sie beschreiben es als ein Wiederankommen in ihrem Körper, fast wie ein bewusstes Einziehen in das eigene Leben. Manche beschreiben es als ein schrittweises Wiedererinnern an den eigenen Körper. Diese Phase dauert nach meiner Beobachtung oft etwa zehn bis zwanzig Minuten und geht häufig mit einer ungewohnten Klarheit einher. Erhobene Zahlen sind das nicht, sondern ein Eindruck aus der Sprechstunde.
Ein wiederkehrendes Muster in den Nachbesprechungen
In Nachbesprechungen nach sehr tiefen Sitzungen höre ich ein wiederkehrendes Muster. Menschen beschreiben ein Erleben ohne Körpergefühl und ohne Rollen, ohne Name, ohne Beruf, ohne Schmerz. Danach eine Rückkehr, bei der ihnen der eigene Körper fremd und zugleich interessant vorkommt, statt feindlich. Manche erleben dieselbe Tiefe aber auch als beängstigend. Beides kommt vor.
Was hier beschrieben wird, ist die phänomenologische Erfahrung, die in der Psychedelika-Forschung als „ego dissolution" und „re-embodiment" untersucht wird. Aus klinischer Sicht kann diese Phase eine veränderte Selbst-Beziehung anstoßen, an der sich in den folgenden Wochen therapeutisch arbeiten lässt. Ein bestimmtes Ergebnis lässt sich daraus nicht ableiten.
Die Welle der Tage danach
Hier wird es klinisch besonders interessant. Was mir viele Patientinnen und Patienten in den Tagen nach einer Sitzung berichten, oft über ein bis zwei Wochen, ist nicht primär eine Stimmungsanhebung. Es ist etwas anderes: eine ungewöhnliche Veränderungsfähigkeit. Sätze, die jahrelang nicht gesagt werden konnten, kommen leichter heraus. Gewohnheiten, die unverrückbar schienen, werden zu Themen, über die man sprechen kann. Beziehungen, die festgefahren waren, können plötzlich beweglicher wirken. Wie lange das anhält, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden.
Ich nenne diese Phase für mich „das offene Fenster". Ein möglicher Erklärungsansatz ist eine vorübergehend erhöhte synaptische Formbarkeit, die mit einer Freisetzung von BDNF zusammenhängen könnte. Diese Kaskade ist bisher vor allem im Tiermodell untersucht. Beim Menschen ist sie nicht abschließend belegt. Was Menschen in dieser Zeit anpacken, kann sich nach meiner Beobachtung leichter halten als sonst. Wie lange dieses Fenster offen bleibt und ob es sich wirklich wieder schließt, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Ich beschreibe eine Erfahrung, keine Regel.
Warum Erleben stärker verändert als Verstehen oder Fühlen
In jeder Psychotherapie gibt es drei Ebenen, die zusammenwirken. Ich habe sie über die Jahre in meiner Praxis als drei Tore beschrieben, die alle drei geöffnet sein müssen, damit Veränderung dauerhaft wird.
Verstehen
Kognitiv. Du weißt, warum du so reagierst, wie du reagierst. Du hast die Diagnose, das Modell, die Geschichte. Wichtig, aber allein selten genug.
Fühlen
Emotional. Du spürst, was war und was ist. Tränen, Wut, Trauer. Wichtig, aber das Gefühl allein verändert nicht immer die Struktur.
Erleben
Ganzheitlich. Du bist in der Erfahrung, nicht über ihr und nicht in ihr getrennt. Du erfährst dich selbst neu, nicht als Theorie, sondern als gelebte Wirklichkeit. Das ist die Ebene, die Ketamin öffnen kann.
Wenn ein Patient unter Ketamin erlebt, dass er nicht sein Schmerz ist, sondern jemand, der Schmerz beobachten kann, ist diese Information anders eingeschrieben als wenn ihm ein Therapeut den gleichen Satz sagt. Das eine ist Wissen. Das andere ist Erinnerung. Nach meiner Beobachtung bleibt Erlebtes oft besser haften als Erklärtes. Belegt ist das nicht.
Mathai und Kollegen haben in einer systematischen Übersicht acht Arbeiten daraufhin durchgesehen, ob die subjektiven Effekte einer einzelnen Ketamin-Gabe mit der antidepressiven Antwort zusammenhängen. In rund einem Drittel der Studien zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dissoziativen Effekten und der Veränderung der Depressionswerte. In der Mehrzahl wurde diese Frage gar nicht untersucht, und die eine Studie mit einem Fragebogen zu veränderten Bewusstseinszuständen fand keinen Zusammenhang. Die Qualität des Erlebens könnte also therapeutisch bedeutsam sein. Belegt ist das bisher nicht.
Yaden und Griffiths argumentieren in einem vierseitigen Positionspapier, dass die subjektiven Effekte von Psychedelika und psychedelisch wirkenden Substanzen wie Ketamin nicht bloß ein Nebenprodukt sind, sondern für die nachhaltige therapeutische Wirkung notwendig sein könnten. Die neurobiologischen Mechanismen seien wahrscheinlich notwendig, aber nicht hinreichend. Diese These ist umstritten. Andere Arbeitsgruppen halten dagegen, dass die Wirkung auch ohne bewusstes Erleben eintreten könnte. Entschieden ist die Frage nicht.
Die vier KPNI-Linsen auf das Erleben
1. Nervensystem
Ketamin blockiert den NMDA-Rezeptor, einen Andockpunkt im Glutamat-System. Bildgebende Studien deuten darauf hin, dass sich unter Ketamin die Aktivität in Netzwerken verändert, die am Selbst-Erleben beteiligt sind, unter anderem im Default Mode Network. Die Befunde sind uneinheitlich, und was genau der subjektiven Auflösung entspricht, ist noch nicht geklärt.
2. Immunsystem
Für Ketamin sind akute anti-inflammatorische Effekte beschrieben. Ob sie etwas mit emotionaler Offenheit zu tun haben, ist nicht untersucht. Was ich klinisch beobachte, ohne dass es dafür Studien gäbe: bei hoher Entzündungslast wirkt das Erleben manchmal weniger ekstatisch und mehr körperbezogen.
3. Stoffwechsel
Wie tief und wie lange jemand die Wirkung erlebt, ist individuell sehr verschieden. Unterschiede im Abbau über die Leberenzyme CYP2B6 und CYP3A4 könnten dabei eine Rolle spielen. Belastbare Daten, die eine bestimmte Richtung vorhersagen, gibt es dazu bisher nicht. Deshalb tasten wir uns in der Praxis vorsichtig heran.
4. Hormonsystem
Was ich klinisch beobachte, ohne dass es dafür Studien gäbe: Menschen mit hoher Stressbelastung erleben oft zuerst eine Phase des Spannungsabbaus, danach ein tieferes Loslassen. Ob der Hormonstatus die Tiefe wirklich mitprägt, ist nicht untersucht. Ich beschreibe hier eine Beobachtung, keine belegte Regel.
Was ich als Arzt während der Sitzung tue
Das, was Patienten oft nicht erwarten: meine Arbeit während der Sitzung ist nicht aktiv leiten. Sie ist Raum halten. Ich sitze daneben, überwache die Kreislaufwerte, beobachte. Wenn die Person sich bewegt, beruhige ich. Wenn sie weint, schweige ich präsent. Wenn sie spricht, höre ich, ohne zu interpretieren. Ich folge nicht ihrer inneren Reise, ich sichere ihren äußeren Raum.
Diese Disziplin des Nicht-Eingreifens ist die schwerste in der Arbeit. Der Reflex zu helfen, zu deuten, zu navigieren ist stark, und ich kenne ihn gut von mir selbst. Eine gute Begleitung verlangt oft das Gegenteil. Diese Zurückhaltung muss man lernen. Die Substanz und die Person machen die Arbeit. Ich bin der Anker am Ufer, nicht der Steuermann auf dem Boot.
Was Ketamin auch ist: Risiken, Grenzen und Gegenanzeigen
Ein Text über Tiefe und Rückkehr wäre unehrlich ohne die andere Seite. Ketamin ist kein harmloses Mittel. Es ist ein verschreibungspflichtiges Narkosemittel, und bei Depression wird es in Deutschland außerhalb der Zulassung eingesetzt. Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Aufklärung, es soll sie nur vorbereiten.
Blutdruck und Puls können ansteigen. Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Kopfschmerz kommen vor. Nicht jede Sitzung ist angenehm: manche Menschen erleben in der Tiefe Angst, Verwirrung oder eine als bedrohlich empfundene Auflösung. Die Dissoziation kann länger anhalten als geplant.
Es gibt Situationen, in denen nicht behandelt wird. Dazu können ein unbehandelter Bluthochdruck, eine koronare Herzkrankheit, ein Aneurysma, erhöhter Hirndruck, ein Glaukom, eine Schilddrüsenüberfunktion, schwere Leber- oder Nierenerkrankungen, eine Psychose in der Vorgeschichte und eine Suchterkrankung gehören. In Schwangerschaft und Stillzeit wird nicht behandelt. Für Kinder und Jugendliche kommt diese Anwendung nicht infrage.
Wechselwirkungen sind zu bedenken, unter anderem mit Benzodiazepinen, mit einer bestehenden antidepressiven Medikation, mit Alkohol und mit Cannabis. Bei wiederholter Anwendung über längere Zeit sind Schäden an der Harnblase beschrieben, außerdem ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Deshalb steht vor jeder Sitzung ein ausführliches Aufklärungsgespräch, in dem Vorerkrankungen und Medikation geprüft werden.
Praktisch heißt das außerdem: vor einer Infusion gelten Nüchternheitsregeln, die dir vorher erklärt werden. Nach der Sitzung bist du für den Rest des Tages nicht fahrtüchtig und triffst besser keine rechtsverbindlichen Entscheidungen. Du brauchst eine Begleitung für den Heimweg.
Zur Einordnung der Begriffe: Der Wirkstoff Ketamin liegt als Razemat vor, also als Mischung zweier spiegelbildlicher Formen. Der Wirkstoff Esketamin (Handelsname Spravato) ist eine davon. Esketamin als Nasenspray ist in Europa bisher das einzige Ketamin-Präparat mit einer Zulassung für die Depressionsbehandlung. Es ist verschreibungspflichtig, zugelassen nur in Kombination mit einem oralen Antidepressivum und nur zur Anwendung unter Aufsicht in einer medizinischen Einrichtung, weil Blutdruckanstieg, Dissoziation und Sedierung nachbeobachtet werden müssen. Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht. Die gehören in die ärztliche Aufklärung und in die Fachinformation, nicht in einen Blogartikel.
Sich lösen und als jemand zurückkommen, der man schon war
Was mir Menschen in den Tagen nach einer Sitzung schildern, ist meist nicht das Gefühl, ein neuer Mensch zu sein. Es ist eher eine Erinnerung an einen Teil ihrer selbst, der lange weg war. Ob davon etwas bleibt, hängt nach meiner Beobachtung stark davon ab, ob es einen Ort gibt, an dem daran weitergearbeitet wird. Sicher vorhersagen lässt sich das nicht, und bei manchen bleibt auch nichts davon.
Drei Hebel für die Nutzung des Erlebens
Schreibe noch am gleichen Abend
Drei Sätze reichen. Was habe ich erlebt? Was war neu? Was möchte ich nicht vergessen? Die Schrift hält fest, was sonst verfliegt. Du wirst dich in zwei Wochen über das wundern, was du heute kaum in Worte fassen kannst.
Plane drei kleine Veränderungen in den Tagen danach
Nicht ein neues Leben. Drei kleine Dinge. Ein Gespräch, das du immer aufgeschoben hast. Eine Gewohnheit, die du verändern willst. Eine Person, die du anrufst. Nach meiner Beobachtung fallen kleine Schritte in diesen Tagen leichter als sonst. Wie lange dieses Fenster offen bleibt, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Ich beschreibe eine Erfahrung, keine Regel.
Suche jemanden, mit dem du integrieren kannst
Eine Psychotherapeutin, eine vertraute Person, eine Selbsthilfegruppe. Das Erlebte braucht einen Raum, in dem es bleibt. Es hilft, wenn die Integration von Anfang an mitgedacht ist, ob in der Praxis, die behandelt, oder bei einer Psychotherapeutin deines Vertrauens. Wichtig ist, dass es überhaupt einen Ort dafür gibt.
Triff in dieser Phase keine weitreichenden Entscheidungen, also keine Kündigung, keine Trennung, keinen Umzug. Die Klarheit kann sich echt anfühlen und trotzdem täuschen. Lass große Schritte ein paar Wochen liegen und sprich vorher mit jemandem darüber.
Und setze deine bisherige Behandlung nicht eigenmächtig ab. Was du an Medikation oder Psychotherapie hast, bleibt, bis ärztlich etwas anderes besprochen ist. Ein plötzliches Absetzen von Antidepressiva kann eigene Beschwerden auslösen.
Wenn es dir gerade sehr schlecht geht oder du an Suizid denkst, warte nicht auf einen Termin. In akuter Gefahr wähle die 112. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116 117 erreichbar. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. Das gilt auch für die Tage nach einer Sitzung, in denen vieles sehr nah sein kann.
Häufige Fragen zum Ketamin-Erleben
Was erleben Patienten unter Ketamin?
Das Erleben folgt einer dosisabhängigen Stufung. Bei niedrigeren Dosen ein leichtes, oft angenehmes Gefühl. Mit steigender Tiefe innere Bilder, dissoziative Phänomene, Out-of-Body-Erleben. Bei höchster Tiefe beschreiben manche Menschen ein Gefühl, ein Punkt im Universum zu sein. Danach folgt die Rückkehr in den Körper, die manche wie eine Wieder-Inkarnation beschreiben. Nicht jede Sitzung ist angenehm, manche erleben in der Tiefe auch Angst oder Verwirrung. Das alles beschreibt ausschließlich die ärztlich überwachte Anwendung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels.
Was bedeutet die Welle nach der Sitzung?
In den Tagen nach einer Sitzung berichten viele Patienten von einer ungewöhnlichen Veränderungsfähigkeit. Sätze, die vorher nicht gesagt werden konnten, kommen leichter heraus. Gewohnheiten, die unverrückbar schienen, lassen sich neu betrachten. Diese Phase könnte das therapeutische Fenster sein, das die Substanz öffnet.
Was ist die Wieder-Inkarnations-Erfahrung?
Eine subjektive Beschreibung des Übergangs aus tiefer Dissoziation zurück in den eigenen Körper. Viele Patienten erleben das Wiederankommen als bewussten Akt, fast wie ein erneutes Einziehen in das eigene Leben. Diese Phase ist oft mit einer veränderten Beziehung zu sich selbst verbunden.
Warum verändert das Erlebte stärker als Verstehen?
Im therapeutischen Prozess gibt es drei Ebenen: Verstehen (kognitiv), Fühlen (emotional) und Erleben (somatisch und ganzheitlich). Was unter Ketamin geschieht, geht über die ersten beiden hinaus. Die Person erlebt Aspekte ihrer selbst, nicht als Konzept oder Gefühl, sondern als gelebte Erfahrung. Diese Tiefe könnte erklären, warum Veränderung danach leichter fällt.
Wie viele Stufen der Tiefe gibt es?
In meiner Praxis arbeite ich mit einer Stufung von vier Ebenen: leichte Stimmungsanhebung, innere Bilder und Dissoziation, Out-of-Body und Selbst-Beobachtung, kosmische Auflösung. Nach meiner Beobachtung bleibt es meist bei Stufe zwei bis drei. Erhobene Zahlen sind das nicht. Die vierte Stufe tritt seltener auf und wird im therapeutischen Setting nicht aktiv angestrebt, kann aber spontan auftreten. Manche erleben sie als befreiend, andere als ängstigend.
Ist das spirituell?
Die Erfahrung wird manchmal als spirituell beschrieben, manchmal als rein medizinisch. Beide Lesarten sind legitim. Ob die Tiefe der Erfahrung mit dem Behandlungserfolg zusammenhängt, ist offen. In einer systematischen Übersicht fand rund ein Drittel der untersuchten Arbeiten einen Zusammenhang, die einzige Studie, die gezielt die Tiefe des veränderten Bewusstseinszustands maß, fand keinen. Spirituell oder nicht, das ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.
Was sehe ich als Arzt während der Sitzung?
Ich sehe einen Menschen, der vorübergehend an einem anderen Ort ist. Wechselnde Mimik, gelegentliche kleine Bewegungen, manchmal Tränen. Mein Job ist nicht zu interpretieren, was er erlebt, sondern den Raum zu halten. Ich begleite, ohne zu führen. Das ist die wichtigste Disziplin der Arbeit.
Was ist die wichtigste Phase?
Nach meiner Beobachtung nicht die Sitzung selbst, sondern die folgenden Tage. Was Menschen in dieser Phase anpacken, kann sich leichter halten als sonst. Eine Garantie dafür gibt es nicht, und wie stabil eine Veränderung bleibt, ist individuell sehr verschieden. Die Integration ist die eigentliche Arbeit. Die Sitzung ist nur ein Fenster.
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Verbindungen zu anderen Themen
Die fünf Stufen aus mechanistischer Sicht, ergänzend zu dieser phänomenologischen Beschreibung.
Wie das Erlebte in therapeutische Integration übersetzt wird.
Die neuronale Grundlage der dissoziativen Erfahrung.
Quellen und weiterführende Literatur
Die ersten beiden Angaben tragen die im Text zitierten Aussagen. Die übrigen Titel vertiefen einzelne angesprochene Themen, sie belegen die hier beschriebenen Beobachtungen nicht.
- Mathai DS, et al. The relationship between subjective effects induced by a single dose of ketamine and treatment response in patients with major depressive disorder: A systematic review. J Affect Disord. 2020;264:123-129. doi:10.1016/j.jad.2019.12.023 [Systematische Übersicht, Human]
- Yaden DB, Griffiths RR. The Subjective Effects of Psychedelics Are Necessary for Their Enduring Therapeutic Effects. ACS Pharmacol Transl Sci. 2021;4(2):568-572. doi:10.1021/acsptsci.0c00194 [Positionspapier, umstritten]
- Letheby C, Gerrans P. Self unbound: ego dissolution in psychedelic experience. Neurosci Conscious. 2017;2017(1):nix016. doi:10.1093/nc/nix016 [Philosophisch-theoretische Arbeit]
- Stocker K, Hartmann M, Reissmann S, Kist A, Liechti ME. Buddhist-like opposite diminishing and non-judging during ketamine infusion are associated with antidepressant response: an open-label personalized-dosing study. Front Pharmacol. 2022;13:916641. doi:10.3389/fphar.2022.916641 [Offene Studie, Human, 11 Patienten]
- Carhart-Harris RL, Friston KJ. The default-mode, ego-functions and free-energy: a neurobiological account of Freudian ideas. Brain. 2010;133(Pt 4):1265-1283. doi:10.1093/brain/awq010 [Mechanismus-Review]
- Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. doi:10.1038/s41386-023-01629-w [Übersichtsarbeit]
- Dore J, et al. Ketamine Assisted Psychotherapy (KAP): Patient Demographics, Clinical Data and Outcomes in Three Large Practices Administering Ketamine with Psychotherapy. J Psychoactive Drugs. 2019;51(2):189-198. doi:10.1080/02791072.2019.1587556 [Retrospektive Auswertung, 235 Patienten, keine Kontrollgruppe]
- Wilkinson ST, et al. Cognitive Behavior Therapy May Sustain Antidepressant Effects of Intravenous Ketamine in Treatment-Resistant Depression. Psychother Psychosom. 2017;86(3):162-167. doi:10.1159/000457960 [Offene Pilotstudie, 16 Teilnehmende, keine Kontrollgruppe]
- Bonaventura J, et al. Pharmacological and behavioral divergence of ketamine enantiomers: implications for abuse liability. Mol Psychiatry. 2021;26(11):6704-6722. doi:10.1038/s41380-021-01093-2 [Tierstudie, in vivo]
- Vollenweider FX, Kometer M. The neurobiology of psychedelic drugs: implications for the treatment of mood disorders. Nat Rev Neurosci. 2010;11(9):642-651. doi:10.1038/nrn2884 [Übersichtsarbeit]
- Mathew SJ, et al. Ketamine for treatment-resistant unipolar depression: current evidence. CNS Drugs. 2012;26(3):189-204. doi:10.2165/11599770-000000000-00000 [Übersichtsarbeit]
- European Medicines Agency (EMA). Spravato (Esketamin), European Public Assessment Report mit Produktinformation und Fachinformation. ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/spravato [Behördendokument, Zulassungsunterlagen]